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HP2Dornroeschen592.jpgTschaikowskis “Dornröschen” ist der Prototyp des klassischen Handlungsballetts.  Es gibt eine museale Aufführungstradition, die reicht von Marius Petipas Petersburger Uraufführung über Nikolai Sergejews seit Jahrzehnten gepflegter Londoner Inszenierung bis in die Gegenwart. Es gibt aber auch kühne Neuentwürfe wie die von Mats Ek (1996 in Hamburg), der Dornröschen ins Drogenmilieu versetzt. Irgendwo dazwischen parkt nun Nürnbergs Ballettchef Goyo Montero seine – bereits in Valencia und beim Festival Maggio Danza Fiorentino in Florenz erfolgreich präsentierte – Version des getanzten Märchens: modern im Tempo und im zum Teil akrobatisch fordernden Tanz, stark in den Bildeinfällen, aber dann auch recht zahm im Happy-End, bei der sich lauter heterosexuelle Pärchen zum Kollektiv formieren. Kein Platz für Einzelgänger, Gescheiterte, andere Entwürfe. Reicht so ein Ansatz, damit uns “Dornröschen” heute noch was sagt? Oder berauscht man sich lieber an Tschaikowskis herrlicher Musik und an den schön anzuschauenden Tanz-Formationen? th

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Groe Kiste oder das Spiel vom ZeugenDie Uraufführung “Grosse Kiste oder das Spiel vom Zeugen” in der Nürnberger Kongresshalle ist künstlerisch wie inhaltlich fragwürdig und dürfte für Kontroversen sorgen. Die schon im Titel angelegte Aussage geht dahin, dass der Geist der Nazis die Nachkriegsordnung zeugte. Außerdem erscheint es problematisch, mit den Gräueln des Hitler-Regimes grelle Scherze zu treiben. Die Uraufführung ist, das zeigen die Zuschauer-Reaktionen, jedenfalls nicht gelungen. Liegt es am Stück oder liegt es an der Inszenierung, bei der die Figuren, einschließlich der KZ-Häftlinge  u. a. als Schweine über die Bühne tobten? -att

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zauber01Dass eine Inszenierung trotz alpenhoher Gipfel ziemlich flach bleiben kann, dafür liefert Laura Scozzi nun im Opernhaus ein schneeweißes Beispiel. Mozarts “Zauberflöte” versetzt sie in ein winterliches Gebirgspanorama – mit Berghütten, Seilbahnen, Schlitten, die so leuchten wie in einem Postkartenidyll. Es gibt jede Menge Action, rasante Bewegung, eifrige Kulissenschiebereien – doch wo bleibt der Geist Mozarts dabei? Die NZ-Kritik meint, er bleibt auf der Strecke. th

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Bruckner beim BR

BR-online-Publikation-ab-05-2009--143583-20090917143806Natürlich ist Bruckners 7. Sinfonie ein Hammer. Sie steckt voller Reminiszenzen an die Musik  Richard Wagners und betrauert in einem herrlichen Adagio dessen Tod. So ein Werk kann man nicht einfach nebenbei hören, dass fordert die ganze Aufmerksamkeit. Im Konzertsaal ist das ja kein Problem, wer sich aber die neue CD des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter seinem Chefdirigenten Mariss Jansons ins Haus holt, sollte sich auch genügend Zeit dafür nehmen, die CD in Ruhe anzuhören, am besten auf dem Sofa, ganz entspannt, die Musik ist aufregend genug, etwa in den Trompetenfanfaren des Scherzos oder im tänzerisch kühnen Rhythmus des Finales.

Diese CD ist Teil eines Eröffnungspakets von acht Aufnahmen des neuen Labels “BR Klassik”. Unter dieser Marke verwertet der Bayerische Rundfunk in Zukunft die in seinem Archiv lagernden Aufnahmen genauso wie die Aktivitäten seiner drei Klangkörper: Das sind das schon genannte BR-Symphonieorchester, das Münchner Rundfunkorchester und der BR-Rundfunkchor.  Das ist ein Wagnis in Zeiten, in denen der CD-Markt eingebrochen ist und selbst große Labels leiden. Gut, dass BR-Symphonieorchesters zählt die englische Musikzeitschrift “Gramophone” zu den zehn besten der Welt – damit müssten sich noch ein paar Käufer anlocken lassen. Und Bruckners 7. Sinfonie ist im Großen Saal des Wiener Musikvereins aufgenommen worden. Aber dessen legendäre Akustik lässt sich auf einer CD halt auch nur begrenzt – und nicht ohne die Hilfe des Tonmeisters – vermitteln.

