Bildungsstreik für sanierte Gebäude?

Angesichts der rekordverdächtigen Studentenzahlen erheben die bayerischen Unis – zusammengeschlossen in Universität Bayern e.V. – Forderungen für den Fall, dass die Rekordserie nicht so bald abreißt: In einem Positionspapier fordern sie „umfangreiche Investitionen in die bauliche, apparative und informationstechnische Infrastruktur“. Da ist von einem Investitionsstau die Rede, der zügig abgebaut werden müsse. Den Bedarf für Sanierung von Gebäuden beziffern sie in „Milliardenhöhe“.

Die Angst der Uni-Chefs ist nicht unbegründet. Viele Gebäude sind in die Jahre gekommen. Zu eng geht es ohnehin vielerorts zu. Da den Studentenvertretern mit der Abschaffung der Studiengebühren eines ihrer wichtigsten Themen abhanden gekommen ist, wäre es kaum verwunderlich, wenn sich im kommenden Jahr eine Neuauflage des „Bildungsstreiks“ mit quälender Enge in Vorlesungssälen und einsturzgefährdeten Seminargebäuden befasst. An konkreten Fällen mangelt es nicht. Man denke nur an den maroden Bau der Philosophischen Fakultät in der Erlanger Kochstraße…

fbh

 

Der Bildungsstreik hat keine Zukunft

Beim mit so großem Tamtam angekündigten Bildungsstreik wollten heute in Erlangen gerade einmal 100 Teilnehmer dabeisein – die Polizei spricht sogar nur von 85. Um 13:30 Uhr sollte es losgehen, da waren es höchstens 50. Kein Wunder, denn von konstruktiver Auseinandersetzung mit der Bildungspolitik haben sich die Veranstalter, der der Linkspartei nahestehende Sozialistisch-demokratische Studierendenverband, die SPD-nahe Juso-Hochschulgruppe und die „Linken und Kritischen StudentInnen“, mit ihrer Demo längst entfernt.

Statt sachlicher Kritik wie noch vor zwei Jahren gibt es jetzt nur noch alt-sozialistische Rhetorik: Es geht um „neoliberale Ideologie“, „soziale Selektion“ und „das auf Profit und Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ausgerichtete Wirtschaftssystem der BRD“. Hinten wehen riesige knallrote Fahnen, viele derjenigen, die sich um die Bühne scharen, sehen eher wie Berufsdemonstranten aus. Dazu fallen Slogans wie „Kirche, Privatwirtschaft und Bundeswehr raus aus der Uni!“. Das ist kein Motto, das die Wünsche und Probleme der Mehrheit der Studenten aufgreift. Das mit den Studiengebühren geht fast schon unter, auch von Bachelor-Reformen ist keine Rede mehr. Der Bildungsstreik ist zu einer anstrengenden Zurschaustellung linker Gesinnung und uralter Forderungen geworden. Von der Mitte der Studentenschaft hat sich die Aktion so weit entfernt, dass sie nicht mal mehr ein Promille von ihnen erreicht.

„Beim letzten Mal haben wir uns blamiert“, erinnert sich Lehramtsstudent Matthias K. an die langen Studentenproteste im Winter 2009. „Wir haben keine einzige Forderung von damals durchgesetzt.“ Die Studiengebühren werden immer noch erhoben, die Studienpläne wurden seiner Meinung nach kaum überarbeitet, das günstige Semesterticket wird wohl nie kommen. Jetzt will er „radikalere Aktionen“. Was er damit meint?  „Hmm, vielleicht Flashmobs…“ Soll das ernsthaft ein probabtes Mittel in der Auseinandersetzung um hochschulpolitische Inhalte sein? Die Grüskes dieser Welt werden keine Sekunde mehr drüber nachdenken müssen, ob sie Hörsäle räumen lassen müssen, wenn das das Konzept der „Studentenschaft“ ist. So hat der „Bildungsstreik“ jedenfalls keine Zukunft.

Florian Heider

Ohm-Jahrfeier: Protest soll vor der Tür bleiben

Wegen „Terminüberschneidungen“ hat die Nürnberger Ohm-Hochschule ihre akademische Jahrfeier verschoben: vom Montag dieser Woche auf den 15. Dezember. Die Nachricht von der Verlegung ging den Geladenen erst wenige Tage vorher zu – manche bekamen gar nichts davon mit und standen vor einem leeren Hörsaal. Das kann im Dezember nicht passieren, dann findet die Feier nämlich auswärts statt: im Historischen Rathaussaal.

