Ein Pistolero namens Roth

Es war im Oktober 2003, der Club war wieder einmal zweitklassig. Aber das war – wie auch in dieser Saison – natürlich nur ein Versehen. So tönte Präsident Michael A. Roth damals auch selbstbewusst, der Club sei der „FC Bayern der zweiten Liga“.

Dann stand am 4. Spieltag ein Heimspiel gegen den VfB Lübeck an. Jeder fragte sich nur, wie hoch die Überflieger die Underdogs aus Lübeck schlagen würden. Auch die damals von Wolfgang Wolf trainierten Spieler schienen die drei Punkte geistig schon eingesackt zu haben, zumal der erst im August verpflichtete Oktay den Club auch noch in Führung geschossen hatte. Dummerweise spielten aber die Lübecker nicht mit und ließen es an der nötigen Ehrfurcht fehlen. Sie schenkten dem Club in der zweiten Halbzeit zwei Dinger ein, der haushohe Favorit verlor 1:2.

Das Ergebnis hat unseren auf Feiern und Aufsteigen programmierten Präsidenten ganz offensichtlich auf dem falschen Fuß erwischt. „Ich habe eine Pistole samt Waffenschein und würde einigen am liebsten das Hirn durchpusten“, sagte er nach dem Schlusspfiff, und die Reporter schrieben eifrig mit. Sie erinnerten sich gleich noch an den bereits als Tiefpunkt 9 erwähnten Ausfall Edgar Geenens zwei Jahre vorher. Der Club landete in der Buhmannecke und der nur zwei Monate beim Club aktive Argentinier Martin Mandra legte gleich noch nach. Er sei beim Club mit „rassistischen Beleidigungen“ weggeekelt worden. Fast alle in der Mannschaft seien Rassisten, sagte er.

Letztlich wurde der Club am Ende der Saison dann aber doch noch Erster in der 2. Liga und so war diese Geschichte dann auch relativ schnell vergessen. Trotzdem führen wir sie hier als:

TIEFPUNKT 13

Die Fans sind schon wieder ganz oben

Ein Derby gegen Fürth ist ein Dorado für Kiebitze. Mit hochrotem Kopf werden Taktik und Zweikampfverhalten beäugt, gelungenen Aktionen wird Beifall gezollt und unkonzentrierten Kickern auch gezürnt. So bekennt Edelfan Paul: „Ich hab seit 6 Uhr nimmer schlofn könna, weil gleich nach Mittach die Fürther kumma.“ Und auch der Präsident bekommt Rückendeckung: „Mit dem Roth wird immer gschimpft, doch wenn der Aro net gwehn wer, geberts den Club woarscheinlich gar nimmer.“ Normalerweise werden alle Aktionen der Lieblinge schön geredet, nur als Dominik Reinhardt beim wiederholten Schwanzen wieder einmal an einem Gegenspieler hängenbleibt, bricht es aus einem Herzinfarkt gefährdeten Fan heraus: „Wenn du des noch a mal machst, derschloag ich dich.“ Ohne Schelte bleibt wieder einmal Keeper Schaäfer: „Der hat des Zeuch, um unser nächster Köpke zu wern“, heißt es umsisono. Auch Isaac Boakye und Dominik Maroh bekommen ob ihres Einsatzes großes Lob gezollt. Als dann Eigler zum 2:1 trifft, ist für Paul und Co der sofortige Wiederaufstieg beschlossene Sache. „Ich fohr am Montag für zwa Wochn nach Tunesien. Wenn ich widder ham komm und mir ham 6 Punkte, fohr ich gleich widder wech“, verabscheidet sich ein glücklicher Club-Fan. Dessen Freunde antworten fränkisch-herzlich: „Mir hoffn, mir segn dich gar nimmer.“

Ein bisschen Frieden

1__FC_Nr.JPGAngeblich haben sich alle wieder lieb. Schuld war –  wie so häufig – die Presse. In dem Fall die AZ. Die habe alles aufgebauscht und eigentlich habe Clubpräsident Michael A. Roth nie schlecht über seinen Vize Ralf Woy und Manager Martin Bader geredet. Selbst wenn wir das mal so stehen lassen, dann wäre aber alles wie gehabt. Verbessert hat sich dadurch an der Situation des FCN jedenfalls nichts.

