Sieg, weil Hertha so schwach war

Einen Trainer mit solch teilnahmslosen, ja fast leblos zu nennenden Augen hat man seit Thomas von Heesen nicht mehr im Frankenstadion gesehen. Friedhelm Funkel, 320 Bundesligapartien als Spieler, 20 Jahre lang im Trainergeschäft als Typ Feuerwehrmann, beobachtete die desolate Leistung seines Teams mit starrer Miene. Noch schlechter als der Club in Leverkusen präsentierte sich die Hertha.

Artur Wichniarek galt einmal als echter Torjäger. Wer den Polen heute zusah, der darf niemals wieder ein böses Wort über Euro-Harry verlieren. Warum Arne Friedrich quasi Stammspieler in der Nationalmannschaft ist, man konnte es sich nicht zusammenreimen. Die Berliner Brasilianer-Fraktion agierte so elegant wie eine Freizeitkegler Truppe nach der fünften Halben. Der Club war überlegen: Wolf, Schäfer, Pinola, Bunjaku und selbst Gygax gefielen. Doch irgendwie war die Freude wenig überschwenglich, denn jeder konnte sehen gegen welch einen Gegner man da spielte.

Wer den Club alles nach oben führte

Aufstieg klar und Sommerpause, da kann man schon einmal etwas in der Historie wühlen. Die Frage lautet: Wie heißen die bisherigen Aufstiegstrainer und Vorgänger von Michael Oenning? Wolfgang Wolf oder Klaus Augenthaler kennt noch jeder und auch der Triumph von Felix Magath ist noch in guter Erinnerung. Die anderen Aufstiegsmacher sind jedoch heute nicht mehr so gegenwärtig, doch haben sie ihren Teil zum Club-Mythos beigetragen. Da ist einmal der Wiederaufstieg in die Bundesliga 1978. Damals hieß der heute fast vergessene Trainer Werner Kern, der in der Bundesliga aber schon nach wenigen Monaten wegen Erfolglosigkeit von Club-Legende »Zapf« Gebhardt abgelöst wurde. Trotzdem ging es wieder runter, aber nach einem kleinen Intermezzo mit dem Belgier Jef Vliers, machte Gebhardt die Clubberer wieder erstklassig.

Letzter im Bunde der Aufstiegs-Heroen war 1986 Horst Höher, der dann sensationell in den UEFA-Cup einzog. Und dann gab es noch Willi Entenmann, der den Club 1997 aus der Regionalliga führte.

Jetzt kommen wahrscheinlich Thomas Broich und Timo Rost. Die Angst der potentiellen Absteiger-Konkurrenz aus Mainz, Bochum oder Hannover hält sich da sicherlich in Grenzen.

Ein Grottenkick, der drei Punkte bringt

„Als Standardsituation (auch kurz Standard genannt) wird eine Spielsituation in einem Mannschaftssport bezeichnet, die sich aufgrund einer vorherigen Spielunterbrechung ergibt und wegen des relativ gut vorhersehbaren Ablaufs besonders dazu eignet, im Training geübt zu werden. Im Fußball werden in diesem Zusammenhang vor allem der Freistoß und der Eckball genannt“, so weit Wikipedia. Das Runde muss ins Eckige, doch nicht direkt durch einen Eckball, dachte man sich damals, denn bis 1924 galt es nicht als Tor, wenn ein Eckball ohne Berührung eines weiteren Spielers über die Linie flog.

Nachdem Héctor Scarone bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris jeweils gegen Jugoslawien und die Schweiz einen Eckball direkt ins Tor getreten hatte, stellte Uruguays Verband einen Antrag auf eine Regeländerung.

Steilpass Clubstadion: Eck für den 1.FCN, der Ball fliegt weit und in den Rücken der aufgerückten Clubspieler. Daraus entwickelt sich ein Konter, den die fußballerisch stark limitierten Osnabrücker nicht nützen können. Der Club und seine Standardsituation, ein wahres Horrorkabinett.

Heimspiel gegen Ingolstadt. Der Club erkämpft in der Nachspielzeit mehrere Ecken. Diese werden jeweils kurz ausgeführt, dass sich dabei die Beteiligten Clubberer nicht die Beine brachen, grenzte an ein Wunder. Wenn ein Eckball des 1. FCN gefährlich wird, dann für das eigene Tor. Über die erschreckend einfallslosen Freistoßvarianten deckt man lieber gleich den Mantel des Schweigens.

