Daheim wollen wir oft zuviel

Die Woche:

1. Wer mal im Club-Aufsichtsrat sitzt, der hockt da gern bis er rausgetragen wird. Macht und Einfluß scheinen dabei nicht die Beweggründe zu sein, denn nach der Wahl hört man selten was von den Aufsichtsräten. Am 8. Oktober strebt neben den Posteninhabern auch ein bekannter Medienkollege neu in dieses Gremium. Andreas Hock war mal Chefredakteur der inzwischen leider verblichenen Nürnberger Abendzeitung und veröffentlichte seitdem Bücher wie „Like mich am Arsch“ oder „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“. Allein sprachlich wäre es also schon ein Gewinn, wenn der Hock im Aufsichtsrat hockt.

2. Beim Club ist man ein bisschen traurig darüber, dass sich die jüngsten Erfolge nicht in den Zuschauerzahlen niederschlagen. Ein spezifisches FCN-Problem ist das freilich nicht. Insofern scheinen sportliche Erfolge nicht der alleinige Grund des rückläufigen Zuschauerinteresses zu sein. Aber solange die Vereine gegenüber DFB und DFL nur buckeln, wird sich da nicht viel ändern.

3. Da sage noch einer, die Medien wären gleichgeschaltet und Sportberichte könnten bald aus einer Hand – notfalls auch durch entsprechende Software – abgeliefert werden. Schon bei der Frage, wer gegen die Bielefelder das Clubtor hütet, wurden deutliche Unterschiede offenbar: Kicker und NN tippten auf Bredlow, NZ und Bild auf Kirschbaum. Und wie sich herausstellte lagen das Fußballfachblatt und die Premiumzeitung daneben.

Das Spiel:

Wie schon im Spiel gegen St. Pauli war es wieder eine dieser scheinbaren Graumäuse der 2. Liga, gegen die wir zuhause nicht zurecht kamen. Ein paar Unterschiede zur Niederlage gegen die Hamburger gab es dann aber doch. Zum einen erarbeitete sich die Arminia deutlich mehr als nur eine Torchance. Zum anderen war die von Ortega zwar glänzend bewachte Bielefelder Bude nicht ganz so vernagelt wie die von St. Pauli. Allerdings reichte es für den FCN halt nur zu drei Aluminiumtreffern und zum zwischenzeitlichen Ausgleich durch Ishak, dem dann sieben Minuten später nach einem Löwen-Fehler leider das ernüchternde 1:2 folgte.

Taktische Lehren aus dem Spiel zu ziehen, ist ein bisschen schwierig. Zunächst spielte der Club zu verhalten und ging erst nach dem Rückstand Risiko. Das wurde zwar belohnt, kurz danach aber auch schon wieder bestraft, Insofern war das vielleicht so ein Fall, wo man mal mit einem Unentschieden zufrieden sein sollte. Aber nachher sind wir halt leicht schlauer. Kann auch sein, dass der Club zuhause oft zuviel will, schließlich geht es auch um die Zuschauerzahlen, und dafür nicht belohnt wird.

Auf jeden Fall ist der FCN nach dem Derbysieg wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet und hat damit auch den Bielefelder Trainer widerlegt, der vor dem Spiel behauptete, der Club sei die wohl beste Mannschaft der 2. Liga. Dort gibt es ganz offensichtlich jedoch eine ganze Reihe von besten Mannschaften. Fast jeden Spieltag eine andere.

Ein Letztes:

Nürnberg, Bielefeld und die Allianz der Deppen

Nun, der Club ist als Oberknalldepp wieder alleiniger Rekordhalter in Sachen Abstieg aus der Bundesliga. Zum achten Mal geht es hinunter, Arminia Bielefeld (sieben Abstiege), kann da nicht mithalten, wie Kollege vip zu Recht anmerkte.

Dennoch, so ganz wollen die Ostwestfalen die Konkurrenz aus Franken in Sachen Deppentum nicht alleine lassen. Und so haben sie prompt einen satten 3:1-Vorsprung gegen Darmstadt im Relegations-Rückspiel noch vergeigt, und das vor heimischem Publikum und auch noch in der allerletzten Minute der Verlängerung. 2:4 hieß es am Ende, Bielefeld steigt wieder in den Fahrstuhl. Für die Arminia ist es der dritte Abstieg aus der Zweiten Bundesliga nach 1988 und 2011. Zählt man Erst- und Zweitliga-Abstiege zusammen, liegt Bielefeld also mit Nürnberg weiter gleichauf, denn dann steht es 10:10. Und das auch nur, wenn man beim Club den sportlichen Abstieg aus der Zweiten Liga von 1995 dazuzählt, damals durfte der Club ja drinbleiben, weil Dresden aus finanziellen Gründen und Saarbrücken wegen fehlender Unterlagen zwangsabsteigen mussten. Sonst würde Bielefeld 10:9 führen.
Ergo: Die Arminia ist sehr solidarisch mit dem Club.

