
I love Harare. Und woher kommst du?
Ich fotografiere gern. Im Schnitt dreimal im Monat habe ich etwas in Harare zu erledigen. So hatte ich also schon mehr als 20-mal die Gelegenheit, in der Stadt Fotos zu machen. Ich nehme meine kleine Digitalkamera auf jedem, wirklich jedem noch so kurzen Spaziergang mit, seitdem ich mich schon in sämtliche Körperteile beißen wollte, als mir just in den Momenten ohne Fotoapparat die süßesten Kinder in Schubkarren und die Frauen mit den buntesten Gewändern begegneten.
Doch trotz der Vielfalt meiner Streifzüge durch Simbabwes schwarzes Herz kann man die guten Schüsse an einer Hand abzählen. Dieses seltsame, nirgends niedergeschriebene Bilderverbot stresst mich so, dass der Auslöseknopf zur Mutprobe wird. Vielleicht ohne Not, aber es wimmelt in den Straßen von Polizisten, die sich vermutlich der staatlichen Paranoia verpflichtet sehen, Ausländer grundsätzlich für Spione, Ausbeuter oder unregistrierte Journalisten zu halten. Und dann gibt einfach so viele Szenen, die man aus Takt nicht fotografieren kann: ein Baby, das am Straßenrand abgelegt wurde, bettelnde Kinder an der Kreuzung, der vor Musik dröhnende Männerfriseurladen.
Manchmal frage ich Leute, ob sie sich fotografieren lassen. Der Mann mit dem obercoolen „I love Harare“-T-Shirt hat mitgemacht, auch die Verkäuferinnen auf dem Altkleider-Flohmarkt. Den Getränkeverkäufer am Minibus-Bahnhof habe ich nicht gefragt. Prompt drehte er sich empört um und drohte mir eine Tracht Prügel an. Bei einer anderen Straßenszene sprach mich eine Frau an und fragte förmlich, ob ich eine Fotografier-Erlaubnis für diesen Platz eingeholt habe. Ich gab mich unschuldig, zum Glück ging sie weiter.
Letztlich aber verhält es sich sowieso wie mit jeder Großstadt: Das echte Lebensgefühl lässt sich nicht ablichten. Die Harare-Mischung aus brennend, schwitzig, stinkig, schreiend, schnieke, überlaufen, matschig, improvisiert und widersprüchlich ist unfotografierbar.
So biete ich heute eine Zufallsauswahl aus unfertigen, unscharfen, bisweilen auch gelungenen Ansichten der Hauptstadt Simbabwes, der es geht wie dem ganzen Land: Sie lebt von der Substanz. Sie ist verlebt und sieht nur noch deshalb so jung aus, weil es so wenige alte Menschen gibt.
Ob mir die James-Bond-Geheimkamera im Kugelschreiber, die sich mittlerweile zu meinem Besitz gesellt hat, weitergeholfen hat, berichte ich ein anderes Mal.
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In der First Street vor einer Bank.
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Irgendwo in Laden-Arkaden.
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Moderne Bürofassaden.
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Warten auf den Umzug.
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Im Gewühl der Erledigungen.
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Frauen am Busbahnhof.
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Die katholische “Cathedral”.
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An der roten Ampel.
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In der Apotheke.
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Mugabe hängt herum.
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Auf dem Altkleider-Flohmarkt.
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Im Laden für Schuluniformen.
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Abfahrt in wenigen Stunden.
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Blauer Himmel, weiße Häuser.
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Blumenverkäufer im Park.
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Mutter und Kind im Park.
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Bananen aus dem Auto.
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Hey, ich verprügel’ dich gleich!
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Straßenverkäuferinnen.
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Straßenläuferinnen.
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Gehweg mit Löchern.
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Verkäufer für “Airtime”, Handyguthaben.
Mit Fotobeiträgen von Roland Fengler.

