Bälle, Bier und Breitseite bei den Ansbacher O-Tagen

_mg_8697Die Orientierungstage („O-Tage“) in Ansbach haben mittlerweile Kultstatus erreicht. Zum Motto „Pokemon“ feiern in diesem Jahr rund 200 von insgesamt etwa 800 Neu-Studierenden ihren Einstand in der Residenzstadt. Dabei darf vor allem ein Getränk nicht fehlen. „Ich habe ein Strafbier umsonst bekommen. Schau, ein Strafbier“, kreischt Toni seinem neu gewonnenen Kumpel Nils ins Ohr und freut sich dabei, als hätte er eine Prüfung im dritten Anlauf endlich bestanden. Nils rollt mit den Augen und macht Toni seinerseits darauf aufmerksam, dass ihre Gruppe bereits zum nächsten Spiel weitergezogen ist. Also schnell hinterher . . .

Wer zwei Tage vor Studienbeginn nachmittags unbedarft den Ansbacher Campus betritt, dem bietet sich ein nicht ganz alltägliches Bild. Es sind wieder O-Tage, und das bedeutet: Ausnahmezustand. Etwa 200 feierwütige Erstsemester pilgern in zehn verschiedenen Gruppen über den Campus. An mehreren Stationen machen sie Halt und geben bei diversen Trinkspielen ihr Bestes. Flunkyball, Flip Cup, Alkoholnamen raten – die Liste ist lang.

Wer nun denkt, bei der Veranstaltung geht es nur ums „Partymachen“, der liegt falsch. Bei den O-Tagen knüpfen die Neuankömmlinge vor allem erste Kontakte zu anderen Studenten. Der Alkohol ist dabei ein willkommenes Hilfsmittel. Das Event wird traditionell von der Fachschaft der Hochschule organisiert. „Die Planung läuft seit etwa drei Monaten“, erklärt Micha Kolb, BWL-Student und einer der Hauptorganisatoren. „Das Motto in diesem Jahr ist Pokemon, weil das gerade sehr im Trend ist. Passend dazu haben wir auch die Gruppen benannt und deren Betreuer in Pikachu-Kostüm und Co gesteckt.“

Nach den Spielen am Campus ziehen die Grüppchen am frühen Abend dann noch weiter Richtung Innenstadt. Eine Kneipentour samt Getränke-Specials steht an. So lernen die „Erstis“ gleich noch ihre neue Studienheimat besser kennen. Die Passanten auf der Straße machen große Augen beim Anblick des feucht-fröhlichen Mobs, sehen das Spektakel aber eher gelassen. Auch Toni und Nils haben mittlerweile wieder zu ihrer Gruppe gefunden. Unter den O-Tagen haben die beiden Erstsemester eigentlich etwas ganz anderes erwartet: „Wir dachten, da werden uns die Räume und der Campus gezeigt“, geben die Zwei mit einem Schmunzeln auf den Lippen zu. „Aber so, wie es jetzt läuft, ist es natürlich viel lustiger.“

Anna ist Gruppenleiterin und vor allem auf eine Sache besonders stolz: „Es sind sogar Studenten aus Nürnberg gekommen, weil es dort so etwas nicht gibt. Unsere O-Tage haben sich schon rumgesprochen.“ Gegen Mitternacht trudeln die einzelnen Gruppen nacheinander in den Ansbacher Kammerspielen ein. Dort steigt die große Aftershowparty. Aber Vorsicht: Die „Erstis“ sollten es nicht zu sehr übertreiben, schließlich steht an Tag zwei noch ein Weißwurstfrühstück auf dem Campus an. Etwa 100 Leute haben sich dazu tapfer aus ihren Betten gequält. Den Einstand in die Studentenzeit werden die „neuen Erstis“ so schnell wohl nicht vergessen.

