Rückfall

Plopp! Da ist sie draußen, die Luft aus der Euphorieblase. Was wurde im Vorfeld des Bremenspiels alles an Optimismus verbreitet. Dann noch die Fahnen zur Aktion „Ich bereue diese Liebe nicht“. Nicht zu vergessen Pinolas neue Frisur. Alles schien angerichtet für einen entscheidenden Schritt aus der Abstiegszone, zumal die Konkurrenz am Nachmittag auch keine Siege einfahren konnte.

Aber wie das so ist im Fußball, entscheidend ist nicht das Brimborium, entscheidend sind die Tore. Und die schossen halt die Bremer. Da half es halt auch nichts, dass der Club teilweise schöne Spielzüge und eine teilweise drückende Überlegenheit an den Abend legte. Spätestens am Bremer Strafraum war dann meistens Schluss. Da standen die Grün-Weißen, die mit dem Ruf eine der schlechtesten Bundesligadefinsiven zu besitzen angereist waren, massiert. Zudem hatte sich Trainer Verbeek auch noch verzockt. Statt Pekhart hatte er Robert Mak als Stürmer aufgeboten, also einen, der eher im Mittelfeld zuhause ist und der weniger im Strafraum wühlt und Räume schafft. Da hatte ihn sein Gegenüber Robin Dutt mit seiner ziemlich archaischen Auswärtstaktik richtig abgekocht. Er setzte auch erfolgreich darauf, dass der Club eben seine Heimspiele immer noch nicht erfolgreich gestalten kann, wenn der Gegner nicht mitspielt, sondern mauert.

Dass Bremen dann zu zwei – beinahe sogar zu drei (aber der Bremer Aaron Hunt bewarb sich beim Stande von 2:0 zudem noch für den Fairplaypreis, als er den bereits auf den Elferpunkt zeigenden Schiri Gräfe signalisierte, dass kein Foul vorlag) – Treffern kam, lag auch an den Fehlern im Spielaufbau, beide Male durch Neuzugang José Campaña, der allerdings durchaus nach Vorne Akzente setzte. Aber letztlich ohne Erfolg. Überhaupt hatte man im Verlauf des Spiels immer mehr das Gefühl: Heute wird es kein Clubtor mehr zu bejubeln geben.

Insofern war das ein gebrauchter Abend. Denn zur Heimniederlage kam noch die Verletzung von Raphael Schäfer und die Erkenntnis, dass wir sowas schon sattsam aus der Vorrunde kennen, dass wir einen Mitkonkurrenten um den Abstieg aufgebaut haben und dass, wenn wir das in den nächsten drei Spielen gegen drei weitere Mitkonkurrenten wieder machen, wir uns leider wieder dort wiederfinden, wo wir am Jahresende waren. Der Keller wartet und wir sind mitten in der Vorwärtsbewegung blöd die Treppe runtergefallen.

Schiri stört den Weihnachtsfrieden

Ein Punkt in Bremen, da hätten wir vor dem Spiel sicher eingeschlagen. Auch während des Spiels, so bis zur 80. Minute. Doch dann brachte Timo Gebhart den Club in Führung. Nicht verdient. Aber so ist er halt, der Fußball. Wenn die eine Mannschaft ihre zahlreichen Chancen nicht reinmacht, dann passiert das eben. Leider passiert es aber auch immer, dass der Schiedsrichter eingreift und mit offensichtlichen Fehlentscheidungen den Club schädigt. Diesmal war es Manuel Gräfe. Obwohl Torschütze Petersen klar im Abseits stand, gab er den Ausgleichstreffer. Abseits gilt offenbar nur, wenn es dem Club schadet.

Keine Frage, dass das 1:1 nach dem Spielverlauf verdient war. Aber, bitteschön: Abseits ist Abseits. Sonst können wir die Schiedsrichter auch durch Punktrichter ersetzen, die Ballbesitz, Ecken und Torchancen mit irgendeinem Algoritmus berechnen. Vielleicht kann man das überhaupt alles digital machen? Dabei auch noch ein paar Haltungsnoten einbauen und einen Frisurenbonus berücksichtigen.

Ich schweife ab. Wie gesagt, der eine Punkt wäre eigentlich ein versöhnlicher Jahresabschluss für uns gewesen. Aber so wie das dann am Ende gelaufen ist, dient das halt doch nicht dem Weihnachtsfrieden.

Trotzdem: Der Club hat gut gekämpft. Vor allem Raphael Schäfer stand hinten wie eine Eins. Bremen hatte nur mit Schiri-Hilfe eine Chance zu Torerfolg zu kommen. Über die durchaus vorhandenen Schwachstellen in der FCN-Mannschaft sehen wir (Weihnachtsfriede) mal hinweg. Der Dieter Hecking wird die, wenn er sich wieder beruhigt hat, mit Sicherheit sowieso ansprechen.

Ein riesiger Schritt zum Klassenerhalt

Das war ein ganz wichtiger Sieg, der dem Club da in Bremen gelungen ist. Ein bisschen glücklich zwar, auf keinen Fall aber unverdient. Am Ende zählt eh nur das nackte Resultat. 1:0 gewonnen, 28 Punkte, Platz zehn – und noch viel wichtiger: der Abstand zum Relegationsplatz ist auf acht, der auf die Abstiegsränge auf zehn Zähler angewachsen.

Werder begann zwar elanvoll, doch der Club trat auch zu Beginn der Partie nie wie ein Abstiegskandidat auf. Das 2:1 gegen Köln hatte Selbstvertrauen gegeben, das merkte man. Als die ersten Bremer Angriffswellen abgeebbt waren, spielte auch der FCN immer wieder frech nach vorne. Gegen Ende des ersten Durchgangs war es tatsächlich der Club, der bei den riesigen Chancen von Hegeler und Pekhart der Führung näher war.

