Ein völlig verkorkstes Jahr

FC Schalke 04 - 1. FC Nürnberg
Der Anfang stimmte hoffnungsfroh, das Ende zumindest ein wenig versöhnlich – doch auch wenn der 1.FC Nürnberg vier der ersten fünf Pflichtspiele des Jahres gewann und die letzten vier nicht verlor, werden die Club-Fans froh sein, dass das schauderhafte 2014 nun endlich zu Ende geht.

Borussia Dortmund - 1. FC NürnbergDabei herrscht am Valznerweiher ein merkwürdiger Winterpausen-Optimismus im Januar 2014 – und das, obwohl der Club gerade mal wieder einen seiner vielen Deppenrekorde aufgestellt und eine komplette Hinserie ohne einen einzigen Sieg absolviert hat. Weil aber elf Unentschieden gelangen und die Konkurrenz sich ebenfalls schwer tat, ist das rettende Ufer nicht so weit entfernt, Nürnberg liegt drei Zähler hinter dem SC Freiburg, der den Relegationsplatz belegt, und punktgleich mit Schlusslicht Braunschweig auf Abstiegsrang 17. Zudem entfacht der im Oktober 2013 als neuer Coach installierte Gertjan Verbeek (auf dem Foto mit Sportvorstand Martin Bader) sehr viel Optimismus.

Und die Entwicklung im Januar und Februar scheint ihm recht zu geben. Im 18. Versuch, zum Rückrundenauftakt am 25. Januar, gelingt endlich der erste Saisonsieg – und das gleich mit einem famosen 4:0 gegen die TSG Hoffenheim. Der als Innenverteidiger aufgebotene Javier Pinola und Mittelfeldspieler Mike Frantz schaffen es in die „Elf des Tages“, Josip Drmic glänzt als zweifacher Torschütze.

Der Stürmer trifft dann auch zweimal in Berlin (3:1) und erzielt das goldene Tor für den Club beim FC Augsburg (1:0), dazwischen liegt die verschmerzbare 0:2-Heimpleite gegen die Bayern. Wichtiger ist das Sechs-Punkte-Spiel gegen Kellerkonkurrent Braunschweig, das der Club mit 2:1 gewinnt. Drmic bereitet beide Treffer vor, das 2:1 erzielt Tomas Pekhart mit seinem einzigen Saison- und letzten Bundesligator für die Nürnberger. „Matchwinner“ ist jedoch Keeper Raphael Schäfer, der zwei Strafstöße pariert.

Nach 22 Spieltagen ist der Club auf Rang 12 geklettert. Was zu diesem Zeitpunkt fast undenkbar erscheint: Es wird nur noch ein einziger Sieg hinzukommen. Der gelingt in der 27. Runde gegen den ebenfalls tief im Keller stehenden VfB Stuttgart (2:0), in den Wochen zuvor war der FCN nach vier Pleiten in Serie (darunter einem 2:5 daheim gegen Frankfurt) wieder auf Rang 17 abgerutscht. Doch dann trifft Drmic doppelt gegen die Stuttgarter und der Club belegt mit 26 Punkten Rang 14. Allein: Bei diesen 26 Zählern soll es bis zum Schluss bleiben.

Wenige Tage nach dem „Dreier“ gegen den VfB führt der Club in Freiburg 1:0 und 2:1, verliert aber mit 2:3 und Trainer Verbeek streitet sich denkwürdig mit SC-Coach Christian Streich, den er für „verrückt“ hält. Eine Woche später rutschen die Nürnberger durch ein 0:2 gegen Gladbach wieder auf Abstiegsrang 17 und verlassen ihn bis zum Ende nicht. Weil auch die Konkurrenz fleißig mitverliert, bleibt groteskerweise bis zum Schluss Hoffnung, wenigstens noch den Relegationsplatz zu erreichen, den der Hamburger SV am 34. Spieltag trotz eines 2:3 in Mainz verteidigen kann – weil weder Braunschweig (1:3 in Hoffenheim) noch Nürnberg (1:4 in Schalke) ihre Chance nutzen. Auch ein erneuter Trainerwechsel – für den wegen seiner Offensivtaktik viel kritisierten Verbeek übernimmt nach dem 1:4 gegen Leverkusen im April für drei Spiele „U23“-Coach Roger Prinzen – kann keine Wende mehr herbeiführen. Der Club steigt ab, obwohl er mit dem 17-mal erfolgreichen Drmic den drittbesten Torjäger der Liga stellt.