Eva Orttenburger

Wohin Geisteswissenschaften führen

„Und, was wollen sie später einmal damit werden?“ Resigniertes Schweigen tritt ein. Da war sie wieder, die schlimmste aller möglichen Fragen.
Und das nur, weil die angesprochenen Teilnehmer im Anglistikseminar Englisch auf Bachelor studieren und nicht auf Lehramt. Die zukünftigen Lehrer und Lehrerinnen bleiben dagegen vom prüfenden Blick der Dozentin verschont. Schließlich ist ihr späterer Beruf klar. Wenn es jedoch um die Zukunftsaussichten der übrigen Studenten an der Philosophischen Fakultät geht, die eine Sprache, Philosophie, Politikwissenschaft, Theater- und Medienwissenschaft oder Buchwissenschaft studieren, so erscheinen diese unvorhersehbar. Hinter diesen Studiengängen steht schließlich kein einheitliches Berufsbild.

Quälende Unsicherheit beim Blick in die Zukunft

Diese Tatsache wird von Außenstehenden häufig als Chance aufgefasst. Für die Studenten selber jedoch bedeutet sie vor allem eines: quälende Unsicherheit, die mit jedem neuen Semester deutlicher zu spüren ist. Pascal Fetter studiert Kulturgeographie, denn „dieses Fach interessiert mich einfach am meisten“. Trotzdem muss er zugeben: „Es beunruhigt mich schon, dass ich nicht weiß, was ich nach der Uni damit mache.“ Natürlich versuche die Universität durch die BA-Studiengänge eine bessere Ausrichtung auf die Arbeitswelt zu ermöglichen, findet Thomas Krusche von der Studierendenberatung: „Es gibt zusätzliche Praktika, Kurse und Schlüsselqualifikationen in diesen Studiengängen. Damit sind sie durchaus ein Fortschritt gegenüber dem Magister, der noch viel freier war.“

Doch damit ist es eben nicht getan. Kristina Maul ist Mitarbeiterin des Sprachenzentrums und steht als Lehrende im regen Austausch mit ihren Studenten. Sie kennt die Problematik und findet, dass „der Arbeitsmarkt in der Region nicht sehr offen und wenig kommunikativ“ ist.

Als potenzieller Arbeitnehmer weiß ein Student oft nicht, an welchen Arbeitgeber er sich mit seinem abgeschlossenen Studium wenden kann. Die Folgen sind nicht zu übersehen. Es spräche für sich, findet Kristina Maul, dass die Fachschaftsinitiative der Politologen ihre Homepage ‚Später-mal-Taxifahrer.de’ nennt. „Es gibt auch BA-Studenten“, sagt sie, „die sich scheuen, anschließend noch einen Master zu machen und stattdessen nach dem Bachelor lieber eine Ausbildung anfangen.“

Susanne besuchte so manchen Kurs von Kristina Maul. Mittlerweile befindet sie sich im Endspurt ihres Zwei-Fach-Bachelors in English-and-American-Studies und Geschichte. Mehr denn je grübelt sie deshalb darüber, was einmal aus ihr werden soll. „Ich würde eigentlich gerne den Master in Anglistik machen, denn in meinem Zweitfach fühle ich mich zu Hause. Aber ich habe Angst, dass der Master zu unspezifisch für den Arbeitsmarkt ist“, sagt die 23-Jährige. Sie schreibt gute Noten und hat ein Semester im Ausland verbracht, um ihre Sprachkenntnisse zu perfektionieren. Sobald jedoch Familie oder Freunde nach ihren beruflichen Plänen fragten, fühle sie sich unbehaglich. „Ich weiß gar nicht, wie oft ich seit dem Beginn meines Studiums ‚Nein, nicht auf Lehramt’, gesagt habe“, erklärt sie.