Das Klangbild dieser Aufnahme ist auch sehr plastisch. Andererseits ist Bruckners Siebente schon sehr gut auf CD dokumentiert. Der Markt ist halt sehr eng – und selbst ein Label, das den BR im Rücken hat, wird dort um Aufmerksamkeit kämpfen müssen.  Der Beta-Blogger

Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 7/ Label: BR-Klassik

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Er hat “Faust I” und “Faust II” am Deutschen Theater Berlin zu den größten Erfolgen seit Jahren gemacht. Auch beim Berliner Theatertreffen ist Michael Thalheimer quasi Stammgast. Sein Regiestil setzt auf Verdichtung und Verknappung und passt damit in unser schnelllebiges Wikipedia-Zeitalter, das von jedem Thema möglichst rasch die Quintessenz haben will. Und bei Thalheimer kann man sicher sein, dass nicht mal ein großes Goethe-Stück länger als zwei Stunden dauert.

Doch jetzt hat der Erfolgs-Regisseur seinen Meister gefunden: Er heißt Wolfgang Amadeus Mozart. In seiner dritten Operninszenierung musste Thalheimer erkennen, dass man die scheinbar heiteren und leichten Seiten des Singspiels “Die Entführung aus dem Serail” nicht einfach weglassen kann. Thalheimers Inszenierung an der Berliner Staatsoper wurde dadurch so karg wie schwer und entfernte sich zum Ende immer weiter vom Mozartschen Geist. Die Konsequenz: Bei der Premiere gab es viele Buhs für den Erfolgsregisseur. Der Beta-Blogger

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dpa

Das wars dann also: Offensichtlich ohne Konzept bzw. Navigationssystem verabschiedete sich das Late-Night-Duo Harald Schmidt (51) und Oliver Pocher (31) von den Zuschauern. In einer letzten Sendung kurvten die beiden in Pochers Auto durch Köln, der jüngere und oft gescholtene Pocher spielte den Fahrer für Schmidt, der als graue Eminenz auf der Rückbank thronte. Zwei Techniker hatten sich auch noch ins Auto gequetscht, kamen aber nur sehr selten und nur dann ins Bild, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ.

“Das letzte Mahl” hieß der gar nicht hintersinnige Untertitel dieser finalen Fahrt, auf der noch mal die Zielgruppen-Klischees bedient wurden: Erst gabs fürs vermeintliche Pocher-Klientel Currywurst mit Pommes und Mayo, dann ließ Grandseigneur Schmidt für 100 Euro Sushi ans Auto liefern – aber letztlich wirkten beide Mahlzeiten so abgestanden wie das gescheiterte Verjüngungskonzept der ARD.

Deren Programmmacher hatten mit Jung-Comedian Oliver Pocher vor zwei Jahren die langsam aber stetig alternde Zielgruppe von Schmidts Late-Night-Show auffrischen wollen; ein Plan, der schon immer schwer an eine Kopfgeburt erinnerte und in der Realität – wenn man zumindest den Programmanalysen Glauben schenken will – auch nicht fruchtete.

Zwischen Currywurst und Sushi gabs dann noch ein paar vermeintliche “Best-of”-Häppchen aus den Sendungen. Doch selbst die Schnippsel von Pochers Stauffenberg-Parodie, vom “Nazometer” und dem Skandalauftritt der Rapperin Lady Bitch Ray waren so entschärft und auf öffentlich-rechtliches Erregungsniveau gedimmt, dass man ein Gähnen bald nicht mehr unterdrücken konnte. Typisch auch für die Angsthasen von der ARD, dass jedes Mal ein Pfeifton ertönte, wenn ein Markenname oder der Name eines Restaurants erwähnt wurde bzw. entsprechende Schriftzüge und Autokennzeichen gepixelt wurden. Oh wie ermüdend korrekt war das alles.

