Semesterticket: München macht's uns vor

Wer hat’s uns mal wieder gezeigt? Die Münchner natürlich… Dort ist zum laufenden Wintersemester erstmalig für Studenten ein Semesterticket aufgelegt worden, das diesen Namen auch verdient.

In der Landeshauptstadt müssen nun alle Studenten, ob sie wollen oder nicht, für 59 Euro pro Semester eine Art Basisticket erwerben, das zu Fahrten nach 18 Uhr und an Wochenenden berechtigt. Wer zu den Hauptverkehrszeiten die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen will, löst zusätzlich eine Karte für 141 Euro. Für 200 Euro sind Studenten folglich ein halbes Jahr lang im gesamten Raum des Münchner Verkehrsverbundes unterwegs, also nicht nur im Stadtgebiet, sondern auch im Umland.

München: Sockelmodell

Bislang hatten die Münchner die gleichen Widrigkeiten geplagt, wie sie auch Studenten aus Nürnberg und Umgebung kennen. Kurz gesagt: Den beteiligten Verkehrsunternehmen ist das Risiko zu groß, dass sie bei einem Studententicket zu viel draufzahlen. Deswegen gibt es bislang in der Region keine verbundweite Karte. Studenten können wochen- oder monatsweise den Ausbildungstarif nutzen, der auch für Schüler und Azubis gilt, oder Semestermarken für drei oder vier Monate erwerben.

Diese schließen jedoch die „vorlesungsfreie Zeit“ aus. Wer in den Ferien zu Prüfungen oder Bibliotheksrecherchen an die Hochschule fährt, muss wieder eine andere Karte lösen. Vier Monate freie Fahrt im Bereich Nürnberg, Fürth, Stein und Erlangen kosten für Studenten derzeit knapp 252 Euro.

Solidarbeitrag ist vielmehr Zwangsabgabe

In München war die Situation ähnlich. Dort hat sich allerdings nach langer politischer Debatte die Kommune bereiterklärt, für das finanzielle Risiko von Kosten für die beteiligten Verkehrsbetriebe einzustehen. Konkret hat die Stadt München eine Zusage in Höhe von knapp zwölf Millionen Euro über zwei Jahre gemacht. Prognostiziert war, dass den Bus- und Bahnunternehmen in und um München Einnahmen entgehen, wenn weniger als 70 Prozent der Studenten sich für das Gesamtpaket von 200 Euro entscheiden.

Nun sieht alles danach aus, dass die Hürde genommen ist. Das heißt: Weder Verkehrsbetriebe noch die Stadt München müssen draufzahlen. Kritik an diesem Modell gibt es freilich auch. Nicht wegzudiskutieren ist, dass jeder Student 59 Euro Zwangsabgabe – verbrämt als Solidarbeitrag – leisten muss, also auch, wer mit dem Fahrrad, Auto oder zu Fuß zur Hochschule kommt.
Der Erfolg in der Landeshauptstadt macht jetzt auch Nürnberger Lokalpolitiker hellhörig.

Nürnberger Politik entdeckt das Thema Studententicket

Vergangene Woche brachte die SPD-Stadtratsfraktion einen Antrag ein, der für die Region ein ähnliches Modell wie in München vorsieht. Daraufhin teilte die CSU mit, sie habe vor gut zwei Jahren bereits fast das gleiche gefordert, der Antrag liege aber seitdem unbeantwortet beim Oberbürgermeister. Nun spekuliert man bei den Schwarzen, dass sich in dieser Angelegenheit bald etwas tun könnte. Bereits öfter habe die SPD in jüngster Zeit schnell noch einen Antrag gestellt, wenn eine Entscheidung ohnehin kurz bevorgestanden habe, sagt ein prominenter Christsozialer.

Beim Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) stoße das auf offene Ohren. In wenigen Monaten werden frische Daten zur Mobilität der Studenten vorliegen. Danach könne man mit dem Studentenwerk über verschiedene Modelle diskutieren. Wenn die Studenten mehrheitlich hinter einem Sockelmodell à la München stehen und sich die Politik – vielleicht im Rahmen der Metropolregion – auch zu Zusagen bereiterkläre, könnte ein echtes Studententicket kommen, mit viel Einsatz vielleicht schon zum nächsten Wintersemester.

fbh

Profs sollen für Studis spenden

Wenn im neuerdings grün-roten Nachbarland Baden-Württemberg bald die Studiengebühren abgeschafft werden, dann müssen Studenten nur noch in Bayern und Niedersachsen zahlen. Die bayerische Piratenpartei, darüber haben wir vergangene Woche berichtet, will nun die Gebührenpflicht per Volksbegehren und – wenn nötig – Volksentscheid zu Fall bringen.

