Erste Vorlesung in Kairo, typisch deutsch: Ich bin zu früh da.

Morgens halb 10 in Kairo. Ich trinke einen Tee mit Mohammed, dem Hausmeister, im vierten Stock der Cairo University. Er bietet mir ein traditionelles ägyptisches Frühstück mit Bohnen und Falafel an, aber das ist mir so früh am Morgen dann doch etwas zu deftig. Ich bin wie immer viel zu früh in der Uni. Mein erstes Seminar fängt erst um 10 Uhr an, aber wegen des ständigen Verkehrs fahre ich lieber immer rechtzeitig los. Die Zeit vertreibe ich mir dann meistens mit Mohammed, der auch nicht viel zu tun hat und mir Bilder von allen Studenten zeigt, die er kennt, also praktisch jedem an der Fakultät.

Punkt 10 begebe ich mich dann in einen der kleinen Räume, in denen mein Seminar stattfindet. Die Holzbänke sind alt und heruntergekommen. Manchmal habe ich Angst, dass sie nicht alle Studenten aushalten, wenn wir eng gedrängt nebeneinandersitzen. Jeder Raum hat einen Computer, einen Beamer und ein Mikrofon. Spielt die Technik mal nicht mit, kommt einer der drei Hausmeister, die es auf jedem Flur gibt. Meinen Laptop, auf dem ich in Deutschland während der Vorlesungen normalerweise mitschreibe, habe ich zu Hause gelassen. Hier schreibt eigentlich jeder auf einem Block mit.

Die Stunde vergeht schleppend. Der Dozent hält Monologe, wiederholt sich immer wieder und ist zu einer kontroversen Diskussion eigentlich kaum bereit. Dann endlich sind die 90 Minuten vorbei. Jetzt gibt es zehn Minuten Pause, bis die nächste Stunde beginnt. Ich muss mich beeilen, denn in der knappen Zeit will ich mir noch etwas zu Essen kaufen bei dem alten Herrn am Kiosk, der liebevoll von allen Studenten „Gidu“ – Großvater – genannt wird. „Hallo Sabrina, willst du Tee?“ Mohammed winkt mir zu als ich an ihm vorbei hetze. „Nein danke, ich muss weiter.“ Ich lächle entschuldigend. Vor dem Kiosk herrscht großes Gedränge. Ich zeige auf ein Sandwich und halte fünf Pfund in die Luft. Zufrieden mache ich mich auf den Weg in den dritten Stock zu meinem nächsten Seminar. Die Frau, die den ganzen Tag auf einem Stuhl in dem eh schon kleinen Fahrstuhl sitzt, weiß mittlerweile schon, wo ich hinmöchte und drückt für mich auf den richtigen Knopf.

Im Seminar angekommen, bin ich erstmal allein mit ein paar wenigen Studenten und der Dozentin. Eigentlich hat die Stunde schon angefangen, doch die meisten kommen eigentlich immer zehn Minuten zu spät. Das ist die Chance für mich, noch schnell auf die Toilette zu gehen. Doch davor stehen drei Putzfrauen herum. Eine erklärt mir, dass ich dieses Bad gerade nicht benutzten kann und in ein anderes Stockwerk gehen soll, die Gründe bleiben mir ein Rätsel, aber ich habe es auch aufgegeben, nachzufragen.

Das anschließende Seminar ist mein Lieblingsfach. Wir diskutieren eigentlich durchgehend. Es geht um Kultur in der internationalen Politik, ein Themenbereich den ich aus Deutschland noch gar nicht kenne. Gerade weil ich aus einem anderen Kulturkreis komme, ist es wahnsinnig spannend für mich zu sehen, wie die anderen denken und was ihre Meinung zu bestimmten Themen ist. Ab und zu geht es so heiß her, dass alle plötzlich durcheinanderschreien, natürlich auf Arabisch, und ich gar nichts mehr verstehe. Aber es macht Spaß, die Szenen zu beobachten. Wir müssen für jede Stunde einen Text vorbereiten, ähnlich wie in Deutschland auch. Die Texte kann man sich im hauseigenen Copy-Shop kaufen. Bei praktisch nicht vorhandenem WLAN in der Uni ist das zum Einen nützlich, zum Anderen aber auch eine unglaubliche Papierverschwendung.