Allerdings ist selbst das Lehramtsstudium längst kein Garant mehr für einen unkomplizierten Berufseinstieg. Viele Fächerkombinationen – von Mathe, Physik und Chemie einmal abgesehen – sind so begehrt, dass es inzwischen zu viele angehende Lehrer gibt. „Das geht sogar so weit, dass die Lehramtsstudenten neben ihrem Hauptstudium auch noch einen Masterabschluss machen“, sagt Thomas Krusche von der Studienberatung. Kristina Maul hofft, dass künftig Informationsmessen helfen, die Studenten über konkrete Berufsbilder und die für sie infrage kommenden Arbeitgeber aufzugeklären. Außerdem sollte es in jedem Fach Pflichtpraktika geben, so wünscht es sich die Mitarbeiterin des Sprachenzentrums. Dies könnte bewirken, dass weniger Studenten auf die völlig offengehaltene Standard-Antwort ausweichen müssen: „Ich möchte später für eine internationale Organisation im Ausland arbeiten.“

Sarah Hermanns

Das neue Semester in Zahlen

Vergangene Woche hat das neue Semester begonnen, nun wurden die Studierenden gezählt. An der Uni Erlangen-Nürnberg studieren so viele Menschen wie nie zuvor. Genau 33400 Studierende zählt die Universität zu Beginn des Semesters. Sie ist damit die größte Hochschule Nordbayerns und erstmals die zwölftgrößte in ganz Deutschland. „Größe ist zwar kein Maß von Qualität“, sagte Uni-Präsident Karl-Dieter-Grüske bei der Präsentation der Ergebnisse, „aber ein Zeichen für die Attraktivität unserer Hochschule ist es schon.“ Noch vor zehn Jahren waren lediglich 20606 Studenten an der FAU eingeschrieben. Die NZ zeigt die Zahlen des neuen Semesters im Überblick:

– 6789 Studienanfängerinnen und -anfänger haben sich in Erlangen erstmals für ein Studium immatrikuliert.

– Darunter sind zum ersten Mal seit acht Jahren wieder mehr männliche als weibliche „Erstis“ – und zwar 3482 neue Männer an der Uni gegenüber 3307 neuen Frauen. Der Grund dafür liegt wohl im Wegfall der Wehrpflicht.

– Insgesamt haben jedoch weiterhin die Studentinnen die Nase vorne, wenn auch nur knapp. An der FAU studieren 238 Frauen mehr als Männer. Die Jungs holen auf: Im vergangenen Jahren lag der Unterschied noch bei 1375.

– Heuer besonders interessant sind die Absolventen des doppelten Abiturjahrgangs in Bayern. 29 Prozent der neuen Studierenden sind aus dem letzten G9-Jahrgang. Knapp ein Drittel (32 Prozent) hat erstmals G8-Abitur. Die restlichen 39 Prozent haben die Hochschulreife bereits schon länger bestanden oder kommen aus anderen Bundesländern.

– 14 Erstis waren bei der Einschreibung noch unter 18 Jahre alt.

– Die meisten Neuzugänge – 1972 Studenten – gab es an der Technischen Fakultät. Den größten prozentualen Zuwachs verzeichnen die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, deren Anfängerzahlen um 43,2 Prozent gestiegen sind. Die zahlenmäßig größte Fakultät bleibt die Philosophische mit 9289 Studierenden.

– Der größte Hörsaal der Uni fasst 850 Sitzplätze, doch weil das nicht genügt, finden die Grundvorlesungen in Mathematik künftig in der Erlanger Stadthalle statt.

– An der FAU studieren in diesem Semester Menschen aus 108 verschiedenen Ländern. Die meisten kommen aus China (303), gefolgt von der Türkei (259) und Russland (157). Die weiteste Anreise hat ein Student aus Neuseeland hinter sich.

Christina Merkel

WiSo: Kuschelstimmung im Hörsaal

Zwei Abiturjahrgänge, dazu noch die Wehrdienstbefreiten. Um den Rekordansturm zu entzerren, wurde auch an der Friedrich-Alexander-Universität viel geplant: 360 neue Dozentenstellen, Zusatzgebäude oder mehrere Termine zum Studienbeginn. Doch mit 1700 Erstsemestern wird es voll und kuschelig in diesem Winter an Nürnbergs WiSo.

