Wahnsinns-Schäfer, Wahnsinns-Schiri, Wahnsinns-Spiel

Wenn Wahnsinn, dann richtig. Wenn Fußball, dann Club. Der 1. FC Nürnberg hat am Samstagnachmittag nicht nur gegen den Abstiegskonkurrenten Eintracht Braunschweig mit 2:1 (0:1) gewonnen, sondern hat auch den inneren Schweinehund besiegt und den Fluch der verkorksten Hinrunde endgültig gebannt. Wahnsinnig wichtige Punkte!

Bis zur 32. Spielminute sahen die rund 37.000 Zuschauer im Grundig-Stadion den, das kann man ruhig so sagen, bis dato schlechtesten FCN unter Gertjan Verbeek. Braunschweig machte das Spiel, die Elf vom Valznerweiher plätscherte vor sich hin, einige fränkische Protagonisten wirkten mitunter leicht paralysiert. Vielleicht war ja der neue Komfortrasen schuld. Das kürzlich pressewirksam ausgerollte Stück erwies sich nämlich, erstens, als nicht grün (eher gelb) und dürfte sich für die Spieler, zweitens, im Gegensatz zum alten Grün anfühlen wie ein Spaziergang auf einer Matratze: weich, aber wackelig. Die Eintracht stellte sich hingegen nicht so an, war präsenter, spritziger, aggressiver und auch torgefährlicher als der Club, der in Hälfte eins einzig durch einen 18-Meter-Schuss von Hiroshi Kiyotake zumindest an der Führung schnupperte.

Bis zur 32. Spielminute sahen die Fans auch Timo Gebhart. Das ist insofern bemerkenswert, da der passionierte Diskogänger beim letzten Spiel in Augsburg von Verbeek eingewechselt und nach nur 26 Minuten auf dem Feld angekotzt wieder ausgewechselt worden war. Daraufhin knirschte es kurz, aber heftig im Gebälk, die Versöhnung folgte prompt.

Ebenfalls bis zur 32. Spielminute sahen die fränkischen Fußballfreunde Per Nilsson. Und dann das! Ab der 33. sah die Menge plötzlich einen anderen FCN, kein langweiliges Spiel mehr, aber eben auch keinen Timo Gebhart und keinen Per Nilsson mehr. Was war passiert?

Nilsson hatte an Harvard Nielsen gezerrt. Nielsen fiel hin und Nilsson sah Rot. Nilsson war nach Sicht von Schiedsrichter Daniel Siebert letzter Mann, Nielsen wäre demnach wohl durch gewesen. Ein Foul hat Nilsson an Nielsen definitiv begangen, aber ob Nilsson wirklich Rot bekommen hätte müssen, darüber lässt sich diskutieren. Jedenfalls musste Verbeek reagieren, nahm Gebhart, der es diesmal immerhin auf sechs Minuten mehr Einsatzzeit gebracht hatte, vom Platz und brachte Ondrej Petrak als Aufnäher für die zusammengeflickte und aufgerissene Innenverteidigung. Petrak war kaum auf dem Platz, da fiel nach einer Ecke das 1:0 für Braunschweig, weil Markus Feulner in der Mitte gepennt hatte und den Schützen Domi Kumbela ungestört einnicken ließ.

Ab diesem Zeitpunkt steigerte sich die Partie von verrückt über irre hin zu wahnsinnig. Der Komfortrasen wurde zum Haifischbecken. Schäfer grätschte in seinem Strafraum herum, traf aus Versehen Kumbela, der fiel hin, Schiedsrichter Siebert biss an und pfiff Elfmeter für die Eintracht (39.). Anscheinend war dem Unparteiischen das Ganze selbst nicht so geheuer, denn Schäfer sah nur Gelb (nicht den Rasen). Eine komische Entscheidung. Kumbela war’s egal, er trat an. Schäfer auch, er hielt. Verrückt.

Nur Sekunden nach Wiederanpfiff schlug der dezimierte 1. FC Nürnberg dann gleich doppelt zu: Kiyotake (46.) und Tomas Pekhart (47.) drehten innerhalb nur einer Minute das Ergebnis auf 2:1. Irre.

32 Spielminuten nach der 32. Spielminute, also in der 64., gurkte auf einmal wieder dieser Nielsen dort rum, wo Nilsson seitdem nicht mehr sein durfte: im Nürnberger Strafraum. Javier Pinola gefiel das gar nicht, also berührte er Nielsen, der verneigte sich und ging zu Boden, was wieder den Wahnsinns-Schiedsrichter Siebert auf den Plan rief. Elfmeter. Schon wieder. Schäfer stöhnte, Siebert schiedsrichterte und Ermin Bicakcic versieb(er)te, weil Schäfer parierte. Nur drei Minuten später sichtete Siebert im Sechzehner auf der anderen Seite ein Foul von Ken Reichel an Pekhart. Strafstoß. Kiyotake trat an, verschoss und wurde (wie geplant) ausgewechselt. Noch nie in der Bundesliga-Historie gab es ein Spiel, in dem drei Elfmeter verzockt wurden. Der Wahnsinn war perfekt.

Clubsieg mit Twittern verschönert

So kann es weiter gehen: 1:0-Sieg beim fast schon enteilten Zweitliga-Spitzenreiter Freiburg. Die Clubfreunde haben dieses Spiel erstmals bei Twitter begleitet und müssen sagen: Geil! Wenn man sich da neben den Ballduellen am Fernseher, Verbalduelle auf dem Monitor liefert, dann kriegt man eine Ahnung davon, was einem bislang beim Bloßglotzen (und eventuell Bier und Fritten Hineinstürzen) gefehlt hat.

Hier nochmal für die (Noch-)Nichttwitterer die entscheidenden Momente auf der Twitter-Timeline:

Neid: Ein Clubfreund kommt groß raus

Da erblassen zwei der drei Clubfreunde vor Neid: Thomas Susemihl wurde nach dem Spiel gegen den „TSV München“ (so der Reporter, im Volksmund sind es wohl eher die „Sechziger“) in seiner Eigenschaft als Club-Fan von Nordbayern.de befragt.
Gelassen, souverän und eloquent gibt der NZ-Mitarbeiter Auskunft über seine persönliche Sicht auf die Hinrunde. Das Derby gegen Greuther Fürth (2:1) ordnet er als Höhepunkt der abgelaufenen Halbserie ein, das trostlose 0:0 gegen Schlusslicht FSV Frankfurt war für ihn die größte Enttäuschung. Und den glücklosen Angelos Charisteas würde er gerne ausleihen.
Um sein Expertentum zu beglaubigen, studiert Thomas vor dem Interview kamerawirksam die Schallplatte „Club-Fans und ihre Lieder“. Nur die in Dokumentationen übliche prall gefüllte Bücherwand im Rücken des Fachmanns hat gefehlt. Vip und ich geben es ungern zu, wir sind aber schwer beeindruckt und geben der geneigten Leserschaft aus dem Schmollwinkel heraus den Tipp: Lasst die Vorrunde 2008/09 hier noch einmal mit Thomas Susemihl Revue passieren!!