Ansonsten kann man nach dem Grottenkick gegen Osnabrück als Bilanz ziehen: Mintal, Pinola, Vidosic, Schäfer Bundesligareif. Mnari wegen seiner Ballsicherheit ein Gewinn. Gygax offenbart die Handlungsschnelligkeit eines Paralyseopfers und Eigler erinnert in seinem Laufverhalten an eine gemeine Küchenschabe. Die ist zwar ständig unterwegs, ihr Gerenne hat aber weder ein Ziel noch macht es irgendeinen Sinn.

Loblied auf Mintal

„Marek Mintal ist für uns nicht zu ersetzen“, erkannte bereits Ex-Club-Trainer Wolfgang Wolf. Es ist eigentlich schon alles über die Klasse des torgefährlichen Slowaken geschrieben worden. 1979 erschien Eckhard Henscheids „Hymne auf Bum Kun Cha“. Eine Passage dieses Loblieds in der Mintal-Variante.

Flirrend und flackernd – nicht lange fackelnd,
Doch feuernd und feiernd; den fühlenden Herzen
Nürnbergs zur Freude.
Marek Mintal! Freund aus dem Osten! Fremdling bist
Du nicht länger – nicht bitt’res Los ist Exil
Dir! Heimat, die zweite, du fandest sie.

Der Horror geht weiter

„Ich brauch jetzt a Bier“. „Und ich a Zigaretten“. Der Nürnberger Holperkurs verpasst auch dem Gemüt von Teenagern eine Delle. Die enttäuschten Fans der Generation 12 plus suchten nach Ende des Spiels Linderung in Alkohol und Tabakdunst. So richtig schimpfen konnte gestern jedoch keiner.

Gerannt ist die Mannschaft, gekämpft hat sich auch, doch dies langt nicht mal in der 2. Liga. Viel zu umständlich agierte gegen Mainz wieder einmal das Mittelfeld. Deshalb holte sich Boakye seine Bälle oft aus der eigenen Hälfte. Bis er an den Strafraum kam, war er platt. Mintal und Frantz blieben unauffällig, Bunjaku blass. Auf der Bank saß auch kein Goalgetter, in der Winterpause holte man ja lieber einen weiteren Innenverteidiger. Die Zuschauer pfiffen bei Spielschluss nicht, jubelten ebenso wenig. Ein weiteres Jahr in Liga 2 ist jetzt sehr wahrscheinlich. Der Horror geht also weiter.

Langweiliges Gegurke, aber drei Punkte

Hurra! 1:0 gegen Wehen Wiesbaden. Eine mit Stars gespickte Mannschaft nach infernalischem Kampf niedergerungen. Namen wie Glibo, B. Hübner, Stroh-Engel oder Torge Hollmann lassen das Herz eines jeden Fußballfans höher schlagen. Mit einer halben Torschance schreckte die Mannschaft von Trainer Wolfgang Frank am 21. Spieltag Keeper Schäfer. Doch immerhin schoss Eigler, der zuvor gefühlte fünf Ballkontakte hatte, den Club aus kniffliger Situation zum Sieg. 27036 Zuschauer fanden bei Ekelwetter den Weg ins easyCredit-Stadion. Wohl keiner war hinterher froh über diese Sonntagsplanung. 90 Minuten Fußball können gut ohne Esprit, Spielkultur oder Leidenschaft auskommen. Dies wurde den Club-Fans wieder einmal auf die harte Tour serviert. Kapitän Andreas Wolf mischte erstmals seit dem 1. Spieltag wieder mit. Sicherlich, außer den drei Punkten, das einzig Positive bei diesem langweiligen Gegurke. „Würden wir jede Woche so spielen, wären unsere Leistungen nicht so schwankend“, stellte einst punktgenau Trainer Bryan Robson fest.

Harry weg, Stürmerproblem da

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Ein Eckball in der 57 Minuten: Der portugiesische Torwart Ricardo irrt im Fünf-Meter-Raum herum, doch der griechische Schädel stößt zu. Der Kopfball war der einzige Torschuss von Angelos Charisteas im EM-Endspiel 2004 Griechenland-Portugal. Doch bekanntermaßen traf der Stürmer und Euro-Harry ward geboren.

Sein erster Einsatz beim Club war ein Testspiel gegen den FSV Erlangen-Bruck am 11. Juli 2007; nach 18 Minuten traf der Grieche zum 1:0. Was verheißungsvoll begann, wurde schnell zur Tragikomödie. Ein Begriff, der ja einst von den Griechen erfunden wurde. Jetzt wechselt Charisteas zumindest für ein halbes Jahr nach Leverkusen und nicht mal der Wirt meines Stammgriechen trägt Trauer.

