Gefängnis Zweite Liga

Platz zwölf in der Zweiten Liga: Seit der Saison 1996/97, als der 1.FC Nürnberg zwar Meister wurde, aber eben nur in der (damals) drittklassigen Regionalliga, stand der Ruhmreiche nicht mehr schlechter da. Zudem scheint es so, als würde sich der Club im Unterhaus einnisten. Vereine wie Bochum (seit 2010), Kaiserslautern (seit 2012) oder vor allem die jüngst sogar in den Amateurbereich  abgestürzten Münchner „Löwen“ (seit 2004) können ein Lied davon singen, wie es ist, wenn die ersehnte Rückkehr ins Oberhaus Jahr für Jahr vertagt werden muss. Das „Gefängnis Zweite Liga“, schrieb der „Kicker“ einmal. Immerhin darf man nun gegen Inter Mailand spielen  – wenn auch nur in einem Test. Zuvor gibt’s aber den Blick zurück auf 2016/17:

Der Saisonverlauf: Es gab durchaus eine Phase, in der der 1.FCN andeutete, oben mitspielen zu können. Der im März geschasste Trainer Alois Schwartz hat darauf hingewiesen, wie stark der Club in der Vorrunde zwischen den Spieltagen sieben und 13 aufspielte. Nur hechelte man da der ambitionierten Konkurrenz ohnehin schon hinterher, weil der Saisonstart völlig in die Hose gegangen war. Nach dem gegen die Fürther mit 1:2 verlorenenen Derby am 6. Spieltag belegte der noch sieglose Club mit zwei Punkten den letzten Rang. Ein 3:1 bei der ebenfalls schwach gestarteten Arminia aus Bielefeld bedeutete die Wende. Doch die starke Phase mit fünf Siegen und zwei Remis, die auf Platz zehn führte, endete in Stuttgart (1:3), danach gab es ein empfindliches 1:3 gegen Sandhausen. Die Hinrunde konnte der Club mit  zwei Siegen versöhnlich abschließen, aber als Neunter lag er  schon sieben Punkte hinter Relegationsplatz drei. Der durchwachsene Rückrundenstart mit vier Niederlagen aus sechs Spielen führte zum Ende aller Aufstiegsträume und nach der abermaligen Derbypleite (diesmal 0:1) Anfang März auch zur Trennung von Coach Schwartz. Der Club belegte Rang elf. Gegen Bielefeld gelang im ersten Spiel unter Trainer Michael Köllner zwar gleich der erste Sieg (1:0), aber dem folgte ein 0:1 bei Union Berlin. Die immer wiederkehrenden Rückschläge und die Aufholjagd der Kellerkinder ließen sogar befürchten, dass der FCN noch in Abstiegsnöte kommen könnte. Mit Siegen gegen Aue (2:1/29. Spieltag) und in Sandhausen (1:0/32. Spieltag) machte der Club jedoch den Sprung über die magische 40-Punkte-Hürde und den Klassenerhalt perfekt. Die zwei Pleiten zum Schluss ließen das Team Köllners aber noch von Platz sieben auf zwölf herunterpurzeln.

Außerdem konnte man nun Greuther Fürth nicht mehr überholen, das erstmals seit 1953 wieder vor dem Club landete. Nach der dramatischen Spielzeit 2015/16 mit Platz drei und dem knapp verpassten Aufstieg in der Relegation verlief diese Saison ähnlich durchwachsen wie die erste nach dem Abstieg, als man auf Rang neun einlief.

Die Gewinner: Der Alte und die ganz Jungen. Raphael Schäfer, der sich selbstironisch schon mal als „Mumie“ bezeichnete, verlor zwar verletzungsbedingt seinen Stammplatz an Thorsten Kirschbaum – eroberte sich ihn aber zurück, als wiederum Kirschbaum ausfiel. Der 38-Jährige spielte eine solide letzte Saison und bekam am 33. Spieltag einen würdigen Abschied vor dem eigenen Publikum. Die Jungen: Ob Abdelhamid Sabiri, Dennis Lippert, Patrick Kammerbauer oder Cedric Teuchert – sie alle deuteten ihr Potenzial an, an den letzten beiden Spieltagen kam auch noch der lange verletzte Patrick Erras zum Zug. Ein alter Hase ist Constant Djakpa, der nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit sich beim Club im Profigeschäft zurückmelden durfte. Auch wenn er – was angesichts der schweren Verletzung von Lippert schwer nachvollziehbar ist – keinen Anschlussvertrag beim Club bekam, hat er sich mit starken Leistungen auf der linken Seite für Arbeitgeber attraktiv gemacht. Das gelang Guido Burgstaller mit 14 Treffern in der Vorrunde –  er heuerte beim FC Schalke 04 in der Bundesliga an. Und Michael Köllner, erst Interimslösung, darf trotz einer bislang eher durchwachsenen Bilanz als Chefcoach des 1.FC Nürnberg in die neue Saison starten.