Deppen-Zusatzpunkte gibt es auch dafür, dass den Bielefeldern ähnlich wie dem 1.FCN dieselben Peinlichkeiten immer wieder unterlaufen. Heuer reichte ein 3:1-Auswärtssieg nicht, die Klasse in der Relegation zu halten, anno 1977 geschah Vergleichbares. Damals war die Zweite Liga noch zweigeteilt, die beiden Meister der Staffeln Süd und Nord stiegen direkt auf, die Zweitplatzierten spielten in Hin- und Rückspiel einen drittem Aufsteiger aus. Bielefeld, im Norden Zweiter hinter dem FC St. Pauli, traf auf 1860 München – und gewann das Hinspiel 4:0. Damit sollte eigentlich alles klar sein. Doch die Schützlinge von Trainer Karl-Heinz Feldkamp schafften es tatsächlich, bei den Löwen mit 0:4 unter die Räder zu geraten und verloren dann auch noch das Entscheidungsspiel mit 0:2. Das ist eigentlich fast noch trotteliger als der Abstieg heuer.
Bielefeld ist mir jedenfalls angesichts einer solchen Historie hochgradig sympathisch. Eigentlich sollten der Club und die Arminia eine Allianz der Deppen gründen. Bei diesen Vereinen ist wirklich immer was geboten.

Wir genießen die Momentaufnahme

Der Club kann auch, wenn es ernst wird, an den guten Eindruck der Vorbereitung anknüpfen. Zunächst sah es zwar in Bielefeld nicht ganz danach aus. Da ging auf einmal die Arminia in Führung. „Schluck!“, dachte der Fan. War das in der Vorbereitung alles nur Show. hatten die Gegner sich nicht richtig reingehängt? Verkrampft der Club, wenn es um etwas geht?

Nichts dergleichen! Neuzugang Markus Feulner schaltete kurz den Turbo ein, bescherte uns Anhängern ein lange nicht mehr gekanntes Erlebnis, einen Hattrick (der letzte stammt, glaube ich, von Robert Vittek und ist schon fünf Jahre her). Dann legten noch Robert Mak, der sich zu einem echten Leistungsträger zu entwickeln scheint, und ein weiterer Neuzugang, Tomas Pekhart, nach. 5:1.

Es hätten gut noch ein paar mehr Tore sein können. Aber, was soll´s! Wenn man sich ansieht, wie zwei Ex-Clubspieler, die gedacht hatten, in Bremen weiter oben mitspielen zu können (Andreas Wolf und Mehmet Ekici), Trübsal blasen mussten, dann hat man das Gefühl: Der Club hat alles richtig gemacht. Natürlich ist das nur eine Momentaufnahme.

Bielefeld und Nürnberg: Die Fahrstuhlkönige

 „Und sehen wir uns nicht in dieser Welt
  dann sehen wir uns in Bielefeld!“, trällerte einst Udo Lindenberg. Als das Pokal-Los auf Bielefeld fiel, stöhnte ein Kollege aus der Sportredaktion – er wäre lieber mal in eine Stadt gefahren, die er noch nicht kennt. Dafür, dass es Bielefeld laut Lindenberg und vielen anderen nämlich gar nicht gibt, kreuzen sich die Wege des 1.FC Nürnberg und des DSC Arminia Bielefeld nämlich erstaunlich oft.

Gut, bisweilen gab man sich auch die Klinke in die Hand, wenn der eine mal wieder ab- und der andere aufstieg. Beide Vereine mussten sieben Mal die Bundesliga verlassen, das ist Rekord. Und bei beiden war Abstieg Nummer eins der spektakulärste: Der 1.FCN stürzte 1969 als amtierender Meister ab, Bielefeld, seit 1970  in der Bundesliga,  musste wegen des Bestechungsskandals 1972 zwangsabsteigen.

In der Zweiten Bundesliga traf man sich nicht, denn die war damals noch in Nord und Süd zweigeteilt. Gleichwohl bewegten sich Club und Bielefeld im Gleichschritt: 1978 schafften beide Vereine die Bundesliga-Rückkehr, 1979 stürzten sie synchron in Liga zwei ab. Und 1980  gelang beiden Klubs postwendend der Wiederaufstieg. 