Unterhaltung am Straßenrand. In Simbabwe gibt es definitiv zu viele junge Männer mit zu viel Zeit.
Man denkt ja gemeinhin, der Afrikaner an sich nehme alles etwas lockerer. Weiße unterwerfen sich einer Diktatur des Sekundenzeigers – der Rastamann aber freut sich 24 Stunden am Tag des Lebens und weiß gar nicht, wie man „Stress“ buchstabiert. Dazu zitiert jeder Mensch, der gerne etwas Höfliches zum Thema Afrika sagen möchte, denselben Spruch. „Die Europäer haben die Uhren, die Afrikaner haben die Zeit.“ Ich weiß auch nicht, wo er herkam, aber womöglich werden damit bald inflationär Geschenkartikel bedruckt sein wie mit den beiden altitalienischen Pausbacken-Engeln.
Tatsächlich habe ich noch nie einen Menschen so langsam eine Quittung ausstellen sehen wie in den Läden und Ämtern von Harare. Kulturforscher reden da immer von mehr Gegenwartsbezug in Afrika und dehnbarem Zeitbegriff. Meine Unterstellung ist dagegen ernüchternd: Hektik kommt bei Afrikanern auch deshalb so selten auf, weil sie sich in komplizierten sozialen Abläufen bewegen. Diese heißen Tradition. Sie kosten Zeit, und zumindest auf dem Land hält man diesen Preis in Ehren. „That’s our culture“, so lautet die stolze Antwort auf meine Nachfragen, warum man etwas so und nicht simpler mache.
Das beginnt schon früh am Morgen. In Makumbi lerne ich, dass jede Frau, die einen Besen halten kann, täglich das gesamte Haus ausfegen muss. Ob es darin schmutzig ist oder nicht, spielt keine Rolle. Der Besen ist ein Bund aus Trockengras und verliert unterwegs meist zehn bis 100 Halme, die sich dann stets von Neuem im Restbesen verfangen. Auf Abfalleimer wird verzichtet. Die Technik ist dennoch so populär, dass auf Souvenirartikeln afrikanische Frauen in der typisch gebückten Kehrhaltung abgebildet sind. Auch das Kochen dauert oft beeindruckend lange, obwohl am Ende nur ein vergleichsweise einfaches Mahl herauskommt. Das Huhn muss „in unserer Kultur“ erst lange gekocht und dann lange frittiert werden.

Kochen ist sehr zeitaufwändig für die Frauen in Simbabwe. Die Männer fassen nicht mit an, der Strom fehlt, und die Gepflogenheit will es, dass man trotzdem zweimal täglich warm isst.
Richtig kompliziert verhält es sich aber erst mit der Familie. Bei der Shona-Lektion „Verwandtschaftsverhältnisse“ habe ich resigniert. Ich habe schon im Deutschen Mühe, mir vorzustellen, wie der Cousin des Schwagers meines Onkels benannt wird. Die Verästelungen sehen im Shona auch Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Geschwistern der Mutter und des Vaters vor. Nun plane man ein, jeden dieser Verwandten korrekt begrüßen zu müssen und in der gängigen Abfolge zu befragen: „Wie geht’s? Wie steht’s? Und sonst, wie geht’s? Wie geht’s den Kindern? Wie geht’s der Arbeit? Wie geht’s den anderen? Und wie ist eigentlich das Leben so?“ Hatte man Besuch, begleitet man ihn – eine schöne Geste – zum Schluss ein Stück des Wegs nach Hause.

