Studenten kaperten Dies Academicus für Proteste

Voll wie in Überblicksvorlesungen für Erstsemester war es am Montagabend beim Dies Academicus der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Der große Hörsaal der Medizinischen Fakultät am Ulmenweg reichte nicht aus, um allen Gästen einen Sitzplatz zu bieten.

Hörsaal reichte nicht für alle Gäste

Parallel musste die Veranstaltung per Videoübertragung in einem Nachbarsaal gezeigt werden – „um zu demonstrieren, wie es den Studenten in den großen Fächern geht“, sagte FAU-Präsident Karl-Dieter Grüske. Im vergangenen Jahr hätte der Saal noch ausgereicht, heuer hätten sich jedoch besonders viele Gäste angemeldet. In den vergangenen Jahren war die Universität meist im Erlanger Redoutensaal zu Gast gewesen.

Grüske sagte über die auch heuer wieder gestiegenen Studentenzahlen, diese seien zunehmend eine Belastung für die inzwischen 270 Jahre alte Universität sowie die Stadt Erlangen – etwa was Wohnen oder Verkehr anbelange.

Rekord bei Drittmitteln

Allerdings zeige sich, dass die Zahl der Studenten sich relativ gleichmäßig auf vier der fünf Fakultäten verteile. Für die Medizin (fünf Prozent der Studenten) gelten freilich aufgrund der bundesweiten Quotierung der Studienplätze andere Regeln. Beim Einwerben der Drittmittel konnte die FAU den Trend der vergangenen Jahre fortsetzen und mit eingeworbenen 160 Millionen Euro wieder einen Rekord aufstellen.

Freilich musste der Präsident auch auf den schlechten Zustand des Philosophischen Seminargebäudes in der Erlanger Kochstraße eingehen. Das war schon deswegen unausweichlich, weil alle Gäste den Sitzprotest einiger Studenten geisteswissenschaftlicher Fächer im Foyer mitbekommen hatten. Grüske versuchte, offensiv mit der Situation umzugehen. Der Sit-In der Studenten sei berechtigt.

Sanierungsbedarf von fast einer Milliarde (!) Euro

Ohnehin sei die Situation „extrem schwierig für alle Beteiligten“. Die Uni treffe jedoch keine Schuld, immerhin habe sie im vergangenen Jahr beim Freistaat einen „dringendsten Renovierungsbedarf“ in Höhe von 40 Millionen Euro angemeldet. „Erhalten haben wir aber nur 3,8 Millionen Euro, das heißt, dass über 90 Prozent weitergeschoben wurden.

Inzwischen beliefen sich die aufgeschobenen, aber dringend nötigen Renovierungen auf „mehrere Hundert Millionen Euro“. Der Präsident zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass sich „die Politik der grundsätzlichen Problematik von Sanierungsstau und ausufernden Bewirtschaftungskosten annehmen wird“.

Buh-Rufe und Pfiffe für Staatssekretär

Der Angesprochene, Staatssekretär Bernd Sibler (CSU), wurde beim Gang ans Rednerpult ausgepfiffen und ausgebuht. Parallel marschierte eine etwa 40-köpfige Gruppe ebenfalls nach vorne. Der akademische Nachwuchs, allesamt mit gelben Bauhelmen auf dem Kopf, entrollte ein Transparent mit dem Slogan: „Gefährlich unterfinanziert“. Sibler reagierte souverän, sprach die Studenten, die sich schweigend neben dem Pult postierten, immer wieder direkt an und dankte ihnen sogar für die angemessene Form des Protestes.

Wo Spitzenforschung stattfinde, müssten auch die Rahmenbedingungen passen, meinte Sibler. „Danke, dass Sie darauf aufmerksam machen.“ Konkrete Zusagen machte der Staatssekretär des neuen Superministeriums für Wissenschaft und Kultus freilich nicht. Recht allgemein bekräftigte er das Ansinnen der Staatsregierung, die Hochschulen im Freistaat auch weiterhin kräftig zu fördern. Sibler lobte die Universität und ihren Präsident dafür, die Max-Planck-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft nach Erlangen und Nürnberg geholt zu haben.

Auch Studentenvertreter beklagen marode Bausubstanz

Studentenvertreter Thorsten Wißmann feierte noch einmal die bayerischen Bürger dafür, dass sie per Volksbegehren die Staatsregierung zum Abschaffen der Studiengebühren gebracht hatten. Nun müsse der Freistaat sein Versprechen einlösen und die weggefallenen Gebühren vollständig kompensieren. Der Universität warf er vor, in den vergangenen Semestern zu viel Geld aus dem Gebührentopf ausgegeben zu haben. Nun könnten etwa einige Tutorien nicht mehr angeboten werden, bis die „Schulden ausgeglichen“ seien. „Da müssen wir jetzt durch.“

Zum Deckeneinsturz in der Kochstraße sagte Wißmann, eine rechtzeitige Sanierung wäre billiger gekommen. Er wies die Aussage Grüskes zurück, der Vorfall sei unvorhersehbar gewesen. Im Gegenteil: Der schlechte Zustand sei Studenten wie Personal bestens bekannt gewesen. „Ein solcher vermeidbarer Fall darf sich auf keinen Fall an unserer Uni wiederholen“, resümierte der Student.

Gleichstellungspreis für den Kanzler

Zum Dies Academicus gehört stets eine Reihe von Auszeichnungen. Der scheidende Kanzler Thomas Schöck wurde für seine Verdienste um eine familienfreundliche Universität mit dem Gleichstellungspreis der Uni geehrt. Jiachun Lu (China) und Parisa Khoram (Iran) wurden mit Preisen für „hervorragende Leistungen ausländischer Studenten“ ausgezeichnet. Zu Ehrensenatoren wurden das ehemalige Siemens-Vorstandsmitglied Dietrich Ernst und der Verleger Gunther Oschmann ernannt.

Den Festvortrag hielt Michael Lackner. Der Inhaber des Lehrstuhles für Sinologie ist seit 2009 Direktor des Internationalen Kollegs für Geisteswissenschaftliche Forschung „Schicksal, Freiheit und Prognose“: Bewältigungsstrategien in Ostasien und Europa. Unter dem Motto „Zukunft im Plural? Formen der Prognostik in China“ sprach Lackner über kulturell bedingt unterschiedliche Sichtweisen auf zukünftige Ereignisse.

fbh