Betreten verboten

FHZur Lern- und Prüfungszeit verwandeln sich Nürnbergs Hochschulen in einen Schilder­wald. „Bis 16 Uhr ist der Aufent­halt in den Gängen der dritten und vierten Etage nur Personen gestattet, die am Prüfungsgesche­hen der Fakultät beteiligt sind. Die Prüfungskommission.“ Beste Bedingungen für die Studieren­den, die sich gerade noch nervös auf der Treppe tummeln und gleich das gepaukte Wissen zu Papier bringen müssen. Niemand soll sie stören.

LerninselDamit sich Professoren und Stu­dierende der Rechts- und Wirt­schaftswissenschaftlichen Fakul­tät nicht gegenseitig stören, gibt es genaue Regeln. Sie stehen auf Schildern an den Wänden der sogenannten „Stillen Lernin­seln“. Studenten sollen in den Gängen in Ruhe büffeln, in den angrenzenden Zimmern arbeiten die Lehrstühle. „Sprechen Sie leise“, lautet der schriftliche Hin­weis. „Das schont ihre Stimmbän­der. Und unsere Ohren!“ Insge­samt fünf „hilfreiche“ Tipps ste­hen da. „Dass zu viel Lernen Schä­den verursacht, ist uns bewusst“, steht darüber.

mensaÜberhaupt nicht lernen dürfen die Studenten daher in der Mensa Regensburger Straße. Nur zu ihrem besten. Nicht, dass ihnen der Stoff den Appetit verdirbt.

Christina Merkel

Mein Abschied von der Uni

Mit dem Fahrrad radle ich den gewohnten Weg zur Uni. Unterwegs wird mir bewusst: Das ist wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich diese Strecke fahre. Meine Diplomarbeit habe ich vor Monaten abgegeben. Jetzt bekam ich die Note mitgeteilt. Ich bin zufrieden und glücklich, es endlich geschafft zu haben.
Jetzt gehe ich mein Zeugnis im Prüfungsamt abholen. Es wird mein letzter Streifzug durch die Fakultät, das letzte Mal durch die langen Gänge laufen, das letzte Mal der etwas muffige Geruch. Bei diesen Gedanken werde ich fast ein bisschen wehmütig. Wenn ich das Zeugnis in Händen halte, bin ich Absolvent der Sozialwissenschaften, genauer Diplom-Soziologe. Damit gehöre ich zu einer aussterbende Rasse.
Denn neuerdings gibt es „Bachelors of Social Economics“ oder gleichnamige „Master“. Seit meinem Studienbeginn vor sechs Jahren hat sich vieles verändert. Meine Fakultät trägt einen neuen Namen. In der ganzen Metropolregion – auch so ein neues Wort – noch immer unter WiSo bekannt, heißt die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät seit fast schon zwei Jahren ReWi, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät. WiSo hat mir besser gefallen, schon vom Klang her.
Keine Sozialistische Hochschulzeitung heute
Als ich mein Fahrrad vor dem Eingang abschließe, sind dort ausnahmsweise keine Flyer-Verteiler postiert, die die nächste Party anpreisen. Der Mann mit der Sozialistischen Hochschulzeitung in Händen ist heute auch nicht zu sehen. Eventuell hat er es aufgegeben, kostenlose Exemplare an desinteressierte Studenten verteilen zu wollen. Sonst habe ich immer versucht, mich geschickt an ihnen vorbeizudrücken, heute fehlen sie mir in meinem Abschiedsbild.
Langsam kann ich über den Campus laufen. Ich betrete die kalte Eingangshalle, deren Aussehen und Geruch mich nach wie vor an das Flair einer Großraumtoilette erinnern. Ausgerechnet solche Dinge bleiben. Zwar fehlt es der Halle an Zuwendung, dafür hat fast jedes Auditorium inzwischen einen Sponsor. Nicht nur Fußballstadien werden gegen schnelle Finanzspritzen nach dem Geber benannt, sondern auch das Herzstück der Universitäten, der Hörsaal.
Der Ort des kritischen Denkens und Diskutierens, wird zur Werbeplattform. Die Studiengebühren stopfen die Finanzlöcher nicht alleine, der ehemalige H1 verdankt seinen Namen nun einem großen Geldinstitut, H2 einem internationalen Wirtschaftsprüfer mit Sitz in Nürnberg. Ich sollte als persönliches Abschiedsgeschenk in großen Buchstaben „Zu Verkaufen“ auf die Türen von Hörsaal Nummer vier schreiben. Der ist noch zu haben.
Lange Wartezeiten im Prüfungsamt
Das Prüfungsamt liegt im ersten Stock. Davor sitzen bereits, es scheint als säßen sie schon länger, sieben Studenten. Nachdem auch ich 40 Minuten gewartet habe, rücke ich ins Zimmer der Sachbearbeiterin vor. Gerade noch kurz vor Ende der Öffnungszeit um 10.45 Uhr. Hochschulstrukturen – nichts was man vermissen wird. Trotz Wirtschaftssponsoren, wenig ökonomisch.
„Ich würde gerne mein Diplomzeugnis abholen“, sage ich stolz. Die Beamtin bietet mir einen Stuhl an, und nach der Unterschrift auf der Empfangsbestätigung halte ich endlich das Papier in Händen, für das ich elf Semester studiert habe. Ob es mir in absehbarer Zeit meinen Traumjob verschaffen wird? Ich wage es zu bezweifeln in Zeiten der Krise.
Während ich die Tür zum Ausgang öffne, überfällt mich erneut Wehmut. Das war’s dann also. Tatsächlich läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Mach’s gut Fakultät. Bei meinem Fahrrad passt mich eine blonde Flyerverteilerin ab, die nächste Studentenparty steht an. Ich kann der Uni getrost den Rücken kehren.
Fabian Friedmann (Absolvent der Uni Erlangen-Nürnberg)