„Geh schnell in die Mensa, sonst kriegst du keinen Platz mehr“, ruft Eva Preiß einer ihrer Kommilitoninnen zu, die daraufhin versucht, eilig durch die Studentengrüppchen über den Hof zu kommen. Eva ist 24 und gehört momentan schon zum „alten Eisen“ an der Wiso. Seit sieben Semestern studiert sie hier Wirtschaftspädagogik.

Sie versucht, cool zu bleiben angesichts des Rekordansturms der Erstsemester auf die Fakultät. „Für mich wird es nicht mehr so schlimm werden, ich bin fast fertig“, sagt sie und grinst etwas erleichtert. „In den Übungen mit begrenzter Teilnehmerzahl könnte es aber richtig eng werden“, befürchtet sie. „Viel können die Unis doch auch nicht machen“, meint die Nürnbergerin. „Sie haben halt einfach nicht mehr Raum schaffen können.“

Raum – das Zauberwort dieser Tage. Hörsaal 4. In einer halben Stunde soll hier die „Einführung in die Mathematik“ stattfinden, für die Wirtschaftswissenschaftler zu Studienbeginn eine Pflichtveranstaltung. Drei Viertel des riesigen Saals sind bereits belegt. In Strömen pilgern weiter und weiter Studenten ein. Einige machen mit ihren Handys Fotos von den Vorlesungszeiten – keiner will gleich am ersten Tag die Übersicht in diesem Getümmel verlieren.

Um die Situation zu entzerren, durften sich bereits im Sommer 1300 G9-Abiturienten an der FAU immatrikulieren. „Das ist die Hälfte der 2550 Studienanfänger gewesen“, rechnet Heiner Stix, Leiter der Kommunikation an der Universität.

„Mein erster Eindruck war ziemlich heftig“, gesteht dennoch Eva Fuss, die in ihr Studium in Statistik und empirische Wirtschaftsforschung startet. „Ich hatte ja keine Vorstellung, wie voll das wird“, klagt die 31-Jährige. Sie und Freundin Katja Walz wollen daher künftig früher aufstehen, um einen Platz in den überfüllten Hörsälen zu ergattern. „Ansonsten muss ich mir die Videos von den Vorlesungen im Internet ansehen und nachbereiten.“

Kevin Pubatz freut sich vor allem über seinen ersten Tag als Student. Denn der Baden-Württemberger profitiert von der Wehrpflichtreform. „Das ist zwar gut für mich, aber ein weiterer Hammer für die Uni.“ Kevin beginnt sein Studium in Wirtschaftswissenschaften und ächzt bereits nach der Einführungsvorlesung.

„In den Haupthörsaal konnte man gar nicht mehr rein, aber immerhin haben sie eine Live-Übertragung in einen anderen Hörsaal gestellt“, sagt der 20-Jährige und befürchtet: „Die Dozenten werden in den ersten Semestern ziemlich aussieben, um die Engpässe aufzulockern.“

Engpässe gibt vor allem bei den Sprachkursen, erzählt Katrin Ziegler von der Fachschaftsinitiative der WiSo. „Wir haben einfach keine Räume mehr für die Sprachkurse. Das wird ein echtes Problem“, sagt sie. Der reguläre Uni-Betrieb werde sich schnell einpendeln, doch auch die zusätzlichen Sprachkurse reichten nicht. „Sie könnten nur noch Kurse auf Samstagabend oder Sonntag legen“, sagt die 21-Jährige.

5500 Studenten drängen sich fortan an der Langen Zeile. Tausend weniger waren es zur gleichen Zeit vor einem Jahr. „Den ersten Hochrechnungen zufolge haben wir an der Wiso 1700 Anfänger“, sagt Stix. Das sind nochmals rund 400 Studenten mehr als im Winter 2010/2011.

