Studie über Fremdschämen

Von Julius Brockmann

Wer kennt es nicht? Ein Kommilitone passt in der Vorlesung nicht auf, weil er lieber seiner neuen Freundin verliebte SMS schreibt. Am Ende dann, wenn alle in Aufbruchstimmung sind, fragt er ganz unverhohlen nach dem Termin der Klausur, obwohl dieser bereits fünf Mal genannt wurde und zudem an der Tafel steht. Statt sich zu schämen, überkommt das Schamgefühl einen dann selbst. Am liebsten möchte man ganz weit weg sein und bloß nicht in Verbindung gebracht werden mit dem peinlichen Kommilitonen. Aber warum ist das eigentlich so? Wieso schämt man sich fremd? Man selbst hat ja keinen Fehler gemacht und kennt den Betroffenen noch nicht einmal persönlich. Mitgefühl kann es wohl kaum sein. Oder doch?

Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich gerade Michael Schlüter in seiner Abschlussarbeit am Institut für Journalistik in Hannover. Der Student hat einen Fragebogen entwickelt, der dem Phänomen des Fremdschämens auf den Grund gehen soll. Sein spezielles Interesse gilt dabei dem Fernsehen. Denn wo sonst, wenn nicht bei Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“, ist der Fremdschäm-Faktor besonders hoch.

Zuschauern sind TV-Möchtegernsänger peinlich

An der Umfrage kann jeder Student im Internet teilnehmen. Wer sich 15 Minuten Zeit nimmt, wird dann zu der Sendung befragt, bei der er sich fremdgeschämt hat. War es ein besonders peinlicher Auftritt eines Möchtegernsängers, der anschließend von Dieter Bohlen runtergeputzt wurde, der einen erröten ließ? Wenn ja, warum hat einen dies emotional so berührt? Vielleicht weil der Kandidat sein Können überschätzt hat, peinliche Details aus seinem Privatleben erzählt hat, oder gar eine Straftat begangen hat? Warum sind wir so fasziniert von diesen Gestalten und schalten nicht einfach um? Nehmen Medizinstudenten im Vergleich zu einem Geisteswissenschaftler oder angehenden Juristen die Bilder anders wahr?

Als kleines Dankeschön für die Teilnahme an der Umfrage verlost der Student zwei Gutscheine eines Internet-Versandhauses. „Die Erhebung wird noch in dieser Woche fortgeführt, und bisher sind die Teilnehmerzahlen sehr erfreulich“, erklärt Michael Schlüter. Zu den Ergebnissen will sich der Student noch nicht äußern. Diese lägen erst in gut drei Wochen vor.