Virtuelle Zimmersuche

Studenten müssen flexibel sein. Geboren in der Nähe von Nürnberg, Bachelorstudium in Darmstadt, Pflichtpraktikum in Hamburg, freiwilliges Prakti­kum in München – wer da über Heimweh klagt, hat schon verlo­ren. Stattdessen muss der moderne Mensch jedes Mal eine neue Bleibe finden, die er vorüber­gehend sein Zuhause nennen kann. Zu teuer sollte sie nicht sein, schließlich ist das Einkom­men gering; gleichzeitig möchte jeder gerne mit netten Menschen zusammenwohnen.

Doch wo bleibt die Zeit, um zur Wohnungsbesichtigung von Ham­burg nach München zu fahren, wenn der Student im dreimonati­gen Praktikum keinen Urlaubsan­spruch hat? Oder die Hospitanz direkt am Tag nach der Abschluss­prüfung beginnt? Das moderne Leben hat es nötig gemacht, dass jeder beim Streben nach bestmög­licher Ausbildung Flexibilität beweist. Gleichzeitig hat es auch möglich gemacht, eine Wohnung zu besichtigen, ohne persönlich vor Ort zu sein.

Da, ohne dort zu sein

„Wir skypen einfach“, sagt Kerstin. „Dann brauchst du nicht extra herzufahren.“ Der Internet­dienst „Skype“ überträgt Video­telefonate. Auf dem Computer­bildschirm erblicke ich meine drei zukünftigen Mitbewohnerin­nen, die winken. „Hi“, sage ich und winke zurück. Wir plaudern, wir lachen und sehen uns dabei. Ich bekomme sogar eine virtuelle Wohnungsführung. Kerstin trägt ihren Laptop in den Flur.

Im Bad gibt es eine Wanne, die Küche ist pink gestrichen. Vom Balkon aus sehe ich einen Park. Nun ja, die Kamera sieht für mich, die drei Frauen kommentieren: „Hier gril­len wir im Sommer.“ „Das ist Kerstins Zimmer.“ „Das mit der blauen Wand ist dann deines.“ Schön sieht es aus. Eine blaue Wand, weiße Möbel, viele Topf­pflanzen. „Okay, ich nehme das Zimmer“, sage ich. Ein virtueller Handschlag ist noch nicht mög­lich. Den Mietvertrag bekomme ich am nächsten Tag per E-Mail.

Christina Merkel

Problem mit Praktikum: Keine Umkleidekabine für Frauen

Von Christiane Fritz

„Sie haben aber einen kurzen Rock an.“ Diese und ähnlich diskriminierende Sprüche von Professoren und männlichen Kommilitonen müssen Studentinnen in technischen Studiengängen oft über sich ergehen lassen.

„Auch die Hochschule ist kein Vakuum“, erklärt Anja Gadow, Vorstandsmitglied des freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (fzs). „Auch an der Uni haben Menschen Vorurteile.“ Um diesen entgegen zu wirken, rief die fzs im Rahmen ihrer Kampagne „Kein Sexismus an Hochschulen“ vor kurzem zum dritten Mal zu einer Aktionswoche auf. Acht Universitäten, darunter Heidelberg, Dresden und Leipzig, sagten zu und setzten sich in Informationsveranstaltungen und Ausstellungen mit Erwartungen an und Vorstellungen von Geschlechterrollen auseinander.

Thema wird wenig beachtet

„Wir möchten, dass sich die Universitäten, Studenten und Professoren mit sexualisierter Gewalt beschäftigen“, erklärt Gadow. Denn noch immer werde dieses Thema „relativ wenig beachtet“. Dass gerade Studentinnen, die technische Fächer studieren, unter Sexismus leiden, verdeutlicht die 29-Jährige an einem weiteren Beispiel: So könnten einige Studentinnen im Fach Maschinenbau kein Praktikum absolvieren, da schlichtweg Umkleidekabinen für Frauen fehlten.
Gadow betont jedoch, dass auch Männer sexualisierte Gewalt an der Uni erfahren. Sie müssten in Fächern wie Erziehungswissenschaften sexistische Sprüche ertragen. Bei den flapsigen Bemerkungen bleibe es jedoch selten, erzählt das Vorstandsmitglied.

