Facebook-Fasten fast geschafft

Ich gebe zu: Ich bin Facebook-abhängig. Ich schaue nicht nur einmal am Tag auf Facebook, um die wichtigsten Neuigkeiten mitzukriegen, sondern ich verfalle viel zu häufig dem hirnlosen Scrollen in meinem bodenlosen Newsfeed. Und ja, das kann auch seine guten Seiten haben. Ab und zu schiebt sich dann doch eine interessante Veranstaltung, ein cooles Praktikum, oder die Verlobung einer entfernt Bekannten vorbei. Und ich stoße immer wieder auf Artikel, die mich interessieren. Trotzdem – ich hasse es,

von Facebook abhängig zu sein und mich immer wieder wie ferngesteuert auf dieser Seite wiederzufinden. Deswegen habe ich Anfang der Semesterferien beschlossen, als Experiment für die nächsten Wochen ohne Facebook zu leben. Auch wenn mein Grund dafür kein religiöser ist, ist es doch ganz angenehm unter meinen Freunden in der Fastenzeit ein paar Leidensgenossen zu haben. Der direkte Auslöser für meine Abstinenz war eine Freundin, die mir von der unglaublichen Möglichkeit der Deaktivierungs-Funktion in den Tiefen der Facebook-Einstellungen berichtet hat. (Das Profil verschwindet, bis man sich das nächste Mal wieder anmeldet. Alle Konversationen und das Profil bleiben erhalten.) Die Semesterferien erschienen mir als guter Zeitraum, meinen Vorsatz in die Tat umzusetzen – Hausarbeiten müssen geschrieben werden, Erlangen wird wieder von den „Ureinwohnern“ und Simensianern zurückerobert und soziale Isolierung tut nach einem vollgepackten Semester mit viel zu vielen Orga-Treffen meiner Studenteninitiative auch mal gut.

Mittlerweile bin ich seit über einem Monat Facebook-frei (wenn man das heimliche Starren in die Facebook-Feeds meiner Freunde nicht mitzählt) und ich muss sagen, es fällt mir leichter, als gedacht. Meine Konversationen haben sich mehr auf Whatsapp verlagert und wurden teilweise wirklich länger und qualitativ hochwertiger. Erinnert mich ein bisschen an meine Schulzeit, in der man sich noch ellenlange SMS geschrieben hat. Zusätzlich ohne Whatsapp zu leben, wäre aber dann doch eine soziale Nahtoderfahrung. Was meine Produktivität angeht, ist das Ergebnis leider ziemlich ernüchternd. Das Scrollen hat sich in einen YouTube-Schneeballeffekt verwandelt. Auch nicht gerade besser.

Neben den eher mauen Auswirkungen auf meine Hausarbeiten, scheint mein Allgemeinwissen aber tatsächlich vom Experiment zu profitieren. Nicht nur als Medienwissenschaftsstudentin erkennt man ziemlich schnell, dass man von Facebook in seiner eigenen Interessenblase gefangen gehalten wird. Anstatt von unterdrückten Frauen zu lesen, die zusätzlich noch von Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, lese ich nun mehr Artikel, die mir Facebook wahrscheinlich nicht zugeteilt hätte. Erdogans Verfassungsreform wäre sonst wohl ziemlich an mir vorbeigegangen.

Wer jetzt selbst über eine Abstinenz nachdenkt, sollte Folgendes beachten: Besorgt euch vorher Handynummern von entfernten Bekannten. Mir ist zum ersten Mal seit Jahren passiert, dass ich jemanden für ein paar Tage nicht erreichen konnte. Und ja, kein Mensch schreibt sich mehr Geburtstage in Kalender. Nicht mal in digitale. Und teilweise ist es ein bisschen gruselig, wer sich dann doch an deinen Geburtstag erinnert.

Mein Fazit: Als Facebook-anfällige Person hat es mir wirklich gutgetan, mal darauf zu verzichten und zu merken, dass es auch ohne geht. Anfang des Semesters werde ich dann aber doch wieder froh sein, mich ins Facebook-Getümmel zu stürzen. Meine Freunde sollen natürlich wissen, dass ich in den Ferien Helikopter-Skifahren in den kanadischen Bergen war…

Ina Brechenmacher