Odysee im Bürgeramt – vom langen Weg zum Visum

Sabrina Ahmed studiert an der Friedrich-Alexander-Universität Politik und Orientalistik. Vor allem um ihre Sprachkenntnisse in Arabisch zu verbessern, verbrachte die 22-Jährige ihr Auslandssemester in Ägypten an der Cairo University und lebte sieben Monate in der Hauptstadt Kairo. Von ihren Erfahrungen schreibt sie hier.

Es ist der Albtraum eines jeden Einheimischen. Touristen verschwinden tagelang in diesem Gebäude. Vor den Türen sieht man verzweifelte Gesichter und fassungslose Menschen.

Die Rede ist von der „Mogamma“, dem ägyptischen Zentralverwaltungsgebäude für alle Bürgeranliegen. Hier muss jeder Tourist, der länger als einen Monat in Ägypten bleibt, sein Visum verlängern. Das galt auch für mich. Ich hatte zwar versucht, die Visumsangelegenheiten schon von Deutschland aus zu klären, im Konsulat wurde mir aber geraten, mein Touristenvisum einfach zu verlängern. Und so musste auch ich mich nach vier Wochen auf den Weg zur Mogamma machen. Ich hatte schon so einige Geschichten von diesem Ort gehört. Dass man ohne Grund zu zehn verschiedenen Schaltern geschickt wird, dass man Papiere benötigt, die nirgendwo aufgelistet sind. Oder dass man mit Sicherheit mindestens drei Mal wieder heim gehen muss, ohne irgendetwas erreicht zu haben. Doch ich war fest davon überzeugt, dass ich – als selbstverständlich super organisierte Deutsche – mein Visum an einem Tag bekommen würde. Ich hatte alle erdenklichen Papiere dabei und zusätzlich noch mehrere Kopien davon. Es konnte also nichts schieflaufen. So machte ich mich zuversichtlich und voller Motivation mit meinem Onkel auf den Weg. Hätte ich nur geahnt, wie unberechenbar die Mogamma und ihre Mitarbeiter sind…

Die Mogamma ist ein imposantes Gebäude direkt am Tahrir Platz im Herzen von Kairo. Es wurde in den 50er Jahren von der Sowjetunion gebaut und war ein Geschenk an Ägypten. Steht man davor, ist es extrem einschüchternd, die vielen Stockwerke und Fenster zu sehen. Steht man drinnen, ist man hilflos verloren ohne einheimische Hilfe, da gefühlt Millionen Menschen durch die Gänge hetzen, in Reihen stehen oder verzweifelt am Boden sitzen.

Mein Onkel führte mich direkt in das richtige Stockwerk zum Schalter für Ausländer. Davor war schon ein riesiges Gedränge. Eines sollte sich jeder merken, der irgendwann einmal in das ägyptische Bürgeramt muss: Wer sich anstellt, hat schon verloren. Es gibt kein System wie in Deutschland, wo man eine Nummer zieht und dann aufgerufen wird. Stattdessen drängen sich alle Menschen vor einem kleinen Fenster und der Stärkste gewinnt. Da mein Onkel recht groß ist, kamen wir schnell an die Reihe und wurden aber direkt wieder weggeschickt. Erstmal mussten wir ein Formular von einem Polizisten holen, dieses ausfüllen und dann von einem anderen Polizisten unterschreiben lassen. Gesagt, getan. Und zurück zum Schalter. Dort wurde das Formular begutachtet und dann abgelehnt mit der Aussage, ich bräuchte eine Bestätigung von der Universität, dass ich dort studiere. So verging der erste Tag ohne Erfolg.

Noch am Nachmittag ging ich zur Uni und holte mir diese Bestätigung, um am nächsten Morgen in der Früh erneut zur Mogamma zu gehen.

Ägypterin trotz deutschem Pass?

Diesmal passten das Formular und auch die Bestätigung der Uni war ok. Doch den netten Damen am Schalter fiel auf einmal auf, dass mein Nachname Ahmed in meinem deutschen Reisepass nicht sehr Deutsch klang. Ich wurde gefragt, woher ich komme, woher meine Mutter kommt und woher mein Vater kommt. Mein Onkel erklärte auf Arabisch, dass ich Deutsche sei, meine Mutter Deutsche sei und mein Vater zwar in Ägypten geboren wurde, aber mittlerweile auch die deutsche Staatsbürgerschaft habe. Für die Beamtinnen war damit klar: Dieses Mädchen ist keine Deutsche, sie ist Ägypterin. Völlig egal, ob sie eine deutsche Staatsbürgerschaft, einen deutschen Pass und eine deutsche Geburtsurkunde hatte. Ich wurde also zum Schalter für Einheimische geschickt.

Dort angekommen, erklärten wir das ganze Theater noch einmal. Doch für die Damen am Schalter für Einheimische schien auf einmal völlig logisch zu sein, dass ein Mädchen, das keinen ägyptischen Pass hat, keine Ägypterin sein konnte. So wurden wir zurück geschickt zum ersten Schalter. Ich war mittlerweile so verzweifelt, dass mir die Tränen kamen. Ich konnte einfach die Logik nicht verstehen, warum ich mit meinem deutschen Pass nicht als Deutsche behandelt wurde.

Nachdem wir noch ein paar Mal hin und her liefen, wurde uns erklärt, man bräuchte die Geburtsurkunde meines Vaters. Da mein Onkel noch eine zu Hause hatte, entschieden wir, zurück zu gehen und am nächsten Tag wieder zu kommen. So verstrich auch der zweite Tag erfolglos. Ich besorgte mir den Pass meiner Mutter und meines Vaters und zusätzlich noch deren Heiratsurkunde. Ich wollte auf jeden Fall auf alles vorbereitet sein, um am nächsten Tag endlich mein Visum zu bekommen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der ganze Spaß jetzt erst richtig losging.