Neben Sexismus will die Kampagne auch homophobes Verhalten an den Universitäten in die öffentliche Diskussion rücken. Um Diskriminierungen dauerhaft zu verhindern, plädiert Gadow für eine frühe Aufklärungsarbeit. Die sollte bereits im Kindergarten und in der Schule beginnen.

Viele Praktika ohne Geld

Von Julius Brockmann

Faxen, kopieren, abheften, Kaffee kochen. Typische Praktikantentätigkeiten sehen längst anders aus. Oft werden Praktikanten über Monate angestellt und übernehmen nach und nach eine vollwertige Stelle. Zu deutlich schlechterer Bezahlung und ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Kein Wunder, dass sich in den vergangenen Jahren der Begriff Generation Praktikum herausgebildet hat.

Eine Bezahlung sollte eigentlich selbstverständlich sein, trotzdem hat eine Entlohnung meist noch Seltenheitswert. So quälen sich Studenten durch viele Praktika, egal ob bei Parteien, Verbänden, Fernsehsendern oder im Theaterbetrieb: Oft ist nicht viel mehr drin als ein „Danke“ und ein Praktikumszeugnis. Fahrkarte, Verpflegung, Aufwand, alles zu Lasten der Praktikanten.

Der „Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ haben jüngst gemeldet, dass selbst im Arbeitsministerium die Praktikanten kein Geld für ihren Job bekommen. Und das, obwohl Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) Verfechter der angemessenen Bezahlung sei. Zur Begründung seitens des Ministeriums hieß es, dass die rund 100 Praktikanten, die pro Jahr im Ministerium arbeiten, alle Pflichtpraktika absolvierten. Die Praktikanten sollten dazulernen und würden nicht als Ersatz einer Arbeitsstelle herhalten, sagte eine Sprecherin.

Hoffnung aus Baden-Württemberg

Diese Regelung gilt in vielen Bereichen. Wenn Studenten während ihres Studiums Praktika machen, sind diese oft unbezahlt. Mit Diplom in der Tasche sollten sie allerdings auch vergütet werden, woran sich die meisten Arbeitgeber halten. Fest steht: Es gibt keine gesetzliche Regelung zur Mindestentlohnung und maximalen Praktikumszeit.

Ein Hoffnungsschimmer für alle unbezahlten Praktikanten kommt da aus Baden-Württemberg. Dort schuftete eine Hochschulabsolventin für 375 Euro im Monat bei einer Agentur. Sechs Monate lang. Das Landesarbeitsgericht entschied, dass die 2,46 Euro Stundenlohn entschieden zu wenig seien und wertete die Praktikumszeit nach dem Studium als Probezeit. Ein später Sieg, der 7100 Euro Nachzahlung einbrachte.

Der harte Weg zum Wunschpraktikum

Als Mitglied der „Generation Praktikum“ kennt man es: Um die späteren Chancen auf einen guten Job zu erhöhen, verplant man seine Semesterferien lange im Voraus mit diversen Praktika. Leider werfen die möglichen Praktikumsbetriebe die penible Planung manchmal im Handstreich komplett durcheinander:

  • Die mühsam zusammengestellte Bewerbungsmappe ist längst abgeschickt, aber von einer Eingangsbestätigung keine Spur. Also Warten. Nach ein paar Wochen traut sich der ratlose Bewerber dann endlich, einmal anzurufen und nachzufragen, ob die Bewerbung den angekommen ist. „Jaja, die haben wir bekommen“, heißt es dann pampig. „Aber wir haben soo viele Bewerbungen, das dauert, bis Sie von uns hören.“ Na toll. Und dann kommt wieder wochenlang nichts. Aus Hoffnung, doch noch eine Zusage zu bekommen, will sich der Bewerber aber nicht anderweitig umschauen. Schließlich – wahrscheinlich drei Wochen vor Ferienbeginn – kommt endlich die Absage des Betriebes. Schön, dass für ein anderes (gutes) Praktikum der Zug längst abgefahren ist.
  • Auch nett: Der Bewerber erhält zwar eine Zusage, allerdings für einen völlig anderen Termin. „Wie, Sie können im Mai und Juni nicht?“, kommt dann die ungläubige Frage. Irgendwie scheint die Personalabteilung den Studenten-Status übersehen zu haben.
  • Variante drei: Der Betrieb bietet zwar die Möglichkeit eines Praktikums an. „Aber nicht in Nürnberg, sondern in Hamburg.“ Immerhin. Doch dann heißt es, einen Zwischenmieter finden und irgendwo noch Geld auftreiben. Denn von der Praktikumsvergütung (i.d.R.: 0 €) lassen sich Hamburger Mietern schwer bezahlen.

Die „Generation Praktikum“ hat es also nicht leicht, an Wunschpraktika zu kommen. Das wäre  halb so schlimm. Aber oft sind es gerade die Unternehmen, die die größten Probleme machen, die später nur Leute einstellen, welche dort schon einmal ein Praktikum gemacht haben. Also: Geduldig sein. wk

Ein Urlaubssemester – alles, nur kein Urlaub

Von Brigitte Vordermayer

urlaub1.JPGUrlaubssemester – das klingt nach Sonne, Strand und Seele baumeln. Nix mit Klausuren, Referaten, Lernstress. Die Realität sieht anders aus: Wer an der Uni Erlangen-Nürnberg ein Urlaubssemester nehmen möchte, braucht einen triftigen Grund. Wer schwanger ist, eine schwere Krankheit oder einen Unglücksfall in der Familie vorweisen kann oder wer im Ausland oder bei einem Praktikum tagtäglich brillieren muss, darf in Urlaub gehen. Wer Abschlussarbeit schreibt oder fürs Studium Geld verdienen muss, der nicht. Mit Urlaub hat nichts davon etwas zu tun.
Nach Hochschulgesetz darf jeder Student „aus wichtigem Grund“ zwei Semester beurlaubt werden. Er bleibt immatrikuliert, behält die Vorteile des Studentendaseins, darf aber keine Prüfungen ablegen und Scheine machen. Besonders reizvoll: Wer beurlaubt ist, muss keine Studiengebühren zahlen.

Uni Erlangen ist besonders streng

Das wissen gewitzte Studenten natürlich zu nutzen: An der Uni Frankfurt reichten mit Einführung der Studiengebühren rund zehn Prozent aller Studenten einen Urlaubsantrag ein – und bekamen eine Zusage. Denn im Gegensatz zur Uni Erlangen-Nürnberg genügten dort auch Examensvorbereitung und Abschlussarbeit als Befreiungsgrund. Karl Louis, Leiter der Erlanger Studentenkanzlei, erkennt diesen Trend in Erlangen nicht: „Wir haben und hatten schon immer strenge Kriterien“, sagt er.urlaub2.JPG
Doch ist gerade auf Grund von strengen Kriterien die Bezeichnung „Urlaubssemester“ nicht fehl am Platz? Louis gibt zu: „Mit Urlaub hat die Befreiung in der Tat nichts zu tun. Aber das ist ein offizieller Begriff aus dem Hochschulgesetz. Und leichter zu benutzen als ‚Befreiung vom Nachkommen studentischer Leistungen aus wichtigem Grund‘“.
Wichtiger Grund? Das klingt noch weniger kompliziert, als es ist. Nehmen wir zum Beispiel ein verlockendes Jobangebot, das einem Studenten die Chance gibt, wertvolle Kontakte zur Berufswelt zu knüpfen. Der Zeitraum festgelegt, für die Semesterferien zu lang, ein Urlaubssemester muss her. Schon wird es schwierig: Ein Dekan muss die Tätigkeit für gut befinden, ein Praktikumsvertrag muss vorliegen. Das Praktikum muss mindestens sieben Wochen der Vorlesungszeit beanspruchen, es darf nicht in der Studienordnung vorgeschrieben sein.

