Zu alt für Geburtstag?

In jedem Erwachsenen steckt ein Geburtstagskind. Das möchte einmal im Jahr herausge­lassen und beachtet werden – auch an der Uni.
Schokoladenkuchen oder kleine Brezeln für jeden Spielka­meraden haben die Drei- bis Fünf­jährigen in den Kindergarten mit­gebracht, wenn sie Geburtstag hatten. Manchmal bekam jedes Kind der Gruppe auch ein kleines Päckchen mit Gummibärchen oder ein Sandförmchen ge­schenkt, zum mit nach Hause neh­men. Die Kindergärtnerin wusste den Geburtstag jedes ihrer Schützlinge. Nach der Früh­stückspause sangen alle „Wie schön, dass du geboren bist“ und das Geburtstagskind durfte auf einem besonderen Platz sitzen.

In der Grundschule hingen an der Wand neben der Tafel 24 rote Papierbilderrahmen. In jedem das Foto eines Klassenmitglieds, darunter war das Geburtsdatum geschrieben. Spätestens als alle Kinder die Zahlen gelernt hatten, konnte jeder nachsehen, wann der Banknachbar Geburtstag hatte. Die Lehrerin schenkte dem Geburtstagskind einen Gut­schein, für einmal Hausaufgaben nicht machen müssen.

Trotzdem habe ich Kuchen dabei

Der Professor räuspert sich laut. Ich sitze mit 200 weiteren Studenten in der Physikvorle­sung. Keiner hier weiß, dass ich heute Geburtstag habe. Es ist mein erstes Semester an der Uni, bis Januar haben sich meine Kom­militonen bestenfalls die Namen ihrer ständig wechselnden Bank­nachbarn gemerkt, aber nicht deren Geburtsdatum. Neben der Tafel hängen keine Papierrah­men. Keiner singt mir ein Lied.
Trotzdem habe ich Kuchen dabei. Im Seminar am Nachmit­tag sind wir nur zu zwölft. Eine, mit der ich mich seit dem ersten Tag gut verstehe, läuft auf mich zu: „Alles Gute zum Geburtstag!“ Jetzt wissen es alle. Sie gratulie­ren und ich packe den Kuchen aus. „Das ist ja wie im Kindergar­ten hier“, sagt der Professor. Zum Glück.

Christina Merkel

Erzieher mit Bachelor-Abschluss

Von Christiane Fritz

Das Kind war aggressiv. Regelmäßig testete der Bub seine Grenzen aus. Die Erzieherinnen konnten sich das Benehmen des Jungen nicht erklären. „Plötzlich ist mir klar geworden, dass das Kind eine Bindungsstörung hat“, erinnert sich Sylvia Demin, Erzieherin in der Nürnberger Kindertagesstätte MOMO. Dass auffälliges Verhalten häufig ein Symptom dieser Störung ist, hatte die 49-Jährige vor kurzem erst im Studiengang „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ gelernt.

Seit dem letzten Wintersemester bietet die Evangelische Fachhochschule Nürnberg den berufsbegleitenden Bachelorstudiengang an. In sechs Semestern lernen die Teilnehmer die theoretischen Grundlagen von Erziehungs- und Bildungsprozessen kennen. Ein Schwerpunkt des Studiengangs ist die Frühpädagogik, die auch auf eine Förderung der Kinder im Alter von bis zu drei Jahren zielt. Die Studenten erfahren welche Methoden die Persönlichkeit und sprachliche Entwicklung ihrer Schützlinge fördern und wie einem möglichen Suchtverhalten vorgebeugt wird.

Sylvia Demin, die im zweiten Semester immatrikuliert ist, lernte, dass die Entwicklung des Kindes unterstützt wird, wenn Erzieherinnen und Eltern zusammenarbeiten. „Es geht nicht mehr nur um die Betreuung“, erklärt die Leiterin des Studiengangs, Prof. Roswitha Sommer-Himmel. Wichtig sei es, die Eltern in den Entwicklungsprozess des Kindes in so genannten Erziehungspartnerschaften mit einzubeziehen.

„Ich hatte immer das Gefühl, dass etwas fehlt“, begründet Demin ihre Entscheidung, ein Studium aufzunehmen. Um so mehr freute sie sich, als sie den Studienplatz erhielt. Die 49-Jährige wollte für die Erziehung von Kindern die wissenschaftlichen Grundlagen erfahren. „Als Erzieherin ist man mittendrin. Mit dem Studium blickt man mal von außen auf die Sache“, sagt Demin. Auch neue Erkenntnisse in der Entwicklungspsychologie veranlassten die Erzieherin, sich fortzubilden. „Jetzt weiß man: Das Gehirn eines Kleinkindes ist schon zu sehr viel in der Lage“, betont die Erzieherin. Für eine Förderung seien die richtigen Impulse wichtig.

Zwar waren die Fächer Psychologie und Pädagogik Bestandteile der Ausbildung, die Entwicklung von Kleinkindern sei jedoch kaum thematisiert worden. Die Arbeit einer Erzieherin sei heute vielschichtiger als früher, sagt Demin. „Familien sind sehr komplex geworden. Wir haben zunehmend problematische Kinder mit Wahrnehmungs- und Sprachstörungen. Ich fühle mich nicht genügend ausgebildet.“

„Erziehung und Bildung im Kindesalter“ ist das Ergebnis einer langjährigen Debatte, die ihren Ursprung im Pisa-Test aus dem Jahr 2001 hat. Damals schnitten deutsche Schüler im internationalen Vergleich schlecht ab. Experten kritisierten die unzureichende frühkindliche Förderung. Auch eine im letzten Jahr veröffentlichte Unicef-Studie, welche die Betreuung und Förderung von Kindern in Kindergärten und Kindertageseinrichtungen analysierte, verwies auf große Defizite in der Frühpädagogik.

Außerhalb von Deutschland und Österreich ist die Ausbildung in der Frühpädagogik – wie in Schweden und im Südtirol – längst in die Hochschulen gerückt. „Eine höhere Qualität der Ausbildung bedeutet eine höhere Qualität der Arbeit“, fasst die Leiterin des Studiengangs zusammen. Sie sieht den Bachelorstudiengang, der in Bayern bislang nur noch in München angeboten wird, nicht als einen Ersatz für die Fachakademien, an denen die Ausbildung der Erzieherinnen erfolgt, sondern als ein Zusatzangebot. „Der Mehrheit fehlen Erfahrungen mit der Organisation und Leitung einer Kindestagesstätte“, erklärt Sommer-Himmel. Auch dies wird im Studiengang gelehrt.

In der Studienberatung, die Roswitha Sommer-Himmel anbietet, erkundigen sich jede Woche mehr als zehn Interessierte über den Studiengang. „Ich schätze, dass wir wieder weit über 100 Bewerbungen bekommen.“ Im letzten Jahr waren es 200. Der nächste Studiengang „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ startet im Wintersemester. 30 Plätze sind zu vergeben. Die Anmeldungen erfolgen online. Im Zeitraum vom 1. Mai bis zum 15. Juni kann sich beworben werden.

Weitere Informationen zu Studieninhalt, – aufbau und den Voraussetzungen für eine Bewerbung sind zu finden unter: www.evfh-nuernberg.de