Fazit: Da fuhren zwei Comedians lustlos durch Köln, die sich nichts mehr zu sagen hatten, und deren jeweilige Potenziale in “Schmidt & Pocher” (auf dem dpa-Foto sitzen die beiden nochmal in der Studio-Deko) sich nur selten gegenseitig bereicherten. Und der Jugendwahn ist bei der ARD deshalb auch nicht ausgebrochen. Das passiert, wenn öffentlich-rechtliche Sender erst mutig sein wollen und sich dann nicht trauen. Der Beta-Blogger

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Stefan Herheim hievt in Wagners “Lohengrin” die Berliner Opernkrise auf die Bühne, streitet öffentlichkeitswirksam mit Daniel Barenboim und lässt sogar den Berliner Bären tanzen; Calixto Bieito verwickelt Glucks “Armida” in sexuelle Obsessionen. Die beiden jüngsten Premieren an der Staatsoper und an der Komischen Oper beweisen, dass die Berliner Opernlandschaft trotz aller Verwerfungen und Probleme höchst vital ist – und dass in Berlin Streit und Zoff zum Inszenierungsspektakel mit dazugehören. Der Beta-Blogger

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Jugendlichen nimmt man es übel, wenn sie ihren Frust mit Ballerspielen am Computer abreagieren. Zumindest schwappt diese Diskussion nach jedem Amoklauf für kurze Zeit hoch – so lange, bis die mediale Aufmerksamkeits-Karawane wieder weitergezogen ist. Dabei vernachlässigt diese stilisierte Aufregung weitgehend die Tatsache, dass Mord und Totschlag in weiten Kreisen unserer Gesellschaft das beliebteste Unterhaltungsthema sind. Und zwar im Fernsehen und zu den besten Sendezeiten, was man am Kult um die Krimi-Reihe “Tatort” wunderbar verfolgen kann. Immer wieder am Sonntagabend versammelt sich die Nation ums virtuelle Fernseh-Lagerfeuer, um bei einem gemütlichen Gläschen Wein oder Bier mitzugrübeln, wer die aktuelle Leiche der Woche zu verantworten hat.

Und weil die ARD ähnlich wie unsere Bundesrepublik föderal strukturiert ist, leisten sich die einzelnen Fernsehanstalten des “Ersten” ihre eigenen Ermittler wie etwa den Kieler Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg), die Frankfurterin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), das Münchner Duo Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) und natürlich die allseits beliebte Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) aus Ludwigshafen. Mit solchen Identifikationsfiguren schrumpft die böse Verbrecherwelt unseres Landes auf Wohnzimmerformat und lässt sich mit der Fernbedienung mühelos beherrschen. Wobei es rätselhaft bleibt, wieso einige Fernsehanstalten mehrere Ermittler-Teams auf Mörderjagd schicken – etwa der NDR in Kiel, Hamburg (das dpa-Foto zeigt Mehmet Kurtulus alias Kommissar Cenk Batu, der an der Elbe ermittelt) und Hannover, oder der SWR in Ludwigshafen, Stuttgart und am Bodensee – der BR im großen Flächenstaat Bayern dagegen nur München bespielt. Warum sind Städte wie Münster, Bremerhaven, Saarbrücken oder Ludwigshafen “tatort”-tauglich, Nürnberg samt seiner Metropolregion jedoch nicht?

“Tatort”-Fans gibt es hier jedenfalls auch zur Genüge, und sogar solche, die dem neuen Trend des öffentlichen Krimischauens folgen. Da sitzen dann in Kneipen oder Cafes oder Kulturzentren Menschen, die so zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, zusammen und machen Fernsehen zum kuscheligen Gruppenerlebnis. Im Erlanger E-Werk ist der “Tatort” so erfolgreich, dass die Veranstalter nicht einmal mehr Reservierungsanfragen beantworten. Das passt ja auch herrlich in die neo-bürgerliche Spießer-Kultur: “Tatort” zusammen anschauen, aber bitte nur mit vorheriger Reservierung. Ordnung und Planung muss sein – gerade beim öffentlich-rechtlichen Leichenschmaus. So wirbt das E-Werk damit, jede “Tatort”-Erstausstrahlung am Sonntagabend “in Wohnzimmeratmosphäre” zu übertragen. Das Schöne daran sei, “mit Freunden oder Bekannten bei einem gekühlten Getränk zusammen zu sitzen”.

