Mein Sommer hinter Fensterglas

ARCHIV - Studenten arbeiten am 12.08.2013 in der Bibliothek der Universität Darmstadt (Hessen). Seit gut einem Jahr können Nutzer der Universitäts- und Landesbibliothek rund um die Uhr lernen und Bücher entleihen. Ob dieser Service weitergeht, wird in den kommenden Wochen entschieden. Foto: Andre Hirtz/dpa (zu dpa lhe: «Nachtschicht zwischen tausend Büchern» vom 09.02.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++

An sonnigen Tagen wie heute denken arbeitende Menschen gern: „Student müsste man sein, dann könnte ich jetzt im Freibad liegen statt im Büro zu sitzen!“ Klingt gut. Aber ist an dieser Behauptung wirklich etwas dran? Haben wir Studenten im Sommer wirklich mehr (Frei-)Zeit als Arbeitnehmer? Zeit dieses Klischee etwas zu relativieren.

Zurzeit schreibe ich an meiner Bachelorarbeit. Ich führe Experteninterviews, arbeite Berge von Literatur durch, suche geeignete Zitate und werte sie anschließend für meine Arbeit aus. Viel zu tun. Aber es stimmt, ich kann mir meine Zeit dafür selbst einteilen. Gehe ich heute in die Bibliothek oder nicht? Gönne ich mir morgens eine Stunde länger im Bett oder einen Nachmittag im Schwimmbad?  An sonnigen Tagen kann ich mir eine Auszeit nehmen. Ganz ohne Urlaubsantrag, aber meistens auch nicht ohne schlechtes Gewissen. Außerdem hat niemand Zeit mitzugehen. Undwer will schon alleine ins Freibad?

Gut die Hälfte meines Freundeskreises steht mit beiden Beinen fest im Berufsleben. Vor fünf Uhr Nachmittags kommt da niemand aus dem Büro. Die andere Hälfte studiert – aber trotzdem hat keiner Zeit. Denn außgerechnet im Sommer befinden wir uns in der von Studenten so sehr gehassten Prüfungszeit. Je nach Klausurterminen fallen da auch mal mehrere Prüfungen in eine Woche. Die Folge ist: ein Lernmarathon. Um sieben Uhr aufstehen, fertig machen, in die Bibliothek fahren, Platz ergattern, loslegen. Stress pur, konzentriert auf ein paar, viel zu kurze, Wochen. Da hilft oft nur, Wissen reinfressen und wieder Ausspucken.

Klar, ist das zum Teil auch hausgemachter Stress. Denn seien wir mal ehrlich, ein Großteil der Studenten ist während des Semesters stink faul. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Das Hausarbeitsthema steht ja oft schon zu Beginn der Vorlesungszeit fest. Am Ende ist der gemeine Student damit aber trotzdem selten früher als 24 Stunden vor der Abgabefrist fertig. Eigentlich ziemlich dumm. Das heißt wir sitzen bei strahlendem Sonnenschein ebenfalls am Schreibtisch, weil wir es bei Regen nicht rechtzeitig und lange genug geschafft haben, sitzen zu bleiben.

Somit ist das Klagen der arbeitenden Bevölkerung zum Teil gerechtfertigt. Ja, Studenten haben im Prinzip mehr Zeit, beziehungsweise können freier darüber verfügen. Sie müssen aber erst lernen, sie sinnvoll oder weniger sinnvoll einzuteilen. Das gehört zum Erwachsenwerden während des Studiums dazu. Deshalb, liebe Ex-Studenten, Gesellen, Facharbeiter oder sonstige Büromenschen, vergesst bitte bei eurer Anklage nicht, dass ihr irgendwann Feierabend habt, wir aber trotzdem weiter lernen müssen.  Zum Ende des Semesters heißt es Rechenschaft ablegen. So viel wir vielleicht auch vorher relaxed haben, soviel dürfen wir in der Prüfungsphase schwitzen. Stress haben wir alle, ihr und wir, es verteilt sich nur anders.

Jetzt sitze ich in einer Bibliothek voll mit Studenten und muss an meiner Bachelorarbeit weiter schreiben. Im Freibad muss irgendwer anders sein.