Anschließend hielt sich der Club vier Jahre in der Bundesliga, bis es wieder nach unten ging. Nürnberg schaffte 1985 sofort den Wiederaufstieg, traf aber die gerade abgestürzte Arminia im Oberhaus nicht mehr. Und während Bielefeld sich 1988 sogar Richtung Drittklassigkeit verabschiedete, erlebte der Club seine stabilste Bundesliga-Periode. Neun Jahre hielten sich die Rot-Schwarzen oben.     

1995/96 gab es ein Wiedersehen beider Klubs in der inzwischen längst eingleisigen Zweiten Liga. Bielefeld, gerade frisch aufgestiegen, marschierte nach oben durch, der Club landete auf Rang 17 und somit in der Regionalliga. Doch Nürnberg folgte dem Bielefelder Beispiel und war nach zwei Aufstiegen 1998 wieder erstklassig. Im Gegensatz zu Bielefeld, das 1998 wieder nach unten musste. Fortan gewann der Auf- und Abstiegswettlauf noch mehr an Dynamik: Bielefeld stieg 1999 auf, der Club 1999 ab, Bielefeld stieg 2000 ab, der Club 2001 auf. Bielefeld folgte 2002 nach. 2003 stiegen beide gemeinsam ab und 2004 wieder in die Bundesliga auf. Nun endlich stoppte der Fahrstuhl. In der Saison 2007/08 steckten beide dann ganz tief im Abstiegsstrudel, Bielefeld konnte sich retten, der Club nicht. 2009 wäre man sich beinahe in der Relegation begegnet, aber Cottbus schnappte der Arminie Rang 16 weg. Zum bislang letzten Mal gaben sich die Rekordabsteiger die Klinke in die Hand. Für Bielefeld ging es nach unten, für den Club nach oben.

Inzwischen ist Arminia Bielefeld sogar nur noch drittklassig und daher krasser Außenseiter im Duell mit dem Club. Aber die Mannschaft ist völlig neu formiert und daher unberechenbar. Vielleicht ist ja, um bei Lindenberg zu bleiben, ein Bodo Ballermann dabei, der den Club aus dem Pokal wuchtet. Wir wollen es nicht hoffen.

Auf dem Weg zum Rekordaufsteiger?

Dreist, diese Bielefelder. Club-Freund Vip hat darauf verwiesen, dass wir uns durch den Absturz der Arminen nun wieder den Titel des Rekordabsteigers mit ihnen teilen müssen. Aber der Club kann sich revanchieren – bezwingt er in der Relegation Energie Cottbus, zieht er nach Erstliga-Aufstiegen nämlich mit Bielefeld gleich und beide sind künftig Rekordhalter. Es wäre Aufstieg Nummer sieben.

Ein österreichischer Stadionsprecher hat den Club wegen dessen permanenter Pendelei zwischen Erst- und Zweitklassigkeit (einmal gings sogar noch eine Etage tiefer) mal als „Paternoster-Klub“ bezeichnet. Der treue Club-Fan Heino Hassler sieht das aber ganz anders – Ab- und Aufstiege schaffen schließlich auch Abwechslung, man lernt neue Vereine und andere Stadien kennen.  Er muss es wissen, wurde er doch Ende der 60er Jahre Club-Fan, als es für den FCN gerade zum ersten Mal nach unten ging. Mehr über seine emotionale Achterbahnfahrt mit dem Club erfahrt ihr hier 

Der Club hätte nicht absteigen dürfen

Normalerweise beschäftigen sich Clubfans nicht mit den Bayern und deren Fans. Doch manchmal lohnt es sich doch, bei ihnen reinzugucken. Etwa auf der Seite „Mythos Bayern“. Auf dieser bestimmt nicht für den FCN eingenommenen Seite wurde jetzt die um alle Fehlentscheidungen bereinigte Tabelle der Bundesligasaison 2007/2008 veröffentlicht. Und siehe da: Der Club wurde um sieben Punkte beschissen und wäre, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, als 14. nicht abgestiegen. Stattdessen hätte es Arminia Bielefeld erwischt (zusammen mit Dortmund und Duisburg). So konnte dann Bayern-Blogger „Breitnigge“ auch vor dem mühsamen Sieg seines Milliardärsvereins gestern gegen die Arminia posten: „Wir spielen gegen eine Stadt, die es eigentlich nicht gibt. So ist eben Fußball.“

Übrigens: Heute spielt dann Bochum in einer Stadt, die es eigentlich gar nicht gibt.