Warum ein Tenor nicht schweigt
11. März 2009 von th
Ach würde er sich nur selbst manchmal an sein Erfolgsrezept halten: Bei ARD-Cheftalker Reinhold Beckmann verriet Tenor Placido Domingo, der Weltstar mit dem Riesenrepertoire von über 150 Partien, wie er seine Stimme für die enormen Gesangs-Herausforderungen auf der Bühne schont: Schweigen, sagte er, die beste Methode, um die Stimme zu schonen, sei zu schweigen. Bei Beckmann war Domingo allerdings alles andere als schweigsam, aber der Informationswert des Geredes war, wie so oft bei Akteuren der Klassischen Musik, eher gering. Nach seinem Erfolgsgeheimnis gefragt, antwortete Domingo, er sei mit Herz und Leidenschaft bei der Sache, er habe ein gute Konstitution, und seine Stimme sei ein von Gott gegebenes Geschenk, mit dem er den Menschen immer noch Freude bereiten könne.
Das mag ja alles stimmen, bleibt in seiner flächigen Farbigkeit aber dann doch auf Klischee-Niveau. Wie überhaupt im Bereich der Klassischen Musik der Schönsprech dominiert: Ständig hört man da Plattitüden wie: Diese Rolle sei eine große Herausforderung, das Orchester sei mit unglaublicher Konzentration bei der Sache und die Zusammenarbeit mit Herrn und Frau Soundso sei einfach fantastisch.
Dabei hätte sich bei Domingos Auftritt die gute Gelegenheit ergeben, eine heikle Vater-Sohn-Beziehung zu studieren. Mit dabei bei Beckmann war nämlich auch Domingos Sohn Placido jr., aber der wirkte bei diesem Auftritt eher wie ein Statist, ein äußerlich groß gewordenes, aber innerlich vom Vater abhängig gebliebenes Kind, was Placido jr. durch seine kurzen Einwürfe (”Ich bin auch bekannt.”) und die harmlos netten Kommentare über den Vater eindrucksvoll unterstrich.
Beckmann versäumte es auch hier, wie in fast allen seiner Sendungen, durch geschicktes Nachfragen Hintergründiges aus seinen Gästen herauszuholen. Deshalb ist Beckmann als Talkshow auch so beliebt: Wer hier auftritt, wird durch den Gastgeber garantiert nicht in die Enge getrieben, sondern darf, aber das ist in vielen anderen Shows genauso, sein neuestes Produkt promoten.
Bei Vater und Sohn Domingo kommt das neue Produkt reichlich skurril daher: Es heißt “Amore Infinito”, und es handelt sich um neue “Songs”, die von den Gedichten Karol Wojtylas inspiriert sind. Der wurde später ja bekanntlich als Papst Johannes Paul II berühmt, weshalb diese CD sich viele Papst-Fans, Katholiken und sonstige Segensbedürftige ins Haus holen dürften.
Mit an dem Projekt beteiligt sind auch der blinde Tenor Andrea Bocelli, das London Symphony Orchestra und der Los Angeles Children’s Chorus. Und Placido jr. hat bei der Musik mitkomponiert. Während bei Beckmann die beiden Domingos betonten, wie sehr ihnen diese Wojtyla-Vertonung aus dem Herzen gewachsen sein und sich im Heiligenschein des vielleicht bald selig gesprochenen Papstes sonnten, ist die Produktionsrealität dieser CD allerdings deutlich nüchterner und wohl eher von geschickten Marketing-Strategen diktiert.
Zum einen liefert das London Symphony Orchestra süßlichen Streichersound, der mit reichlich Synthesizern und Elektronik aufgepeppt ist. Vor allem aber ist die CD künstlich zusammengemischt: Placido Domingo (der Vater) hat seinen Part im Studio in Los Angeles eingesungen, das Orchester ging in England ins Studio, und Andrea Bocelli schluchzte in der Toscana ins Mikro. Auch die Stimmen der ebenfalls an der CD beteiligten Sänger Josh Groban, Katherine Jenkins und Vanessa Williams wurden für sich allein in unterschiedlichen Studios aufgenommen.
