Spitzenreiter unter Betondecke

Der Club ist Tabellenführer! Welch komfortable Position. Nein, keine Sorge, mir hat nicht der Sieg gegen Leverkusen die Sinne vernebelt. Ich beziehe mich vielmehr auf eine Aussage von Robin Dutt, Trainer des SC Freiburg, der vor dem Kellerderby des SCF gegen Hannover  (1:2) seine Schützlinge als Tabellenführer bezeichnet hatte – und zwar mit der Begründung, dass die Freiburger in der  „Abstiegsrunde“ vorne liegen. In der Tat scheint es so, als würde das Quartett am Ende die beiden Absteiger und den Relegationsteilnehmer unter sich ausmachen.

Überhaupt kristallisiert sich jetzt fast alljährlich eine Gruppe völlig abgehängter Vereine heraus, die mit reichlich Abstand zum unteren Mittelfeld gleichsam einen eigenen Wettbewerb ausspielen. 2007/08 waren das Bielefeld, Cottbus, Nürnberg, Duisburg und Rostock; 2008/09 dann Hannover, Gladbach, Bochum, Bielefeld, Cottbus und Karlsruhe.

Weil Kollege vip sich mal über die sozialdemokratische Spielweise des Clubs ausgelassen hat, sei an dieser Stelle Kurt Beck (SPD), Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, zitiert.  Der hat  im Zusammenhang mit der Armut in Deutschland von einer Betondecke gesprochen, unter der die Benachteiligten dieser Gesellschaft leben müssten. Armut habe es immer gegeben, aber das neue Problem bestehe darin, dass sie zementiert sei, dass kein Aufstieg für die Armen möglich sei.

Auch für die Bundesliga scheint die Metapher mit der Betondecke anwendbar, auch hier gibt es die Abgehängten. Eine Entwicklung, die sich meines Erachtens verschärft hat, seit die Großklubs in den internationalen Wettbewerben alljährlich groß abkassieren und ihren Vorsprung vor den Kleinen ausbauen können. Für das Quartett am Ende besteht jedenfalls wohl kaum eine Chance, den Anschluss zu schaffen. Dass Hertha BSC Berlin zu dieser Gruppe gehört, hätte man vor Saisonbeginn freilich nicht unbedingt vermutet. Da musste sich diesmal tatsächlich einer der vermeintlich Großen unter die Betondecke begeben, und traditionelle Underdogs wie Bochum oder auch Gladbach haben es heuer etwas leichter. Am Samstag reist der Club in die Hauptstadt. Und kann dort womöglich seine Tabellenführung ausbauen.

Etwas Beschäftigung mit dem Gegner ist nie verkehrt

jpeg-1476F800CA0F32E0-20091128-img_23130530.onlineBildGut, im Nachhinein ist leicht Klugscheißen. Dennoch: Wenn ich der Robin Dutt wäre, gerade 0:6 verloren hätte und dann zu einem Mitkonkurrenten um den Abstieg müsste, der gerade gegen den amtierenden Meister gewonnen hat, was würde ich tun? Erst (um es in der Pokersprache auszudrücken) All-in und dann vorsichtig weiter spielen. Warum? Bei einer Mannschaft wie dem Club, die sich schon seit Jahren hart damit tut, das Spiel zu machen und mit überraschenden Aktionen einen mit Mann und Maus verteidigenden Gegner auszuhebeln, hast du praktisch keine andere Möglichkeit. Die Chancen, dass diese Rechnung aufgeht, steigen natürlich noch, wenn der Gegner einem den Gefallen tut und es aufgrund eines gewissen Überlegenheitsgefühls erst einmal locker angehen lässt.

Dass da nun die Kommentatoren beim Freiburger Spiel von einer taktischen Meisterleistung sprechen, ist mehr als nur eine Übertreibung. Wenn man in Nürnberg antritt, muss man kein Trainerfuchs sein, da ergibt sich die Taktik fast von selbst. Was sonst hätten die Freiburger wohl tun sollen? Wenn man sich in den Gegner hineinversetzt, dann hätte man da als Nürnberger Trainer problemlos draufkommen und entsprechend reagieren können. Aber zum In-den-Gegner-Hineinversetzen gehört halt neben Souveränität auch ein bisschen geistige Frische. Die fehlt leider nicht nur auf dem Platz, sondern auch bei denen, die für die Taktik verantwortlich sind. Und dass der Club heute die besten Chancen in der Schlussphase hatte, als man längst alle taktischen Zwänge über Bord geworfen hatte, ist da bestimmt kein Gegenargument.