Mittelalter

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Zum Schluss hin wird es dann doch noch farbig.

Bier

bier
Die Autorin Martina Tischlinger
muss während der Niederschrift
ihres Roman „Saure Zipfel“ gefastet
haben, wenn nicht gar gehungert.
Denn unverhältnismäßig oft wird das
Personal ihres Krimis von Hungergefühlen
und einem knurrenden Magen
gequält, und unverhältnismäßig oft
werden fränkische bis bayerische Spezialitäten
gefuttert.
Alles wird so geschildert, dass man
Mitleid mit der Kommissarin Paula
Frischkes bekommt, die es aus Berlin
über Nürnberg in die tiefste Provinz
verschlagen hat, und zwar nach Kleinmichlgsees.
Wo aber auch munter gemordet
wird, in manchen Wochen mit mehr
Leichen als in der Hauptstadt. Der
Kommissarin kommen die Morde gut
zupass, deren Aufklärung könnte das
Sprungbrett ihrer Karriere werden.
Dabei will sie nur weg aus Kleinmichelgsees,
dessen Beschränktheit
die Autorin dem Leser bei jeder passenden
Gelegenheit unter die Nase
reibt.
Martina Tischlinger: Saure Zipfel.
Emons-Verlag, 271 Seiten, 11,90 Euro

Sweet Georgia On My Mind

georgien
Neun Tage ohne Strom, zehn Monate ohne Gehalt – das ist Alltag in Georgien, einem Land, von dem wir herzlich wenig wissen. Christina Nichol unternimmt es in ihrem Buch „Im Himmel gibt es Coca-Cola“, unser Wissen zu erweitern. Für den Roman ist sie in eine Männer-Rolle geschlüpft und nennt sich Slims Achmed – Slims für potenzielle amerikanische Investoren, Achmed für den Fall, dass die Türken in Georgien einmarschieren.
Kluge Georgier verschaffen sich Pässe mit der Aufschrift „Opfer der sowjetischen Unterdrückung“. Damit kommt man umsonst in Museen, immerhin. Aber die älteren Georgier empfanden die Sowjetzeit gar nicht so unterdrückend. Schließlich war Josef Stalin ein Georgier, und im Sowjetsystem gab es wenigstens regelmäßig Strom. Jetzt gibt es noch nicht einmal Wasser, man muss es in Eimern vom Brunnen holen, als sei Georgien im Mittelalter steckengeblieben.
Für den Ich-Erzähler respektive die Erzählerin konzentriert sich alle Hoffnung auf den Engländer Anthony. Er könnte, glauben Slims Achmed und seine Freunde, aus dem Sumpf der Korruption heraushelfen. Anthony aber hat andere Sorgen: Die Georgier möchten bitteschön damit aufhören, Löcher in die Öl-Pipeline zu bohren. Aber wenn sie das nicht tun, haben sie überhaupt nichts mehr.
Der Roman hat so gut wie keine Handlung, geschweige den Spannung. Der „Plot“ besteht darin, dass die Leute miteinander reden oder streiten. Man gewinnt den Eindruck das Buch seit nur geschrieben worden, um den Leuten im Westen zu zeigen, wie herrlich es in Georgien zugeht, einem Land, in dem der Papa Mama heißt und die Mama Deda.
Der Roman trieft geradezu vor Lokalpatriotismus, gleichwohl will Slims Achmed doch lieber nach Amerika, weshalb er fleißig an Hillary Clinton schreibt. Und, Wunder über Wunder, er bekommt von ihrem Büro nicht nur eine Antwort, er wird auch offiziell zwecks Weiterbildung im Fischverpackungsbereich in die USA eingeladen.
Eines Nachts landet er in San Francisco. Dort sind des Nachts die Straßen beleuchtet – „wie bei uns nur am Tag vor den Präsidentschaftswahlen“. Nachdem der georgische Teil des Romans verdammt langatmig war, erwartet man für den amerikanischen Teil mehr Tempo – aber diese Hoffnung ist vergeblich, Christina Nichols bevorzugt nun einmal einen ruhig fließenden Stil mit vielen Details. Und dann geht es auch schon wieder zurück in die vielgeliebte Heimat.
Christina Nichol: Im Himmel gibt es Coca-Cola. Mare-Verlag, 448 Seiten, 22.- Euro

