„Gott essen“ – neue Erkenntnisse zum Abendmahl

Nichtreligiöse können darüber nur den Kopf schütteln. Für Christen ist es eine, wenn nicht die zentrale Glaubensüberzeugung: das Herrenmahl oder die Eucharistie. Beim letzten Abendmahl vor seiner Gefangennahme und dem gewaltsamen Tod teilte Jesus Brot und Wein mit den Worten „dies ist mein Leib…, dies ist mein Blut…, tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Worte, die manchen schwer im Magen liegen.

Anselm Schubert, Professor für neuere Kirchengeschichte an der Friedrich Alexander Universität in Erlangen hat darüber ein Buch geschrieben. Es trägt den neugierig machenden wie provozierenden Titel „Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls“. Mit diesem Thema setzt er einen markanten vorläufigen Schlusspunkt der Reihe „Wissenschaft im Schloss“, die von der Nürnberger Zeitung mit kuratiert wird.

Schubert geht davon aus, dass es ein vorgeschriebenes Abendmahlritual bei den ersten Christen nicht gab. Vielmehr haben die Gläubigen ihre Speisen selbst mitgebracht, sie geteilt, gebetet und verzehrt. Brot wurde gebrochen, der Kelch gereicht. Kann sein, dass die Teilnehmer sich das jüdische Pessachmahl zum Vorbild nahmen. Aber dafür gibt es keine Belege. In der Literatur tauchen jüdische Pessachfeiern laut Schubert erst in späteren Jahrhunderten auf. Manche Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass sich Abendmahlritus und Pessachfeier parallel entwickelt haben könnten.

Genaueres über die frühchristliche Praxis erfährt der Leser bei Apostel Paulus, der in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts lebte und die christliche Lehre schriftlich fixierte. Im ersten Korintherbrief ist die Rede davon, dass die Reichen abgesondert im vornehmen Rahmen speisten und eben nicht mit den Armen und Sklaven teilten, die ebenfalls zur Gemeinde gehörten. Paulus sah darin einen Skandal. Denn für ihn ist Christus der Einladende. Und wer Paulus genau rezipiert, erfährt, dass das Brot Symbol für die innere Gemeinschaft ist. „Man isst nicht den Leib, man ist der Leib.“ So deuteten mittlerweile alle ernst zu nehmenden Theologen das Abendmahl.

Nicht so im Mittelalter. Die sogenannte Transsubstantiationslehre war lange maßgeblich. Damit ist die Wesensverwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi gemeint. Danach nehmen die Sinne zwar immer noch Brot und Wein wahr, doch ihre Substanz habe sich geändert. Ein Thema der Scholastik, das über Jahrhunderte diskutiert wurde. Heute sehen selbst katholische Theologen die Transsubstantiationslehre kritisch.
Um die kulinarische Geschichte des Abendmahls zu verdeutlichen, nennt Schubert einige Beispielen. Haben die Gläubigen zuerst Abendmahl wie einst die alten Griechen gefeiert, zu Tische liegend und Wein trinkend, wurde es in späteren Jahrhunderten ritualisiert und kanonisiert.

Manchmal müssen auch Fanta und Reiswaffeln reichen

So verschwand der „Laienkelch“, aus dem nicht nur der Priester, sondern alle trinken durften, weil man fürchtete, das Blut Christi zu verschütten. Anstelle der Weizenhostien wurden in Missionsländern Reis-, Mais- und Kartoffelmehl und sogar Kokosnüsse verwendet. Und wenn kein Wein vorhanden war, taugten auch andere Flüssigkeiten, „selbst Fanta, Cola und Fruchtsäfte“. Evangelikale Gemeinden und die großen Powerkirchen in Amerika sind dazu übergegangen, aus hygienischen Gründen abgepackte Hostien mit Weinkapseln zu segnen und zu verteilen.

Zwar verweigert Rom bis heute den Kirchen der Reformation die Einladung zum gemeinsamen Mahl; in der Evangelischen Kirche Deutschlands sieht Schubert dagegen sogar eine Öffnung hin zur Einladung auch an Nichtchristen. Er selbst lässt erkennen, dass ihm die Art des Feierns im frühen Christentum am ehesten zusagt. Also weniger einem starren Ritus folgend als vielmehr in Form eines Gottesdiensts mit Agapemahl, bei dem Speisen und Getränke gereicht werden.

„Wissenschaft im Schloss“ geht im Mai weiter. Die Vorträge handeln dann von medizinischer Überversorgung, automatischer Musikerkennung und dem Abschmelzen der Gletscher. „Wissenschaft auf AEG“ behandelt im Sommersemester das 100-jährige Jubiläum der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Nürnberg. Das Buch „Gott essen“ von Anselm Schubert ist im Verlag C.H Beck erschienen und kostet 24,95 Euro.

Raimund Kirch