Isabel mit Rastamann, allerdings nicht mit dem Erleuchteten vom Harare-Festival, sondern mit einem normalen Musiker.
Das alles führt dann zu jener berüchtigten Verspätungsneigung, die mir eine junge Simbabwerin einmal als „BMT“ erläuterte. Sie wollte wissen, ob es sich bei einer bestimmten Uhrzeit um die tatsächliche Uhrzeit oder um „BMT-Zeit” handele. Das sei die Abkürzung für „Black Man’s Timing“, das Zeitarrangement des schwarzen Mannes. Ich erlebe BMT in Makumbi zum Beispiel bei Schulveranstaltungen, in denen man Pflanzen beim Wachsen zusehen kann. Andererseits werde ich regelmäßig getadelt, wenn ich einmal zu spät komme, in der naiven Annahme, dass das in Afrika egal sei. Uhrenfetischisten und Uhrenverweigerer koexistieren friedlich, so meine Beobachtung.
Vielleicht ist das alles subjektiver Quatsch. Was weiß ich schon von Afrika! Vielleicht sind doch am Ende die Rastamänner die heimlichen Taktgeber im Hintergrund. Sie sind mir am Wochenende auf dem Harare International Festival of the Arts begegnet und wollten wohl ihr eigenes Klischee von der Entspanntheit noch übertrumpfen. Einer trug so viel Filzhaar auf dem Kopf, dass es wie ein Bündel Holz vorne aus dem Kopftuch wieder herauskam. „I can’t expreeeeess“, teilte uns ein anderer in höchster Begeisterung mit und verfiel in eine Art rückwärtige Kniebeuge, er könne gar nicht ausdrückeeeeen, wie schön alles sei. One love, Rastafari, wir alle zusammen, Dank sei dem Allerhöchsten.
„Heute ist heute“, schwärmte er, „du weißt nie, was morgen ist.“
Seine Augen glänzten bedenklich. Er war sauglücklich und verschwand entschleunigt in die Nacht.
Das Musik-Theater-Festival erwies sich übrigens als charmante, perfekt organisierte Veranstaltung, mit Minutenangaben im Konzertzeitplan. Sie wurden sogar eingehalten.

Das jährliche Harare International Festival of the Arts (HIFA) war schön anzusehen - hier der gefragte simbabwische Reggae-Dancehall-Star Winky D mit seiner Duettpartnerin.

Bei "HIFA" fand das Publikum moderne und traditionelle afrikanische Musik genauso wie westliche Klassik. Nur dass der Zugang für die mittellose Landbevölkerung unerschwinglich war.

Bei HIFA funktioniert Harare noch. Tagsüber herrschte im Stadtpark heitere Sommerstimmung, abends Begeisterung und Stolz - hier beim Konzert mit dem bekanntesten Musiker des Landes, Oliver Mtukudzi, einer Art Udo Jürgens Simbabwes.

Bei diesem Anblick kehrt Frau Lauer den deutschen Müllpolizisten in sich hervor. Kinder, Kühe, dies ist kein Spielplatz! Sondern eine der Zufallsdeponien der Makumbi-Mission.

Das ist Globalisierung: Ein Simbabwer bezichtigt die Deutsche, sein simbabwisches Wetter zu manipulieren. „Your pollution affects us“, sagte eine Kurzbekanntschaft zu mir, als das Thema auf den Klimawandel fiel, „eure Umweltverschmutzung beeinträchtigt uns.“
Ich habe beschlossen, mich nicht schon wieder schuldig zu fühlen, da auch mein Gastland ökologisch nicht ohne Sünde ist. Die Müllentsorgung ist eines von vielen ungelösten Problemen in Simbabwe, was auch das idyllische Makumbi nicht verbergen kann. Mit der Regenzeit ist praktischerweise Gras drüber gewachsen: über die kleinen Halden aus Plastik und Blech an den Rändern des Missionsgeländes und über die Abfallgruben in den Schulen. „Gomba remarara“, Abfallgrube, diese Shona-Vokabel habe ich gleich zu Beginn gelernt. Alle paar Wochen verbrennt man, was sich darin angesammelt hat, dann stinkt es einen halben Tag lang beißend, und Schrott bleibt übrig. Ich habe mir das aus nächster Nähe angesehen, als ich beim Ausräumen der Schulbibliothek säckeweise Bücherleichen zu beseitigen hatte. Ich stand halbe Vormittage am Rand der Grube und schürte – ja, ausgerechnet ich als Deutsche – Bücherfeuer auf einer Unterlage aus Chipstüten.

