Doktortitel bleibt gefragt

Von Julius Brockmann
Die einen sind froh, die Mühen der Diplomarbeit hinter sich zu haben und endlich in die Welt der Arbeit einzutauchen. Andere wiederum vermissen das Flair des universitären Betriebs. Manch einer entdeckt beim Schreiben seiner Magisterarbeit sogar das wissenschaftliche Arbeiten für sich. Was also tun? Promovieren? Das kommt dann doch für die wenigsten in Frage. Eine Flucht vor dem Arbeitsmarkt ist an der Uni Erlangen-Nürnberg nicht festzustellen. Seit Anfang der 90er Jahre bleiben die Zahlen konstant. Etwa 600 Absolventen bleiben ihrer Uni treu und promovieren. Im Prüfungsjahr 2007 waren es genau 663 ehemalige Studenten, die medizinische Fakultät stellte die meisten Absolventen. „Allerdings müsste man diese streng genommen eigentlich rausrechnen“, sagt Studienberater Thomas Krusche, „da der Doktortitel der Regelabschluss eines Mediziners ist“.
Ganz anders sieht es in den Geisteswissenschaften aus. Sind an dieser Fakultät rund 9000 Studenten eingeschrieben, wählt nur ein Prozent dieser die wissenschaftliche Laufbahn als Zukunftsmodell. Einer von ihnen ist Denis Leifeld. Der 26-Jährige schloss sein Studium der Theater- und Medienwissenschaft im Sommer 2008 mit dem Magistertitel ab und ist nun wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut in der Bismarckstraße in Erlangen.

In seiner Doktorarbeit beschäftigt er sich mit dem postdramatischen Theater: „Es geht um den Schauspieler im Gegenwartstheater. Zum Beispiel um die Frage, was ist ein Performer?“. Für ihn war schnell klar, erst einmal in Erlangen zu bleiben. Karrieregründe oder ein großer finanzieller Vorteil spielten dabei keine Rolle. So geht es auch Julien Dolenc. „Die Promotion entstand aus keinerlei Prestigedenken“, sagt der 29-Jährige.

Die Ausnahme bei den angehenden Doktoren bildeten Chemiker und Rechtswissenschaftler, sagt Studienberater Thomas Krusche. „In den Naturwissenschaften wählt man den Weg der Promotion aus Karrieregründen viel eher als in den Geisteswissenschaften.“ Denn nicht nur der Arbeitsmarkt für Theaterwissenschaftler oder Germanisten sei recht unübersichtlich und finanziell wenig verlockend, auch die wissenschaftliche Arbeit an einer Uni sei alles andere als planbar.

„Es kommt immer darauf an, ob momentan ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben wurde“, meint der Studienberater, „in den Naturwissenschaften ist das Auskommen gesichert, in den Geisteswissenschaften nicht“. Aus diesem Grund käme auch den Graduierten-Kollegs eine zentrale Rolle zu. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert diese Studien- und Forschungsgruppen und unterstützt so auch fünf Programme an der Uni Erlangen. Denis Leifeld hingegen ist am Institut beschäftigt und hält in diesem Semester zwei Seminare für die Bachelor-Studenten ab.

Aus dem Lehrauftrag ergeben sich Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite ist er damit enger ins Alltagsgeschäft der Uni eingebunden, auf der anderen Seite fehlt diese Zeit, um die Promotion voranzutreiben. Julien Dolenc hingegen war lange Zeit auf seine Eltern angewiesen, die ihn finanziell unterstützten. Neben der Doktorarbeit jobbte er, um sich über Wasser zu halten. Die Frage nach dem weiteren Werdegang und ob die Doktor-Anwärter nach der Promotion an der Uni bleiben wollen, können sie bislang nicht genau beantworten.

„Ich könnte mir auch vorstellen, im Theaterbereich zu arbeiten, oder im Kulturmanagement“, sagt Leifeld. Julien Dolenc kann sich vorstellen, „in die Wirtschaft“ zu gehen. Bleibt die Frage, warum sich der Student nach der Diplomarbeit auch noch eine Doktorarbeit antun sollte. Dazu gibt es unterschiedliche Ansichten. Zum einen hat niemand einen Anspruch, mit seinem Titel angesprochen zu werden. Ob es nun von Vorteil ist, erst an der Uni zu bleiben und zu promovieren, sei dahingestellt, wie der Studienberater ergänzt. Schließlich seien die Absolventen dann älter als ihre Konkurrenten, wenn sie auf den Arbeitsmarkt außerhalb des universitären Betriebs drängten.

Zum anderen sei dieser Titel in der universitären Laufbahn auch sehr hilfreich, wie Krusche bemerkt: „An der Uni hat ein Promovierter natürlich bessere Chancen, ganz gleich worin er nun promoviert hat, da man sich im Allgemeinen bessere Einblicke in die Strukturen der Universität verspricht, als bei Bewerbern ohne Doktortitel.“ Auch in den Führungsetagen der Wirtschaft fänden sich häufig Chefs mit Promotion, so Krusche weiter.