Nachtschicht in Bibliotheken

Einige Erinnerungen lassen so gar keine Wehmut aufkommen. Da wären zum Beispiel die bestellten Aufsätze, die der Student früher selbst bezahlen musste. Oder, brauchte er neue Immatrikulationsbescheinigungen, weil die alten unauffindbar waren, musste er erst in die Studentenkanzlei. Heute loggt sich der Student einfach beim Portal «mein campus» ein und druckt den Studiennachweis selbst aus. Auch den früheren Öffnungszeiten der Bibliotheken wird keine Träne nachgeweint.

Seit zwei Jahren haben alle länger geöffnet. Die Hauptbibliothek sogar bis Mitternacht. Selbst sonntags können die Studenten an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (ReWi) bis um 24 Uhr in die Lesesäle. Aber nutzen die Studenten dieses Angebot wirklich? Ja, meint Gisela Gläser, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Universitätsbibliothek. «Sowohl in der Zweigbibliothek der ReWi als auch in der Teilbibliothek Jura in Erlangen sitzen auch in den späten Abendstunden noch Studenten.»

52 Stunden länger geöffnet

Während der Vorlesungszeit können die angehenden Akademiker 52 Stunden pro Woche länger in die Hauptbibliothek. Die Bibliothek des Departments Fachdidaktiken in der Regensburger Straße steht nun weitere 33 Stunden offen.

Damit Haupt-, Zweig- und die Institutsbibliotheken nicht unnötig öffnen, wurden die neuen Zeiten mit Studenten, Fakultäten und den Instituten abgesprochen. «Anpassungen an den Bedarf werden immer wieder vorgenommen», erklärt Gläser. «Für eine großzügige Ausweitung der Öffnungszeiten in den Institutsbibliotheken sehen wir derzeit keine Notwendigkeit.»

220 000 Euro kosten die verlängerten Öffnungszeiten pro Semester. Nach Meinung der Studenten ist das gut investiertes Geld.