Insgesamt starten rund 6770 Neustudenten an allen Fakultäten. Knapp 29 Prozent von ihnen sind Teil des letzten G9-Jahrgangs, 33 Prozent sind G8-Absolventen, berichtet Stix. „Seit drei Jahren haben wir eine eigene Abteilung, die sich nur mit dem doppelten Abiturjahrgang auseinandersetzt.“ Hinzu kommen die Maßnahmen wie die Einstellung von Zusatz-Personal. „Wir wissen nicht, was auf uns zukommt, aber wir sind gut gerüstet“, verspricht er.

Andrea Munkert

Fleißige Helfer zahlen keine Miete

Eine Villa in Büchenbach, auf einem riesigen Grundstück mit Swimmingpool – dort hat die 17-jährige Berufsfachschülerin zwei Zimmer mit Blick ins Grüne bezogen. Wie sie sich das leisten kann?

Ganz einfach. Das Ehepaar Meyer hat gern Leben im Haus und freut sich über ein wenig Hilfe. Platz gibt es genug, die drei Kinder der beiden sind längst ausgezogen, die eigene Hausarztpraxis ist geschlossen. „Ich habe für Chiara mein altes Arbeitszimmer im zweiten Stock geräumt und das Gästezimmer darf sie auch noch bewohnen“, sagt Otto Meyer. „Da darf sie machen, was sie möchte“, grinst der 93-Jährige. Als Gegenzug geht Chiara ihm und seiner Frau im Haushalt zur Hand. Obwohl die beiden eigentlich auch sehr gut allein zurechtkommen. „Ich koche jeden Tag noch selbst“, sagt Elisabeth Meyer stolz. Nur ab und zu, wenn es darum geht, die Spülmaschine einzuräumen, oder schnell etwas aus dem Keller zu holen, ist die 91-Jährige froh, wenn Chiara aushilft.
Hoffnungslos auf Zimmersuche

„Wir haben auch ausgemacht, dass ich jeden Tag das Frühstück vorbereite und die Zeitung ins Haus hole“, sagt Chiara. Manchmal übernimmt sie auch leichte Arbeit im Garten, gießt die Blumen und sammelt das Laub der vielen Bäume zusammen. Die angehende Fremdsprachenkorrespondentin ist froh, bei den Meyers untergekommen zu sein. Nicht nur, weil sie dann nicht allein in einer fremden Stadt wohnt, Berührungsängste hat die Schülerin, die bereits ein Jahr in Russland verbracht hat, schließlich nicht. Doch dafür war die Zimmersuche in Erlangen umso problematischer. Zunächst hatte sie sich eigentlich nach einer Studenten–WG umgesehen. Bei den meist etwas älteren Bewohnern hatte sie als erst 17-Jährige aber keine Chance. Auf ein begehrtes Zimmer im Wohnheim hatte die Eppingerin auch keine Aussicht. Dort hätte sie Abitur nachweisen müssen, um überhaupt unterzukommen. Sie wollte ihre Ausbildung aber schon nach der Mittleren Reife beginnen.

Also suchte ihre Mutter im Internet und stieß auf das Projekt „Wohnen für Hilfe“, ein Programm der Stadt Erlangen in Kooperation mit dem Studentenwerk, das Wohnpartnerschaften zwischen Jung und Alt vermittelt. Bislang haben sich neun solcher alternativen Wohngemeinschaften in der Region zusammengefunden, drei weitere Haushalte haben laut Gabriela Hesel von der Stadt Erlangen schon zugesagt.

Gerade in Erlangen gibt es viele Haushalte, in denen sich noch Platz für Studenten finden ließe, allerdings fehlt bei einigen älteren Menschen die Bereitschaft, einen Fremden mit einziehen zu lassen. „Viele haben Angst, dann nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein“, bedauert Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis. Dabei könnten doch die Generationen unter einem Dach nur voneinander profitieren.