Trainingslager 1.FC NürnbergDie Gründe? Die Vereinsführung hat wohl die Abgänge von Klose und vor allem Simons vor Saisonbeginn unterschätzt, so war die Defensive geschwächt, die durch die zwischenzeitliche mysteriöse Ausmusterung von Hanno Balitsch (der unter Verbeek wieder begnadigt wird) weiter an Substanz verlor. Der als Stabilisator und Simons-Ersatz geholte Makoto Hasebe fällt verletzungsbedingt fast die gesamte Rückserie aus, auch die langwierigen Ausfälle von Timothy Chandler und Daniel Ginczek schwächen den Club. So reicht es am Ende nur für fünf Siege – Negativrekord in der Vereinsgeschichte, selbst in der fatalen Saison 1983/84 (damals wurde Nürnberg mit null Auswärtspunkten abgeschlagen Letzter) konnte der Club sechsmal gewinnen. Einmalig ist auch das Männleinlaufen, das nach dem Abstieg einsetzt. Drmic findet noch am Abstiegswochenende mit Leverkusen einen neuen Arbeitgeber, Balitsch, Campana, Dabanli und Pogatetz erhalten ebenso wie die Nachwuchsleute Gärtner und Tekerci keine neuen Verträge, der von Marcos Antonio war schon vor Saisonschluss aufgelöst worden. Plattenhardt, Nilsson, Feulner, Hasebe, Chandler, Ginczek, Hlousek, Mak, Kiyotake, Frantz sowie (nach Saisonstart) Uphoff, Colak, Stepinski, Angha und Pekhart sagen ebenfalls Adieu. Trotzdem lautet die Vorgabe von Sportvorstand Martin Bader, der mit Wolfgang Wolf einen Fußball-Abteilungsleiter an die Seite gestellt bekommt: Aufstieg. Der neue, unerfahrene Coach Valerien Ismael (Foto) muss für die 2. Liga eine beinahe komplett neue Mannschaft zusammensetzen. Zumal er auf verbliebene Urgesteine wie Schäfer und Pinola bald freiwillig verzichtet. Beim 1:0 zum Saisonauftakt gegen Aue sind die aber noch an Bord, das Tor erzielt mit Jakub Sylvestr einer der vielen Neuen. Eine Woche später spielt der Club „brasilianisch“, wie angesichts der 1:7-Pleite der Südamerikaner gegen Deutschland im Weltmeisterschafts-Halbfinale gewitzelt wird: 1:5 geht Nürnberg im Frankenderby in Fürth unter. Beim 0:1 gegen den FSV Frankfurt trifft ausgerechnet der nach Hessen gewechselte Hanno Balitsch. Nach dem 4:0 bei dem ebenfalls krisengeschüttelten FC Union Berlin spricht Ismael voreilig von der „Geburt einer neuen Mannschaft“, doch es geht auch in den folgenden Wochen nicht aufwärts. Vielmehr folgen drei Niederlagen mit 0:8-Toren. Ismael mustert Schäfer aus, mit Patrick Rakovsky im Tor gelingen Heimsiege gegen Kaiserslautern (3:2) und Leipzig (1:0), immerhin zwei Aufstiegsaspiranten, und ein 1:1 in Bochum. Aber auch dieses Zwischenhoch bedeutet nicht die Wende. In den folgenden drei Partien holt Ismael nur einen Punkt, nach einem 1:2 in Sandhausen am 13. Spieltag muss der frühere Bundesligaprofi (Bayern, Bremen, Hannover) im November gehen.

 

1. FC Nürnberg - MitgliederversammlungDiese Entscheidung trifft Bader bereits im Einvernehmen mit einem neuen Aufsichtsrat. Bei der Wahl am 30. September entscheiden sich die Mitglieder sowohl gegen den bisherigen Gremiumsboss Klaus Schramm als auch gegen Oppositionsführer Hanns-Thomas Schamel. Der eine wird ab-, der andere nicht hineingewählt. Die Botschaft: Die Cluberer wollen kein „Weiter-So“, aber auch keinen radikalen Neuanfang. Für den Mittelweg steht als neuer Aufsichtsratschef der Unternehmer und frühere Club-Jugendspieler Thomas Grethlein (Foto). Auch die Zwistigkeiten in dem alten Rat sind bezeichnend für das missglückte Club-Jahr.

KSC - 1. FC NürnbergRene Weiler, früherer Trainer des FC Aarau und wie zuvor schon Ismael und Verbeek ein Novize im deutschen Profifußball, übernimmt sofort nach Ismaels Entlassung und gewinnt gleich sein erstes Spiel gegen Spitzenreiter Ingolstadt mit 2:1. Es folgen eine Pleite in Braunschweig und die eingangs erwähnten vier Spiele ohne Niederlage, unter Weiler verbessert sich der Club daher im Klassement von 14 auf 8. Auch für Routinier Schäfer (Foto) endet das Jahr wie für den Anhang ein wenig versöhnlich: Der Schlussmann, der im Januar 36 wird und mit einer Unterbrechung (Saison 2007/08) seit 2001 für den 1.FC Nürnberg spielt, darf nach seiner vorherigen Degradierung zur Nummer drei unter Weiler zumindest wieder auf die Ersatzbank. Dennoch: In der Historie des 1.FC Nürnberg ist das Jahr 2014 in der Kategorie „Völlig verkorkst“ einzusortieren.

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