Vorbei mit der Schlepperei

Von Christiane Fritz

Sechs Arme haben – das wärs. Die Optik wäre natürlich dahin. Allerdings dürfte es praktisch sein. Gerade wenn man in die Bib geht, um zu lernen. Weil keine Taschen in den Lesesaal mitgenommen werden dürfen, muss der Student die mitgebrachten Lernmaterialien irgendwie auf seinen Körper verteilen.

Die rechte Hand hält den schweren Ordner. Der kleine Finger derselben umkrallt den Deckel der Zwei-Liter-Wasserflasche. Jetzt heißt es: Zähne zusammenbeißen, auch wenn sich das Muster des Deckels in den Finger stanzt. Man will schließlich weder verdursten noch zweimal gehen. Mit der linken Hand balanciert man das Notebook, auf dem noch mehrere Bücher ruhen. Weil die oberen Extremitäten ausgelastet sind, wird der Kleinkram wie Handy, Stifte und UB-Karte auf die Hosentaschen verteilt.

Von den Schließfächern tastet sich der Student Stück für Stück in Richtung Lesesaal. Ist ihm Fortuna hold, öffnen ihm aufmerksame Kommilitonen die Tür. Wenn nicht, muss er versuchen, sie mit einem Fuß aufzuschieben. Einfacher haben es da die Studenten der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät: dank der neu eingeführten Bib-Tasche. Seit dem letzten Wintersemester können die Studenten ihre Bücher, Stifte und Getränke in eine durchsichtige Plastiktasche legen. Die Taschen, welche den blauen Tüten eines bekannten schwedischen Möbelhauses ähneln, dürfen die Studenten mit in die Bibliothek nehmen.

„Die Taschen wurden auf Wunsch der Studierenden eingeführt“, erklärt Gisela Gläser, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Universitätsbibliothek. Weil das „Alumni-Netzwerk und der Fakultätsbund der WiSo Nürnberg e.V.“ die Taschen finanziell unterstützen, müssen die Studenten nur 50 Cent für eine berappen. 1500 Stück wurden bislang verkauft.

Seine Kreativität muss der Student hinsichtlich der Tasche nicht zügeln. Aufkleber oder anmalen sei erlaubt. „Solange die überwiegende Fläche durchsichtig bleibt, hat die Bibliothek nichts gegen eine Individualisierung einzuwenden“, so Gläser. Die Studenten des Departments Fachdidaktiken müssen ihre Laptops und Lernmaterialien bislang ohne Hilfsmittel tragen. Ein Verkauf der Taschen könnte aber bei entsprechender Nachfrage eingerichtet werden.

Eine Alternative wären auch Körbe. Diese stehen den Studenten in der Technisch-Naturwissenschaftlichen Zweigbibliothek zur Verfügung. Optisch vielleicht kein Hingucker, aber immer noch besser als sechs Arme.

Nur "gefühlte" 80 Prozent

Das Gerücht ist nicht totzukriegen. An allen Ecken und Enden der Uni Erlangen-Nürnberg hört man, in den Wirtschaftswissenschaften soll es eine Durchfallquote von 80 Prozent geben. Jeder kennt irgendeinen, der sein Studium abbrechen musste, um an die Fachhochschule zu wechseln, weil er eine Prüfung endgültig nicht bestanden hat.

Dabei sind nach Auskunft von ReWi-Dekan Prof. Michael Amberg noch über 50 Prozent der Bachelor-Studenten aus dem ersten Jahrgang an Bord (NZ vom 2. Juni 2008). Anscheinend handelt es sich bloß um eine Abbrecherquote von „gefühlten“ 80 Prozent.

Wer noch dabei ist, hat die härteste Zeit hinter sich: die Assessment-Phase. Wie der Name schon sagt, soll hier – ähnlich einem Assessment-Center – herausgefunden werden, wer für das Studium überhaupt geeignet ist. Manche spotten, früher hätte man dazu einfach „rausprüfen“ gesagt. Das Schwierige in dieser Zeit ist, dass jeder Student die Prüfungen nur ein Mal wiederholen darf. Das führte zu den hohen Abbrecherquoten.