Duales Studium: Anstrengend, lohnt sich aber

20100526_4c_dual9_big20100526_4c_dual7_bigDas Semester hat vor kurzem erst wieder angefangen und schon muss Martina Baumer wieder lernen. Zusammen mit ihrer Kommilitonin sitzt die Studentin an einer sogenannten Lerninsel in der ehemaligen »Wiso« in Nürnberg. Eine Lerninsel – das ist eigentlich nur ein kleiner Tisch auf dem Gang im 5. Stock. An der Wand hängen Regeln, wie man sich verhalten soll: möglichst leise und kollegial. Auf dem Tisch liegen Bücher, Zettel und Süßigkeiten als Nervennahrung.

Gute Nerven sind für die Studentin gerade besonders wichtig, denn in einer Woche steht die Abschlussprüfung der Industrie- und Handelskammer (IHK) an. Danach darf Martina Baumer sich Industriekauffrau nennen. Ein Semester später kommt der zweite Abschluss dazu: der Bachelor in Wirtschaftswissenschaften.

»Duales Studium« nennt sich die Ausbildung, die Baumer gerade durchläuft. Dabei wird ein Studium an der Universität mit einer Ausbildung in einem Betrieb kombiniert, die in der Regel während der Semesterferien stattfindet. Baumer absolviert ihren Praxisteil bei Siemens in Nürnberg. Es sind jedoch auch andere Betriebe möglich.

Ab dem Wintersemester gibt es neue Kombinationen

Die Vorteile liegen auf der Hand: Praxis und Theorie lassen sich auf diese Weise gut verbinden und die Studenten können wertvolle Kontakte zu Unternehmen aus der Region knüpfen. Außerdem bekommen sie von ihrem Arbeitgeber eine Ausbildungsvergütung gezahlt. Aus diesen Gründen finden immer mehr Studenten das duale Studium attraktiv. Wahlmöglichkeiten gab es bislang keine, einzig Baumers Kombination stand den Studenten offen.

Ab dem kommenden Wintersemester soll sich das jedoch ändern. Aufgrund einer Kooperation zwischen der IHK Nürnberg für Mittelfranken und der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) haben Interessenten dann die Möglichkeit, flächendeckend aus dem gesamten Ausbildungsangebot regionaler Betriebe und aller Studienfächer an der Universität eine duale Wunschkombination von praktischer Ausbildung und wissenschaftlichem Universitätsstudium zu wählen.

Neuartige Kombinationen, wie zum Beispiel ein ingenieurwissenschaftlicher Studiengang, verbunden mit einer Ausbildung in der Wirtschaft, werden dann möglich sein. Insgesamt können rund 200 IHK-Ausbildungsberufe mit mehr als 100 Studiengängen gepaart werden.

Kooperation mit der IHK macht es auch Betrieben leichter

Für Wolfgang Henning, Leiter der zentralen Universitätsverwaltung, ist die Neuerung ein wichtiger Schritt – sowohl aus Sicht der Studenten als auch für Unternehmen. »Bislang mussten Firmen, die an einer Zusammenarbeit im Sektor Ausbildung und Studium mit der Universität interessiert waren, Einzelkooperationen aushandeln, was vor allem für mittlere und kleinere Betriebe ein zu hoher Aufwand war«, sagt er der NZ. »Die neue Form des dualen Studiums ermöglicht es Unternehmen nun, sich auf dem kurzen Dienstweg über die IHK einfach in die Kooperation mit der Universität einzuklinken. Damit können auch kleine und mittlere Betriebe einzelne Azubis ohne großen Aufwand nominieren und so potenzielle Führungskräfte frühzeitig gewinnen.«

Um einen der begehrten Ausbildungsplätze zu ergattern, müssen die Studenten großes Engagement, Interesse und Durchhaltevermögen zeigen. »Wer sich für ein duales IHK-FAU-Studium interessiert, sucht sich zunächst einen betrieblichen Ausbildungsplatz, klärt dort die Modalitäten und schließt einen Ausbildungsvertrag«, rät Henning. »Am besten ist, wenn man gleich im Bewerbungsschreiben deutlich macht, dass man das Potenzial hat und ein duales Studium nach der neuen Kooperation anstrebt.« Die Grundlage sei ein gutes bis sehr gutes Abitur. Danach wählt man seinen Studiengang an der FAU aus und bewirbt sich Anfang Juli für einen Studienplatz.

