Eine Frage der Geduld

1. FC Nürnberg - TSV 1860 MünchenDer 1. FC Nürnberg kann doch noch ansehnlichen Fußball spielen. Das ist eine positive Erkenntnis, die man der 1:2-Niederlage gegen den TSV 1860 München am Montagabend abgewinnen kann. Endlich – am vierten Spieltag der nicht mehr ganz so jungen Zweitligasaison – zeigte die Mannschaft von Trainer Alois Schwartz über 90 Minuten eine ansprechende Leistung. Sowohl kämpferisch als auch läuferisch. Ein weiterer Lichtblick: Ersatzkeeper Thorsten Kirschbaum überzeugte und gehörte mit Neuzugang Tim Matavz zu den Besten im Club-Dress.

Matavz fackelte in der 16. Minute auf Zuspiel von Miso Brecko nicht lange und zog aus rund 20 Metern Torentfernung ab. Sein satter Flachschuss schlug im langen Eck ein – es stand 1:1. Bereits in der elften Spielminute waren die Löwen durch Sascha Mölders in Führung gegangen. Auch wenn Schwartz‘ ernste Miene, die er an der Seitenlinie aufzusetzen pflegt, es nicht unbedingt ausdrückt: Die Leidenschaft ist zurück. Und wenn die zu spüren ist, wenn das Feuer brennt, dann verzeiht ein echter Clubfan (fast) alles.

Den besten, aber auch dümmsten Beweis für das wiederentflammte Temperament lieferte Guido Burgstaller in Minute 73. Der Österreicher sah nach einem unnötigen Foul im Mittelfeld die zweite Verwarnung und flog mit Gelb-Rot vom Platz. Nur wenige Minuten später fiel der 2:1-Siegtreffer für den TSV. Mölders legte mit der Hacke auf Michael Liendl ab, der den Ball völlig freistehend ins kurze Eck beförderte (79.). Das Problem ist, und damit kommen wir zu den negativen Erkenntnissen aus dem Spiel, dass dieser Platzverweis nicht zur Schlüsselszene taugt.

In Schwierigkeiten geraten war der Club nämlich schon etwa ab der 65. Minute. Und das aus völlig unerklärlichen Gründen. Denn dieser Phase waren ein insgesamt recht ordentlicher erster Durchgang und ein durchaus ansehnlicher Beginn in der zweiten Hälfte vorausgegangen. Also kein Grund zu Panik, oder? Doch urplötzlich ging beim FCN nichts mehr. So leidenschaftlich die Spieler kämpften, so erschreckend hilflos und planlos wirkten nunmehr ihre Aktionen. Nach einer minutenlangen Ballstafette der Löwen gab es sogar vereinzelte Pfiffe. Burgstallers hartes Einsteigen war demnach höchstens eine Konsequenz aus dieser seltsamen Apathie, nicht aber ihr Auslöser.

Ein möglicher Auslöser: In der 69. Minute, zu diesem Zeitpunkt stand es noch 1:1 und der 1. FC Nürnberg war noch vollzählig, wechselte Club-Coach Alois Schwartz Mittelfeldmann Kevin Möhwald für Mittelfeldmann Enis Alushi ein. Ein Wechsel, der fast so wirkt, als hätte der Trainer mit dem Unentschieden ganz gut leben können. Warum zu Hause nicht auf Sieg spielen? Möglicherweise hätte eine frische Offensivkraft hier genau den Schub gegeben, den seine Elf so dringend nötig gehabt hätte. Immerhin: Es blieben ja noch zwei Wechsel.

Aber Alois Schwartz machte – nichts. Selbst nach dem Gegentreffer reagierte der Coach nicht. Es schien fast so, als wolle er jene Geduld ausstrahlen, die er vom Club-Umfeld in Bezug auf seine Person einfordert. So dauerte es bis zur 89. Minute (!), ehe der FCN-Trainer mit Shawn Parker für Hanno Behrens und Cedric Teuchert für Laszlo Sepsi doch noch zwei Stürmer brachte. Und siehe da: Die beiden machten sofort Alarm im Löwen-Sechzehner, der Ausgleich schien auf einmal nur eine Frage der Zeit zu sein. Nur leider war das Spiel dann recht schnell vorbei und man stellte sich unweigerlich erneut diese eine Frage, die man eigentlich auf gar keinen Fall stellen darf, weil man ja Geduld braucht. Bis es zu spät ist.