Die Angst geht wieder um

712321039Sonst waren wir immer etwas schneller mit dem Spielbericht. Aber nach dem Freiburgspiel, da muss man sich erst mal sammeln. Wenn gerade das Fünkchen Hoffnung, das man als Clubfan schon wieder am glimmen hatte, so jäh ausgeblasen wurde, fehlen erst einmal die Worte.

Das Schlimmer ist ja, dass man eigentlich schon weiß, dass die Freiburger in punkto Lockerheit, Kampfgeist und Effektivität besser sind, dass die da locker spielerische Mängel wett machen. Trotzdem denkt man jedesmal, diesmal packen wir die, die verlieren ja sogar gegen Aufsteiger St.Pauli und wen sollen wir denn schlagen, wenn nicht die?
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Gleich sechs Punkte verloren

sc-freiburg--1--fc-nuernberg,templateId=renderScaled,property=Bild,height=349Manchmal fehlen einem einfach nur die Worte. Wie der Club vor allem in der ersten Hälfte in Freiburg auftrat, da dachte man: Da geht es um nichts, das ist ein Freundschaftskick, bei dem man sich für den Ernstfall schont. Dabei war das – für jeden ersichtlich – ein sogenanntes Sechs-Punkte-Spiel. Ein Sieg hätte nicht nur dem Club Luft im Abstieg verschafft, sondern auch einen Mitkonkurrenten tiefer in den Keller befördert. Aber, wie so oft beim Club, war die Stimmung im Vorfeldruhig und gelassen. Bloß keine Aufregung, bloß keinen Druck verbreiten. Die sensiblen, jungen Spieler könnten ja sonst verkrampfen, übermotiviert einsteigen und ihre Leistung nicht optimal abrufen. Dass sie, was die Leistung angeht, besser als die Freiburger Spieler sind, das wurde einfach einmal unterstellt.

Aber dann lief es wieder wie im Hinspiel. Die Freiburger waren präsenter auf dem Platz, überrollten einen pomadig aufspielenden Club bereits in der Anfangsphase und dann waren die Sensibelchen erst recht von der Rolle. In der ersten Halbzeit gab es überhaupt nur einmal eine Situation, die man mit gutem Willen als Torchance bezeichnen konnte. In der zweiten Halbzeit kam der Club wohl nur deshalb stärker auf, weil sich Freiburg mehr zurückfallen ließ. Von einem Aufbäumen war eigentlich auch nichts zu sehen. Auch in den Zweikämpfen war nicht zu erkennen, dass beim Club die qualitativ besseren Spieler sind. Dass Eigentorschütze Maroh dann immerhin noch ins richtige Tor traf, gönnen wir ihm. Da hat er seinen Fehler wenigstens wieder gut gemacht. Leider machte ihm das Andreas Wolf, auf dessen Kappe das zweite Freiburger Tor ging, nicht in gleicher Weise nach.

Der achte Bundesligaabstieg ist jetzt leider wieder in greifbare Nähe gerückt. Und wenn man dann als Clubfreund auch noch dem FC Bayern am Abend die Daumen drücken müssen, damit die wenigstens Abstiegskonkurrent Hannover schlagen, dann weiß man, was wir im Augenblick wieder zu leiden haben. Als Clubfan steht einem eigentlich Schmerzensgeld zu.

Nachtrag: Jetzt müssen wir uns dann auch noch bedanken, dass die Bayern Hannover 96 sieben Dinger eingeschenkt und denen das eventuell noch wichtige Torverhältnis ruiniert haben. So weit sind wir schon gesunken.

Spitzenreiter unter Betondecke

Der Club ist Tabellenführer! Welch komfortable Position. Nein, keine Sorge, mir hat nicht der Sieg gegen Leverkusen die Sinne vernebelt. Ich beziehe mich vielmehr auf eine Aussage von Robin Dutt, Trainer des SC Freiburg, der vor dem Kellerderby des SCF gegen Hannover  (1:2) seine Schützlinge als Tabellenführer bezeichnet hatte – und zwar mit der Begründung, dass die Freiburger in der  „Abstiegsrunde“ vorne liegen. In der Tat scheint es so, als würde das Quartett am Ende die beiden Absteiger und den Relegationsteilnehmer unter sich ausmachen.