Mein letztes Seminar für heute steht an: Die Entwicklung des internationalen Systems. Der Dozent ist lustig, gestaltet die Stunde locker und belohnt richtige Antworten mit einem Pfund. Es hat mehr die Atmosphäre von Unterricht in der Schule als von Uni, aber mir gefällt es. Nur vom Stoff bin ich etwas enttäuscht. Er handelt praktisch nur von westlicher Geschichte – erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg, kalter Krieg. Ich hatte erwartet, auch etwas zum Nahen Osten und dessen Rolle in den Weltkriegen zu erfahren, doch Pustekuchen. Was im 20. Jahrhundert in der arabischen Welt passiert, wird nur selten angeschnitten und auch nur, wenn es für die europäische Geschichte wichtig ist.

Nach dem Seminar unterhalte ich mich noch mit anderen Studenten. Ob ich nicht noch die nächste Stunde bleiben möchte, fragen sie mich. Es geht um politische Theorie und Philosophie, ein Fach, dass ich schon in Deutschland nicht mochte. Behandelt werden Philosophen wie Kant und Marx. Auf meine Frage, ob auch islamische oder arabische Philosophen drankommen, schütteln alle den Kopf.

„Sabrina, wie kommt man nach Europa zum Studieren?“ Diese Frage höre ich allzu oft. Ich erkläre dann immer wieder, dass sie sich für Austauschprogramme oder Stipendien bewerben sollen. Doch dafür braucht man in Ägypten überdurchschnittlich gute Noten. Damit ich nach Ägypten komme, hatte es gereicht, gute Englisch-Kenntnisse vorzuweisen. „Wie sind die Unis in Deutschland?“ Diese Frage folgt meistens. Ich würde sagen, im Gegensatz zu Ägypten sie sind moderner ausgestatten. Sie haben überall WLAN und neuere Möbel. Aber fachlich gesehen, steht die Uni in Kairo Deutschland in nichts nach. Die Dozenten wissen viel und die Vorlesungen haben ein hohes Niveau. Klar, an jeder Uni gibt es gute und weniger gute Dozenten und Vorlesungen, so ist es auch in Ägypten. Aber generell kann ich mich nicht beklagen. Außerdem würde ich sagen, haben deutsche Studenten ein entspannteres Studentenleben. In Ägypten sind alle Prüfungen, Präsentationen und Hausarbeiten im selben Zeitraum. Viele Studenten stehen unter einem großen Leistungsdruck und leiden während der Prüfungszeit unter Stress und Schlafmangel. Nach dem Herbstsemester sind dann nur zwei Wochen Pause, dann geht das nächste Semester weiter. Das wird extra so geplant, damit die Studenten im heißen Sommer lange Semesterferien haben, wobei trotzdem viele in dieser Zeit zusätzliche Sommerkurse belegen.

Sabrina, was willst du hier in Ägypten?

„Was willst du hier in Ägypten? Warum bist du hierhergekommen?“ Das ist eine Sache, die viele ägyptische Studenten nicht verstehen. Warum sollte jemand aus Europa nach Ägypten wollen? Für sie ist Europa oder Amerika das große Ziel. Sie haben das Gefühl, nur dort wirklich Chancen zu haben und nur Erfolg zu haben, wenn sie Ägypten verlassen. Wenn ich dann erkläre, dass europäische Unis auch nicht immer in allem besser sind als die ägyptischen, dann wollen die meisten mir das gar nicht glauben. Für sie ist es der große Traum, irgendwann raus aus Ägypten zu kommen, zumindest für einige Zeit. Mein Interesse an Ägypten, der Region und der Sprache ist für sie nicht nachvollziehbar.

So geht mein Uni-Tag langsam vorbei. „Tschüss Sabrina, bis morgen.“ Ich winke Mohammed zum Abschied, bevor ich mich auf den Weg nach Hause mache. Meistens warte ich noch eine halbe Stunde bis ich endlich ein Taxi finde, um dann nochmal gut eine Stunde durch den Verkehr zu gurken. Zuhause angekommen schlafe ich erstmal und ruhe mich von dem anstrengenden Tag aus. Damit es am nächsten Tag wieder von vorne losgehen kann.