Eines wundert mich allerdings ein bisschen: Früher hätte sich Roth solche Widerworte wie von Bader und Woy auf seine (gesagt oder nicht gesagten) Angriffe nicht gefalllen lassen. Wird er alt? Weise? Leitet er langsam seinen Rückzug ein?

Zur Friedenbotschaft

Die düsteren Tage mit J.R.

voack.JPGEs ist nun 30 Jahre her, dass die Seifenoper „Dallas“ an den Start ging und J.R. Ewing zum beliebtesten Fernseh-Fiesling aller Zeiten wurde. Auch der Club hatte seinen J.R., allerdings hielt sich dessen Popularität in Grenzen. Gerhard Voack, genannt der „J.R. aus Lauf“, übernahm zum Saisonstart 1992/93 das Präsidentschaftszepter von Sven Oberhof. Der Bauunternehmer wollte den nahe am Konkurs schlingernden FCN entschulden und musste daher viele namhafte Spieler wie Martin Wagner, Andre Golke oder Sergio Zarate verkaufen. Das war noch einsehbar, und immerhin schaffte der Club – auch dank des reaktivierten Reinhold Hintermaier – am letzten Spieltag den Klassenerhalt.
Und danach kaufte der Club plötzlich kräftig ein: Golke, Zarate und Thomas Kristl kamen zurück, dazu wurde mit Alain Sutter ein Schweizer Nationalspieler verpflichtet. Zwar fragte man sich, woher Voack das Geld nahm, aber dennoch sorgte das Personaltableau für eine optimistische Stimmung bei den Fans. Die hielt sich jedoch nicht lange. Die Mannschaft startete fatal in die Saison 1993/94, an deren Ende der Abstieg stand. Was vielleicht auch daran lag, dass Präsident Voack den bis dato sehr erfolgreichen Trainer Willi Entenmann systematisch demontierte und Publikumsliebling Dieter Eckstein gegen den Willen Entenmanns, der Fans und sogar des Spielers selbst nach fünf Spieltagen an Schalke 04 verscherbelte. Dabei war Ecksteins Vertrag im Sommer davor erst um zwei Jahre verlängert worden. „Die Sache mit dem Dieter war eine Riesensauerei und lief ab wie Menschenhandel“, ereiferte sich Torwart Andy Köpke. Als Ersatz für das Fan-Idol kam Hans-Jörg Criens aus Gladbach, der wegen enormen Verletzungspechs Eckstein indes nie ersetzen konnte. Allerdings gelang Criens ein feines Tor beim tollen 2:0-Erfolg über Bayern München. Direkt nach diesem Spiel wurde Trainer Entenmann entlassen, ein bis heute vollkommen unverständlicher Vorgang. Voack hatte den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt für eine Trennung gewählt. Die Fans gingen auf die Barrikaden und sogar die Biber, die als Maskottchen und Werbeträger für eine Baumarktkette lustig winkend durchs Stadionrund liefen, mussten sich beschimpfen lassen.

In der Winterpause wollte Voack den früheren Nationalspieler Hans-Peter Briegel als neuen Trainer verpflichten, posaunte das aber allzu frühzeitig hinaus, so dass Briegel verzichtete. Am 1. Februar 1994 trat Voack zurück und hinterließ 20 Millionen Mark Schulden. Man kann viel über Michael A. Roth meckern – blickt man auf die Zeiten unter Gerhard Voack, erscheint er fast wie eine Lichtgestalt. Die Ära Voack ist unser Kandidat Nummer acht für die Wahl zum ultimativen Club-Tiefpunkt.

TIEFPUNKT 8