Die Verlierer: Natürlich zunächst der gescheiterte Trainer Schwartz, aber auch der frühere Zweitliga-Torschützenkönig Jakub Sylvestr, der seine neue Chance nicht nutzen konnte und im Januar seinen Vertrag auflöste. Der 2014/15 so solide Verteidiger Even Hovland, der über den Status des Ergänzungsspielers wie schon in weiten Teilen der Vorsaison abermals nicht hinauskam, durfte dagegen wegen der Verletzung des Konkurrenten Dave Bulthuis im Winter nicht wechseln. Für ihn und Bulthuis war im Sommer Schluss, beide bekamen keine neuen Verträge. Der gewohnt unorthodox aufspielende Bulthuis kann zumindest für sich beanspruchen, auch in der abgelaufenen zumeist zum Stammpersonal gehört zu haben. Torwart Patrick Rakovsky dagegen blieb im letzten Vertragsjahr  ohne Einsatz und muss nun ebenfalls gehen.
Der Ausblick: Da mit Hannover und Stuttgart gehörige Kaliber von oben kamen, war es schon vor Saisonbeginn klar, dass es für Nürnberg schwierig werden würde, heuer im Aufstiegsrennen mitzumischen. Wobei Braunschweig und Union Berlin es den beiden Favoriten durchaus schwer machten. Ob Ingolstadt und vor allem Darmstadt 2017/18 ähnlich dominant sind wie das letzte Absteigerduo bleibt abzuwarten. Andererseits ist es nach Rang zwölf für den 1.FC Nürnberg vielleicht auch angezeigt, sich im Anspruch zu mäßigen…

Tolle Serie, aber kein Aufstieg: Die Bilanz 2015/16

23.05.2016 --- Fussball --- Saison 2015 2016 --- Relegation - Rückspiel --- 1. Bundesliga / 2. Bundesliga --- 1. FC Nürnberg Nuernberg FCN Club - SG Eintracht Frankfurt SGE --- Foto: Sport-/Pressefoto Wolfgang Zink / WoZi --- Dave Bulthuis (4, 1.FC Nürnberg / FCN ) im Lichtschein von Pyro Pyrotechnik Bengalos Bengalfackel Rauch
Nun ist die Spielzeit 2015/16 wirklich zu Ende. Offizieller Stichtag für den Saisonschluss ist nämlich der 30. Juni  – auch wenn zu diesem Zeitpunkt alle schon an das neue Fußball-Jahr denken, endet doch der Spielbetrieb gewöhnlich bereits Mitte Mai.

Der 1.FC Nürnberg hat es aber geschafft, die eineinhalb Monate vom letzten Zweitligaspiel bei Absteiger Paderborn (1:0) bis zum offiziellen Saisonende spannend zu gestalten. Ende Mai musste der Altmeister noch in die letztlich verlorene Relegation gegen Eintracht Frankfurt, und im Juni standen dann noch Trainerdiskussion und -wechsel an. Nun aber ist sie endgültig Geschichte, die Spielzeit 2015/16.
Was bleibt?

Ein Rückblick in Stichworten:
Die Gewinner: Trainer René Weiler hat dem Club nach zwei dunklen Jahren zu einer lange nicht mehr gekannten Stabilität verholfen und qualifizierte sich für höhere Aufgaben. Als Coach des traditionsreichen RSC Anderlecht kann er nun einen Europacup-Teilnehmer betreuen. Auch Raphael Schäfer, der seine Karriere eigentlich als Nummer zwei ausklingen lassen wollte, und der mehrfach als Verkaufskandidat gehandelte Dave Bulthuis (Bild) sind Gewinner dieser Spielzeit. Schäfer, ältester  Zweitliga-Spieler,  kam trotz dreier Verletzungen noch auf 16 Einsätze und verdrängte den als Stammkeeper geholten Thorsten Kirschbaum wieder aus dem Gehäuse. Und Verteidiger Bulthuis gelang es, sich im Verlauf der Vorrunde gegen den vor der Saison als gesetzt geltenden Even Hovland durchzusetzen.
Den ganz jungen Patrick Erras hatte man vor der Saison wohl noch weniger auf der Rechnung als Bulthuis oder Schäfer – aber er acvancierte zum torgefährliche Stabilisator im Mittelfeld, bevor er sich schwer verletzte. Dass auf Guido Burgstaller Verlass sein würde, damit konnte man rechnen – dass Niclas Füllkrug am Ende sogar noch mehr Tore schießt als sein Sturmkollege (14:13), nicht unbedingt. Als Derby-Held ist Füllkrug freilich ein Gewinner für die Geschichtsbücher.

