Gut zu wissen, wo der Wind herkommt

Noch so eine Regel, die wir schnell lernen: Gekotzt wird immer mit dem Wind, also über die Lee-Seite des Schiffes. Wer es einmal falsch macht, weiß warum. Am zweiten Tag an Bord sind fast alle seekrank. Es stürmt und regnet, die Wellen schlagen über das Deck. Die Thor schaukelt bei jeder Welle mehrere Meter hoch und runter und rollt nach links und rechts.

Wer an Bord steht und Richtung Horizont schaut, kann sich die meiste Zeit ganz gut zusammenreißen. Aber es hilft nichts, wir müssen arbeiten. Sicherheitsrunden unter Deck gehen, den Motor im stickigen Maschinenraum ölen und in der Küche helfen. Einer nach dem anderen rennt zur Reling und „füttert Fische“.

Der Körper wehrt sich mit Übelkeit, wenn Auge und Gleichgewichtssinn unterschiedliche Informationen ans Gehirn melden. Das Schiff schwankt und die Besatzung mit ihm. Nur hinlegen und Augen zu machen hilft, deshalb verzieht sich nach und nach die Hälfte des Teams in ihre Kammer. Wer noch kann, schuftet doppelt und versorgt die Versehrten mit Zwieback, Tee und Gemüsebrühe. „Esst Schokolade und trinkt Pfefferminz-Tee“, empfiehlt der erfahrene Seemann Jan. „Das hilft zwar nicht, aber es schmeckt beim Kotzen nach After Eight.“

Christina Merkel