Spanischer Schlendrian? Nicht in Valencia!

Eins sei Vorweg gesagt: Das Klischee, dass es die Spanier mit der Pünktlichkeit nicht so genau nehmen, bestätigt sich auch in der Uni. Wie oft bin ich verschwitzt und abgehetzt zu spät im Unterricht erschienen und der Lehrer war noch nicht mal da.

Ja, ich wähle bewusst die Bezeichnungen „Unterricht“ und „Lehrer“, denn genauso kommt es mir hier auch vor, mehr Schul-Feeling als Universitätsalltag. Hier werden die Lehrer mit Vornamen angesprochen, gesiezt wird keiner. Dennoch ist alles sehr anonym, manche kennen nicht mal den Namen des Dozenten, der wiederum nicht die Namen der Studenten. Darauf wird anscheinend, im Vergleich zur Hochschule zu Hause in Ansbach, wohl kein Wert gelegt.

Hier erkenne ich schnell die ersten Unterschiede zwischen spanischen und Erasmus-Studenten. Während wir Erasmus-Studis immer überpünktlich vor der Tür stehen, schlendern die Spanier auch noch 45 Minuten nach Beginn der Vorlesung in den Saal. Diese Lässigkeit täuscht allerdings. In Spanien gilt generell die Regel: Studium first, the rest second. Nebenjobs? Kurztrips übers Wochenende, wie wir es von daheim kennen? Fehlanzeige. Nur ein Bruchteil der Studenten arbeitet nebenher. Das Studium wird hier wie ein Vollzeitjob angesehen, da bleibt keine Zeit, nebenher Geld zu verdienen. Die meisten wohnen deshalb noch zu Hause und ziehen erst aus, wenn sie einen festen Job haben – was bei der momentanen Situation in Spanien gar nicht so leicht ist. Laut Eurostat , dem Statistischen Amt der Europäischen Union, lag die Jugendarbeitslosenquote im Jahr 2019 bei rund 32 Prozent. Das sind die arbeitslosen 15- bis 24-Jährigen bezogen auf die Erwerbstätigen in dieser Altersklasse. Zum Vergleich: In Deutschland sind es seit Jahren um die sechs bis acht Prozent.

Die Jagd nach Noten

Im Vergleich zum deutschen System müssen sich die Studenten hier ihre Endnote über das ganze Semester zusammensammeln. In Ansbach gab es entweder eine Studienarbeit, die wir bis zum Ende des Semesters produzieren mussten oder eine Zulassungsarbeit für die Klausur in Form einer Präsentation, praktischen Leistung oder Hausarbeit. In meinem Kurs „fotoperiodismo e imagen digital“, sprich Fotojournalismus, gibt es pro Woche sogar zwei Teilnoten. Zu Beginn des Kurses müssen wir unsere Hausaufgabe präsentieren, meist müssen wir ein Bild im Stil eines Fotografen fotografieren oder ein bekanntes Bild nachstellen.

Anschließend gibt es eine Runde Theorie und zum Schluss entweder einen kleinen Test über die frisch gelernte Theorie, um zu kontrollieren, ob auch wirklich alle zugehört haben, oder eine praktische Aufgabe, die innerhalb einer Stunde erledigt werden muss. Für uns Erasmus-Studenten hat das System meiner Meinung nach mehr Vorteile als Nachteile. Hätten wir am Schluss nur eine Klausur, die wir bestehen müssen, wäre das für uns bestimmt eine ziemlich große Herausforderung, die nicht jeder bestehen würde. So können wir das Semester über unsere Teilnoten sammeln. Besteht man alle, hat man 60 Prozent der Endnote erreicht, das bedeutet, dass man in der Klausur auch schlecht abschneiden oder nicht bestehen kann, ohne ganz durchzufallen. Vielleicht auch ein Pluspunkt: Aufgrund der Teilnoten ist ein regelmäßiges Erscheinen im Unterricht Pflicht, der spanische Schlendrian kann sich so gar nicht erst einschleichen.

Obwohl ich nicht immer alles verstehe, schätze ich das Niveau im Vergleich zum Studium in Deutschland ein wenig tiefer ein. In Fotojournalismus etwa reicht es aus, wenn wir die Bilder unbearbeitet mit dem Smartphone schießen. Auch sonst werden in den Kursen eher journalistische Basics behandelt als tiefer in die Materie zu gehen.

Um mein Spanisch auf Vordermann zu bringen, belege ich noch einen Spanisch-Kurs, am Centre d’Idiomes, dem Sprachenzentrum der Uni. Zwei Mal die Woche wiederholen wir dort in kleinen Gruppen von 10 bis 15 Leuten das bisher Gelernte und üben in Teamarbeit den Sprachgebrauch. Obwohl ich spanischsprachigen Familienhintergrund habe, ist meine Grammatik mit den ganzen Vergangenheitszeiten doch ganz schön eingerostet. Es ist aber immer wieder erstaunlich, wie schnell man wieder reinkommt, wenn die anfängliche Schüchternheit abfällt.

Eine gute Möglichkeit, sich nach den Vorlesungen auszupowern, ist der Uni-Sport. Von Aerobic über Surfen bis Yoga, es gibt kaum eine Sportart, die nicht angeboten wird. An jedem der drei Campus-Standorte gibt es ein „centro poliesportiu“, ein riesiges Sportzentrum mit Fußball- und Tennisplätzen sowie kleineren und größeren Sporthallen für Basketball, Handball oder sonstigen Sportarten. Gegen eine Extragebühr können auch ganz normale Bürger Valencias die Sportangebote hier nutzen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es im Bereich der Uni allerlei Unterschiede zwischen beiden Ländern gibt. Die Anwesenheitspflicht sowie die Teilnoten helfen, die Sprache regelmäßig anzuwenden und kleine Arbeiten zu erstellen. Nur Kaffeetrinken und Sonne genießen wäre auf die Dauer ja auch langweilig.

Isabella Fischer

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