An die angeblichen Terminüberschneidungen will aber nicht jeder glauben. Ob etwas anderes hinter dem Wechsel von Ort und Zeit steckt, und wenn ja, was, darüber lässt sich nur spekulieren. Insider vermuten, dass die Hochschulleitung sich vor demonstrierenden Studenten fürchtet und den oft gleichzeitig mit ihnen auftretenden Protestlern, die eigentlich ganz andere Ziele propagieren („Kapitalismus abschaffen“). Die hatten vor kurzem Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch bei seinem Besuch am Ohm heftig zugesetzt: Von Störmanövern während seiner Rede bis hin zu derbsten persönlichen Beleidigungen war zu hören.

Weil bekannt ist, dass die Ohm-Leitung vom Hausrecht in eigenen Räumen kaum Gebrauch macht, wird nun spekuliert, dass man sich eventuellen Protest auf andere Weise vom Hals halten will. Zur Jahrfeier im Rathaus wird man laut Einladung nämlich nur mit Einlasskarte gelangen.

fbh

Hörsaal als Schlafzimmer

Hörsaal_OhmDie Studenten haben es sich gemütlich gemacht: Einen Adventskranz haben sie im Foyer der Ohm-Hochschule an der Bahn­hofstraße in Nürnberg stehen, und einen Weihnachtsbaum. Die Hörsaal-Besetzer haben bereits einen Schichtplan entworfen, damit auch über Weihnachten immer jemand das Audimax besetzt hält und die Hochschule nicht einfach über die Feiertage die Türen schließen kann.

Der Hochschulleitung geht die Besetzung schon länger auf die Nerven, auch Prof. Roland Geg­ner, Dekan der Fakultät Betriebs­wirtschaft, hat die Studenten bei einer Podiumsdiskussion vor einer Woche aufgefordert, den Hörsaal wieder für Lehrveranstal­tungen freizugeben: „Am besten schon morgen Früh um 8 Uhr.“ Es grummelt auch unter den Studen­ten: Nicht alle stehen geschlossen hinter dieser Form des Protestes, und nicht alle Kommilitonen ste­hen hinter den Forderungen.

„Das ist eine Unverschämtheit“

Vor allem Studenten der Betriebswirtschaftslehre stört es, dass sie für ihre Pflichtveranstal­tungen aus dem Audimax in klei­nere Räume und teilweise ganz andere Gebäude ausweichen müs­sen – während im Hörsaal sogar unter tags manchmal mehr geschlafen als gestreikt wird. Am Mittwoch gegen 10 Uhr waren im größten Vorlesungsraum an der Bahnhofstraße gerade einmal drei Streikende, alle in ihre Schlafsä­cke eingelümmelt. Die Luft roch verbraucht.

„Das ist eine Unver­schämtheit“, beklagt sich ein Fünftsemestler, und eine Kommi­litonin ergänzt: „Wenn sie wenigs­tens unter tags in einen anderen Raum gehen würden, könnte ich ja noch damit leben.“ Dann würde – argumentieren Befürworter der Besetzung – die Aktion aber deutlich an Gewicht verlieren, der Druck auf die Poli­tik geringer werden. Zum Streik gehört bewusst die Provokation, auch mit geringem Personal – und sogar schlafend – ganze Massen­veranstaltungen lahmzulegen.

Markus Kaiser

Das Audimax als Zweitwohnsitz

StreikzeltSeit zwei Wochen lernen, kochen und schlafen sie dort. Für viele Studenten ist das besetzte Audimax der Uni Erlangen schon fast zu einem zweiten Zuhause geworden. Das nahmen einige nun wörtlich und meldeten den Hörsaal offiziell als „Nebenwohnung“ an. Die Bismarckstraße 1, Adresse der Philosophischen Fakultät und des Audimax, ließen insgesamt sieben Studierende als ihren Zweitwohnsitz bei der Erlanger Meldebehörde eintragen.

„Zu unserer Entschuldigung muss ich sagen, das Gebäude hat wirklich eine Wohnung“, sagte Dietmar Rosenzweig, Leiter der Abteilung für Meldewesen. „Normalerweise sind solche Industriegebäude sonst überhaupt nicht buchbar.“ Die Mitarbeiter an den 16 Schaltern prüfen jede Wohnung, die Audimax-Adresse war im Computersystem verfügbar. „Drei bis vier Studenten in einer Wohnung wären normal gewesen“, sagte Rosenzweig. „Doch nach dem siebten ist es aufgefallen und wir haben das Ganze gestoppt.“ Weil alle „Zugezogenen“ noch in der Behörde waren, sprach Rosenzweig mit ihnen, statt, wie üblich, einen Brief zu schicken. „Die Studenten haben das als PR-Gag gesehen. Und wir fanden es ja auch lustig.“

Christina Merkel

Bald schon ist Weihnachtszeit

BildungsbaumDer Weihnachtsbaum ist mit gelben und roten Papierster­nen geschmückt. Um die Zweige haben sie eine Lichterkette geschlungen. Unter dem Baum lie­gen in Geschenkpapier verpackte Päckchen.

