Zu alt für Geburtstag?
14. Januar 2010 von campus
In jedem Erwachsenen steckt ein Geburtstagskind. Das möchte einmal im Jahr herausgelassen und beachtet werden – auch an der Uni.
Schokoladenkuchen oder kleine Brezeln für jeden Spielkameraden haben die Drei- bis Fünfjährigen in den Kindergarten mitgebracht, wenn sie Geburtstag hatten. Manchmal bekam jedes Kind der Gruppe auch ein kleines Päckchen mit Gummibärchen oder ein Sandförmchen geschenkt, zum mit nach Hause nehmen. Die Kindergärtnerin wusste den Geburtstag jedes ihrer Schützlinge. Nach der Frühstückspause sangen alle „Wie schön, dass du geboren bist“ und das Geburtstagskind durfte auf einem besonderen Platz sitzen.
In der Grundschule hingen an der Wand neben der Tafel 24 rote Papierbilderrahmen. In jedem das Foto eines Klassenmitglieds, darunter war das Geburtsdatum geschrieben. Spätestens als alle Kinder die Zahlen gelernt hatten, konnte jeder nachsehen, wann der Banknachbar Geburtstag hatte. Die Lehrerin schenkte dem Geburtstagskind einen Gutschein, für einmal Hausaufgaben nicht machen müssen.
Trotzdem habe ich Kuchen dabei
Der Professor räuspert sich laut. Ich sitze mit 200 weiteren Studenten in der Physikvorlesung. Keiner hier weiß, dass ich heute Geburtstag habe. Es ist mein erstes Semester an der Uni, bis Januar haben sich meine Kommilitonen bestenfalls die Namen ihrer ständig wechselnden Banknachbarn gemerkt, aber nicht deren Geburtsdatum. Neben der Tafel hängen keine Papierrahmen. Keiner singt mir ein Lied.
Trotzdem habe ich Kuchen dabei. Im Seminar am Nachmittag sind wir nur zu zwölft. Eine, mit der ich mich seit dem ersten Tag gut verstehe, läuft auf mich zu: „Alles Gute zum Geburtstag!“ Jetzt wissen es alle. Sie gratulieren und ich packe den Kuchen aus. „Das ist ja wie im Kindergarten hier“, sagt der Professor. Zum Glück.
Christina Merkel



