Vollversammlung: Semesterticket und Sanierungsstau

Die Beteiligung an den studentischen Vollversammlungen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ist dermaßen gering, dass man diesen Veranstaltungen das Präfix „Voll-“ eigentlich aberkennen müsste. Großzügig geschätzt waren am Donnerstag von inzwischen über 37 000 Uni-Studenten gerade einmal 250 ins Erlanger Audimax gekommen. Dabei standen auf der Tagesordnung der zweistündigen Sitzung zwei Themen, die die Studenten besonders umtreiben. (Unser Foto ist ein Archivbild aus dem Jahr 2010. Da war das Audimax knallvoll. Aber das waren andere Zeiten – die von Studiengebühren und Bildungsstreik.)

Im ersten Teil ging es um das Semesterticket, das es in der Region immer noch nicht gibt – zumindest nicht in der Form, die die Studenten sich vorstellen. Bislang sind die Semestermarken auf die Vorlesungszeit beschränkt, sonderlich günstig sind sie auch nicht. Doch nachdem in diesem Wintersemester in München ein Solidarmodell erfolgreich gestartet ist, haben auch die Studentenvertreter in Erlangen und Nürnberg neue Motivation bekommen.

Semesterticket: Die Region steht als Witz da
17 Universitäten mit mehr als 30 000 Studenten gebe es in Deutschland, erklärte Studentenvertreter Benedikt Kopera, und nur zwei davon hätten kein echtes Semesterticket: die Fern-Uni Hagen und die FAU. Dafür gab es viel Gelächter, obwohl die Studenten die Situation alles andere als witzig finden. Großes Hemmnis für die Arbeit der Studenten ist die Tatsache, dass sie über keine validen Zahlen verfügen. Der Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) lässt derzeit Fahrgastzahlen auswerten, Ergebnisse werden Anfang 2014 vorliegen.

Aber da gibt es noch die Studie zur Mobilität der Studenten, die Tim Elrick vom Institut für Geografie erstellt. Ganz abgeschlossen ist sie noch nicht, aber sie weist erste Ergebnisse aus, die nicht völlig unerwartbar waren. Demnach nutzt die überwiegende Mehrheit der Studenten, die in Erlangen sowohl wohnen als auch studieren, das Fahrrad, um die in der Regel kurzen Distanzen zu überwinden.

Wie weit geht die Solidarität der Erlanger Studis?
Darin liegt auch das große Problem für ein Semesterticket, das wie in München nach dem Solidarmodell funktionieren würde: Alle Studenten müssten zwangsweise einen Sockelbeitrag entrichten – in München 59 Euro im Semester für Fahrten nach 18 Uhr und am Wochenende – und könnten diesen aufstocken auf eine rund um die Uhr gültige Fahrkarte. Für 200 Euro pro Semester können Studenten in München das volle Angebot nutzen. Es ist aber davon auszugehen, dass sich unter den Erlanger Studenten sehr viele befinden, bei denen es mit der Solidarität schnell vorbei wäre, wenn sie den Kommilitonen aus dem Umland die günstigere Pendelei subventionieren müssten.

Jedenfalls konnte Elrick berichten, dass kürzlich bei einem Treffen der potenziellen Vertragspartner – Studentenwerk und Verkehrsunternehmen – alle der Meinung gewesen seien, die Zeit wäre langsam reif für ein echtes Studententicket. Der VGN brauche jedoch verlässliche Zahlen, wie viel die Verkehrsunternehmen einnehmen würden, wenn es zu einem Semesterticket kommt. Derzeit würde mit Zahlen kalkuliert, die etwa 15 Jahre alt sind.

„Der VGN hält uns doch hin!“
Einige Studenten fragten pointiert, wie lange sie sich vom VGN noch hinhalten lassen müssten. Andere schlugen einmal mehr eine große Demonstration vor. Ein Student riet, bei den Verhandlungen nicht nur eine Option zu diskutieren, etwa das Münchner Modell, sondern gleich mit verschiedenen Vorschlägen in die Gespräche zu gehen.

Ein anderer fragte, wie man das Verfahren beschleunigen könne. Dazu meinte Studentenvertreter Kopera, der kommende Kommunalwahlkampf könne beitragen, den Druck zu erhöhen. Letztendlich entschieden sich fast alle abstimmenden Studenten dafür, die Studentenvertretung solle vor allem ein „solidarisches“ Semesterticket im Auge haben.

