Gangsta-Rap

Von Kerstin Fellenzer

Es gibt kaum eine Musikrichtung in Deutschland, die so stark polarisiert wie Hip-Hop. Manche vergöttern die Rapper mitsamt ihrer Texte. Andere stempeln sie als Asoziale ab, die sexistische und gewaltverherrlichende Parolen unter Kinder und Jugendliche bringen. Doch was ist von diesen Einstellungen zu halten? Wohin entwickelt sich der deutsche Hip-Hop? Und wie können Künstler ihre Kreativität für gute Zwecke einsetzen?

Diese Fragen stellten sich die Sozialpädagogik-Studenten Veronica Tiedtke, Sonja Baltruschat und Benjamin Löhner der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg im Rahmen ihres Studienschwerpunkts „Jugend- und Erwachsenenbildung“. Am Samstagabend luden sie deshalb zur Diskussion über die Entwicklung des deutschen Hip-Hops ins Kulturzentrum „Desi“. Damit keine Hörsaal-Atmosphäre entsteht und sich die Diskussion möglichst authentisch und lebendig gestaltet, luden die Studenten keine Wissenschaftlerin sondern eine Musik-Expertin ein. Ihr Wahl fiel auf Monica Hevelke. Die Berlinerin, die im Alter von 16 Jahren mit Breakdance begann, leitet selbst Tanzworkshops. Darüber hinaus ist sie im Auftrag des Berliner Archivs für Jugendkulturen unterwegs.

„Ihr Vortrag „Bushido & Co. – Gangsta-Rap aus Germoney“ soll eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem deutschen Hip-Hop ermöglichen und aufzeigen, wie vielfältig die Musikrichtung sein kann“, erklärt der Initiator des Projekts, Benjamin Löhner. „Da wir innerhalb unseres Studiums selbst eine Bildungsveranstaltung durchführen müssen, haben wir uns Gedanken gemacht, in welchem Bereich wir eine gemeinsame Leidenschaft haben. So sind wir auf die Musik gekommen“, erzählt Sonja Baltruschat, die selbst klassischen Gesangsunterricht nimmt, während Veronica nebenbei als Musicaldarstellerin und Benjamin als DJ tätig sind. Da alle drei gerne Hip-Hop hören, lag das Thema auf der Hand.

„Na, wie findet ihr den? Is cool, wa?“

Dass Monica Hevelke die Diskussion um den deutschen Hip-Hop ernst nimmt, wird bereits zu Beginn der Veranstaltung deutlich. „Man kann nicht über Hip-Hop reden, wenn man ihn nicht hört“, verdeutlicht die 27-Jährige und legt den Song des Rappers Sentino auf. „Na, wie findet ihr den? Is cool, wa?“, provoziert sie bewusst die 150 Zuhörer. Hevelke macht durch ihre direkte Berliner Art klar: sie will nicht nur informieren, sondern zum Nachdenken anregen.

Die Gäste, die anfangs irritiert von der lockeren, schamlosen Atmosphäre sind, beginnen, zunehmend mit dem Kopf im Takt zu nicken. „Gar nicht so schlecht, wa?“ ruft die zierliche Referentin provokant in die Menge. Bald haben auch die letzten Zuhörer ihre Scheu und Distanz gegenüber dem Hip-Hop überwunden und mischen sich in die Debatte über die Grenzen zwischen moralisch vertretbaren und inakzeptablen Texten ein. Immer wieder zeigt sich, dass Hevelke nicht auf den Mund gefallen ist. „Wir reden also über Porno-Rap. Dann hören wir uns doch so ein Lied mal an! Warum denkt ihr, ist es nicht auf dem Index gelandet?“.

Im Laufe des zweieinhalbstündigen Vortrags präsentiert die Referentin mit Songs von Peter Fox, Sido, Bushido bis zu Kollegah die ganze Spannweite des deutschen Hip-Hops. Die 27-Jährige fordert das Publikum auf, die Texte nicht in eine Schublade zu stecken, sondern sich bewusst mit dem Textinhalt auseinanderzusetzen. So handeln die wenigsten Songs von Drogen oder Gewalt. Vielmehr sind Verantwortung, Konflikte zwischen den Generationen und das Leben als Straßenjunge Themen, die den Hörer zum Nachdenken anregen sollen.

„Viele denken, beim Hip-Hop geht es immer nur um Gewalt und Frauenfeindlichkeit, doch nur 20 Prozent der Hörer sind empfänglich für solche Texte, die aber leider als einzige von der Presse wahrgenommen werden“, erklärt Hevelke. Ihrer Meinung nach sollten auch die anderen kreativen Arbeiten und die Möglichkeiten, die Hip-Hop bietet, beachtet werden. „Das Gute ist, dass beim Hip-Hop niemand ausgeschlossen wird“, so die Berlinerin. Jeder kann mitmachen und seiner Kreativität freien Lauf lassen. Die Integrationskraft stellt eine große Chance dar.“ Nach der ausführlichen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Songs können die Besucher den einen oder anderen Text besser verstehen und befinden: „Gar nicht mal so schlecht“.