Frühstudium: Streber oder Studenten aus Leidenschaft?

Erlangen: Tim Bothe ist Schüler, aber studiert gleichzeitig Geschichte an der PhilFak der FAU. 17.05.2016. Foto: Harald Sippel

Der Gedanke behagte mir nicht. Gar nicht. Ich war sogar extrem skeptisch. Ich sollte über Schüler schreiben, die schon zur Uni gehen, noch vor dem Abitur. Doch was sollte ich davon halten? Sicher, wer zuletzt schon fleißig für dreisprachige Krabbelgruppen, Turbo-Abitur und Bologna-Studium getrommelt hat, wird auch jetzt wieder begeistert Beifall klatschen. Wer die Aufgabe des Bildungssystems vor allem darin sieht, möglichst schnell eine möglichst hohe Anzahl uniformer Hochschulabsolventen zur ebenso reibungs- wie kritiklosen Verwertung in der Privatwirtschaft zu produzieren, der mag Gefallen daran finden, wenn das Studium bereits in der Schule beginnt.

Überhaupt, Frühstudenten, was sind das für Leute? Verzogene Einzelkinder leistungsgeiler Helikoptereltern, die sich schon darauf freuen beim abendlichen Golfen unter Gleichgesinnten die fantastischen Neuigkeiten vom Karrierefrühstart ihrer vermeintlich hochbegabten Sprösslinge zu verbreiten?

Nein, alles falsch. Je intensiver ich mich für meinen Artikel mit dem Projekt „Frühstudium“ und seinen Protagonisten auseinandersetzte, desto mehr bröckelten meine Vorurteile. Statt auf elitär denkende Professoren traf ich auf Projektleiter, die besonderen Wert auf soziale Kompetenzen und charakterliche Eignung ihrer Frühstudenten legen. Statt auf verbissene Karrieristen sprach ich mit ebenso klugen wie reflektierten Schülern, die das Frühstudium als Chance sehen, sich fachliche Einblicke in Themengebiete zu verschaffen, die in der Schule nicht oder nur oberflächlich behandelt werden. Astrophysik, Klimatologie, Literaturwissenschaft – die Uni ist eine große Spielwiese, die selbst für ausgefallenste Interessen die passende Veranstaltung bereit hält. Und die besonders begabten Schülern eine passende Möglichkeit eröffnet, die eigene Entwicklung zu fördern ohne, dass dadurch Nachteile für andere, weniger begabte, Schüler entstehen.

Nicht jeder passt eben in das starre Korsett, das Schule und Lehrplan bisweilen vorgeben. Individuelle Förderung kann auch darin bestehen, früher als andere in neue Bildungsabschnitte eintreten zu dürfen. Entscheidender Punkt ist in diesem Zusammenhang die Freiwilligkeit. Wahre Begeisterung entfaltet sich nicht selten erst ohne Leistungs- und Notendruck. Die Frühstudenten zeigen das.

Dominik Mayer