Kommt doch ein echtes Semesterticket?

Dass es für Nürnberg und Umgebung kein „echtes“ Semesterticket gibt, also eines, das deswegen erschwinglich ist, weil es für alle Studenten obligatorisch ist, dürfte inzwischen eigentlich bekannt sein. Trotzdem regt sich immer mal wieder Protest – so dass jetzt sogar die Münchner Edelfedern aufgewacht sind. Zurzeit machen jedenfalls einige Studenten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) im Internet Druck – und können erste Ergebnisse vorweisen.

Till Müller hat vor kurzem eine Facebook-Gruppe gegründet, die nach seinen Angaben innerhalb von nur 24 Stunden über 2000 Sympathisanten gewinnen konnte. Inzwischen sind es über 3600. Der Psychologie-Student will, wie er sagt, „ein Zeichen gegen die nicht mehr tragbaren Studentenpreise setzen“. Und in einer Mail an die NZ beklagt Deborah Woznicki die „Ausbeutung der Studenten in Erlangen-Nürnberg“: „Die Kosten haben ihren Höchstpunkt erreicht und behindern uns in unserem Studium. Der Staat blutet nach Bildung, doch sieht gnadenlos zu, wie uns der VGN ausbeutet. Mit den Studiengebühren und einem viel zu hohen Preis für ein Fahrticket ist es uns nicht möglich, sorgenfrei zu studieren.“ Die Forderung lautet: Ein bezahlbares Semesterticket soll her, das sechs Monate lang im ganzen Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) gilt. Und bitte flott.

Studentenwerk hält Forderung für „berechtigt“
Beim Studentenwerk Erlangen-Nürnberg hört man die Botschaft durchaus. Geschäftsführer Otto de Ponte hat vor wenigen Tagen ein Gespräch mit Till Müller und dessen Mitstreiter Florian Murrer geführt. Der NZ gegenüber zeigt er sich beeindruckt darüber, „wie gut sich die Studenten kundig gemacht“ haben. Die Forderung nach einem echten Semesterticket hält er für „berechtigt“ – und er prognostiziert: „Bevor es in dieser Sache keine Lösung gibt, wird es auch keine Ruhe geben.“

Das Studentenwerk hat inzwischen die Planungen für eine Semesterkarte nach dem sogenannten Solidarmodell – man könnte auch sagen: Zwangsmodell – verworfen: Es sollen nicht alle Studenten verpflichtet werden, ein teures Semesterticket für den VGN-Gesamtraum über den Studentenwerksbeitrag zu erwerben. An der Einschätzung, dass dieses Modell juristisch zu Fall gebracht werden könnte, hat sich nämlich nichts geändert. Schon seit jeher fürchten Studentenwerk, Politik und Verkehrsbetriebe, dass ein zu teures Zwangsticket von einem Gericht kassiert werden könnte. Konkret fürchtet man Klagen von Erlanger Studenten. Die legen viele Wege zu Fuß oder per Fahrrad zurück und würden, so fürchtet man, wohl nicht einsehen, eine größere Summe für ein Ticket zu bezahlen, das sie kaum nutzen, mit dem sie aber die Pendelei ihrer Kommilitonen aus Nürnberg, Fürth und dem Umland subventionieren würden.

Sockel- statt Solidarmodell
De Ponte zieht nun ein Sockelmodell in Betracht: Alle Studenten würden demnach einen obligatorischen Beitrag leisten, der zwischen 50 und 70 Euro liegen könnte. Mit dieser Zahlung könnten alle Fahrten zwischen Nürnberg, Fürth und Erlangen abgegolten sein. Wer von weiter weg zur Hochschule fährt, etwa aus dem Nürnberger Land oder der Fränkischen Schweiz, könnte dann weitere Verbundzonen einfach dazukaufen. Dieses Modell würde einer gerichtlichen Überprüfung vermutlich standhalten.

Nun müsse der VGN ein adäquates Angebot auf den Tisch legen, meint de Ponte. Kein Problem, sagt dort Klaus Dechamps, der sich seit Jahren mit dem Thema befasst. Bisher hätten die Studenten aber immer das Solidarmodell befürwortet. Wenn nun der Sockel gefragt sei, könne man entsprechende Berechnungen anstellen. Dechamps erinnert aber an eine Befragung vor einigen Jahren, in der sich die Studenten mit großer Mehrheit für das Solidarmodell ausgesprochen hatten. Nur etwa fünf Prozent hätten den Sockel vorgezogen. „Wir sind da aber grundsätzlich offen“, sagt Dechamps. „Dazu müssen die Studentenvertreter aber offiziell an uns herantreten.“ Ob sich dann bei einer Abstimmung unter allen Studenten eine Mehrheit wirklich für das Sockelmodell ausspricht, sei fraglich. Jetzt soll also wieder verhandelt werden.

Florian Heider

Der Protest geht weiter

urn:newsml:dpa.com:20090101:091229-10-11029Rund 200 Studierende demons­trierten am vergangenen Mittwoch in München, als Wissen­schaftsminister Wolfgang Heu­bisch Studierendenvertreter aus ganz Bayern zum Gespräch emp­fing. Es waren zwar wesentlich weniger Demonstranten als Ende vergangenen Jahres bei den Nürn­berger Protestmärschen. Doch die Studenten wollten mit ihrer jüngs­ten Demo zeigen, dass sie ihre For­derungen nach besseren Studien­bedingungen über die Feiertage nicht vergessen haben.

„Für uns alle steht fest, dass es 2010 mit dem Protest weitergehen soll“, sagt Rene R., Student an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät in Nürnberg und ehema­liger Mitbesetzer der Ohm-Hoch­schule. „Besetzung ist nur eine Form des Protests, es gibt noch viele andere.“ Bereits zweimal in diesem Jahr haben sich die Nürn­berger Besetzer getroffen, um zu diskutieren, wie es weitergeht. „Bis jetzt reflektieren wir noch, was im Dezember richtig und was falsch gemacht wurde“, sagt Rene. 50 bis 100 Menschen, schätzt er, waren beide Male mit dabei. Sie wollen sich nun jeden Donnerstagabend wieder treffen.

Forderungen sind noch nicht umgesetzt

Denn: „Wir sehen unsere Forde­rungen noch nicht umgesetzt“, sagt Rene. Noch immer müssen sie Studiengebühren bezahlen. Es gibt keine verfasste Studierenden­schaft in Bayern. Etwas haben die Proteste erreicht. „Wir wurden wahrgenommen“, sagt der Lehr­amtsstudent. „In den Gremien wird über unsere Forderungen gesprochen.“ Auch dass in Bam­berg die Studiengebühren um 100 Euro verringert wurden, „zählen wir zu unseren Erfolgen“, sagt Rene. Die Masse an Besetzungen sei entscheidend gewesen.

Deshalb wollen die Nürnberger Studierenden in der kommenden Zeit vor allem andere Aktionen unterstützen. Einige von ihnen sind vergangenen Mittwoch zur Demo nach München gefahren. Ende Januar soll in Frankfurt demonstriert werden. „Wir wer­den dort sein“, sagt Rene.

Christina Merkel