Auch Mario Breska zieht kurz vor Ende der Transferperiode weiter, immerhin einst auch als Offensivkraft geholt. Bleiben also Eigler und Boakye übrig, zwei Stürmer sind nicht gerade üppig. Vielleicht kommt ja noch Albert Bunjaku, immerhin ein erfolgreicher Drittligaspieler. Klingt sehr nach kontrollierter Offensive.

Scheinbar wollen Michael Oenning und Martin Bader unbedingt, dass hinten die Null steht. Um aufzusteigen braucht es halt wieder einen starken Marek Mintal.

War ich im falschen Stadion?

2__Fubal.JPG„Und wir ziehen wieder in die Bundesliga ein und wir werden wieder“, naja ganz so weit ist es ja noch nicht. Doch ob des souveränen Sieges gegen Hansa Rostock wurden einige Club-Fans gestern Abend etwas übermütig. Doch die Freude ist berechtigt. Der zweikampfstarke Maroh, der ballsichere Mnari, der wuselige Frantz, der laufstarke Eigler und natürlich der stets brandgefährliche Mintal: So überzeugend hat man die Mannschaft lange nicht mehr gesehen.

Befand ich mich überhaupt im richtigen Stadion? Erst als ich im Pressebreich mit der lakonischen Frankenart konfrontiert wurde, war ich mir sicher. Ein Rostocker Journalist im feinen Zwirn wollte eine der „berühmten“ Brezen probieren und bekam die knappe Antwort „homma heut net“. Ein Zweiter wollte Senf, doch Senf „homma a net“. Und selbst die Technik war an diesem Tag nicht auf der Höhe. Nach Spielende versammelten sich wie immer Pressevertreter an den Fernsehern um der Analyse der Trainer zu lauschen. Nur leider war dies nur dem möglich, der etwas vom Lippenlesen verstand: denn Bild war da, Ton nicht.

Der für die Technik verantwortliche Mann zuckte wegen des Fauxpas nur mit der Schulter und kommentierte die Situation mit „und scheinbahr homma a kann Ton“.

Die Fans sind schon wieder ganz oben

Ein Derby gegen Fürth ist ein Dorado für Kiebitze. Mit hochrotem Kopf werden Taktik und Zweikampfverhalten beäugt, gelungenen Aktionen wird Beifall gezollt und unkonzentrierten Kickern auch gezürnt. So bekennt Edelfan Paul: „Ich hab seit 6 Uhr nimmer schlofn könna, weil gleich nach Mittach die Fürther kumma.“ Und auch der Präsident bekommt Rückendeckung: „Mit dem Roth wird immer gschimpft, doch wenn der Aro net gwehn wer, geberts den Club woarscheinlich gar nimmer.“ Normalerweise werden alle Aktionen der Lieblinge schön geredet, nur als Dominik Reinhardt beim wiederholten Schwanzen wieder einmal an einem Gegenspieler hängenbleibt, bricht es aus einem Herzinfarkt gefährdeten Fan heraus: „Wenn du des noch a mal machst, derschloag ich dich.“ Ohne Schelte bleibt wieder einmal Keeper Schaäfer: „Der hat des Zeuch, um unser nächster Köpke zu wern“, heißt es umsisono. Auch Isaac Boakye und Dominik Maroh bekommen ob ihres Einsatzes großes Lob gezollt. Als dann Eigler zum 2:1 trifft, ist für Paul und Co der sofortige Wiederaufstieg beschlossene Sache. „Ich fohr am Montag für zwa Wochn nach Tunesien. Wenn ich widder ham komm und mir ham 6 Punkte, fohr ich gleich widder wech“, verabscheidet sich ein glücklicher Club-Fan. Dessen Freunde antworten fränkisch-herzlich: „Mir hoffn, mir segn dich gar nimmer.“

Boakye, der neue Held

FC_Ingol.JPGDer Held des Spiels in der Audi-Stadt Ingolstadt heißt Issac Boakye. Zuvor wurde dem Stürmer bereits das Etikett Fehleinkauf angepappt. Jetzt schießt er eineinhalb Tore und alle haben ihn lieb. Frag nach bei Pinola oder Souleymane Sane, wie schnell die Zuneigung des Publikums entzogen werden kann. In den 9o Minuten strahlte Boakye mehr Torgefahr aus als Sturmpartner Eigler während der bisherigen Saison. Gegner Ingolstadt hatte die Klasse einer durchschnittlichen Altherrenmannschaft, eigentlich hätte das Ergebnis 7:1 für den Club lauten müssen. Jetzt ist der FCN wieder auf der Siegerspur. Um mit Stefan Effenberg zu sprechen: „Die Situation ist aussichtslos, aber nicht kritisch.“