„Alex“ – ein Wohnheim mit Herz macht zu

Billiger Alkohol, versiffte Sofas…“, so werde ich in einem Online-Portal beschrieben. „Wie man hier ernsthaft wohnen kann, bleibt mir ein Rätsel.“

Gestatten, mein Name ist Alex, genauer gesagt Alexandrinum. Ich wurde 1952 erbaut und bin somit das älteste Wohnheim in Erlangen. Deswegen ist meine Aufteilung auch noch sehr klassisch, Jungs und Mädels wohnen strikt voneinander getrennt – Westbau für die Herren und Ostbau für die Damen. Na gut, ganz so streng ist die Trennung dann doch nicht, da ständig ein reger Austausch über den „Walk of Shame“, die Verbindungsbrücke der beiden Flügel, herrscht.

Ich beherberge 199 Studenten und Studentinnen, jeder lebt und liebt in einem meiner acht bis zwölf Quadratmeter großen Zimmer. Auf jedem Flur gibt es einen mehr oder weniger großen Gemeinschaftsraum, liebevoll „Clubbi“ genannt, zwei Duschen, drei Toiletten und eine Gemeinschaftsküche. Zugegeben, für 20 Leute pro Flur ist das nicht gerade viel, aber die Alexandriner arrangieren sich schon.

Und ich muss auch gestehen, dass ich wegen meines fortgeschrittenen Alters schon einige Mängel habe. Zerschlissene Möbel, abgeranzte Teppiche, Schimmel an den Decken, Gasherde. Da ist die Frage gerechtfertigt. Wie kann man in mir wohnen? Deswegen erzähle ich euch jetzt mal was über die Vorzüge des Alex-Lebens.

Ich bin perfekt geeignet für die Studenten. Durch meine zentrale Lage, hat man höchstens zehn Minuten mit dem Fahrrad zur Uni. Noch dazu kann man in mir richtig billig wohnen. Wo kriegt man schon für unter 200 Euro ein Zimmer in der Erlanger Innenstadt? Doch das Wichtigste ist die Gemeinschaft. Gerade durch meine traditionelle Aufteilung lernt man sich super schnell kennen. Es dauert keinen ganzen Tag und schon hat man lauter neue Freunde gefunden. Die Barabende, die früher wöchentlich in meinem Keller stattfanden, trugen ihren eigenen Teil zum Kennenlernen bei.

Und dann gibt es noch jede Menge andere Feiern, bei denen auch der noch so schüchterne Ersti vom Land die Möglichkeit hat, Leute zu treffen. Das fängt schon in der ersten Woche des Semesters an mit der HVV (Heim-Vollversammlung), eine Art Rallye, bei der die Neuen durch alle Flure gehen und Fragen beantworten müssen. Weiter geht es mit der Halloween-Party (natürlich in Verkleidung!). Nikolaus, wo jeder Flur ein wundervolles und poetisches Gedicht beisteuert. Fasching (wieder verkleidet!), Erdbeerfest, und zu guter Letzt das legendären Sommerfest und Helferfest mit Pool. Beim Sommerfest scheue ich keine Kosten, da biete ich meinen Gästen Live-Musik, Grillen, Indoor- und Outdoor-Party, Sektbar, Bier vom Fass und das bizarre Männerballett.

Zwei Mal im Jahr wird es meinen Bewohner aber zu langweilig im schönen Erlangen, dann fährt das ganze Wohnheim (zumindest die, die Lust haben) entweder nach Prag oder Berlin. Diese Wohnheimsfahrten werden von der Heimkasse unterstützt und enden meistens mit Orientierungsverlust und Schlafentzug. Neben diesen festen Veranstaltungen gibt es auch jedes Semester ein Bierpong- und ein Kickerturnier.

Außerdem nimmt die Alex-Fußballmannschaft regelmäßig am Turnier um den Wohnheimspokal teil. Betonung liegt auf Teilnahme, aber macht nichts, dabei sein ist alles Jungs! 😉 Wer sich jetzt denkt, wie soll man denn da noch sein Studium packen?, muss sich keine Sorgen machen. In meinem „Stucki“ (Lernraum) haben schon zukünftige Ärzte, Anwälte und der ehemalige Bürgermeister von Erlangen gebüffelt. Doch leider sind meine Tage gezählt. Ich bin zu alt und entspreche nicht mehr den Standards. Modern ist es jetzt, in jedem Zimmer eine Kochzeile und ein Bad zu haben. Deswegen werde ich ab März geschlossen und umgebaut.

In all den Jahren habe ich viele feucht-fröhliche Partys erlebt, die härtesten Kerle hinterm Pissbusch kotzen gesehen. Habe Bewohner beobachtet, die sich in den frühen Morgenstunden heimlich wieder in ihr Zimmer geschlichen haben. Habe meinen schönen Garten komplett verwüstet gesehen (wurde aber immer wieder brav aufgeräumt :D), habe JB beim Rasen mähen zugeschaut, Pärchen sich verlieben sehen und sogar Geburten bestaunt. Diese ganzen Bilder werde ich bei mir bewahren und ich bin mir sicher, dass alle Alexandriner die Erinnerungen an mich in ihren Herzen tragen werden und später noch ihren Enkeln davon erzählen werden.

Sabrina Ahmed