Ach würde er sich nur selbst manchmal an sein Erfolgsrezept halten: Bei ARD-Cheftalker Reinhold Beckmann verriet Tenor Placido Domingo, der Weltstar mit dem Riesenrepertoire von über 150 Partien, wie er seine Stimme für die enormen Gesangs-Herausforderungen auf der Bühne schont: Schweigen, sagte er, die beste Methode, um die Stimme zu schonen, sei zu schweigen. Bei Beckmann war Domingo allerdings alles andere als schweigsam, aber der Informationswert des Geredes war, wie so oft bei Akteuren der Klassischen Musik, eher gering. Nach seinem Erfolgsgeheimnis gefragt, antwortete Domingo, er sei mit Herz und Leidenschaft bei der Sache, er habe ein gute Konstitution, und seine Stimme sei ein von Gott gegebenes Geschenk, mit dem er den Menschen immer noch Freude bereiten könne.
Das mag ja alles stimmen, bleibt in seiner flächigen Farbigkeit aber dann doch auf Klischee-Niveau. Wie überhaupt im Bereich der Klassischen Musik der Schönsprech dominiert: Ständig hört man da Plattitüden wie: Diese Rolle sei eine große Herausforderung, das Orchester sei mit unglaublicher Konzentration bei der Sache und die Zusammenarbeit mit Herrn und Frau Soundso sei einfach fantastisch.
Dabei hätte sich bei Domingos Auftritt die gute Gelegenheit ergeben, eine heikle Vater-Sohn-Beziehung zu studieren. Mit dabei bei Beckmann war nämlich auch Domingos Sohn Placido jr., aber der wirkte bei diesem Auftritt eher wie ein Statist, ein äußerlich groß gewordenes, aber innerlich vom Vater abhängig gebliebenes Kind, was Placido jr. durch seine kurzen Einwürfe (”Ich bin auch bekannt.”) und die harmlos netten Kommentare über den Vater eindrucksvoll unterstrich.
Beckmann versäumte es auch hier, wie in fast allen seiner Sendungen, durch geschicktes Nachfragen Hintergründiges aus seinen Gästen herauszuholen. Deshalb ist Beckmann als Talkshow auch so beliebt: Wer hier auftritt, wird durch den Gastgeber garantiert nicht in die Enge getrieben, sondern darf, aber das ist in vielen anderen Shows genauso, sein neuestes Produkt promoten.
Bei Vater und Sohn Domingo kommt das neue Produkt reichlich skurril daher: Es heißt “Amore Infinito”, und es handelt sich um neue “Songs”, die von den Gedichten Karol Wojtylas inspiriert sind. Der wurde später ja bekanntlich als Papst Johannes Paul II berühmt, weshalb diese CD sich viele Papst-Fans, Katholiken und sonstige Segensbedürftige ins Haus holen dürften.
Mit an dem Projekt beteiligt sind auch der blinde Tenor Andrea Bocelli, das London Symphony Orchestra und der Los Angeles Children’s Chorus. Und Placido jr. hat bei der Musik mitkomponiert. Während bei Beckmann die beiden Domingos betonten, wie sehr ihnen diese Wojtyla-Vertonung aus dem Herzen gewachsen sein und sich im Heiligenschein des vielleicht bald selig gesprochenen Papstes sonnten, ist die Produktionsrealität dieser CD allerdings deutlich nüchterner und wohl eher von geschickten Marketing-Strategen diktiert.
Zum einen liefert das London Symphony Orchestra süßlichen Streichersound, der mit reichlich Synthesizern und Elektronik aufgepeppt ist. Vor allem aber ist die CD künstlich zusammengemischt: Placido Domingo (der Vater) hat seinen Part im Studio in Los Angeles eingesungen, das Orchester ging in England ins Studio, und Andrea Bocelli schluchzte in der Toscana ins Mikro. Auch die Stimmen der ebenfalls an der CD beteiligten Sänger Josh Groban, Katherine Jenkins und Vanessa Williams wurden für sich allein in unterschiedlichen Studios aufgenommen.
Erst am Mischpult entstand diese “von Herzen kommende” CD. Und so klingt sie dann auch: ein steriles Produkt, bei dem sich viele Beteiligte kein einziges Mal begegnet sind, und das die Popularität Johannes Pauls II als Marketing-Strategie nutzt. Dass Domingo senior und junior bei ihrem Fernsehauftritt darüber schwiegen, versteht sich von selbst. Aber Beckmann hätte ja mal nachfragen können. Der Beta-Blogger