Island und seine Schwimmbäder

Für mein Auslandssemester in Island habe ich mich beim Packen für das Schlimmste gewappnet: Schneestiefel, Daunenjacke, noch dickere Daunenjacke, Skiunterwäsche, drei Paar Handschuhe (falls ich zwei verliere), Ohrenwärmer, Wollschal, und wenn die Straßen vereist sind, Spikes zum unter die Schuhe schnallen. Wer hätte ahnen können, dass ich die Hälfte meiner Zeit in Island und die lustigsten Stunden in kochend heißen Schwimmbädern und in natürlichen Hot Pots irgendwo im Nirgendwo verbringen würde? Denn was für die Finnen die Sauna ist, ist für die Isländer das Schwimmbad: Hauptzeitvertreib und sozialer Treffpunkt Nummer eins. Natürlich habe ich keinerlei Schwimmsachen eingepackt, und so marschiere ich eine Woche nach meiner Ankunft im Januar in ein Sportgeschäft und kaufe mir für Sage und Schreibe umgerechnet 70 Euro einen unglaublich hässlichen Badeanzug (vorneweg: ja, Island ist so teuer wie alle sagen). Damit sich der Kauf gelohnt hat, werde ich dieses blassblaue Kostüm tragen bis ich 90 bin.  

Tatsächlich gibt es in Island fast ausschließlich Freibäder. Dabei ist es egal wie klein ein Ort ist, es gibt immer irgendwo ein heißes Becken. Als Vulkaninsel mangelt es Island auch nicht an heißem Wasser. Da kann es passieren, dass man bei einem Roadtrip im Niemandsland auf eine natürliche, warme Quelle stößt und sich die Weiterfahrt um zwei Stunden verzögert. Zu meinem Vergnügen befindet sich auch unweit meiner Unterkunft in Akureyri, die zweit größte Stadt im Norden der Insel nach dem Ballungsraum um Reykjavík, ein Schwimmbad. Nun gibt es in der isländischen Kultur allgemein nicht viele Regeln, die es im Alltag zu beachten gilt. Dooch wenn es um einen Besuch im Schwimmbad geht, wird es ernst. Je wichtiger eine Sache für eine Kultur ist, desto mehr Regeln gibt es dafür.

Bitte nur OHNE Badeanzug waschen

Ich mache mich mit meinem Badeanzug und meiner französischen Mitbewohnerin auf dem Weg. Vor dem Umkleideraum fordert ein breiter Schriftzug an der Wand die Besucher auf, ihre Schuhe in das dafür vorhergesehene Regal zu stellen. Als ich dabei bin, meinen Badeanzug anzuziehen, stellt sich eine Mitarbeiterin vor uns auf. Sie erklärt uns, was auf einem weiteren Schild in sämtlichen Sprachen geschrieben steht: „Alle Gäste müssen sich mit Seife ohne Badeanzug waschen ehe sie in das Schwimmbad gehen. Danke.“ Daneben ist eine Figur abgebildet, deren Kopf, Achsel, Intimbereich und Füße rot eingekreist sind, damit man auch nichts Wichtiges vergisst. Die Französin sieht mich ungläubig an, ich zucke die Achseln. Den Kopf im Spint vergraben und leise vor sich hinfluchend zieht sie ihren Bikini wieder aus und wir gehen duschen.

MIT Badeanzug bekleidet dürfen wir das Freibad betreten. Es gibt ein Schwimmer- und ein Nichtschwimmerbecken mit je 25 Grad Celsius, vier Rutschen, keine Liegewiese oder dergleichen und etwa ein halbes Dutzend „heitur pottur“  – isländisch für „heiße Töpfe“. Sie haben eine Wassertemperatur zwischen 35 und 42 Grad. Die Außentemperatur beträgt an diesem Tag sechs Grad, dementsprechend flitzt jeder auf direktem Weg von Becken zu Becken. Da es Donnerstagmittag ist, teilen wir unseren Topf mit einer Gruppe isländischer Omas, die fröhlich miteinander plaudern.

Nachdem wir fast gar gekocht sind und ich aufgrund des heißen Quellwassers einer Ohnmacht nahe bin, tippeln wir wieder durch die Kälte ins Hauptgebäude. Nach dem zweiten Duschgang gilt es zu beachten, sich RICHTIG abzutrocknen, da der Fußboden der Umkleidekabine unter keinen Umständen mit Wasser in Berührung kommen soll, wie uns die Mitarbeiterin diesmal erklärt.

Victoria Porcu