Aus dem Leben einer Sektenchefin


Sie hatte keine Manieren und rauchte ununterbrochen. Sie war hässlich. Sie war über hundert Kilo schwer. Und sie war – nach Queen Victoria – die einflussreichste Frau des 19. Jahrhunderts: Helena Petrovna Blavatsky.
Madame Blavatsky gründete 1875 zusammen mit dem Anwalt Henry Steel Olcott eine neue Sekte: die Theosophie. Damit trat sie eine Lawine der Esoterik los, die bis heute weiter rollt und alles unter sich zu begraben droht, was Vernunft und Wissenschaft aufgebaut haben. Die Theosophie lehrt, dass der Mensch nicht etwa vom „wilden und tierischen Affen“ (Helena Blavatsky) abstamme. Vielmehr seien die ersten Menschen auf der Erde Nachfahren der Menschen des Mondes gewesen, ungeschlechtliche, ätherische, astrale Wesen. Im nächsten Schritt der Evolution à la Blavatsky vereinigten die Menschen der „hyperboräischen Wurzelrasse“ die Merkmale beider Geschlechter in sich, doch erst im Stadium der „lemurischen Wurzelrasse“ erhielten sie einen physischen Körper, wobei auch die Trennung in männliche und weibliche Körper erfolgte. Der vierte Schritt heißt Atlantis, und derzeit befindet sich die Menschheit in ihrer fünften Phase, im Entwicklungsstadium der „arischen Wurzelrasse“.
Das glaube, wer mag. Es mögen viele! In der Anthroposophie, einem von Rudolf Steiner gegründeten Ableger der Theosophie, gelten diese Dogmen – leicht abgewandelt – immer noch. Und werden ergänzt durch eine Planeten-Lehre, die allem widerspricht, was Physiker über die Entwicklung des Kosmos herausgefunden haben.
Wer war die Frau, der es gelang, die besten Köpfe ihrer Generation mit solch ausgemachtem Unsinn zu verzaubern? Über Helena Blavatsky ist eine neue Biographie – oder besser Hagiographie – erschienen. Neue Biographien über Berühmtheiten zu schreiben, die schon in einem guten Dutzend Biographien gewürdigt wurden, ist in letzter Zeit Mode geworden. Die Mode verdankt sich dem Internet. Jenseits von Google und Wikipedia öffnen sich bislang unbekannte Quellen und entlegene Archive. Außerdem hat etliche Historiker der Ehrgeiz gepackt, Sekundärliteratur zu ignorieren, alle Quellen neu zu studieren und viel gründlicher, viel genauer zu arbeiten als alle Biographen vorher. Zu wenig davon findet sich bei Ursula Keller und Natalja Sharandak. Ihre Lebensbeschreibung ist so distanz- wie kritiklos.
Das liegt aber auch am „Objekt“. Denn zum Leben eines rechten Sektengründers gehört es, möglichst viel zu verschleiern. Hauptsache, man ist – wie etwa Ron Hubbard, Georges Gurdjieff oder Aleister Crowley – viel auf Reisen gewesen, in möglichst ferne, abgelegene Länder, vorzugsweise Tibet, wo man zu Füßen uralter, wenn nicht gar unsterblicher Meister saß. So will auch Helena Blavatsky jahrelang in Tibet geweilt haben, wofür es, was auch Keller und Sharandak zugeben müssen, nicht die geringsten Beweise gibt.
Auf Reisen aber war sie, und lange Zeit im Orient. Als Tochter aus russischem Adel konnte sie sich das leisten. Wie sie selber schreibt, hat sie in Ägypten Haschisch, in Indien Opium geraucht – das dürften die wahren Inspirationen gewesen sein.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jagte eine Erfindung die andere, machten Technik und Wissenschaft ungeheure Fortschritte. Als Gegenbewegung entstand in den USA der Spiritismus. Madame Blavatsky, der übernatürliche Kräfte zugeschrieben wurden, avancierte zum Superstar der Esoterik-Szene, gründete die Theosophie und schrieb die Bestseller „Isis entschleiert“ sowie „Die Geheimlehre“. Beide Bücher sollen nach dem Diktat ebenso unsterblicher wie unsichtbarer Meister („Mahatmas“) entstanden sein, sind aber nur Zusammenfassungen der damals gängigen esoterischen Literatur.
Die Theosophie wurde zum Erfolg, zum Welterfolg. In den USA bereits berühmt, fuhr Madame Blavatsky nach Indien. Spätestens dort ließ sie ihre übernatürlichen Kräfte wirken. Zum Beispiel materialisierte sie – aus dem Nichts – mit blauem Bleistift geschriebene Briefe ihres geistigen Meisters, eine Brosche und eine Teekanne.
Die Teekanne, die aus dem Nichts kam – wie absurd ist das denn? Unbeeindruckt von der Stimme der Vernunft schreiben Keller und Sharandak: „Bis heute ist ungeklärt, was sich hinter der ,Materialisation’ der Mahatma-Briefe verbirgt.“ Meine Güte, was soll sich dahinter groß verbergen? Betrug, Taschenspielerei, von Bühnenmagiern abgeschaute Tricks! Was sonst? Glauben Keller und Sharandak allen Ernstes, dass man Gegenstände aus dem Nichts herbeizaubern kann? Wie soll das zugehen? Wie bricht man die Naturgesetze?
Sicherlich war Helena Blavatsky eine Frau, die ungeheuer viel für die Emanzipation getan hat. Schließlich lebte sie zu einer Zeit, in der Frauen weitestgehend rechtlos waren und darum kämpfen mussten, studieren zu dürfen. Das wissen die Autorinnen auch zu würdigen, doch im weiteren verzichten sie, wie gesagt, auf jegliche Distanz oder Kritik. Auf einen Punkt müssen sie aber doch eingehen: auf Helena Blavatskys Rassismus.
Dieses Problem lösen sie – auf den ersten Blick – äußerst geschickt: Der Rassismus-Vorwurf sei „ahistorisch“, denn im 19. Jahrhundert habe kein Mensch daran gedacht, am Konzept der Rasse zu zweifeln. Das stimmt. Doch von einer „universellen Weisheitslehre“ mit dem Anspruch ewiger Gültigkeit, wie sie die Theosophie sein will, wird man doch wohl erwarten können, dass sie sich aus dem Gefängnis ihres Zeitgeistes befreien konnte. Mag dem 19. Jahrhundert in dieser Hinsicht noch eine gewisse Unschuld anhaften: Nach Auschwitz ist es nicht mehr möglich, eine Pseudophilosophie gutzuheißen, die eine „arische Wurzelrasse“ predigt.
Ursula Keller und Natalja Sharandak: Madame Blavatsky. Insel-Verlag, 358 Seiten, 24,95 Euro