Medizin-Nachwuchs

Annika Lux koordiniert das im Juni vergangenen Jahres angelaufene Mentoring-Programm ARIADNEmed der Universität Erlangen-Nürnberg. Das Programm soll Nachwuchs-Wissenschaftlerinnen in der Medizin fördern. Die 50 daran teilnehmenden Ärztinnen und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen werden durch die persönliche Beziehung zu einer Professorin oder einem Professor in der Planung und Umsetzung ihrer wissenschaftlichen Karriere unterstützt. Im Interview berichtet die Koordinatorin über den Inhalt des Programms, dessen Erfolg und Chancen sowie die Besonderheiten in der Medizin.

NZ: In der Medizin studieren und promovieren mittlerweile genauso viele Frauen wie Männer. Warum ist diese Art der Frauenförderung überhaupt nötig?
Lux:
Dass der Frauenanteil bis zur Promotion ausgeglichen ist, stimmt. Auf den höheren Karrierestufen bis hin zur Professor nimmt er jedoch rapide ab. So beträgt der Anteil an Professorinnen in Erlangen nur acht Prozent. Deswegen setzt unser Programm auch erst nach der Promotion an.

NZ: Welche Vorteile haben die Teilnehmerinnen des Programms?
Lux:
Zum einen haben die Mentees die Möglichkeit, auf informellem Weg Wissen zu erwerben und Karrieremöglichkeiten zu diskutieren, wofür im stressigen Berufsalltag oft keine Zeit bleibt. Ein Mentor oder ganz besonders eine Mentorin kann Vorbild sein für die eigene Karriere und wertvolle Tipps hierfür liefern. Zum anderen spielt der Netzwerkgedanke eine große Rolle: Mentees knüpfen sowohl zu anderen Mentees als auch zu den partizipierenden Professorinnen und Professoren Kontakte.

NZ: Drei Viertel der Mentoren sind männlich, woran liegt das und wie sind die bisherigen Erfahrungen?
Lux: Bisher gibt es einfach zu wenig Professorinnen, fast alle davon sind auch Mentorinnen. Professoren werden durch ihre Teilnahme für Themen des weiblichen Nachwuchses sensibilisiert und können ihre Mentees in wichtige Netzwerke eingliedern. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen aber, dass der Faktor Geschlecht generell für den Erfolg der Mentoringbeziehung keine große Rolle spielt.

NZ: Woran lässt sich der Erfolg des Programms messen und wie kommt es bisher bei den Teilnehmerinnen an?
Lux:
Es findet eine professionelle Evaluation in Form von Befragungen aller Teilnehmer(innen) statt. Das bisherige Feedback ist überwiegend positiv, daher soll das Programm auf jeden Fall fortgesetzt werden – bisher sind Gelder bis 2012 zugesichert.

NZ: Wie steht die Medizinische Fakultät zu ARIADNEmed?
Lux:
Sie steht voll hinter dem Programm und finanziert es auch zusammen mit der Hochschulleitung. Die Verantwortlichen unterstützen uns bei allen organisatorischen Details, der Dekan und der Ärztliche Direktor sind Initiatoren und zugleich Schirmherren. Insbesondere die Frauenbeauftragte, Prof. Kerstin Amann, leistet großartige Arbeit.

NZ: Sie sind Vorsitzende der “Internationalen Konferenz Mentoring in der Medizin“, welche ein Zusammenschluss der verschiedenen Programmkoordinatorinnen ist. Wie können diese voneinander profitieren?
Lux:
Durch den gegenseitigen Austausch und die Reflexion unserer Erfahrungen können wir bestimmte Standards festlegen. Mir persönlich bieten diese Kontakte Rückhalt und Bestätigung meiner bisherigen Arbeit.

NZ: Was sind die besonderen Herausforderungen eines Programms in der Medizin?
Lux: Viele unserer Teilnehmerinnen sind in erster Linie zuständig für die zeitintensive Betreuung der Patienten. Die für die wissenschaftliche Karriere unabdingbare Forschung ist häufig nur in der Freizeit möglich und die Anforderungen bei der Bewerbung auf eine Professur oft an männlichen Erwerbsverläufen orientiert.

NZ: Wie bewerten Sie die Strukturen in der Medizin?
Lux:
Diese sind stark hierarchisch. Chefpositionen sind fast ausschließlich von Männern besetzt. Dies zu ändern ist das Ziel des Programms ARIADNEmed.

Fragen: Bettina Heim

Als Student privat krankenversichert? Zwei-Klassen-Medizin

Von Eva Lindner

wartezimmer1.JPGMal angenommen, Student möchte einen Arzttermin vereinbaren und es ereignet sich folgender Dialog mit der Sprechstundenhilfe am Telefon: „Guten Tag, ich hätte gerne einen Termin, vielleicht nächste Woche?“ – „Den nächsten freien Termin habe ich erst in sechs Wochen.“ – „Sechs Wochen?“ Weit voraus zu planen, liegt dem Studenten normalerweise nicht, es sein denn, es geht um die Semesterferien. „Wissen Sie, ich müsste zur Szintigraphie . . .“ – „Szintigraphien machen wir schon seit Jahren nicht mehr.“