Überhaupt kristallisiert sich jetzt fast alljährlich eine Gruppe völlig abgehängter Vereine heraus, die mit reichlich Abstand zum unteren Mittelfeld gleichsam einen eigenen Wettbewerb ausspielen. 2007/08 waren das Bielefeld, Cottbus, Nürnberg, Duisburg und Rostock; 2008/09 dann Hannover, Gladbach, Bochum, Bielefeld, Cottbus und Karlsruhe.

Weil Kollege vip sich mal über die sozialdemokratische Spielweise des Clubs ausgelassen hat, sei an dieser Stelle Kurt Beck (SPD), Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, zitiert.  Der hat  im Zusammenhang mit der Armut in Deutschland von einer Betondecke gesprochen, unter der die Benachteiligten dieser Gesellschaft leben müssten. Armut habe es immer gegeben, aber das neue Problem bestehe darin, dass sie zementiert sei, dass kein Aufstieg für die Armen möglich sei.

Auch für die Bundesliga scheint die Metapher mit der Betondecke anwendbar, auch hier gibt es die Abgehängten. Eine Entwicklung, die sich meines Erachtens verschärft hat, seit die Großklubs in den internationalen Wettbewerben alljährlich groß abkassieren und ihren Vorsprung vor den Kleinen ausbauen können. Für das Quartett am Ende besteht jedenfalls wohl kaum eine Chance, den Anschluss zu schaffen. Dass Hertha BSC Berlin zu dieser Gruppe gehört, hätte man vor Saisonbeginn freilich nicht unbedingt vermutet. Da musste sich diesmal tatsächlich einer der vermeintlich Großen unter die Betondecke begeben, und traditionelle Underdogs wie Bochum oder auch Gladbach haben es heuer etwas leichter. Am Samstag reist der Club in die Hauptstadt. Und kann dort womöglich seine Tabellenführung ausbauen.

Etwas Beschäftigung mit dem Gegner ist nie verkehrt

jpeg-1476F800CA0F32E0-20091128-img_23130530.onlineBildGut, im Nachhinein ist leicht Klugscheißen. Dennoch: Wenn ich der Robin Dutt wäre, gerade 0:6 verloren hätte und dann zu einem Mitkonkurrenten um den Abstieg müsste, der gerade gegen den amtierenden Meister gewonnen hat, was würde ich tun? Erst (um es in der Pokersprache auszudrücken) All-in und dann vorsichtig weiter spielen. Warum? Bei einer Mannschaft wie dem Club, die sich schon seit Jahren hart damit tut, das Spiel zu machen und mit überraschenden Aktionen einen mit Mann und Maus verteidigenden Gegner auszuhebeln, hast du praktisch keine andere Möglichkeit. Die Chancen, dass diese Rechnung aufgeht, steigen natürlich noch, wenn der Gegner einem den Gefallen tut und es aufgrund eines gewissen Überlegenheitsgefühls erst einmal locker angehen lässt.

Dass da nun die Kommentatoren beim Freiburger Spiel von einer taktischen Meisterleistung sprechen, ist mehr als nur eine Übertreibung. Wenn man in Nürnberg antritt, muss man kein Trainerfuchs sein, da ergibt sich die Taktik fast von selbst. Was sonst hätten die Freiburger wohl tun sollen? Wenn man sich in den Gegner hineinversetzt, dann hätte man da als Nürnberger Trainer problemlos draufkommen und entsprechend reagieren können. Aber zum In-den-Gegner-Hineinversetzen gehört halt neben Souveränität auch ein bisschen geistige Frische. Die fehlt leider nicht nur auf dem Platz, sondern auch bei denen, die für die Taktik verantwortlich sind. Und dass der Club heute die besten Chancen in der Schlussphase hatte, als man längst alle taktischen Zwänge über Bord geworfen hatte, ist da bestimmt kein Gegenargument.