„In einem Moment der Erleuchtung“, lassen die Polit-Seeräuber die Redaktionen im Freistaat wissen, „hat Horst Seehofer kürzlich angekündigt, die Studiengebühren in Bayern ,auf den Prüfstand zu stellen‘.“ Und Stefan Korner, Piraten-Landeschef für Bayern, ätzt mit Blick auf die FDP: „Leider hat ihn dann die mitregierende Splitterpartei wieder zurückgepfiffen.“ Dass sich Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch, gleichzeitig einer von Bayerns hochsten FDPlern, von einem Piraten-Volksbegehren beeindrucken lässt, gilt als unwahrscheinlich – genauso wie ein erfolgreiches Gebühren-Plebiszit.


Milde Gabe für klamme Studenten

Nochmal zurück zum anderen verbliebenen Gebührenland: In Niedersachsen ist die Diskussion um die Gebühren auch gerade wieder entfacht. Der Grund: Der Hannoveraner Uni-Präsident Erich Barke hatte seine 340 Professoren aufgefordert, für bedürftige Studenten, die sich die Gebühren nicht leisten können, eine Spende aus ihrem Privatvermögen lockerzumachen. An die runde Summe von 1000 Euro hat der Präsident gedacht – und zwar nicht einmalig, sondern pro Jahr. Die Uni bemüht sich, den Spendenaufruf kleinzureden. Es habe sich bloB um eine „interne Diskussionsgrundlage“ gehandelt, wird eine Sprecherin zitiert.

Profs spenden für Studenten – so weit wird es wohl nicht kommen, weder in Niedersachsen noch in Bayern, obwohl viele Dozenten die Gebühren als unsozial ablehnen. Vielleicht sollte die Regierung einfach mal umdenken. Bei der nächsten Gelegenheit könnte sie die Professoren-Besoldung nach unten anpassen und das gesparte Geld zur Senkung der Studiengebühren verwenden. So konnte man die Profs von einer bedauernswerten Ambivalenz befreien: persönlich gegen die Gebühren zu sein, aber am Lehrstuhl das zusätzliche Geld für Lehre und Ausstattung einstreichen zu wollen.

Florian Heider

 

Erlanger Ex-Prof: "Guttenberg hat sich bei meinen Ideen bedient"

Karl-Theodor zu Guttenberg

Karl-Theodor zu Guttenberg

24 Jahre lang war Jürgen Gebhardt Professor am Institut für Politische Wissenschaft der Uni Erlangen, bevor er 2002 in den Ruhestand ging. Teile seiner Schriften sind in der Doktorarbeit des zurückgetretenen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg aufgetaucht. In der Nürnberger Zeitung beschreibt Gebhardt seine „Nachgedanken eines Betroffenen“.

Zweifelsohne erfreut es jeden Forscher, wenn seine wissenschaftlichen Resultate in die Arbeiten des Nachwuchses eingehen und zudem auch von einem kompetenten Gutachter entsprechend positiv bewertet werden. Die von Guttenberg eingereichte Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag“ stellt sich als eine vergleichende Studie zur Entwicklung des westlichen Konstitutionalismus dar und fasst ihren Gegenstand im Sinne einer kulturwissenschaftlichen Verfassungslehre – im Widerspruch zu Positionen, welche die Staatsrechtslehre bislang vertreten hat.

Es ist Guttenberg zuzugestehen, dass er die Absicht hatte, einen eigenständigen Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Interpretation des Konstitutionalismus zu leisten. Dieses ehrgeizige Vorhaben hat ihn jedoch völlig überfordert – trotz meiner ungewollten Hilfe. Somit kam es – wie auch immer dies vor sich ging – zu einer gewaltigen Materialsammlung, die mit und oft ohne bibliographischen Nachweis verarbeitet wurde. Der Eindruck einer Zitatesammlung konnte nur durch den Verzicht auf Nachweise, also durch Plagiate, vermieden werden. Noch schwerer wiegt, dass Guttenberg an seiner systematisch-konzeptionellen Fragestellung scheiterte und sich hierfür bei anderen Autoren bedienen musste. Nur so erklärt es sich, dass auch die von mir vorgelegten, systematisch ausgewiesenen Texte sorgfältig verfremdet, teilweise redundant plagiiert wurden. Ich habe mit anderen Wissenschaftlern somit unwissentlich dazu beigetragen, dass Guttenberg sich den Anschein theoretischer Originalität geben konnte. Den Gutachtern müssen meine Ideen eingeleuchtet haben. Wir, das Ghostwriter-Kollektiv, wurden immerhin mit „summa cum laude“ bewertet.

Akademische und politische Tugenden missachtet

Was die moralisch-politische Frage angeht, hätte der aufstrebende junge Politiker Guttenberg aus seiner Lektüre des von seinem Lehrer hochgeschätzten Klassikertextes, der „Federalist Papers“, einiges über die ethischen Voraussetzungen konstitutioneller Politik lernen können: „Das Ziel einer jeden politischen Verfassung ist oder sollte sein, (…) Regenten zu bestellen, die weise genug sind, um zu erkennen, was dem Gemeinwohl der Gesellschaft am besten dient, und tugendhaft genug, um dieser Erkenntnis gemäß zu handeln.“ Guttenberg hat also nicht nur gegen das verpflichtende Ethos der Wissenschaft verstoßen, sondern auch politische Kardinaltugenden missachtet.