Zweifaches Sockelmodell beim Semesterticket?

Bei der gestrigen Versammlung des Zweckverbandes Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) ging es neben S-Bahn-Ausbau und Streckenelektrifizierungen auch um „ein weniger imageträchtiges Thema“, wie Jürgen Haasler es ausdrückte. Der beim VGN für Marketing zuständige Geschäftsführer stellte den Mitgliedern des Zweckverbandes, Landräte und Oberbürgermeister der Kreise und Städte, die den VGN tragen, den aktuellen Stand in Sachen Semesterticket vor.

Bei den Planungen richten sich die VGN-Strategen ein bisschen nach den Münchner Kollegen. Dort gibt es seit vergangenem Wintersemester ein recht erfolgreiches Sockelmodell: 59 Euro Zwangsbeitrag fürs Fahren am Abend und Wochenende sowie ein freiwilliges Upgrade (141 Euro) für den Rest der Zeit, also vor allem tagsüber an Werktagen. Beim VGN denkt man neben der Münchner Variante auch darüber nach, ob es eine Wahlmöglichkeit bei der zweiten Stufe geben soll. So könnten Studenten dann wählen, ob sie für die noch unbekannte Summe x die Werktagserweiterung für das ganze Verbundgebiet dazukaufen oder für weniger Geld unter der Woche nur in der Städteachse Nürnberg-Fürth-Erlangen unterwegs sein wollen. Das würde mehrere Wahlmöglichkeiten bedeuten und die ganze Sache – trotz Zwang beim Sockel – etwas demokratischer machen. Studenten könnten dann Geld sparen, wenn sie unter der Woche nur in den Städten unterwegs sind und sich die Fahrten ins Umland fürs Wochenende aufheben.

Derzeit erheben übrigens Verkehrsplaner des Unternehmens WVI Fahrgastzahlen für den VGN. Diese sollen ab April 2014 vorliegen, anschließend geht die große Rechnerei los: Wie viel muss ein Semesterticket kosten, damit einerseits möglichst viele Studenten über den Sockel hinaus mitmachen, aber andererseits sich das Modell auch für die Verkehrsunternehmen lohnt? Wir harren sehnsüchtigst einer Antwort auf diese Frage…

fbh

Semesterticket: München macht's uns vor

Wer hat’s uns mal wieder gezeigt? Die Münchner natürlich… Dort ist zum laufenden Wintersemester erstmalig für Studenten ein Semesterticket aufgelegt worden, das diesen Namen auch verdient.

In der Landeshauptstadt müssen nun alle Studenten, ob sie wollen oder nicht, für 59 Euro pro Semester eine Art Basisticket erwerben, das zu Fahrten nach 18 Uhr und an Wochenenden berechtigt. Wer zu den Hauptverkehrszeiten die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen will, löst zusätzlich eine Karte für 141 Euro. Für 200 Euro sind Studenten folglich ein halbes Jahr lang im gesamten Raum des Münchner Verkehrsverbundes unterwegs, also nicht nur im Stadtgebiet, sondern auch im Umland.

München: Sockelmodell

Bislang hatten die Münchner die gleichen Widrigkeiten geplagt, wie sie auch Studenten aus Nürnberg und Umgebung kennen. Kurz gesagt: Den beteiligten Verkehrsunternehmen ist das Risiko zu groß, dass sie bei einem Studententicket zu viel draufzahlen. Deswegen gibt es bislang in der Region keine verbundweite Karte. Studenten können wochen- oder monatsweise den Ausbildungstarif nutzen, der auch für Schüler und Azubis gilt, oder Semestermarken für drei oder vier Monate erwerben.

Diese schließen jedoch die „vorlesungsfreie Zeit“ aus. Wer in den Ferien zu Prüfungen oder Bibliotheksrecherchen an die Hochschule fährt, muss wieder eine andere Karte lösen. Vier Monate freie Fahrt im Bereich Nürnberg, Fürth, Stein und Erlangen kosten für Studenten derzeit knapp 252 Euro.

Solidarbeitrag ist vielmehr Zwangsabgabe

In München war die Situation ähnlich. Dort hat sich allerdings nach langer politischer Debatte die Kommune bereiterklärt, für das finanzielle Risiko von Kosten für die beteiligten Verkehrsbetriebe einzustehen. Konkret hat die Stadt München eine Zusage in Höhe von knapp zwölf Millionen Euro über zwei Jahre gemacht. Prognostiziert war, dass den Bus- und Bahnunternehmen in und um München Einnahmen entgehen, wenn weniger als 70 Prozent der Studenten sich für das Gesamtpaket von 200 Euro entscheiden.

Nun sieht alles danach aus, dass die Hürde genommen ist. Das heißt: Weder Verkehrsbetriebe noch die Stadt München müssen draufzahlen. Kritik an diesem Modell gibt es freilich auch. Nicht wegzudiskutieren ist, dass jeder Student 59 Euro Zwangsabgabe – verbrämt als Solidarbeitrag – leisten muss, also auch, wer mit dem Fahrrad, Auto oder zu Fuß zur Hochschule kommt.
Der Erfolg in der Landeshauptstadt macht jetzt auch Nürnberger Lokalpolitiker hellhörig.

Nürnberger Politik entdeckt das Thema Studententicket

Vergangene Woche brachte die SPD-Stadtratsfraktion einen Antrag ein, der für die Region ein ähnliches Modell wie in München vorsieht. Daraufhin teilte die CSU mit, sie habe vor gut zwei Jahren bereits fast das gleiche gefordert, der Antrag liege aber seitdem unbeantwortet beim Oberbürgermeister. Nun spekuliert man bei den Schwarzen, dass sich in dieser Angelegenheit bald etwas tun könnte. Bereits öfter habe die SPD in jüngster Zeit schnell noch einen Antrag gestellt, wenn eine Entscheidung ohnehin kurz bevorgestanden habe, sagt ein prominenter Christsozialer.

Beim Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) stoße das auf offene Ohren. In wenigen Monaten werden frische Daten zur Mobilität der Studenten vorliegen. Danach könne man mit dem Studentenwerk über verschiedene Modelle diskutieren. Wenn die Studenten mehrheitlich hinter einem Sockelmodell à la München stehen und sich die Politik – vielleicht im Rahmen der Metropolregion – auch zu Zusagen bereiterkläre, könnte ein echtes Studententicket kommen, mit viel Einsatz vielleicht schon zum nächsten Wintersemester.

fbh