Der Club und die Kriminellen

„Wir geben Kriminellen keine Chance“, kündigte der Club am Mittwoch an. Einen Kollegen, selbst leidenschaftlicher Fan des FCN, hat diese Neuigkeit sichtlich überrascht: „Früher saßen die Kriminellen doch bei uns in der Vorstandschaft.“

Und flugs waren sie wieder da, die Erinnerungen an den turbulenten Start des Clubs in die 90er Jahre, als der Verein noch schwarze Kassen führte und die Gunst von Schiedsrichter gewinnen wollte, indem er ihnen Fitnessgeräte schenkte. Professor Dr. Dr. Ingo Böbel, damals Schatzmeister des Ruhmreichen, wanderte dann ja tatsächlich hinter schwedische Gardinen.  Nun aber beschreitet der Club neue Wege und gibt Kriminellen keine Chance mehr.

Doch Scherz beiseite: Die Meldung hat freilich einen ernsten Hintergrund. Nach den jüngsten Krawallen beim Spiel in Bochum, wo neun Personen durch das Abbrennen von Pyrotechnik verletzt wurden, soll es ab dem Spiel in Bremen (27. März) bei Auswärtsspielen künftig nur noch personalisierte Eintrittskarten geben,  um auffällig gewordene Unruhestifter von vornherein ausschließen zu können. Die Tickets sollen auch nicht übertragbar sein.

Nun klagen die Fans traditionell aber ohnehin schon, dass  die Vereine allzu schnell Stadionverbote aussprechen. Andererseits ist die Haltung des FCN nach den Vorfällen in Bochum verständlich.   Notfalls, kündigte der Verein an, werde er auch gar keine Karten für Auswärtsspiele mehr verkaufen.

Der Professor und die Schwarze Kasse

Der Stil von „Pistolero“-Präsident Roth mag manchmal gewöhnungsbedürftig sein, in der Reihe der führenden Club-Funktionäre der jüngeren Vergangenheit ragt „König Weißbart“  (so mal die Frankfurter Allgemeine Zeitung) aber trotzdem als Lichtgestalt heraus.

Zum Beleg für diese gewagte These und als Abschluss unserer Tiefpunkt-Serie sei an Prof. Dr. Dr. Ingo Böbel (im Bild rechts) erinnert, der ab 1986 fünf Jahre lang Schatzmeister des 1.FC Nürnberg war. Böbel hatte bei den Fans zeitweise einen Bonus, weil er sich gemeinsam mit Vizepräsident Sven Oberhof (links) gegen die Alleingänge Gerd Schmelzers (Mitte) gewehrt hatte. Nachdem  Schmelzer 1991 zurückgetreten war, bildeten Böbel und der neue Präsident Oberhof („Der Professor und ich“) ein zeitweise unzertrenntliches Duo.

Damit war es Ende 1991 vorbei. Böbel trat zurück, nachdem sein Vorgänger Peter Karg enthüllt hatte, dass der Professor und der damals beim FCN für die Schiedsrichter-Betreuung zuständige Obmann Hans Mausser die in Nürnberg pfeifenden Unpartteiischen mit üppigen Geschenken wie Trimmgeräten bedacht hatten. 174 000 DM wurden in der Saison 1990/91 in diese doch arg spezielle Form der Betreuung investiert.

Das war aber nur die Spitze des Eisbergs. Der Wirtschaftswissenschaftler Böbel hatte nämlich eine besonders unorthodoxe Art, mit Geld und Bilanzen umzugehen. So legte er eine Schwarze Kasse an, in die an der offiziellen Buchhaltung vorbei Gelder aus Freundschaftsspielen und Hallenturnieren flossen. Mit dem Geld konnte Böbel Extra-Honorare für Stars wie Sergio Zarate springen lassen zahlen oder auch wahlweise seine Eigentumswohnung abbezahlen. Zudem ließ  sich Böbel vom Verein nicht nur teure private Flugreisen nach Monte Carlo oder Venedig finanzieren, sondern er stellte dem Club sogar Käufe von Schallplatten oder Glühbirnen in Rechnung. Und 1991 ließ er sich die Einnahmen aus dem Kartenvorverkauf in bar auszahlen und behielt sie einfach mal für sich. Ebenso wie die 100 000 DM, die noch in der Schwarzen Kasse waren, als Böbel diese im November 1991 auflöste. Doch nicht genug der lustigen Anekdoten: Im Frühjahr 1991 bekam der FC St. Pauli einen 1,8 Millionen-Scheck vom Club für den Transfer des Spielers Andre Golke an den Valznerweiher – der war aber nicht gedeckt, was die finanziell angeschlagenen Hamburger an den Rand der Zahlungsunfähigkeit brachte.

Apropos zahlungsunfähig: Als Böbel zurückgetreten war, hinterließ er einen Schuldenberg von 22 Millionen. Während der FCN jahrelang gegen den Konkurs ankämpfte, wurde Böbel 1993 verhaftet und 1994 wegen Veruntreuung und Steuerhinterziehung zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Vor Gericht beklagte sich der Professor, dass die anderen Herren aus der Vorstandschaft über die Schwarze Kasse Bescheid wussten und er nun zum alleinigen Sündenbock gemacht werde. Musterhäftling Böbel kam 1995 wieder frei.

TIEFPUNKT 14