Seniorenstudium an der FAU

Von Margot Jansen

Harald Csallner verlässt mit energischen Schritten den Hörsaal 0.011 im Erlanger Kollegienhaus. Um den 70-Jährigen herum Gedränge, Geschnatter, Gelächter, dazwischen immer wieder „ältere Semester“, die es nicht ganz so eilig haben. Schnell packt er seine Aufzeichnungen in die Aktentasche, dann geht es für heute nach Hause.

Csallner, der Kunstgeschichte im Hauptfach, Geschichte und Sozialwissenschaften im Nebenfach studiert, ist einer von 427 Seniorenstudenten, die sich im Wintersemester 2008/09 an der Universität Erlangen-Nürnberg eingeschrieben haben. Seit vier Jahren sitzt er zusammen mit 45 Jahre jüngeren Studenten in denselben Vorlesungen. Alt, nein alt fühle er sich nicht. Er will, wie 25000 andere Seniorenstudenten in ganz Deutschland, geistig fit bleiben, Denkanstöße bekommen, vernachlässigten Interessen endlich nachgehen. Da bleibt für Kranksein keine Zeit.

Laut einer Umfrage in den Städten Dortmund und Oldenburg fühlen sich zwei Drittel der Seniorenstudenten nach Aufnahme des Studiums gesünder, sowohl psychisch als auch physisch. Für Erlangen sind nach Auskunft von Prof. Frieder Lang vom Institut für Psychogerontologie keinerlei Daten oder Informationen zum Gesundheitsstatus der Senioren bekannt. „Ich wäre nicht überrascht, wenn die Teilnahme am Lehrangebot der Universität zunächst einen vitalisierenden, aktivierenden und damit auch gesundheitsfördernden Effekt hätte“, meint Lang. „Allerdings gilt es auch zu berücksichtigen, dass vielleicht oft gerade Personen mit der Zeit weg bleiben, die gesundheitlich belastet sind.“

Harald Csallner war früher Pharmazeut. „Ich wollte schon als junger Mann Kunstgeschichte studieren, aber was sollte ich mit dieser brotlosen Kunst? Jetzt habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt.“ Mit dieser Fächerkombination gehört er zur Mehrheit der Gaststudenten, die diese Vorlesungen besuchen, neben Germanistik und Philosophie. Mit seinen 70 Jahren ist er repräsentativ für die Altersstruktur der Gasthörer.

233 Senioren gehören der Gruppe der 63- bis 72-Jährigen an. Was ihn allerdings zu einer absoluten Minderheit macht, ist die Tatsache, dass er sich zu einem regulären Studium entschieden hat. Nur etwa drei bis vier Seniorenstudenten entscheiden sich, so vermutet es Doris Nitsche von der Studentenkanzlei, für diesen Weg. Die Übrigen besuchen als Gasthörer mit durchschnittlich vier Wochenstunden die Vorlesungen und Seminare. So wie Konrad Huber und sein Kollege, ehemalige Siemens-Ingenieure. „Wir wollten etwas völlig anderes machen, unseren geistigen Horizont erweitern, geschichtliche Zusammenhänge verstehen“, erklärt Huber. Da bot sich die Vorlesung „Deutsche und europäische Geschichte 1740 bis 1806″ geradezu an.

Entgegen der bundesweiten Tendenz sind es in Erlangen die Männer und nicht die Frauen, die die Universität zur wissenschaftlichen Weiterbildung nutzen. Ihr Anteil liegt hier bei 63 Prozent. Noch eine Besonderheit weist Erlangen auf: Die Gasthörerzahlen sind rückläufig. „Da machen sich wohl die Studiengebühren bemerkbar“, meint Doris Nitsche.

88 Jahre – und noch immer an der Universität eingeschrieben – ist der älteste Student der Erlanger Universität. Der lebende Beweis für die positive Beeinflussung des Alterungsprozesses durch lebenslanges Lernen. An anderen Universitäten, wie beispielsweise Dortmund, nutzt man dieses „Altenpotential“. So werden Zeitzeugenseminare für historische Themen durchgeführt. Es muss nicht immer die NS-Zeit sein, denn schon längst haben die 68er die Universität erobert.

Auf Exkursion mit Senioren

Von Eva Lindner

Das Verhältnis zwischen Studenten und Senioren, die als Gasthörer die geisteswissenschaftlichen Vorlesungen besuchen, ist bekanntlich oftmals nicht das beste und noch dazu vorurteilsbeladen: Die Studenten monieren an den Rentnern, dass diese schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorlesung die besten Plätze belegen, während für die jungen Wissenschaftler oft nur die Fensterbänke bleiben.

Fragen die Gasthörer beim Dozenten interessiert nach oder kommentieren seinen Vortrag, wird das von den Jungen oft als Anbiederung aufgefasst. Aber auch die Senioren schütteln empört den Kopf, wenn die Jugend mal wieder zu spät kommt und dann auch noch mitten im Seminar die Handys bimmeln.

Am kunsthistorischen Institut der Uni Erlangen wird mit diesen Klischees schon seit Jahren aufgeräumt und eine gute Beziehung zwischen den Generationen gepflegt. Der Grund? Mindestens einmal im Semester finden, auf Initiative von Prof. Hans Dickel, gemeinsame Exkursionen unter anderem nach Prag, Venedig, Paris und New York statt, die auf einem an der Universität einzigartigen Modell basieren: Jeder Gasthörer übernimmt eine finanzielle Patenschaft für einen Studenten, im Gegenzug dazu bereitet dieser Referate vor und führt die Gruppe als kunsthistorischer Reiseleiter durch die Stadt.

Gasthörer zahlen, Studenten referieren

In dieser Symbiose gibt jeder das, was er am leichtesten entbehren kann – der Student die wissenschaftliche Vorarbeit, der Gasthörer das nötige Geld. Kürzlich verbrachten auf diese Weise 16 Studenten für je 100 Euro eine Woche in Madrid, inklusive Flug, ICE nach Frankfurt und Übernachtung mit Frühstück.

Die Gasthörer, deren Reisekosten sich jeweils auf etwa 900 Euro beliefen, spendeten zusätzlich gut 200 Euro pro Person für die Studenten. Zusätzliche Gelder durch die Studienbeiträge und das Dekanat der Universität machten den Schnäppchenpreis für die Studenten möglich.

„Die kunstwissenschaftliche Qualität, die man auf dieser Reise durch die Referate geliefert bekommt, ist außerordentlich hoch“, sagt Gasthörer Peter Mörtel, der die Exkursion mitorganisiert hat. „Für eine Studienreise dieser Art, hätten wir im Reisebüro 50 Prozent mehr bezahlt.“ Das gute Verhältnis zwischen den Studenten der Kunstgeschichte und ihren „Mäzenen“ wird wohl in den nächsten Semestern noch weiter ausgebaut: Exkursionen nach Riga und Chicago sind schon in Planung.