Erst am Mischpult entstand diese “von Herzen kommende” CD. Und so klingt sie dann auch: ein steriles Produkt, bei dem sich viele Beteiligte kein einziges Mal begegnet sind, und das die Popularität Johannes Pauls II als Marketing-Strategie nutzt. Dass Domingo senior und junior bei ihrem Fernsehauftritt darüber schwiegen, versteht sich von selbst. Aber Beckmann hätte ja mal nachfragen können. Der Beta-Blogger
2 Kommentare zu “Warum ein Tenor nicht schweigt”


Da ist ja mal wieder ein typischer “Blogger” unterwegs gewesen! Dios mio….NIEMAND, der sein Hirn auch nur hin und wieder gebraucht, kann fordern, dass Vater und Sohn, egal ob sie Domingo oder Müller, Maier, Schulze heißen, ihre eventuell problematische Beziehung in aller Öffentlichkeit abhandeln. Dass ein Mann wie Domingo solche Auftritte in “Talkshows” überhaupt avsolviert, hat NATÜRLICH mit dem aktuellen “Produkt” zu tun! Die Popularität von Johannes Paul ll wird von den Domingos übrigens nicht “ausgenutzt”…das Projekt war schon zu Lebzeiten des so sehr geliebten Papstes geplant und von ihm persönlich autorisiert. Dass die beteiligten Künstler, über deren durchaus unterschiedliche Qualität es keiner Diskussion bedarf, nicht alle wie der Tölzer Knabenchor im Studio gemeinsam alles aufgenommen haben, liegt schlicht daran, dass sie NIE alle an einem Ort versammelt werden können! Diese Leute sind dauernd unterwegs und haben randvolle Terminpläne. Im Übrigen ist “Amore Infinito” über längere Zeit hinweg entstanden…immer mit dem Ziel, den Texten Karol Woitylas halbwegs gerecht zu werden. Für den “typischen Blogger” war die Recherche dieser simplen Infos aber wohl zu aufwändig?! Da haut er lieber mal richtig zu, gesundes Halbwissen und die Mentaltität “auch mal mitreden zu wollen” sind ja ausreichend dafür.
Das Wort “Talkshow” kommt bekanntlich von “to talk”, also “reden, sich unterhalten”. Dass eine solche, meist kurze Sendung keine tiefschürfenden philosophischen Erkenntnisse hervorbringt, weiß wohl schon jeder mittelmäßig gebildete Durchschnittsbürger.
Was hätte der Beta-Blogger sich denn erwartet? Eine ausführliche tiefenpsychologische Analyse des Seelenlebens der Mitglieder der Familie Domingo, beginnend bei den Erziehungsfehlern der Urgroßeltern oder pränatalen Erinnerungen? Eine schonungslose Abrechnung des Sohnes über die Macke des bösen Vaters, die Zahnpastatube offen liegen zu lassen? Schmutzwäsche über irgendwelche Kindheitstraumata?
Ist es wirklich so schwer zu ertragen, dass es da einen weltweit bebliebten, hochtalentierten und umjubelten “Star” gibt, der nicht mit Klatschgeschichten, Skandälchen oder intimen Geheimnissen hausieren geht, der auch noch ein intaktes Familenleben hat und offenbar im Einklang ist mit sich und der Welt?
Und erkläre mir der Beta-Blogger auch noch den tiefgründigen Ausdruck: “(…) bleibt in seiner flächigen Farbigkeit aber dann doch auf Klischee-Niveau.”
Die “flächige Farbigkeit”? Ist das nicht so ein nichtssagender Klischeeausdruck, den man verwendet, wenn man mit blumigen Worten ein sinnentleertes Nichts beschreiben will?
Steht es einem, der sich als schreibender Kritiker von angeblichem oder tatsächlichem Nicht-Können präsentiert, wirklich gut zu Gesicht, wenn er selbst solche “Plattitüden” verwendet, die er anderen ankreidet?
Schade, es hätte eine nette Geschichte werden können – über das Ausnahmetalent Domingo, über seine schon zu Lebzeiten legendären musikalischen Leistungen, über sein humanitäres Engagement für Bedürftige, Waisen und behinderte Menschen, über seine Förderung von jungen Talenten, aber es blieb bei einer oberflächlich recherchierten, klischeehaften, nicht einmal besonders originell oder pointiert formulierten Plattitüde. Es wäre wohl besser gewesen, hätte der Beta-Blogger mit keinem Wort nichts geschrieben, anstatt mit vielen Worten gar nichts …