Fleißige Helfer zahlen keine Miete

Eine Villa in Büchenbach, auf einem riesigen Grundstück mit Swimmingpool – dort hat die 17-jährige Berufsfachschülerin zwei Zimmer mit Blick ins Grüne bezogen. Wie sie sich das leisten kann?

Ganz einfach. Das Ehepaar Meyer hat gern Leben im Haus und freut sich über ein wenig Hilfe. Platz gibt es genug, die drei Kinder der beiden sind längst ausgezogen, die eigene Hausarztpraxis ist geschlossen. „Ich habe für Chiara mein altes Arbeitszimmer im zweiten Stock geräumt und das Gästezimmer darf sie auch noch bewohnen“, sagt Otto Meyer. „Da darf sie machen, was sie möchte“, grinst der 93-Jährige. Als Gegenzug geht Chiara ihm und seiner Frau im Haushalt zur Hand. Obwohl die beiden eigentlich auch sehr gut allein zurechtkommen. „Ich koche jeden Tag noch selbst“, sagt Elisabeth Meyer stolz. Nur ab und zu, wenn es darum geht, die Spülmaschine einzuräumen, oder schnell etwas aus dem Keller zu holen, ist die 91-Jährige froh, wenn Chiara aushilft.
Hoffnungslos auf Zimmersuche

„Wir haben auch ausgemacht, dass ich jeden Tag das Frühstück vorbereite und die Zeitung ins Haus hole“, sagt Chiara. Manchmal übernimmt sie auch leichte Arbeit im Garten, gießt die Blumen und sammelt das Laub der vielen Bäume zusammen. Die angehende Fremdsprachenkorrespondentin ist froh, bei den Meyers untergekommen zu sein. Nicht nur, weil sie dann nicht allein in einer fremden Stadt wohnt, Berührungsängste hat die Schülerin, die bereits ein Jahr in Russland verbracht hat, schließlich nicht. Doch dafür war die Zimmersuche in Erlangen umso problematischer. Zunächst hatte sie sich eigentlich nach einer Studenten–WG umgesehen. Bei den meist etwas älteren Bewohnern hatte sie als erst 17-Jährige aber keine Chance. Auf ein begehrtes Zimmer im Wohnheim hatte die Eppingerin auch keine Aussicht. Dort hätte sie Abitur nachweisen müssen, um überhaupt unterzukommen. Sie wollte ihre Ausbildung aber schon nach der Mittleren Reife beginnen.

Also suchte ihre Mutter im Internet und stieß auf das Projekt „Wohnen für Hilfe“, ein Programm der Stadt Erlangen in Kooperation mit dem Studentenwerk, das Wohnpartnerschaften zwischen Jung und Alt vermittelt. Bislang haben sich neun solcher alternativen Wohngemeinschaften in der Region zusammengefunden, drei weitere Haushalte haben laut Gabriela Hesel von der Stadt Erlangen schon zugesagt.

Gerade in Erlangen gibt es viele Haushalte, in denen sich noch Platz für Studenten finden ließe, allerdings fehlt bei einigen älteren Menschen die Bereitschaft, einen Fremden mit einziehen zu lassen. „Viele haben Angst, dann nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein“, bedauert Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis. Dabei könnten doch die Generationen unter einem Dach nur voneinander profitieren.

Die Meyers haben das verstanden. „Du sitzt ja da wie die Königin Viktoria“, lacht Otto Meyer spitzbübisch, als er zu seiner Frau in die Küche kommt und sie vom bequemen Hocker aus Chiara zusieht, die gerade die Spülmaschine ausräumt. Die 91-Jährige freut sich, schließlich war sie es, die die Idee hatte, junge Studenten im Haus aufzunehmen. „Letzten Winter erst“, erzählt sie, „hatten wir ein ganz nettes Mädchen hier. Eine junge Frau aus Polen.“ Sie wohnte damals in Nürnberg und kam zum Putzen zu den Meyers. Als sie dann für das Studium nach Erlangen ziehen wollte, bot ihr Elisabeth Meyer ein kostenloses Zimmer an. Gegen etwas Hilfe im Haushalt. „Wir haben doch so viel Platz hier, es wäre doch schade, wenn wir das nicht mit der jüngeren Generation teilen könnten“, sind sich die beiden einig. Angst, als billiger Helfer ausgenutzt zu werden, müssen Studenten dabei nicht haben. „Als Faustregel gilt: eine Stunde Arbeit für einen Quadratmeter Wohnraum im Monat“, erläutert Hesel das Projekt.

Mehr würde Chiara wahrscheinlich auch nicht schaffen, wenn sie morgens um 8 Uhr in die Schule geht, erst am späten Nachmittag zurück kommt und dann noch lernen muss. Vielmehr geht es darum, Ansprache zu haben und präsent zu sein. So ist der Umgang im Hause Meyer auch sehr liebevoll. Da kommt es schon einmal vor, dass Elisabeth Meyer den Arm um Chiara legt, als sei sie ihre Enkelin.

Julia Vogl