Kanzler Schöck: „300 Gebäude, viel zu wenig Geld.“
Das andere große Thema war der schlechte Zustand einiger Uni-Gebäude. Kanzler Thomas Schöck referierte einmal mehr die finanziellen Zwänge. Die Uni bekomme vom Freistaat viel zu wenig Geld für den Unterhalt der Bauten bewilligt, teilweise nur ein Zehntel dessen, was dringend notwendig ist. Die FAU verfüge über mehr als 300 Gebäude, mit insgesamt über 400 000 Quadratmetern Fläche.

Aus der Genese der Universität ergebe sich das Problem, dass viele Einrichtungen auf unterschiedliche Häuser verteilt seien. Einige davon sind bekanntermaßen in Wohn- oder Bürogebäuden untergebracht. Bemerkenswert sei aber, dass sehr alte Häuser, etwa der gerade 100 Jahre alt gewordene Altbau der Universitätsbibliothek so solide errichtet worden seien, dass sie kaum Probleme bereiteten. Neueres aus den 1960ern und 1970ern habe hingegen bereits mehrfach aufwendig saniert werden müssen, etwa weil Beton bröckelt.

Die Kochstraße wird abgerissen – in zehn Jahren
Das Philosophische Seminargebäude in der Kochstraße 4, inzwischen zum Teil nach Blitzsanierung wieder freigegeben, habe eine Restlaufzeit von nur noch etwa zehn Jahren. Deswegen habe man sich entschlossen, nur das Nötigste zu richten und anschließend einen Neubau zu planen – wie gesagt, für die Zeit nach Ablauf eines Jahrzehntes.

Die eingehende Untersuchung der Belastung mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) in den Philosophischen Türmen werde derzeit abgeschlossen. Ergebnisse werden wohl Anfang kommenden Jahres vorliegen. Auch das Audimax bereite Probleme, weil eine Deckenkonstruktion aus Holz unter anderem den Brandschutzvorschriften nicht mehr genüge.

Wer ist schuld am Deckenabsturz?
Einige wenige Zwischenrufer unterstellten dem Kanzler, die Hochschulleitung lasse die Kontrolle der Baulichkeit bewusst schleifen. Andere forderten erfolglos, dass auf der nächsten „Vollversammlung“ die Schuldfrage für den Deckenabsturz in der Erlanger Kochstraße diskutiert werde.

fbh

Kein Wahlomat, aber immerhin Entscheidungshilfe für Studenten

In diesen wahlkämpferischen Tagen redet alle Welt vom Wahlomat – es gibt einen für die Landtagswahl und seit gestern auch einen für die Bundestagswahl. Das Bequeme daran ist: Man kann mit ein paar Klicks die Wahlprogramme verschiedener Parteien an der persönlichen Meinung messen.

Das Sekretariat der LAK – die Abkürzung steht für die grässlich geschraubte Bezeichnung „Landes-ASten-Konferenz“ – gibt den Studenten im Freistaat jetzt auch eine kleine Hilfestellung bei der Wahlentscheidung. Die Ober-Studentenvertreter haben sich die Mühe gemacht, einige Fragen an die Parteien zu formulieren. Deren Antworten wiederum sollen skizzieren, wie sich die jeweiligen politischen Kräfte die Zukunft der bayerischen Hochschullandschaft vorstellen. Das Ganze ist nicht so komfortabel wie der Wahlomat und auch nicht so richtig überraschend: So sehen die Koalitionäre von CSU und FDP weniger Reformbedarf als ihre Opponenten. Die Einführung einer verfassten Studentenschaft mit Zwangsmitgliedschaft aller Studis, eigenem Budget, politischem Mandat et cetera lehnen Union und Liberale weiterhin ab, die linken Parteien – und zu diesen zählen bei vielen Hochschulthemen auch die Freien Wähler – finden Kollektivismus ziemlich gut, das Geld anderer Leute geben sie auch gerne aus, deswegen sind sie klar für die verfasste Studentenschaft. Auch sonst alles erwartbar: CSU und FDP für Spitzenforschung, Leuchttürme und Exzellenz, linkes Spektrum gegen Wettbewerb der Hochschulen und zu große Kooperation mit der Wirtschaft. Die Linke ist dezidiert gegen staatliche Förderung kirchlicher Hochschulen.

Wer seine Wahlentscheidung hauptsächlich von studentischen Themen abhängig machen und sich durch ellenlange Konvolute von Fragen und Antworten arbeiten will, findet hier alle entsprechenden Dokumente. Wie gesagt: So bequem wie beim Wahlomt gehts hier nicht zu.

fbh