Hochschulwahl: Viele Fragezeichen und ein paar Kreuzchen

Einmal im Jahr bittet die Uni ihre Studenten an die Wahlurnen – doch nur wenige unter ihnen wissen, um was es bei den Hochschulwahlen wirklich geht. Die Folge: unglaublich niedrige Wahlbeteiligungen, meist nur knapp über zehn Prozent. Eine funktionierende Demokratie sieht anders aus. Sind Studenten wirklich so politikverdrossen?

Während den beiden Wahltagen am 27. und 28. Juni habe ich mich, auf der Suche nach Antworten, zu den Hotspots der Wahl begeben – als Wahlhelferin zur Stimmabgabe, zum Auszählen, zum abschließenden Wahlgrillen und natürlich selbst in die Wahlkabine.

Wählen? Wen denn?

Ich muss zugeben: Wenn es um Hochschulpolitik geht, habe ich nicht viel Durchblick. Welche Gremien mit studentischer Beteiligung gibt es? Wer ist für was zuständig? Welche Vertretung entsendet wie viele Studenten wohin? Eine Wissenschaft für sich. Meinen Kommilitonen, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe, geht es ähnlich. Manche fühlen sich nicht ausreichend informiert, um wählen zu gehen. Viele haben keine Lust, sich neben dem Studienalltag mit Hochschulpolitik zu beschäftigen und sich einzulesen. Doch deswegen gleich nicht zur Wahl gehen?

Die machen bestimmt alle Briefwahl“

Am Dienstagnachmittag bin ich im Einsatz. Für zwei Stunden helfe ich im Wahllokal „Kollegienhaus“ mit, wo ein Teil der Naturwissenschaftlichen Fakultät und die Rechtswissenschaftliche Fakultät wählen können. Mein Job: Den Studenten die zwei Wahlzettel für den Konvent und den Fakultätsrat aushändigen und sicherstellen, dass die gefalteten Zettel in der richtigen Urne landen. Zur Belohnung verteile ich Bändchen, mit denen sich die Studenten beim Grillen am Mittwochabend nach der Wahl ein Freibier abholen können. Alles easy. Der Andrang hält sich in Grenzen. Bei den Mitarbeitern und Professoren schaut es ähnlich aus. „Die machen bestimmt alle Briefwahl“, meint meine Kollegin, die in ihrer Schicht genau einen Professoren mit Wahlzetteln versorgt hat.

Genug Zeit, um mit Eda Simsek zu reden. Die Politikstudentin steht auf Listenplatz 1 der Juso-Hochschulgruppe und ist gerade für die Wahlzettel der Mitarbeiter zuständig. Seit drei Jahren ist sie in der Hochschulpolitik aktiv. Die Wahlbeteiligung enttäuscht sie jedes Jahr aufs Neue. „Es wäre auf jeden Fall schön, wenn mehr Leute wählen gehen würden. Dann hätten wir das Gefühl, alle Studis zu vertreten – nicht nur zum Beispiel die sieben Prozent der Studenten, die letztes Jahr an der PhilFak wählen waren. Damit hätten wir gleich viel mehr Glaubwürdigkeit.“

Auf der Suche nach Unterstützung

Bevor ich am nächsten Morgen selbst wählen gehe, fülle ich beim Frühstück noch schnell online den Wahl-O-Mat, beziehungsweise den Hochschulwahlkompass, aus. Mir werden Fragen zu verschiedenen Themen gestellt – Semesterticket, Anwesenheitspflicht, BAföG – die ich nach meinen Präferenzen unterschiedlich gewichten kann. Mein Ergebnis ist nicht so eindeutig, wie ich erwartet hatte, doch meine Entscheidung steht.

Vor dem Wahllokal der Philosophischen Fakultät steht zeitweise sogar eine Schlange – vielleicht knacken wir in diesem Jahr die Zehn-Prozent-Marke. Bei den politisch aufgeladenen Diskussionen, die auf den Toilettenwänden ausgetragen werden, sollte das eigentlich drin sein. Eigentlich. Beim Auszählen der Stimmen im Kollegienhaus wird mir erst bewusst, wie wenige Studenten tatsächlich wählen gehen – das Zählen ist schnell erledigt.

Beim anschließenden Wahlgrillen im „Sprat“, dem Hauptquartier der Studierendenvertretung (Stuve) und vieler weiterer studentischer Initiativen, komme ich mit Informatikstudent Johannes Schilling ins Gespräch. Er hat in den verganenen Jahren viel für die Einführung des Semestertickets gearbeitet und stand viele Male selbst zur Wahl. „Ich glaube nicht, dass die Studis generell desinteressiert sind. Die ganze Bürokratie, die ganze Struktur der Entscheidungsfindung an der Uni mit ganz viel Papier- und Zettelkram – da hat einfach keiner Bock drauf“, sagt er. Die Stuve hat, laut Schilling, die Aufgabe, die abstrakten Themen in praktische Bedeutungen für die Studenten zu übersetzen. Dafür fehlt aber leider viel zu häufig die Zeit.

Im Laufe des Abends höre ich häufiger, dass sich die aktiven Studenten mehr Unterstützung in der Hochschulpolitik wünschen. „Es ist schon Arbeit“, meint Eda, „aber es macht auch Spaß und man lernt neue Leute aus allen Fakultäten kennen.“ Mich beeindruckt, wieviel Zeit und Energie die Studenten in ihre Arbeit stecken – manche von ihnen ziehen auch später eine politische Karriere in Betracht. Die ersten Zahlen gibt es morgen, womit eine neue Runde Hochschulpolitik ihren Lauf nimmt. In der Unileitung wird schon laut über Online-Wahlen nachgedacht – ob sie die Wahlbeteiligung erhöhen oder nur ein datenschutzrechtliches Problem darstellen, bleibt abzuwarten.

Ina Brechenmacher

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