Die Meyers haben das verstanden. „Du sitzt ja da wie die Königin Viktoria“, lacht Otto Meyer spitzbübisch, als er zu seiner Frau in die Küche kommt und sie vom bequemen Hocker aus Chiara zusieht, die gerade die Spülmaschine ausräumt. Die 91-Jährige freut sich, schließlich war sie es, die die Idee hatte, junge Studenten im Haus aufzunehmen. „Letzten Winter erst“, erzählt sie, „hatten wir ein ganz nettes Mädchen hier. Eine junge Frau aus Polen.“ Sie wohnte damals in Nürnberg und kam zum Putzen zu den Meyers. Als sie dann für das Studium nach Erlangen ziehen wollte, bot ihr Elisabeth Meyer ein kostenloses Zimmer an. Gegen etwas Hilfe im Haushalt. „Wir haben doch so viel Platz hier, es wäre doch schade, wenn wir das nicht mit der jüngeren Generation teilen könnten“, sind sich die beiden einig. Angst, als billiger Helfer ausgenutzt zu werden, müssen Studenten dabei nicht haben. „Als Faustregel gilt: eine Stunde Arbeit für einen Quadratmeter Wohnraum im Monat“, erläutert Hesel das Projekt.

Mehr würde Chiara wahrscheinlich auch nicht schaffen, wenn sie morgens um 8 Uhr in die Schule geht, erst am späten Nachmittag zurück kommt und dann noch lernen muss. Vielmehr geht es darum, Ansprache zu haben und präsent zu sein. So ist der Umgang im Hause Meyer auch sehr liebevoll. Da kommt es schon einmal vor, dass Elisabeth Meyer den Arm um Chiara legt, als sei sie ihre Enkelin.

Julia Vogl

Feiern mit Muskelaufbau

Da war der Aufzug noch ganz

Party auch im Aufzug

Eine Hausparty ist das Tollste. Vorausgesetzt man hat ein Haus. Aber wieso sollte man sich von 16 Quadratmetern Wohnheim­zimmer davon abhalten lassen eine Party mit fast 100 Leuten zu schmeißen? Das dachten sich zumindest acht mutige Zimmer­inhaber eines Studentenwohn­heims. Sie organisierten das „Wohnheimzimmer-Hopping“ – ein Abend, acht Zimmer, acht Party-Orte zu je 16 Quadratmeter und viele Studenten. Ein Feier­konzept, das für viel Spaß sorgte.

Weniger spaßig war das Trep­pensteigen. Wenn die Gäste bei sechs Stockwerken mehrmals vom Erdgeschoss nach ganz oben laufen mussten, fühlten sie sich wie beim berühmten Treppenlauf im Empire State Building. Feiern und Oberschenkeltraining – nicht jeder kann von sich behaupten, das sonst gleichzeitig an einem Abend zu absolvieren.

15 Studenten passen nicht in einen Aufzug

Nimmt man eben den Aufzug? Gute Idee, doch auch der wurde in eine eigene „Party-Area“ umfunktioniert. Rund 15 Hop­ping- Teilnehmer und eine Holz­bank passten hinein. Mitfahren auf eigene Gefahr – Steckenblei­ben inklusive – die zulässige Trag­last war überschritten.

Die Zimmerinhaber gaben sich wirklich Mühe, auf 16 Quadratme­tern das Ambiente einer Groß­raumdisko zu bieten: Mehrere hüfthohe Bassboxen, hektische Stroboskoplichter und engster Körperkontakt. Da wurde auch auf den Stühlen getanzt. Und wenn neben einem Stuhl ein Bett stand, kam eins zum anderen. So ein Wohnheimbett steckt einen beherzten Sprung jedoch nicht so gut weg wie erwartet.

Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Die Partygäste ver­wandelten das Wohnheim in ein Sägewerk. Die nüchterne Bilanz dieser Nacht: Ein kaputter Auf­zug, mehrere ausgelöste Feuer­löscher, abgerissene Türschilder, geklaute Fußmatten, Stühle und Schuhe, Verwüstung im ganzen Haus und Partyverbot für das gesamte Wohnheim.

Sarah Schultes

Hörsaal als Schlafzimmer

Hörsaal_OhmDie Studenten haben es sich gemütlich gemacht: Einen Adventskranz haben sie im Foyer der Ohm-Hochschule an der Bahn­hofstraße in Nürnberg stehen, und einen Weihnachtsbaum. Die Hörsaal-Besetzer haben bereits einen Schichtplan entworfen, damit auch über Weihnachten immer jemand das Audimax besetzt hält und die Hochschule nicht einfach über die Feiertage die Türen schließen kann.

Der Hochschulleitung geht die Besetzung schon länger auf die Nerven, auch Prof. Roland Geg­ner, Dekan der Fakultät Betriebs­wirtschaft, hat die Studenten bei einer Podiumsdiskussion vor einer Woche aufgefordert, den Hörsaal wieder für Lehrveranstal­tungen freizugeben: „Am besten schon morgen Früh um 8 Uhr.“ Es grummelt auch unter den Studen­ten: Nicht alle stehen geschlossen hinter dieser Form des Protestes, und nicht alle Kommilitonen ste­hen hinter den Forderungen.

„Das ist eine Unverschämtheit“

Vor allem Studenten der Betriebswirtschaftslehre stört es, dass sie für ihre Pflichtveranstal­tungen aus dem Audimax in klei­nere Räume und teilweise ganz andere Gebäude ausweichen müs­sen – während im Hörsaal sogar unter tags manchmal mehr geschlafen als gestreikt wird. Am Mittwoch gegen 10 Uhr waren im größten Vorlesungsraum an der Bahnhofstraße gerade einmal drei Streikende, alle in ihre Schlafsä­cke eingelümmelt. Die Luft roch verbraucht.

„Das ist eine Unver­schämtheit“, beklagt sich ein Fünftsemestler, und eine Kommi­litonin ergänzt: „Wenn sie wenigs­tens unter tags in einen anderen Raum gehen würden, könnte ich ja noch damit leben.“ Dann würde – argumentieren Befürworter der Besetzung – die Aktion aber deutlich an Gewicht verlieren, der Druck auf die Poli­tik geringer werden. Zum Streik gehört bewusst die Provokation, auch mit geringem Personal – und sogar schlafend – ganze Massen­veranstaltungen lahmzulegen.

Markus Kaiser

Bald schon ist Weihnachtszeit

BildungsbaumDer Weihnachtsbaum ist mit gelben und roten Papierster­nen geschmückt. Um die Zweige haben sie eine Lichterkette geschlungen. Unter dem Baum lie­gen in Geschenkpapier verpackte Päckchen.

„Oh, oh, wenn das der Haus­meister sieht“, sagt Lorenz Har­tung vom AStA der Ohm-Hoch­schule. „Ich befürchte der Baum steht im Fluchtweg.“ Ihren Weih­nachtsbaum müssen die Besetzer wohl ein Stück zur Seite rücken. Denn auf dem Boden der Hoch­schulaula markieren zwei rot­weiße Klebebänder, einen Gang, der zur Sicherheit frei bleiben muss. Der rund drei Meter breite Streifen zieht sich von der Treppe des Hintereingangs bis zum Haupteingang in der Bahnhof­straße. Trotz des Streik-Ausnah­mezustands – die Bierbänke, der Infopoint, Essensausgabe, Stell­wände, Feldbetten und auch der Christbaum dürfen nur außerhalb des Fluchtweges stehen.

