In Gedanken in München

Blumen und Kerzen liegen am 24.07.2016 an der U-Bahn Station Olympia-Einkaufszentrums (OEZ) in München (Bayern), zwei Tage nach einer Schießerei mit Toten und Verletzten. Die tödlichen Schüsse hat ein 18-jähriger Deutsch-Iraner abgegeben. Zehn Menschen starben, darunter der Täter. Foto: Sven Hoppe/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Es ist Freitag. Mein Tag beginnt wie immer. Ich arbeite von 10 bis 16 Uhr in der Teilbibliothek meines Studiengangs. Nach Feierabend fahre ich direkt zu einem Handyladen in der Erlanger Innenstadt. Seit Tagen geht mein Smartphone einfach aus und deswegen will ich den Akku austauschen lassen. Der Verkäufer versichert mir, ich könne es morgen wieder abholen. Zurück in meinem Wohnheim beginne ich für meine letzte Prüfung zu lernen. Um nicht abgelenkt zu werden schalte ich den Computer aus, das Handy ist ja eh schon weg. Gegen 18 Uhr fragt mich eine Freundin, ob ich mit Volleyball spielen gehe. Ein wenig Bewegung kann nicht schaden, nach dem vielen Sitzen, also sage ich zu. Das Spiel macht Spaß, die schnellen Ballwechsel bringen Spannung rein. Der Lernstress ist schnell vergessen und auch die Zeit. Ein Freund steigt aus dem Spiel aus und telefoniert lange Zeit aufgeregt, aber das kümmert mich nicht weiter. Gegen halb neun meldet sich mein Magen und ich beschließe nach Hause zu fahren und zu essen. Bis dahin bin ich immer noch komplett ahnungslos, was gerade in meiner Heimatstadt passiert. Ohne Handy, ohne Push-Meldungen von Nachrichten-Apps oder Facebook.

Unter der Dusche höre ich dann den Verkehrsfunk: „Bitte fahren sie nicht nach München, die Straßen sind gesperrt, die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nicht mehr.“ Was ist denn da los, denke ich mir. Eine leise Ahnung schwappt in mir hoch und die Meldungen von Nizza und Würzburg schießen durch meinen Kopf. Dann kommen die Radio-Nachrichten. Anschlag in München. Mir wird kalt unter der warmen Dusche. Bestimmt in der Innenstadt, hoffe ich. Anschlag in München Moosach, sagt der Sprecher. Mein Herz setzt aus, das ist der Stadtteil, in dem meine Familie wohnt. Anschlag in München Moosach im Olympia Einkaufszentrum. Nur zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt von meinem Zuhause. Mein Herz pocht, ich trockne mich hastig ab und renne aus der Dusche. Tränen steigen mir in die Augen. Ich denke an meine Familie.

Panisch klopfe ich an die Tür einer Freundin, um mir ihr Handy auszuleihen. Sie schaut mich an und fragt, ob ich das noch nicht mitbekommen habe, mit dem Anschlag. Ich schüttle den Kopf kann aber nichts sagen, weil ich sonst in Tränen ausbrechen würde. Wie konnte mir so etwas entgehen, in mir steigen Vorwürfe auf. In meinem Zimmer wähle ich so schnell es geht die Festnetznummer meiner Familie. Es tutet. Es tutet wieder. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. In mir sehe ich Bilder, wie mein Bruder angeschossen wird. Ich kontrolliere die Nummer, aber sie stimmt. Es tutet immer noch. Ich kann mein Herz schlagen hören und mein Kopf pocht. Dann endlich geht meine Mutter ran. „Mama?“ frage ich, während mir Tränen über die Wangen laufen. „Uns geht es gut“, versichert sie mir. Sie erzählt mir, dass sie am Vormittag noch im Olympiaeinkaufszentrum T-Shirts umgetauscht hat und mein Bruder zwei Stunden vor der Schießerei auch dort war. Aber weil seine Abschlussfeier um 18 Uhr anfing, waren sie zum Zeitpunkt, als die Schüsse fielen, alle in der Schule und applaudierten, während die Schulabgänger ihre Zeugnisse erhielten. Alles war dort ganz normal, bis zu dem Moment als die Direktorin die Veranstaltung absagt und die Polizei das Schulgelände absichert und verriegelt. Da war meine Familie aber schon wieder nach Hause gefahren, weil mein Vater Nachtschicht hatte. Ich atme tief aus. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

In diesem Moment wird mir klar, dass es jeden hätte treffen können. Hätte ich keine Prüfung mehr gehabt, dann wäre ich vermutlich auch nach Hause gefahren und es wäre nicht unwahrscheinlich gewesen, dass ich mich mit meinen Freunden zum Kaffee im OEZ getroffen hätte. Ob es vielleicht ein Vorteil war, nicht dauer-online gewesen zu sein, nicht jede falsche Nachricht mitzubekommen, nicht die ganzen Fake-Bilder von blutverschmierten Rolltreppen zu sehen? Das kann ich nicht sagen. Ich hätte nie im Leben so seelenruhig Volleyball gespielt, wenn ich gewusst hätte, was in München passiert ist. Zum anderen hätte ich die WhatsApp Nachrichten erhalten, in denen Freunde und Familie bestätigten, dass es ihnen gut geht. Und vielleicht hätte ich dann weniger Panik gehabt, die mir bis jetzt noch in den Knochen steckt.

Sabrina Ahmed