Menschmaschine, weißer Affe

jugend
Wir werden alt, noch bevor wir erwachsen werden. Diese These lässt sich ableiten aus Robert Pogue Harrisons Buch „Ewige Jugend – eine Kulturgeschichte des Alterns“. Dass wir nie wirklich erwachsen werden, ist unser großer Vorteil als Spezies, denn es bewahrt uns die Neugier des Kindes, die wiederum ein Quell unserer Kreativität ist.
Neugierig sind freilich auch viele Tiere. Wie bei uns streitet sich die Neugier mit der Furcht vor dem Unbekannten um die Herrschaft übers Hirn. Für den Schriftsteller Italo Calvino, den Harrison ausführlich zitiert und kritisiert, war der Albino-Gorilla „Schneeflöckchen“ im Zoo von Barcelona einerseits ein Sinnbild für die Entfremdung des Menschen von seinesgleichen, aber auch symbolhaft für die frühkindliche Gestalt des Menschen im Ringen um den Durchbruch zur Sprache. Leidet, so fragt Harrison, der Gorilla an einer Form existentieller Angst? Oder sollen wir in ihm ein Symbol für den Künstler in seiner Entfremdung von der Gesellschaft sehen? Ist der Mensch nur ein weißer Affe?
Wenn man den Menschen nur von der Evolution her, von seinen Wurzeln im Reich der Tiere begreift, kommt man nicht weiter. Es braucht sehr viel mehr zum Menschsein – zum Beispiel, dass der Mensch als einziges Tier weiß, dass er mit Sicherheit eines Tages sterben wird – was den Wunsch nach ewiger Jugend reifen lässt. Harrison stellt fest, dass dieser Wunsch inzwischen zum Zwang geworden ist. Wer alt wird, begehrt gegen das Alter auf. Auch wenn dieser Aufstand in sich selbst zusammenbricht.
Harrison schreibt, dass wir den Prozess des Alterns zu verengt auffassen, wenn wie ihn nur als Fortschritt zum Tode hin betrachten. Die Alternative ist für ihn, die „Fülle des Alters“ zu genießen. Nicht jeder alte Mensch wird ihm da zustimmen. Doch Harrison besteht darauf, dass wir im Alter dank unserer verlängerten Jugend einen Grad an Reife entwickeln, der im Tierreich kein Vorbild hat. Das nützt uns aber herzlich wenig in einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn verfallen ist.
Abgesehen davon stellt Harrison die Frage, ob wirklich Weisheit mit dem Alter kommt. Nicht zwangsläufig, das wissen wir aus persönlicher Erfahrung mit alten Menschen. Wenn wir aber nicht Weisheit als Ersatz für das Welken erlangen – was bleibt uns dann? Der Glaube, sagt Harrison zwischen den Zeilen. Im Glauben aber sind wir wie Kinder – auf diesem Umweg werden wir letztendlich doch einer Art von ewiger Jugend teilhaftig.
Robert Pogue Harrison: Ewige Jugend – eine Kulturgeschichte des Alterns. Hanser Verlag, 288 Seiten, 24,90 Euro

Warten auf Godot

doggo
Clara ist weg, und Daniel trauert. Clara ist vermutlich auf Bali, in einer Künstlerkommune. Kein Sterbenswörtchen hast sie zuvor gesagt, von einem Tag auf den anderen hat sie Daniel den Laufpass gegeben. Einen Abschiedsbrief hat sie immerhin dagelassen – und einen Hund.
Der Hund heißt, nicht besonders einfallsreich, Doggo. Er ist eine kleine dicke Promenadenmischung und furchtbar hässlich. Daniel möchte ihn ins Tierheim zurückbringen, wo er ja auch herkommt, aber als er erfährt, dass Doggo dort kastriert werden soll, überlegt er sich die Sache anders und nimmt Doggo wieder mit nach Hause.
Daniel ist Werbetexter von Beruf und in der Branche dermaßen gut bekannt, dass ihm eine Stelle in einer aufstrebenden jungen Agentur angeboten wird. Daniel nimmt den Job aber erst an, als man ihm zusichert, er dürfe seinen hässlichen Hund mit ins Büro bringen. Dummerweise ist Doggo nicht nur hässlich, sondern auch bissig.
Mark B. Mills erzählt in seinem Roman „Warten auf Doggo“ mit viel Liebe zum gemeinen Detail von dem mörderischen Klima, das in so einer Werbe-Agentur herrscht – der Hund wird in die Intrigen mit einbezogen. Er wird zum Ersatzmenschen, dem man gerne erzählt, was man an den anderen so auszusetzen hat.
Abgesehen davon, dass seine Freundin verschwunden ist (nicht nach Bali, wie sich herausstellt, sondern nach Neuseeland), geht es Daniel verdammt gut. Aber das muss er sich selbst erst einmal klarmachen – indem er es dem Hund erzählt. Daniel ist erst dreißig, aber er entwickelt verfrühte Altersansichten, die ihn zu Sätzen bewegen, die immer mit „Aber heutzutage“ beginnen. Den Hund stört das nicht weiter.
Daniel besucht seinen schwer dementen Großvater im Heim. Der erkennt ihn nicht mehr, hält ihn für seine Mutter, also seine Tochter, die er ermahnt, weiterhin Stillschweigen zu bewahren, was Daniels wahren Vater angeht. Für den ohnehin schon angeschlagenen und trotz seines Erfolgs in der Werbeagentur leicht depressiven Daniel sind des Großvaters Worte wie Gift.
Wenn er sich nicht gerade selbst quält (etwa indem er seine Mutter zur Rede stellt, die alles ableugnet), neigt Daniel zum Philosophieren und gewinnt überraschende Einsichten: „Ein Übermaß an Management führt zu einer Trägheit des gesamten Systems, denn den anderen zu hinterfragen und in seiner Tätigkeit zu behindern ist der ganz natürliche Trieb eines jeden, der seinen Sitz im Unternehmen behalten will.“ Kündigungsschutz scheint es in London, wo der Roman spielt, nicht zu geben. Aber ein Typ wie Daniel ist auch nicht auf soziale Sicherung angewiesen: Er hat sich und er hat den Hund. Einen äußerlich hässlichen Hund, dessen innere Schönheit ihn bezaubert.
Mark B. Mills: Warten auf Doggo. Lübbe Verlag, 254 Seiten, 14,99 Euro