Ab ins kalte Wasser – vom Hörsaal ins Büro

Für viele von uns ist das Praxissemester eine der letzten Hürden vor dem Bachelorabschluss. Im Idealfall sind die schlimmsten Prüfungen vorher bestanden und die längsten Hausarbeiten abgegeben. Ist das Praxissemester also nur dazu da, ein wenig Zeit zu schinden, oder hilft es wirklich beim Berufseinstieg?

Einmal den Lebenslauf zum Mitnehmen, bitte

Die Bewerbungen waren für mich das größte Übel. Was kommt in die Bewerbung? Welche Zeugnisse, welche Referenzen, was kann ich ins Anschreiben packen? Stundenlang habe ich in Word probiert, was am besten aussehen könnte. Anschrift in die Kopfzeile? Oder unter meinen Namen? Farbe oder nicht? Welche Stationen meines Lebens sind wichtig? Merkt man, dass ich eine Lücke im Lebenslauf habe? Man könnte es schon ein wenig penibel nennen, aber ja, ich achte eben gerne auf die Details. Natürlich wollte ich auch eine gute Praxisstelle, in einem bekannten Unternehmen. Vor allem in einem Studiengang wie meinem (was ziemlich viel mit „Irgendwas mit Medien“ zu tun hat) muss man mit harter Konkurrenz rechnen.

So viel Mühe und dann doch einer von vielen

Ich war also jetzt bereit, mich in die heiße Phase der Bewerbungen zu stürzen. Vor zehn Jahren, als ich mich für meine Ausbildung beworben habe, war es zwar aufwendiger, aber in einer gewissen Art und Weise viel persönlicher. Bilder machen lassen, Farbe der Bewerbungsmappe auswählen, natürlich nur auf dickerem Papier drucken. Dieser Moment, wenn man die erste Bewerbung seines Lebens in den Briefkasten wirft… Und dann das Warten auf die Antworten der Unternehmen – natürlich per Post.

Jetzt ist es anders, auf der Website wird gesucht, welche Praxisstellen interessant sind und dann wird ein Bewerberprofil angelegt. Gut, ich gebe zu, diese Technik hat mich schon fasziniert. Ich lade meinen Lebenslauf hoch und Sekunden später ist ein vorgefertigtes Formular voll mit meinen Daten. Zack, senden und zwei Minuten später war eine E-Mail in meinem Postfach, dass meine Bewerbung eingegangen ist. Und so ging es weiter. Anschreiben abändern, hochladen, hochladen, hochladen und dann warten.

Die Zukunftsangst

Wenn sich dann zwei Wochen später immer noch niemand gemeldet hat, bekommt man langsam ein mulmiges Gefühl. Wir alle kennen die Horrorstorys von Freunden und Bekannten: „In manche Unternehmen kommt man eben nur mit Vitamin B“ oder „Also die nehmen dich nur mit einem Einser-Schnitt“. Gut, hatte ich leider beides nicht. Zudem hört man auch die anderen Insiderinfos von Studis aus den höheren Semestern „Ach, ich musste da nur Kaffee kochen und Blätter lochen“ und „Lohn? Ne habe ich nicht viel bekommen.“ Ihr seht, die besten Voraussetzungen, um dem Praxissemester entspannt entgegenzublicken.

Die glückliche Wendung

Ich kann behaupten, ich habe mich in den Bewerbungen ins Zeug gelegt. Jedes Anschreiben habe ich speziell auf das Unternehmen angepasst, bin auf neue Projekte oder Produkte eingegangen, die mich interessieren. Manchmal auch mit einem etwas frechen Unterton, so bin ich einfach. Einmal habe ich sogar ein Foto von einem Werbekulli der Firma angehängt, mit dem ich gerade „Bewerbung Sommersemester 2017“ geschrieben hatte. No risk, no fun. Und siehe da – bei ALLEN Bewerbungen wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Schlussendlich habe ich eine Stelle gefunden, die mir wirklich Spaß macht.

Das Gelernte im Unternehmen anwenden?

Als einer der größten Verfechter von „Für was brauch ich das später denn mal“ (Gedichtinterpretationen im Abitur?), war ich ziemlich überrascht, wie viel ich doch von meinem Studium in der Arbeit anwenden kann. Ich bin in einer Marketingabteilung eingesetzt, in der viele Aspekte von Journalismus, PR und Medienmanagement an der Tagesordnung stehen. Gerade Social-Media-Marketing ist ein relativ neues Thema in vielen Branchen und durch mein Studium bin ich auf dem neuesten Stand.

Meiner Meinung nach ist es wichtig, Interesse und Eigeninitiative im Unternehmen zu zeigen. Nach meiner Erfahrung bekommt man so oft die interessanteren Aufgaben. Viele Unternehmen fördern auch das selbstständige Arbeiten – sofern man nicht gelangweilt beinahe vom Bürostuhl kippt. Lieber einmal ein bisschen mehr gemacht, als am Ende zu wenig. Und wer weiß, vielleicht hat man danach eine Chance auf eine Festanstellung.

Tina Brandl