Die Verlierer: Kirschbaum, als Leistungsträger eingeplant, fand sich ab dem Herbst auf Bank und Tribüne wieder. Jakub Sylvestr, Zweitliga-Torschützenkönig aus Aue, spielte in seinem zweiten Club-Jahr keine Rolle mehr und flüchtete im Winter nach Paderborn – wo er sich aber ebenfalls nicht durchsetzen konnte. Vielleicht nimmt der nun an den Valznerweiher zurückgekehrte Stürmer einen neuen Anlauf. Jan Polak, 2014 als Leitwolf nach Nürnberg zurückgeholt, wurde nach gutem Saisonbeginn immer weniger benötigt und verpasste den Schluss der Spielzeit verletzungsbedingt. Er geht nun nach Brünn.

Die Neuen: Stefan Kutschke war schon bald wieder weg, Kirschbaum und der im Winter geholte Zoltan Stieber verloren ihre Stammplätze, Rurik Gislason hatte Verletzungssorgen. Trotzdem: Unterm Strich hat der Club gut eingekauft. Kevin Möhwald avancierte zum Edel-Joker, Miso Brecko, Laszlo Sepsi, Georg Margreitter, Hanno Behrens und Tim Leibold waren absolute Stammkräfte.

Die Serie: Nach einem wechselhaften Start traf der Club am 11. Spieltag (17. Oktober) auf den FSV Frankfurt, unter dem Strich stand gegen den bieder auftretenden späteren Absteiger ein enttäuschendes 1:1. Es konnte niemand an jenem Herbsttag damit rechnen, dass dieses unspektakuläre Remis den Auftakt zu einer historischen Serie von 18 Spielen ohne Niederlage bilden würde. Aus dem grauen Mittelfeld (Platz zehn) heraus arbeitete sich der Club bis auf Rang drei vor – und schlug dabei nicht nur die Spitzenteams aus Freiburg (2:1) und Leipzig (3:1), sondern auch den Erzrivalen Greuther Fürth (2:1). Spektakulär freilich auch die 4:0-Auswärtssiege bei St. Pauli und Bielefeld. Das 6:2 gegen Union Berlin nach 0:2-Rückstand gehört sicher auch zu den Höhepunkten der Saison – da aber war die Serie bereits gerissen. Gegen Absteiger Frankfurt begann sie, gegen Absteiger Duisburg (1:2) schloss sich der Kreis.

Die Relegation: Weil Freiburg und Leipzig aber letztlich auch durch diese Aufholjagd nicht mehr zu beeindrucken waren, musste der Ruhmreiche in die Relegation. Rund 20 Minuten fehlten zur Bundesliga-Rückkehr – die die Nürnberger aber gegen den stärkeren Bundesliga-Sechzehnten Eintracht Frankfurt (1:1, 0:1) nicht verdient gehabt hätten.

Abschiede: Von Sportvorstand Martin Bader und Fußball-Abteilungsleiter Wolfgang Wolf trennte sich der Club früh in der Saison, die jungen und hoffnungsvollen Leistungsträger Niklas Stark und Alessandro Schöpf spülten durch ihre Wechsel in die Bundesliga Geld in die Kasse. Trotzdem wird über die Finanzlage geklagt – die neuen Vorstände Michael Meeske und Andreas Bornemann, die Ruhe in den Verei brachten, haben es nicht einfach. Vielleicht muss der Club auch Abschied von der Hoffnung auf eine baldige Bundesliga-Rückkehr nehmen. Aber wir wollen ja nicht unken. Die Fans (Bild) sind wieder versöhnt mit ihrem Club nach dieser tollen Saison. Und vielleicht darf nächstes Jahr dann doch gefeiert werden. In diesem Sinne: Auf ein Neues.

23.05.2016 --- Fussball --- Saison 2015 2016 --- Relegation - Rückspiel --- 1. Bundesliga / 2. Bundesliga --- 1. FC Nürnberg Nuernberg FCN Club - SG Eintracht Frankfurt SGE --- Foto: Sport-/Pressefoto Wolfgang Zink / DaMa --- Clubfan / Clubfans / FCN-Fans / Fans singen nach Spielende enttäuscht / Enttäuschung traurig you will never walk alone