Na dann Prost – da ist das private Gelabere vielleicht doch wichtiger als der Mord im “Tatort” – und die Tätersuche verkommt zur Nebensache. Womit sich die Vorlieben des Publikums zunehmend mit den in der Krimireihe gebotenen Inhalten decken. Denn da sind die Persönlichkeiten der Ermittler und ihre privaten Probleme längst wichtiger als die Fälle selbst. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) lässt in ihrer Online-Ausgabe jedenfalls kaum ein gutes Haar an der ARD-Erfolgsreihe: “,Tatort’-Kommissare sind schon geraume Zeit nicht mehr rollensichere Routiniers. Stattdessen sind sie unablässig abgelenkt von den Herausforderungen ihres in der Regel hochproblematischen Privatlebens”, schreibt dort Heribert Seifert in einem Artikel. Alleinerziehenden-Nöte, biographische Altlasten, psychische Störungen, unaufgeräumte Beziehungsgeschichten oder problematische Vater-Sohn-Verhältnisse zählten zu jenen “Klischee-Ensembles” mit denen die “Tatort”-Drehbuchschreiber und -regisseure “ihren Protagonisten ein charakterliches Relief” geben möchten. Alles, was bei der Mördersuche und beim Täterprofil politisch inkorrekt sei, werde dabei ängstlich vermieden, kritsiert der Autor, um zu einem bissigen Fazit zu kommen: “Der ganze zeitgeistige Quatsch einer seichten Talkshow- und Feuilleton-Soziologie hat im ,Tatort’ seine Abladestelle gefunden.”

Womit der “Tatort” trotz aller Lust an Verbrechen und am Morden dann vielleicht doch harmloser ist, als Killerspiele a la Counterstrike. Oder weil die vielen vielen Normalos sich weder von Fernsehverbrechen noch von Computer-Schießereien zu irgendetwas verleiten lassen. Weil im Zweifelsfall die neueste Anekdote der Freundin oder das Bier mit dem Kumpel wichtiger ist als die medialen Leichen auf dem Bildschirm.

In diesem Sinne wäre es auch egal, wenn eines Tages ein Amokläufer dieses Land aufschrecken sollte, der bekennender “Tatort”-Fan ist. So egal wie die Tatsache, dass die beiden Amokläufer der Columbine High School bei Littleton gerne zum Bowling gegangen sind. Der Filmemacher Michael Moore hat in seinem Film “Bowling for Columbine” deshalb sarkastisch gefragt, ob man dann nicht das Bowling genausogut als Erklärung für einen Amoklauf heranziehen könnte wie etwa Killerspiele am Computer oder – wie in Littleton geschehen – die Musik von Marilyn Manson. Oder eben Fernsehkrimis. Der Beta-Blogger

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Der Einwegrasierer kommt aus dem chinesischen Shenzhen, der DVD-Spieler aus Korea und das T-Shirt aus Bangladesh. Die Globalisierung hat unsere Wirtschaft längst durchdrungen und erfasst selbst Branchen und Dienstleistungen, die man mal für unverrückbar hielt.
Zum Beispiel den Tageszeitungsjournalismus: In der derzeitigen Krise hat der kalifornische Verleger James Macpherson die Lokalredaktion der Online-Zeitung pasadenanow.com kurzerhand abgeschafft und lässt die Berichte über das Geschehen im Rathaus von Pasadena in Indien schreiben.
Nein, das ist kein Scherz. Da werden die Stadtratssitzungen einfach per Webcam und Internet nach Mumbai und Bangalore übertragen, wo Inder, die gut Englisch können, dann die Berichte verfassen.
Ob sie wirklich kompetent zum Beispiel über die Sicherheitsprobleme in bestimmten Stadtteilen Pasadenas oder die Renovierungsbedürftigkeit öffentlicher Gebäude schreiben können, wenn sie niemals in ihrem Leben vor Ort waren, sei dahingestellt. Macpherson hat die Redaktion natürlich vor allem deshalb nach Indien ausgelagert, weil dort die Löhne deutlich niedriger sind.
Die indische Firma Mindworks hat aus diesem Kostenvorteil schon ein erfolgreiches Geschäftsmodell gemacht. 22 angloamerikanische Tageszeitungen lassen ihr Layout von dem Unternehmen vor den Toren Neu-Delhis entwerfen. In New York unterhält die Firma zwar ein repräsentatives Büro am Broadway, die Arbeit aber erledigt eine Hundertschaft Inder auf dem Subkontinent.
Vielleicht schafft es ja ein findiger Geschäftsmann demnächst, auch die Leser auszulagern – am besten in Länder, in denen so viel Einkommen und Zeit vorhanden sind, um in Ruhe möglichst viele Zeitungen zu lesen. Der Beta-Blogger

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Warum ein Tenor nicht schweigt