Nach der Pause – da muss man ehrlich sein – war es allerdings schlicht Glück, dass die Schaaf-Elf nicht in Führung ging. Pizarro, der aus spitzem Winkel nur den Pfosten des leeren Tores traf, hat man solche Chancen schon verwandeln sehen. Und auch für Marin war es schwerer, die Kugel drüber statt ins Tor zu schießen.

Viel cooler blieb da auf der anderen Seite Esswein, als Hegeler von rechts nach innen gepasst hatte. Wiese flog nach links, der Ball nach rechts – 1:0 für den Club. Bremen packte die Brechstange aus, warf alles (auch Wiese) nach vorne, blieb aber planlos. Auch die Versuche, ein paar Elfer zu schinden, wirkten nicht sehr elegant. Ein bisschen Glück, ein bisschen Schäfer und eine ganz große Rettungstat von Hlosuek reichten dem über weite Strecken abgeklärten FCN zum Sieg.

Die Formkurve am Valznerweiher zeigt deutlich nach oben, während bei der Konkurrenz der Baum brennt. Lautern und Freiburg bekamen die Kiste voll, und auch der Einstand von König Otto bei der Hertha ging mächtig in die Hose. Der muss jetzt mit Berlin übrigens gegen Bremen ran. Und dass sich Werder nicht gerne zweimal überrumpeln lässt, müsste Rehhagel am besten wissen. Der Club kann dagegen gegen Gladbach ganz frei aufspielen.

Überlegenheit allein reicht nicht

Eines muss man sagen: Langweilig wird einem mit dem Club nie. Gegen Bremen ist traditionell sowieso immer etwas geboten – und meistens zu ungunsten des FCN. Deswegen hätten wir vor dem Spiel auch ein 1:1 für okay gehalten. Allerdings: Werder musste 75 Minuten mit 10 Mann spielen, nachdem Torwart Tim Wiese nach einem Foul an Eigler vom Platz gestellt wurde. Leider brachte das eher den Club als die Bremer aus dem Konzept, die dann ausgerechnet durch den Ex-Clubberer Mehmet Ekici in Führung gingen. Das war überhaupt die erste Aktion, bei der Alexander Stephan gefordert war. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Schiri Drees statt auf Platzverweis auf Tor und Gelb für Wiese entschieden hätte?

Die Überlegenheit des FCN hielt das ganze Spiel an. 13:0 Ecken, 65 Prozent Ballbesitz: Trotzdem langte es gerade noch zum Ausgleich. Beim Club geht nämlich Überlegenheit dummerweise mit mangelnder Konzentration einher. Irgendein Pass kam immer nicht an. Teilweise gingen die Spieler auch zu hektisch zu Werke. Dabei wuchs Trainer Dieter Hecking sogar über sich hinaus und ließ in der zweiten Halbzeit mit drei Mann (Esswein, Eigler, Bunjaku) stürmen. Immerhin bewies zumindest der Ausgleich, dass Hecking einiges bewirkt hat. Wollscheid, der in letzter Zeit verstärktes Kopfballtraining absolviert hatte, köpfte nach einer Ecke ein. Bei Standards war der Club, wir erinnern uns, lange Zeit völlig harmlos.

Womit wir beim Wetter wären. Der Hagelschauer und die Regenmengen, durch die das Spiel teilweise an die legendäre WM-Begegnung 1974 zwischen Deutschland und Polen erinnerte, hätten beinahe zu einem Spielabbruch geführt. Immerhin musste die Pause um 15 Minuten verlängert werden (was, nette Randerscheinung bei Twitter, manche Fans in drückende Entsorgungsschwierigkeiten brachte). Dabei schien rundherum die Sonne. Sogar in Fürth (siehe Unwetterkarte).

Der Club, man sieht es wieder, ist eben was besonderes.

Aufholjagd leider nicht belohnt

20100327 Werder Bremen - 1. FC NuernbergIn Halbzeit 1 hat der Club auch in Bremen mal wieder seine Drittliga-Fratze gezeigt. Wie souverän die Bremer Spieler aus der Kabine kamen, wie sie lässig grinsten und offenbar hofften, die restlichen 45 Minuten mit Links runterzureißen zu können, da wusste man, was da los war.

Doch dann startete die Nürnberger Mannschaft doch noch zu einer Aufholjagd. Gegen elf Bremer kam sie noch auf 2:3 ran, als dann Torsten Frings auch noch mit Rot vom Platz gestellt wurde, dachte man: Jetzt klappt´s, jetzt packen wir sie. Leider war es damit nichts. Raphael Schäfer lief in der letzten Minute zum Eckball mit nach vorne. Doch statt das Tor zu machen, zappelt der Ball auf der anderen Seite im leeren Tor, 4:2 statt 3:3. Schade!

Aber verloren wurde das Spiel, wie gesagt in der ersten Halbzeit. Da hatte man beim Club ganz offenbar nicht mitbekommen, dass auch Verteidiger Tore schießen können, noch dazu, wenn sie etwas größer sind als die anderen. Jedenfalls hatte den Per Mertesacker niemand auf der Rechnung. Schäfer, sonst meist ein Rückhalt, segelt am Ball vorbei, und der Nationalverteidiger köpfte gleich zweimal nach Ecke ein.

Sehen wir´s aber lieber positiv: Der Club lebt noch. Und mit dieser Einstellung steigt er auch nicht ab. Vor allem, weil die Hertha wieder nicht gewinnen konnte und weil sich Hannover offenbar schon aufgegeben hat. Insofern ist trotz der Niederlage zumindest der Direktabstieg heute wieder ein Stück unwahrscheinlicher geworden.