Andreas Huber

Den Prof simulieren

Von Christiane Fritz

En Garde! Mit diesem Ausspruch wird normalerweise ein Duell im Fechtsport eröffnet. Informationstechniker und Sportwissenschaftler der Bundeswehr Universität München entwickelten nun ein KFG – ein Koordinations-Fecht-Gerät. Oder simpel: einen Fechtsimulator.
Hier richtet der Sportler seinen Degen nicht mehr gegen einen Trainingspartner sondern auf eine Kinoleinwand. Auf dieser ist eine Person projiziert, gegen die er unter realitätsnahen Bedingungen kämpft. Mit dem Fechtsimulator können die Reaktions- und Bewegungszeit des Athleten ermittelt werden. Eine Blickbewegungs-Kamera analysiert das Blickverhalten und die Zielauswahl des Fechters. Über Kraftsensoren, die sich auf der Auftreffplatte befinden, wird der Druck der Degenspitze berechnet.

Schwierigkeitsgrad der Fragen bestimmen

Für den massentauglichen Einsatz an der Uni müsste aus dem KFG allerdings ein PÜG werden: ein Prüfungs-Übungs-Gerät. Mit diesem könnte sich der Student auf mündliche Examen vorbereiten, indem er sie vorab simuliert. Statt einem Trainingspartner erscheint dann auf der Leinwand der jeweilige Dozent. Ob dieser freundlich oder finster schaut, ob er legere oder formelle Kleidung trägt, entscheidet der Student nach seinem Gusto. Man müsste den Simulator selbstverständlich mit einem Sprachmodus ausstatten. Nacheinander stellt der Dozent dem vor der Leinwand positionierten Studenten die Fragen. Über einen Regler lässt sich der Schwierigkeitsgrad der Fragen steuern.
Um den Prüfling auf die mündliche Leistungskontrolle optimal vorzubereiten, sollte der PÜG auch mit Daten für die Simulation von ungewöhnlichen aber durchaus möglichen Situationen gefüttert werden. So konfrontiert der Dozent auf der Leinwand den Studenten mit verwirrend formulierten Fragen. Ein spezielles Gerät überprüft, wie gestresst der Prüfling klingt, und bestimmt somit, wie überzeugend dessen Argumentation ist.

Wie beim Koordinations-Fecht-Gerät zeichnet auch beim PÜG eine Kamera den Getesteten auf. Nach dem Ende der simulierten Prüfung kann der Student seine Reaktion und seine Antworten auf die Fragen in Ruhe reflektieren. So lernt der Student, gelassen und pfiffig zu antworten und sein Halbwissen optimal an den Mann oder die Frau zu bringen. Denn fest steht: die Formulierung des Arguments ist wichtiger als der eigentliche Inhalt. En Garde Prüfung!

Helden des Alltags

Von Julius Brockmann

Pr_fung.JPGSchummeln lohnt sich nicht», sagte bereits die Oma ihren Enkeln immer wieder. An der Universität scheint bei einigen Studenten das Abschreiben und Spicken allerdings sehr beliebt zu sein. Sogar Markus Kavka, MTV-Moderator und ehemaliger Student der Uni Erlangen-Nürnberg, verriet bekanntlich vor einiger Zeit, dass er sich seinen Magister nicht ganz legal erworben habe (die NZ berichtete).

Nun veröffentlichte die Ohio State University eine Studie mit überraschenden Ergebnissen. Studenten, die sich ihre Studienleistungen teilweise erschlichen haben, gaben in einer Befragung an, dass sie ihre Kommilitonen für noch durchtriebener halten. Ehrliche Studis hingegen bewerteten ihre Mitstudenten eher positiv. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass andere akademischen Betrug begehen. Ein wenig gutgläubig mutet diese Einschätzung an, geben doch insgesamt bis zu 80 Prozent der Studenten zu, bereits ein- oder mehrmals zu unerlaubter Hilfe gegriffen zu haben.

Psychologieprofessorin und Co-Autorin Sara Staats befragte mit ihrem Team rund 400 Studenten, und meint, dass die ehrlichen Wettstreiter «Helden des akademischen Alltags» sind. Sie seien mit einem schlechten Gewissen und Schuldgefühlen behaftet und verschafften sich auch dann keinen Vorteil, wenn sie mitbekämen, dass schummelnde Kommilitonen gute Noten einheimsen.

Auch in Zukunft wird wohl weiter gespickt und betrogen, was das Zeug hält. Denn nur die Hälfte der Befragten war sich sicher, künftig auf ehrliche Methoden zurückzugreifen, 30 Prozent waren sich noch nicht sicher. Meist hat das Schummeln Erfolg und wird nicht bemerkt. Darüber hinaus sind sich auch viele über die Konsequenzen nicht bewusst. Ein Fall am Institut für Theater- und Medienwissenschaft in Erlangen bedeutete für einen Studi keinen Schein, Prüfungssperre bei entsprechendem Dozenten und Spott der Kommilitonen.