Alle Mann an Deck: Wir setzen die Segel!

Die Glocke schrillt übers ganze Schiff. Signal K: All hands on deck! Wenige Minuten später stehen wir alle, Teilnehmer und Stammbesatzung, in regenfester Arbeitskleidung mit Sicherheitsgurten auf dem Hauptdeck. In Wachaufstellung hat jeder seinen festen Platz, nach Größe sortiert, damit sofort auffällt, falls jemand fehlt. „Wache Drei ist komplett“, meldet unsere Wachführerin Alex dem Kapitän. Der erklärt, was jetzt ansteht: „Wir setzen die Segel!“ Endlich!

Bei einem solchen Manöver müssen alle mit anpacken. Das Team der Wache Eins ist für die Segel am vorderen Teil des Schiffes zuständig, Schoner-, Großstengestag- und Vorsegel. Wache Zwei für die Segel am Großmast und Wache Drei für das Besansegel am hinteren Mast. Die Thor Heyerdahl hat 830 Quadratmeter Gesamtsegelfäche. Viele Menschen müssen gleichzeitig auf Kommando an den verschiedenen Seilen, den Tampen, ziehen oder lockerlassen, hieven und fieren, um sie aufzuspannen. Manchmal hängen wir zu viert am sogenannten Gei-Tau, weil es trotz Flaschenzug und gekonntem Körpereinsatz so viel Kraft braucht.

Am Tag zuvor haben wir vor Anker in der Bucht vor Gotland das Klettern im Rigg geübt. Gesichert mit einem Fünf-Punkt-Gurt, der über Schultern, um Hüfte und Oberschenkel geht, sind wir zu den Rahsegeln am vorderen Mast hinaufgeklettert. Heute wird es ernst. Vier von uns machen das Gleiche noch einmal – während der Fahrt. Der Mast schwankt. In etwa 15 Metern Höhe knoten wir das Segel auf, der Ausblick ist überwältigend. Wir balancieren nur auf einem dünnen Seil, Fußpferd genannt, während mir Alex den Knoten beibringt, mit dem wir die Schnüre befestigen, die Zeiser, die das Segel zusammengehalten haben. Sie sagt: „Hier oben zu sein, das ist die Essenz dessen, warum ich hier bin.“

Christina Merkel