Keine gute Adresse mehr

Die Woche:

  • Es scheint so, als wäre selbst Alemannia Aachen eine bessere Adresse als der Club. Peter Hermann, der lange Zeit beim Club im Gespräch war, hat jedenfalls lieber dort als sportlicher Berater angeheuert.
  • Die peinliche Pleite gegen Bielefeld hat dem FCN-Ansehen zusätzlich geschadet. Der zunächst als Canadi-Nachfolger vorgesehene Markus Anfang soll nach dem Spiel – laut Bild – neue Forderungen gestellt haben; möglicherweise und naheliegend die nach stabilerem Personal für die Abwehr. Das hat der Aufsichtsrat angeblich abgelehnt. Nachdem zuvor schon Achim Beierlorzer dem Club abgesagt hatte, zog Palikuca Jens Keller aus dem Hut. Hatte der nicht gerade einen Auftritt beim Trainerbewerbungsportal „Blickpunkt Sport„? Billig, verzweifelt, waren so die Adjektive, die einem zu allererst einfielen. Ein Eindruck der sich schon aufdrängte, als vor einem Jahr der FC Ingolstadt in einer ähnlichen Situation Keller als Retter präsentierte. Nach nur zwölf Spielen und lediglich drei Siegen musste Keller (er machte bei der FCN-Vorstellungs-PK den damals noch fehlenden Videobeweis für die unglückliichen Ergebnisse verantwortlich) wieder gehen und die Schanzer stiegen später in die dritte Liga ab. Andererseits hat Keller durchaus auch Erfolge (bei Schalke 04 und Union Berlin) vorzuweisen. Hoffen wir also, dass sich die etwas ältere Historie wiederholt, der VAR funktioniert, Nürnberg nicht zu Ingolstadt 2.0 wird und der knausrige Aufsichtsrat nicht das Geld, das er bei den Spielern spart, für Trainerabfindungen rauspulveren muss.
  • Es gibt auch Leute, die sind zuversichtlich, dass das mit Jens Keller was wird. Toni Leistner (jetzt: Queen Park Rangers, früher: Union Berlin) hält viel von seinem Ex-Trainer. Warum er in Berlin gehen musste, darüber vermitteln die Kommentare auf der Liga-zwei.de-Seite einen kleinen Einblick. Mancher Clubfan fühlt sich an Michael Oenning erinnert.
  • Bedenklich stimmt auch ein Blick auf den nächsten Clubgegner. Der verkündete gerade, sein Trainingslager wieder im türkischen Belek abhalten zu wollen, Was nicht erwähnt wird: Das ist nicht nur preiswert, sondern hat auch den Nebeneffekt, dass keine nervigen Journalisten mitfahren dürften, weil die fürchten müssen, nicht mehr rausgelassen zu werden.

Ein Letztes:

„Es gibt so viele wirkliche Probleme auf der Welt, da sind die selbst geschaffenen beim Club und 1860 doch ein Scheiß dagegen.“

Hannes Ringlstetter (FCN- und Löwen-Fan)

Der Club und sein Trainerverschleiß

Immerhin eines kann man dem 1.FC Nürnberg in dieser Saison nicht vorwerfen: Dass er bei seinen Trainer-Rauswürfen merkwürdige Zeitpunkte wählt. Das war schon mal anders, wie man sich erinnert. 1993 musste Willi Entenmann ausgerechnet nach einem 2:0-Erfolg gegen Bayern München gehen. Die vom damaligen Präsidenten Gerhard Voack forcierte Trennung war auch deswegen volkommen unverständlich, weil sich der Club nach einem Fehlstart  gerade stabilisiert hatte und auf Rang 13 stand. Am Ende stieg der phantomtorgeschädigte Verein mit Rainer Zobel als neuem Chef ab.

Ungeschickt sicher auch der Zeitpunkt der  Trennung von Hans Meyer, der in der Saison 2007/08 die Mannschaft noch auf die Rückrunde vorbereiten sowie Jan Koller einkaufen durfte und dann nach dem 19. Spieltag (1:1 daheim gegen Rostock) von Martin Bader abserviert wurde. Sein Nachfolger Thomas von Heesen blieb vollkommen glücklos, der amtierende Pokalsieger musste in die Zweite Liga.

Diesmal  hat Bader zumindest ein besseres Timing: Die Heimpleite gegen den HSV (0:5) im Oktober besiegelte das Aus für Michael Wiesinger und Armin Reutershahn, die Klatsche gegen Leverkusen (1:4) beendete die Ära Verbeek. Ob Roger Prinzen und Marek Mintal den Club noch retten können?

Der Blick ins Geschichtsbuch zeigt: Bei allen seinen sieben Abstiegen hat der Club zum probaten Mittel Trainerwechsel gegriffen. 1968/69 kamen Robert Körner und dann  „Ritter“ Kuno Klötzer für Zampano Max Merkel, 1978/79 Zapf Gebhardt für Werner Kern, 1998/99 Friedel Rausch für den allerdings freiwillig scheidenden Willi Reimann, 2003/04 Wolfgang Wolf für Klaus Augenthaler. In der Katastrophensaison 1983/84 verschliss der Club mit Udo Klug und Rudi Kröner gleich zwei Trainer. Heinz Höher, die Nummer drei, holte kaum Punkte, durfte aber trotzdem bleiben und dann mit der „Generation Eckstein“ den Neuaufbau einleiten. Von 1993/94 und 2007/08 war schon die Rede.

Sicher, es gibt auch Gegenbeispiele. Vielleicht wird Roger Prinzen ja der neue Udo Klug. Der übernahm 1981/82 den Club, als er mit fünf Niederlagen in die Saison gestartet war, und führte ihn zum Klassenverbleib. Im Jahr zuvor sorgte das Gespann Fritz Popp/Fred Hoffmann nach der Entlassung von Horst Heese für den Ligaverbleib.  Auch Hans Meyer, der eher mit dem Pokalsieg in Verbindung gebracht wird, machte sich zunächst als Retter verdient – er übernahm die Mannschaft im Herbst  2005 von Wolfgang Wolf und half ihr aus dem Keller. Jüngster Retter der Club-Geschichte war Dieter Hecking, der 2009/10 als Nachfolger von Michael Oenning jedoch zwei Relegationsspiele gegen Augsburg benötigte, um den Club in der Bundesliga zu halten.

Doch Klug, Popp, Meyer oder Hecking – sie alle hatten auch noch viel mehr Zeit. Roger Prinzen bleiben nur drei (oder vielleicht fünf) Spiele, um das Blatt zu wenden…