„Oh, oh, wenn das der Haus­meister sieht“, sagt Lorenz Har­tung vom AStA der Ohm-Hoch­schule. „Ich befürchte der Baum steht im Fluchtweg.“ Ihren Weih­nachtsbaum müssen die Besetzer wohl ein Stück zur Seite rücken. Denn auf dem Boden der Hoch­schulaula markieren zwei rot­weiße Klebebänder, einen Gang, der zur Sicherheit frei bleiben muss. Der rund drei Meter breite Streifen zieht sich von der Treppe des Hintereingangs bis zum Haupteingang in der Bahnhof­straße. Trotz des Streik-Ausnah­mezustands – die Bierbänke, der Infopoint, Essensausgabe, Stell­wände, Feldbetten und auch der Christbaum dürfen nur außerhalb des Fluchtweges stehen.

„Wenn nötig, bleiben wir über die Feiertage“

„Wenn nötig, bleiben wir auch über die Feiertage hier“, sagt Har­tung. Heiligabend ohne die Fami­lie? „Mit Freunden feiert es sich doch am schönsten.“ Mit Bekannten aus anderen Hochschulstädten hat der Stu­dent schon gesprochen. Die frag­ten, ob sie nach Nürnberg reisen dürften und mitfeiern. Auch die Studenten in Bam­berg wollen ihre Hörsäle über Weihnachten besetzt halten, soll­ten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. „Wir haben schon Schichtpläne erstellt damit uns der besetzte Raum nicht verloren geht“, sagte ein Sprecher der Besetzer.

In Nordrhein-Westfalen haben die Hochschulleitungen in dieser Woche die Hörsäle in Düsseldorf, Bochum und Bonn räumen lassen. Am Montag trug die Polizei rund 30 Menschen aus dem besetzten Dortmunder Audimax. Als die Polizei den Hörsaal in Münster stürmen wollte, war allerdings niemand mehr dort. Die Studen­ten demonstrierten derweil vor der Uni gegen den Polizeieinsatz.

Christina Merkel

Protest im Internet

InternetProgramm für Montag, 22.11.: 10-13 Uhr Lernphase (Abso­lute Ruhe!), 13 Uhr Infoplenum. Ab 20 Uhr spielt Live-Musik und eine Stunde später beginnt der Karaoke-Wettbewerb auf der gro­ßen Bühne. Wer nicht vor Ort im besetzten Audimax in Erlangen sein kann, der erfährt im Internet genau was passiert.

Die Polizei war noch nicht ganz abgerückt, die Menge im Audi­max gerade dabei ihre Abstim­mungsregeln zu klären, da stand auch von den Nürnberger Beset­zern bereits eine Streik-Home­page im Netz.Auf beiden Internetseiten erfährt der unerfahrene Strei­kende den Tagesablauf, kann sich Infoflyer und Plakate herunterla­den und per Kommentarfunktion über die Forderungen mitdiskutie­ren. Wem Lesen noch nicht genug ist, der kann die Geschehnisse sogar per Live-Video-Stream mit verfolgen. Interviews mit Profes­soren haben die Streikenden auf­gezeichnet und ins Netz gestellt. Natürlich gibt es jede Menge Fotos.

Online statt persönliche Treffen


Als sie Ohm-Hochschulleitung gestern die Studierenden auffor­derte, die besetzten Räume wie­der freizugeben, stand das Schrei­ben sofort im Netz. Die Gegendar­stellung der Besetzer folgte kurze Zeit später. Beide Seiten können ihre verschiedenen Standpunkte nun online nachlesen. Zu Gesprä­chen haben sich die Fronten noch nicht getroffen.

Auf die Vorwürfe, die Besetzter zerstörten das Gebäude, folgte gestern Abend der Online-Gegen­beweis. Fotos von Studenten, die die Toiletten der Ohm-Hoch­schule putzen. „Unter dem Motto ,sauberer Protest’ fand eine gemeinsame Putzstunde der Strei­kenden statt. Vom Fussboden bis zu den Toiletten wird gewischt und geputzt.“ Die „Zuschauer“ zu Hause am Computer applaudieren per Kom­mentarfunktion virtuell Applaus. Immer wieder ist auf beiden Streik-Seiten zu lesen: „Komm vorbei, macht mit!“

Christina Merkel