„Wenn nötig, bleiben wir über die Feiertage“

„Wenn nötig, bleiben wir auch über die Feiertage hier“, sagt Har­tung. Heiligabend ohne die Fami­lie? „Mit Freunden feiert es sich doch am schönsten.“ Mit Bekannten aus anderen Hochschulstädten hat der Stu­dent schon gesprochen. Die frag­ten, ob sie nach Nürnberg reisen dürften und mitfeiern. Auch die Studenten in Bam­berg wollen ihre Hörsäle über Weihnachten besetzt halten, soll­ten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. „Wir haben schon Schichtpläne erstellt damit uns der besetzte Raum nicht verloren geht“, sagte ein Sprecher der Besetzer.

In Nordrhein-Westfalen haben die Hochschulleitungen in dieser Woche die Hörsäle in Düsseldorf, Bochum und Bonn räumen lassen. Am Montag trug die Polizei rund 30 Menschen aus dem besetzten Dortmunder Audimax. Als die Polizei den Hörsaal in Münster stürmen wollte, war allerdings niemand mehr dort. Die Studen­ten demonstrierten derweil vor der Uni gegen den Polizeieinsatz.

Christina Merkel

Hochzeit im Hörsaal

"Ja"-Sagen können Paare auch an der Uni Erlangen

Manch einer ist sicher froh, die Uni endlich hinter sich gelassen zu haben. Seinen Hörsaal nicht mehr betreten und nie wieder auf den unbequemen Holzstühlen Platz nehmen zu müssen. Wer aber seine große Liebe an der Hochschule kennengelernt hat, kann dort nun auch den Bund fürs Leben schließen.

An der Leibniz-Universität Hannover wird Ende Juli zum ersten Mal im Hörsaal einer deutschen Universität geheiratet. Die rund 60 angekündigten Gäste werden in den aufsteigenden Stuhlreihen sitzen, in denen sonst Studenten Mathematik pauken. Auf Wunsch des Brautpaares soll das Ambiente möglichst unverändert bleiben, lediglich ein paar Blumen werden wohl die Reihen schmücken. Er fühle sich der Uni noch immer sehr verbunden, begründet der Bräutigam seine Platz-Wahl. Er hat in Hannover seinen Abschluss als Diplom-Pädagoge gemacht. Außerdem könnten so alle Freunde die Trauung miterleben, im örtlichen Standesamt wäre zu wenig Platz.

Elke Zapf, Pressesprecherin der Fachochschule Nürnberg, ist von der Uni-Hochzeit begeistert: „Auf die Geschäftsidee sind wir noch nicht gekommen. Das wäre eine tolle neue Sponsoring-Möglichkeit.“ Ehen unter Studenten gibt es an der Fachhochschule durchaus. „Doch die wurden nicht im Hörsaal geschlossen, das wäre mir sicher aufgefallen.“

Die Orangerie der Uni Erlangen ist eigentlich Sitz der Institute für Kirchenmusik und Kunstgeschichte. Doch nach der Sanierung kann auch hier wieder jeden Freitag standesamtlich geheiratet werden. Der barocke Wassersaal bietet Platz für 130 Personen. „Wir vermieten auch unsere Hörsäle“, sagt Ute Missel, Sprecherin der Uni Erlangen. Die Preise werden vom bayerischen Staat festgelegt. Bislang nutzten dieses Angebot hauptsächlich externe Firmen. „Doch wenn wir eine längerfristige Anfrage bekommen, dürfte auch eine Hochzeit kein Problem sein“, sagt Missel. Zum Beispiel mit Sektempfang im Schlossfoyer. Nur einer anschließenden großen Party stehe die Uni wohl kritisch gegenüber.

In den USA sind Hochzeiten auf dem Campus weiter verbreitet. Viele Unis besitzen sogar eine eigene Kirche. In Hannover darf nur während der vorlesungsfreien Zeit „Ja“ gesagt werden. Im Semester bleibt der Hörsaal für Vorlesungen reserviert.

Christina Merkel