Die Welt zu Gast bei Verlierern
12. Juni 2008 von mp
“Ich bin sehr selbstkritisch, sogar mir selbst gegenüber”, befand einst der 85-fache deutsche Nationalspieler und Stilblüten-Großmeister Andreas Möller. Noch besser als Selbstkritik ist indes Selbstironie, und die haben die Österreicher in den Monaten vor der EM reichlich bewiesen.
Da war zunächst die Inititative “Österreich zeigt Rückgrat”, die Michael Kriess ins Leben gerufen hatte, immerhin Sohn eines früheren Nationalspielers der Alpenrepublik. Er hatte dafür geworben, dass die Österreicher angesichts ihrer Chancenlosigkeit noch vor Turnierbeginn freiwillig zurückziehen und einer richtigen Fußballmannschaft den Startplatz überlassen.
Kriess fand es abstrus, dass die Uefa einem Land die Ausrichtung überlassen hat, das sich sportlich noch nie für eine EM qualifizieren konnte. “Es ist ein bisserl so, als würde man in Südafrika eine Ski-WM veranstalten.” Um die 10000 Leute sollen sich seiner Initiative angeschlossen haben.
Und dann kam kurz vor dem Turnierstart auch noch die österreichische Designerin Stefanie Schöffmann auf die Idee, in Anlehnung an den deutschen WM-Slogan “Die Welt zu Gast bei Freunden” T-Shirts und Unterhosen mit dem Aufdruck “Die Welt zu Gast bei Verlierern” drucken zu lassen.
Auch wenn sie betonte, dass ihr Spruch ausdrücklich auch für die Schweizer gelte, hätte sie vermutlich nicht gedacht, wie schnell sich ihre Prophezeiung erfüllt. Die im Vergleich zu Österreich wesentlich höher eingeschätzten Eidgenossen sind jedenfalls nach zwei unglücklichen Niederlagen jetzt schon draußen. Österreich hat erst einmal verloren – hatte aber auch nur ein Spiel…
Selbstironische Zeitgenossen ernten bei mir Pluspunkte, und deswegen würde ich es der Mannschaft von Josef Hickersberger gönnen, wenn sie heute gegen Polen vielleicht ein Pünktchen holt. So richtig vorstellen kann ich es mir aber nicht, dass der 92. der Weltrangliste den Ex-Cluberer Jacek Krzynowek und seine Kollegen ernsthaft in Bedrängnis bringt. Und so werden sich die Gastgeber wohl nach Runde eins geschlossen zurückziehen, und Schöffmanns T-Shirts avancieren in den Restwochen der EM vielleicht noch zu einem echten Verkaufsschlager.