Praktika sind oft unbezahlt

Von Christina Schmelzer 

kaffee.JPGDie meisten Studenten schwimmen nicht gerade im Geld. Kein Wunder: Mit Studiengebühren, Lehrmitteln und Miete muss man schauen, dass man überhaupt irgendwie über die Runden kommt. Selbst mit Bafög, Nebenjob und finanzieller Unterstützung der Eltern wird das Geld am Ende des Monats oft knapp.Urlaub, Shoppingtouren oder auch mal ein Kinobesuch? Als Student Fehlanzeige. Für viele sind deshalb die Semesterferien wichtig: Endlich mal ein paar Wochen am Stück arbeiten und Geld für das kommende Semester scheffeln! Noch besser ist es natürlich, wenn man in den Semesterferien wichtige Praktika mit dem Geldverdienen verbinden kann. Doch das wird leider immer seltener.Mehr und mehr müssen Studenten unentgeltliche Praktika absolvieren – sei es aufgrund von Vorschriften der Studienordnung oder einfach, um schon während des Studiums wichtige Kontakte zu knüpfen und so die Chancen für eine spätere Karriere zu erhöhen. Doch wie soll das gehen – ein unbezahltes Praktikum und sich gleichzeitig ohne Geld auf Pump über Wasser halten? Fast unmöglich. Es ist natürlich verständlich, dass nicht alle Unternehmen und Einrichtungen ihre Praktikanten bezahlen können.

Was kann der Praktikant überhaupt?

In Krankenhäusern oder sozialen Einrichtungen zum Beispiel ist oft das Geld knapp. Vor allem bei Pflichtpraktika weiß der Arbeitgeber zudem oft nicht, auf welchem Stand sich der Bewerber befindet: Ist er gleich voll einsatzfähig oder muss er erst mühsam angelernt werden? Doch wenn schon aus dem Bewerbungsschreiben oder dem Vorstellungsgespräch hervorgeht, dass der Bewerber das Unternehmen mit einer ordentlichen Leistung unterstützen kann, wäre doch zumindest eine kleine Anerkennung angebracht – und sei es erst im Nachhinein. Es ist nicht gerecht, wenn Studenten in Praktika vollen Einsatz erbringen und dafür nicht entlohnt werden. Ausgaben wie Miete und Lebensunterhalt müssen schließlich trotzdem gezahlt werden. Und in den meisten Fällen bringt ein Praktikum außerdem mehr Ausgaben mit sich: Fahrtkosten und das Mittagessen in der Kantine zum Beispiel, meist fällt in der Zeit des Praktikums zudem das wichtige Gehalt aus einem anderen Nebenjob weg.

Fast schon eine Diskriminierung

Wenn das Praktikum in einer anderen Stadt absolviert wird, muss darüber hinaus doppelt Miete gezahlt werden. Im schlimmsten Fall zahlt der Praktikant für sein Praktikum also drauf – bis 500 Euro zusätzliche Ausgaben kommen da schnell zusammen. Ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann – woher nehmen, wenn nicht stehlen? Doch zusätzlich zum rein finanziellen Problem grenzen unbezahlte Praktika zum Teil schon fast an Diskriminierung: Diejenigen, die knapp bei Kasse sind, können sich unbezahlte Praktika kaum erlauben – und so geht ihnen womöglich eine wichtige berufliche Chance durch die Lappen. Eine Selektion, die von den Unternehmen eigentlich nicht zu verantworten ist.