Ein langer Weg, bis endlich die Zusage da war

Für Martina Baumer war es ein weiter Weg bis zur endgültigen Zusage. »Während der Schulzeit hat mich der Gedanke gereizt, ein Universitätsstudium und gleichzeitig eine Ausbildung zu machen«, erzählt die inzwischen 21-Jährige. »Bei einer Infoveranstaltung bei Siemens habe ich dann das Modell kennengelernt und war interessiert.«

Daraufhin hat sich die Studentin beworben. Es folgten ein Online-Test, ein schriftlicher Eignungstest und eine Auswahltagung. Hier musste Martina Baumer sowohl in Gruppendiskussionen als auch in Einzelgesprächen überzeugen. Im Januar, wenige Monate vor dem Abitur, bekam sie dann die Zusage.

Baumer ist froh, diesen Weg eingeschlagen zu haben: »Es war eine gute Entscheidung, weil man in der Praxisphase austesten kann, was einem liegt. Besonders gefällt mir das Personalwesen«, sagt die junge Frau, die sich in ihrem kleinen Jahrgang mit rund 25 Studenten sehr wohl fühlt. »Wir sind eine offene und kommunikative Truppe, das gefällt mir sehr gut«, ergänzt sie. Außerdem ist sie noch immer vom Praxissemester begeistert, das ihr der Studiengang ermöglicht hat. Im vergangenen Jahr schickte ihr Arbeitgeber Siemens sie zweieinhalb Monate nach Paris.

Trotz der vielen Möglichkeiten, die das duale Studium bietet, gilt es aber auch, die erhöhten Anforderungen zu meistern. »Die Prüfungszeit liegt meistens in den ersten zwei oder drei Wochen der Semesterferien«, sagt Baumer. »Hier muss man sich gut koordinieren können, weil man in der gleichen Zeit ja schon im Betrieb arbeitet. Dann muss man überlegen, ob man für diese Zeit ein paar Tage Urlaub nimmt.«

Kerstin Fellenzer (Text) und Harald Sippel (Fotos)

Die Uni in zwei Städten

Hochschul-Campus in Erlangen? – Fehlanzeige. Nicht nur, dass die Studenten der Friedrich-Alexander-Universität über ganz Erlangen verstreut sind. Nein, sie befinden sich sogar in zwei verschiedenen Städten. Das wäre kein Problem, wenn die einen nur in Erlangen und die anderen nur in Nürnberg studie­ren würden. Tun sie aber nicht.

So müssen die Wirtschaftsinfor­matiker zum Beispiel Informatik an der Erlanger Tech Fak und BWLan der Nürnberger Re Wi stu­dieren. Dass das bei so manchem den Stunden- beziehungsweise Zeitplan gehörig durcheinander­wirft, ist programmiert. Denn wie soll es bei der obligatorischen 30-Minuten-Pause zwischen den Vorlesungen möglich sein, von Erlangen nach Nürnberg oder von Nürnberg nach Erlangen zu gelangen? Fährt der Student mit dem Zug, kommt er zu spät. Ebenso, wenn er den Bus nimmt. Mit dem Auto wäre es fast zu schaffen, wäre da nicht die lang­wierige Parkplatzsuche.

Dass die Uni auf zwei Städte verteilt ist, hat aber auch Vor­teile. So zum Beispiel für die Lehr­amtsstudenten, die manche Vor­lesungen sowohl in Nürnberg als auch in Erlangen besuchen kön­nen. So lässt sich der Stunden­plan flexibler gestalten. Meistens zumindest.

Am Morgen in Erlangen, am Nachmittag in Nürnberg

So müssen beispielsweise die angehenden Lehrer, deren Stu­dium inzwischen auch auf Bache­lor umgestellt wurde, ein Pädago­gik- Modul mit zwei Vorlesungen belegen. Diese Vorlesungen wer­den sowohl in Erlangen als auch in Nürnberg angeboten. „Prima“, dachte sich ein Nürnberger Stu­dent, der die eine Pädagogik-Vor­lesung in Erlangen besucht. „Dann kann ich ja im nächsten Semester die andere Pädagogik-Vorlesung in Nürnberg besuchen und muss nicht mehr pendeln.“ Zu früh gefreut.

Obwohl die Erlanger und die Nürnberger Vorlesungen den iden­tischen Inhalt haben, müssen beide an einem Ort absolviert wer­den. Wer den einen Schein also in der Hugenottenstadt macht, muss seine Leistung für den anderen auch hier erbringen. Und das, obwohl die Lehrveranstaltungen an der gleichen Uni und nur an anderen Orten angeboten wer­den!
Die Begründung des Dozenten: „Die machen das da ein bisschen anders.“ Aha. Fragt sich nur, wie die ach so flexiblen Studenten innerhalb Deutschlands oder gar Europas von einer Hochschule zur anderen wechseln sollen und dabei Scheine anerkannt bekom­men, wenn das noch nicht einmal innerhalb einer Universität funk­tioniert.

Christin Nünemann