Ach würde er sich nur selbst manchmal an sein Erfolgsrezept halten: Bei ARD-Cheftalker Reinhold Beckmann verriet Tenor Placido Domingo, der Weltstar mit dem Riesenrepertoire von über 150 Partien, wie er seine Stimme für die enormen Gesangs-Herausforderungen auf der Bühne schont: Schweigen, sagte er, die beste Methode, um die Stimme zu schonen, sei zu schweigen. Bei Beckmann war Domingo allerdings alles andere als schweigsam, aber der Informationswert des Geredes war, wie so oft bei Akteuren der Klassischen Musik, eher gering. Nach seinem Erfolgsgeheimnis gefragt, antwortete Domingo, er sei mit Herz und Leidenschaft bei der Sache, er habe ein gute Konstitution, und seine Stimme sei ein von Gott gegebenes Geschenk, mit dem er den Menschen immer noch Freude bereiten könne.

Das mag ja alles stimmen, bleibt in seiner flächigen Farbigkeit aber dann doch auf Klischee-Niveau. Wie überhaupt im Bereich der Klassischen Musik der Schönsprech dominiert: Ständig hört man da Plattitüden wie: Diese Rolle sei eine große Herausforderung, das Orchester sei mit unglaublicher Konzentration bei der Sache und die Zusammenarbeit mit Herrn und Frau Soundso sei einfach fantastisch.

Dabei hätte sich bei Domingos Auftritt die gute Gelegenheit ergeben, eine heikle Vater-Sohn-Beziehung zu studieren. Mit dabei bei Beckmann war nämlich auch Domingos Sohn Placido jr., aber der wirkte bei diesem Auftritt eher wie ein Statist, ein äußerlich groß gewordenes, aber innerlich vom Vater abhängig gebliebenes Kind, was Placido jr. durch seine kurzen Einwürfe (”Ich bin auch bekannt.”) und die harmlos netten Kommentare über den Vater eindrucksvoll unterstrich.

Beckmann versäumte es auch hier, wie in fast allen seiner Sendungen, durch geschicktes Nachfragen Hintergründiges aus seinen Gästen herauszuholen. Deshalb ist Beckmann als Talkshow auch so beliebt: Wer hier auftritt, wird durch den Gastgeber garantiert nicht in die Enge getrieben, sondern darf, aber das ist in vielen anderen Shows genauso, sein neuestes Produkt promoten.

Bei Vater und Sohn Domingo kommt das neue Produkt reichlich skurril daher: Es heißt “Amore Infinito”, und es handelt sich um neue “Songs”, die von den Gedichten Karol Wojtylas inspiriert sind. Der wurde später ja bekanntlich als Papst Johannes Paul II berühmt, weshalb diese CD sich viele Papst-Fans, Katholiken und sonstige Segensbedürftige ins Haus holen dürften.

Mit an dem Projekt beteiligt sind auch der blinde Tenor Andrea Bocelli, das London Symphony Orchestra und der Los Angeles Children’s Chorus. Und Placido jr. hat bei der Musik mitkomponiert. Während bei Beckmann die beiden Domingos betonten, wie sehr ihnen diese Wojtyla-Vertonung aus dem Herzen gewachsen sein und sich im Heiligenschein des vielleicht bald selig gesprochenen Papstes sonnten, ist die Produktionsrealität dieser CD allerdings deutlich nüchterner und wohl eher von geschickten Marketing-Strategen diktiert.

Zum einen liefert das London Symphony Orchestra süßlichen Streichersound, der mit reichlich Synthesizern und Elektronik aufgepeppt ist. Vor allem aber ist die CD künstlich zusammengemischt: Placido Domingo (der Vater) hat seinen Part im Studio in Los Angeles eingesungen, das Orchester ging in England ins Studio, und Andrea Bocelli schluchzte in der Toscana ins Mikro. Auch die Stimmen der ebenfalls an der CD beteiligten Sänger Josh Groban, Katherine Jenkins und Vanessa Williams wurden für sich allein in unterschiedlichen Studios aufgenommen.

Erst am Mischpult entstand diese “von Herzen kommende” CD. Und so klingt sie dann auch: ein steriles Produkt, bei dem sich viele Beteiligte kein einziges Mal begegnet sind, und das die Popularität Johannes Pauls II als Marketing-Strategie nutzt. Dass Domingo senior und junior bei ihrem Fernsehauftritt darüber schwiegen, versteht sich von selbst. Aber Beckmann hätte ja mal nachfragen können. Der Beta-Blogger

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