Schräge Tische, schräge Chemiker

NZ-graffitiGleich vorne weg: Ich habe Chemie noch nie gemocht. Obwohl, das ist zu milde. Ich habe es gehasst! Während meiner Schulzeit hat das angefangen. Ich saß im Klassenzimmer und habe nichts verstanden. Überhaupt nichts. Das Einzige, was ich in diesen drei Jahren Chemie gelernt habe, ist abzuschreiben und das Wissen, dass für Chemiker der Erlenmeyerkolben anscheinend unersetzlich ist.

Ich hatte gedacht und auch gehofft, dass mir dieses Thema nie wieder begegnen würde. Schon gar nicht als Jurastudent. Doch das Studium belehrte mich gleich im ersten Semester eines Besseren. Meine erste Abschlussklausur musste ich im Hörsaal der anorganischen Chemie schreiben. Den Unterschied zwischen organisch und anorganisch kenne ich übrigens heute noch nicht. Ich nehme einmal an, dass das eine lebt und das andere nicht.

Kaum hatte ich Platz genommen, wurde mir der Grund meiner Ablehnung wieder schlagartig klar. Die Tische im Hörsaal – der deutlich jünger aussieht als das Audimax –  gehen so schräg nach unten, dass sowohl Bücher als auch Klausurpapier ständig in meinem Schoß landeten. Meinen Banknachbarn erging es genauso. In Erlangen gibt es wohl genauso viele kaputte Tische wie schlechte Fahrradfahrer. An meinem ersten Tag im Audimax war an einem Sitzplatz die Tischplatte falsch herum montiert. Das hatte zur Folge, dass der Tisch automatisch nach dem Aufklappen zehn Zentimeter tiefer war als alle anderen. Mittlerweile ist die Platte richtig herum montiert. Ein Kommilitone hatte sich zu stark dagegen gelehnt und somit das Problem beseitigt – oder besser gesagt abgebrochen.

Nachdem meine Bücher im Chemie-Hörsaal zum fünften Mal auf dem Boden gelandet waren, beschloss ich, sie einfach auf meine Beine zu legen. Das handelte mir natürlich umgehend skeptische Blicke der Prüfungsaufsicht ein. Anscheinend haben Chemiker keine Bücher. Das bestätigt meine Vorstellung, dass Chemie außer ein bisschen „Puff!“ und „Peng!“ keinen tieferen Sinn hat. Mein Appell an alle Chemiker, Chemiestudenten und Tischbauer: ein Tisch ist dafür da, um auf ihm etwas abzulegen. Rutscht alles sofort herunter, dann ist der Tisch – wie Juristen sagen –  in seiner „bestimmungsgemäßen Brauchbarkeit eingeschränkt.“ Warum die Tische so schräg montiert sind, konnte mir bis heute keiner erklären. Aber das ist mit der Chemie ja genauso.

Björn-Hendrik Otte