Tränen der Verzweiflung im Taxi

Die Geburtsurkunde besagte, dass mein Vater in Ägypten geboren wurde und Ägypter war. Der deutsche Pass besagte, dass mein Vater Deutscher war. Eine Frau verschwand mit all den Papieren hinterm Schalter und ließ uns erst einmal ein paar Stunden warten. Ich muss wohl sehr hilflos ausgesehen haben, denn eine ältere Engländerin kam zu mir und meinte, es sei alles halb so schlimm und irgendwann würde man es immer schaffen. Während ich wartete, sah ich mehrere Frauen mit verheulten Augen und wütende Männer wobei laufen, ich war also nicht alleine mit meiner Verzweiflung.

Irgendwann kam die Frau wieder und erklärte uns, wir hätten die falsche Geburtsurkunde von meinem Vater dabei. Wir bräuchten eine, die besagt, dass mein Vater zwar in Ägypten geboren wurde, aber jetzt Deutscher war. Deswegen sollten wir zum Amt für Geburtsurkunden gehen und diese dort am nächsten Tag abholen. Ich konnte es nicht fassen. Ich war so wütend, weil ich einfach nicht verstand, warum ich nicht als eigene Person behandelt wurde und warum eine Geburtsurkunde meines Vaters benötigt wurde, damit ich mein verdammtes Visum bekam. Am meisten störte mich, dass ich wegen des ganzen Theaters ständig die Uni schwänzen musste. Die ganze Taxifahrt nach Hause, sagte ich kein Wort, da ich sonst wieder in Tränen ausgebrochen wäre. So endete der dritte erfolglose Tag.

Am nächsten Morgen, wieder ganz in der Früh, fuhren mein Onkel und ich zum Amt für Geburtsurkunden, das am anderen Ende von Kairo lag. Man muss bedenken, dass für solche Fahrten meisten auch eine Stunde draufgeht, wegen des ständigen Verkehrs in Kairo. Vor Ort erklärten wir der Frau, zu der wir von den Beamten in der Mogamma explizit geschickt wurden, unser Anliegen. Diese hatte keine Ahnung, wovon wir sprachen, und schickte uns zu einer anderen Stelle in einem anderen Gebäude zu einer anderen Dame. Diese Dame wusste dann tatsächlich, worum es ging, sagte aber, wir wären zu früh da und dass die Geburtsurkunde wahrscheinlich erst in einer Woche fertig sei. Also waren wir den ganzen Weg umsonst gekommen und durften wieder nach Hause fahren ohne Urkunde in der Tasche. Es war bereits der vierte erfolglose Tag.

„So ist die ägyptische Routine.“

Eine Woche später fuhr mein Onkel alleine zum Amt, aber die Urkunde war immer noch nicht fertig und sollte erst in ein paar Tagen abgeholt werden. Nach ein paar Tagen fuhren wir gemeinsam hin und endlich schien sich das Blatt zu wenden. Die Urkunde war fertig und wir fuhren direkt zur Mogamma, um mein Visum zu holen. Auch dort hatten wir endlich Glück und alle Papiere waren in Ordnung. Ich zahlte für mein Visum und freute mich schon, die Sache endlich erledigt zu haben. Doch dann sagte mir der Beamte, ich müsse am nächste Tag wiederkommen, um mein fertiges Visum abzuholen. Als ich ihn fragend anschaute, zuckte er nur mit den Schultern und sagte: „So ist die ägyptische Routine.“ Dieser dämlichen Routine verdankte ich inzwischen zwei Wochen ohne Visum.

Wieder brach ich am nächsten Tag zeitig zur Mogamma auf, mittlerweile ein Ort des Schreckens für mich. Wieder wurde ich enttäuscht. Mein Visum war noch nicht fertig und ich sollte nach zwei Stunden zurückkommen. Die zwei Stunden nutzte ich, um mir das ägyptische Museum gegenüber der Mogamma im Schnelldurchlauf anzuschauen. Wie verlangt, kam ich nach zwei Stunden zurück, um endlich mein Visum abzuholen. Doch in der Zwischenzeit hatten die Mitarbeiter Mittagspause gemacht und alle Computer heruntergefahren, die nun wieder hochfahren mussten. Das bedeutete für mich: Noch eine Stunde warten.

Doch dann endlich passierte das Wunder, an das ich schon lange nicht mehr geglaubt hatte. Mir wurde ein Visum für sechs Monate ausgehändigt. Das war einer der glücklichsten Tage für mich in Ägypten. Endlich war diese Odyssee geschafft.

Wie bei Asterix und Obelix und ihrem Passierschein A38

Wer jetzt denkt, ich war ein Einzelfall, wegen meiner komplizierten Familienkonstellation, der irrt sich. Auch meine französischen und deutschen Mitstudenten hatten extreme Probleme, ihr Visum zu bekommen. Einer schickte mir irgendwann ein Video von Asterix und Obelix auf der Suche nach dem Passierschein A38. In dem Video werden die beiden auch von Schalter zu Schalter geschickt. Überall wird ihnen gesagt, sie bräuchten noch diesen oder jenen Schein, um den Passierschein A38 zu bekommen. Am Ende werden alle verrückt und das Amt verwandelt sich in ein Irrenhaus.

Ganz genauso ist es mit der ägyptische Mogamma. Deswegen rate ich jedem, der jemals für längere Zeit nach Ägypten fährt, diese Angelegenheiten schon in Deutschland zu klären. Und falls es sich nicht verhindern lässt, zur Mogamma zu gehen, dann mein Beileid und ich wünsche euch viel Glück, das werdet ihr brauchen.

Sabrina Ahmed

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