Komplette Verwirrung: „Aber ich war doch erst vor einem halben Jahr für genau diese Untersuchung bei Ihnen.“ Nach längerer Debatte lässt die Sprechstundenhilfe sich überreden, in der Kartei nachzusehen. Mit leiser Stimme kommt sie zurück ans Telefon: „Ach, sind sie vielleicht privat versichert?“ – „Ja . . .!?“ – „Dann machen wir natürlich gerne eine Szintigraphie.“
Die Stimme ist auf einmal viel freundlicher, von Scham für die dreiste Lüge keine Spur. „Wann wollen sie nächste Woche kommen?“ Plötzlich sind auch zahlreiche Termine zur Auswahl. Zum Schluss gibt sie mit gedämpfter Stimme noch einen „kleinen Tipp“: „Sagen Sie doch das nächste Mal dazu, dass Sie privat versichert sind, dann geht’s immer ein bissl schneller.“

Bessere Wartezimmerwartezimmer2.JPG

In diesem Fall hat der Student Glück gehabt, weil er „richtig“, nämlich privat, versichert ist. Viele Studenten befinden sich diesbezüglich noch im wohlbehüteten Nest und genießen die Vorzüge der Privatversicherung eines Elternteils: Kürzere Wartezeiten, volle Kostenerstattung, Routineuntersuchungen inklusive, bevorzugte Behandlung bei Klinikaufenthalten und nicht zuletzt ansprechende Wartezimmer – Ledersessel, Kaffee und Kekse, statt Klappstühlen auf dem Gang mit dem Risiko, dass einem die vorbeieilenden Sprechstundenhilfen auf die Füße treten.

Doch was, wenn das Studium vorbei ist und man sich selbst versichern muss? Davon sich privat zu versichern, müssen die meisten Berufseinsteiger absehen, es sei denn, sie sind Beamte, selbstständig oder verdienen drei Jahre in Folge über 4012,50 Euro im Monat. Was also tun? Noch schnell vor Abschluss des Studiums alle nötigen oder auch unnötigen Untersuchungen machen lassen, um sich dann im selektiven Gesundheitssystem als Patient zweiter Klasse gesetzlich zu versichern.

Auch Studis werden krank

Von Julius Brockmann

Krankenbett.JPGDer Verwandten-Besuch zu Weihnachten zeigt dem jungen, mobilen und vor allem gesunden Studenten den Weg in die Krankheit auf. Wenn der Opa über die Schmerzen im Rücken klagt und Oma beim Kaffee über Joghurt-Umschläge gegen entzündete Venen spricht, denkt sich manch einer: „Gut, dass ich noch jung bin.“
Den älteren Semestern unter den Studenten kommt aber gelegentlich auch ein Gedanke an manch eine versäumte Party oder ein verpatztes Referat im Zuge des schwächelnden Körpers. Denn bereits ab 25 Jahren wird der Alkohol schlechter abgebaut, die Folgetage nach einem Clubbesuch sind also bestimmt durch Schwindel und Kopfschmerzen. Besonders verhängnisvoll ist das nun für männliche Studenten, die in den vergangenen Jahren im Schnitt zwar weniger geraucht haben, dafür aber mehr getrunken.

Aber auch Erst- und Zweitsemester, die blutjung sind und gerade erst Abitur gemacht haben, sind vor Krankheiten nicht sicher. Sie trifft oft eine besonders heimtückische Viruserkrankung, die manch einen Studenten monatelang ans Bett fesselt: Pfeiffersches Drüsenfieber, die Studentenkrankheit.

„Kusskrankheit“ nach Wohnheimpartys

Ein Virus, der sich durch den Speichel überträgt – deshalb auch oft Kusskrankheit genannt – und besonders auf Wohnheimpartys oder Clubabenden munter verbreitet wird.

Folge sind grippeähnliche Symptome, wie das Anschwellen der Mandeln, Müdigkeit und Fieber. Meist verläuft die Krankheit harmlos, und nach einigen Wochen kann man sich wieder voll dem Leben und der nächsten Feier widmen. Einige Studenten werden die Schmerzen im Hals allerdings nicht los, und wenn auch das fünfte Antibiotikum keinen Erfolg zeigt, kann man sich eigentlich sicher sein: Die Disko-Bekanntschaft von vor zwei Wochen hat einen infiziert. Da es sich um einen Virus handelt, hilft nur abwarten. Manchmal einige Monate.
Sollte man diese Unpässlichkeit überlebt haben, wartet für viele männlichen Studenten gleich die nächste Krankheit. Durch das viele Sitzen vor dem Computer trifft es Männer zwischen 20 und 30 Jahren besonders häufig. Die Rede ist von Sinus pilonidalis. Eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Steißbeins. Durch das Eindringen und Entzünden von Haaren, kommt es zu einer Schwellung, die nur operativ beseitigt werden kann.
Längeres Sitzen wird zur Qual, und an den Besuch von Seminaren ist damit nicht mehr zu denken. Damit trifft es auch die Menschen in jungen Jahren besonders schwer. Und so kann der gebeutelte Student beim nächsten großen Verwandtschaftstreffen bereits mitreden, sollte es zur unausweichlichen Ode an die Krankheit kommen . . .