Auch Simbabwe ist eine Fastfood-Gesellschaft geworden. Straßenansichten in Harare.



Aber wohin sollte man den Müll denn schaffen? Wenn er sich auch in Harare, das schon mit seiner unzureichenden Kanalisation zu kämpfen hat, in Containern stapelt und in den berüchtigten Gehsteiglöchern festtritt? „Also, wenn dir irgendwie eine Idee kommt, wie man das Müllproblem lösen könnte?“, sagte Pater Heribert damals kurz nach meiner Ankunft. Meine Überforderung war damals so groß wie heute. Denn neben der Infrastruktur fehlt es an der Wahrnehmung und an der Pädagogik. Im Minibus reichen die Fahrgäste oft eine Verpackung zum Nebenmann weiter, nur damit der Letzte sie aus dem Fenster in die Landschaft wirft. In Innenräumen lassen die Menschen den Abfall meist auf den Boden fallen, in der Erwartung, dass er beim nächsten Zusammenkehren verschwindet. Wohin, liegt nicht mehr im Blickfeld.
Wenn ich Leute etwas besser kenne, sage ich ihnen schon mal, dass sich ihr wunderschönes Land in wenigen Jahren in ein Cola-Dosen-Mosaik verwandeln wird und ihre Kühe an Plastiktüten ersticken. Mehr kann ich nicht tun, bevor einmal ein Umweltingenieur Freiwilliger in Makumbi wird.

Manchmal gibt es aus der Not geborene Ansätze zum Recycling: Die Auto-Radkappe dient als Lüftung im Klohäuschen, und gebrauchte Toastbrot-Tüten werden von Kindern zu Fußbällen gepresst.


Vor der Bierkneipe hat der Wiederverwertungsgedanke jedoch keine Chance. Das Gras kämpft gegen Kronkorken.

Dieses Auto ist wohl mal liegengeblieben.

Und hier, so erkennt der vorbeifahrende Passant, ist alles zu spät.
Mit einem Fotobeitrag von Roland Fengler.

Wo in Südafrika ein Haus steht, stehen auch mindestens ein Zaun und eine Überwachungskamera. Das sieht weniger nach Schutz als nach Bedrohung aus. Überall werben Sicherheitsdienste und sogar „tödliche Kräfte" um Auftraggeber.


Als Spätgeborene habe ich die DDR bewusst nur noch in Gestalt meiner damals irgendwie altmodisch gekleideten Naumburger Verwandten kurz nach der Wende gesehen. Nach der vergangenen Woche kann ich viel besser nachempfinden, wie die Ostbürger sich am ersten Tag jenseits der Mauer gefühlt haben müssen. Das eine muss sich zum anderen verhalten haben wie Matt zu Hochglanz, wie Haferschleim zu Spargelcremesuppe. Hannas und mein Tor zur Moderne hieß Johannesburg.
Unsere Kurzreise in die südafrikanische Wirtschaftsmetropole sollte den Kulturschock vorwegnehmen, der in ein paar Monaten in Deutschland auf uns wartet. Wir fühlten uns wie der sprichwörtliche Bauer in der Stadt: schlurfend, wo alle anderen rennen, in Sackleinen gekleidet, während der Nebenmann als wandelnde Bügelfalte auftritt. Die Straßen hatten plötzlich wieder Ränder und die Geschäfte Preisschilder. Waren wir wirklich noch in Afrika? Recht widerstandslos setzten wir uns der Konsumwelt aus, der wir entstammen, und es wäre Heuchelei zu behaupten, wir hätten keine Freude daran gehabt. Ich kann in Makumbi ohne Thai-Restaurant, ohne Museumsbesuch und ohne Schuhladen gut leben. Aber ich kann auch hervorragend wieder mit ihnen leben. Während wir noch überlegten, ob uns das ein schlechtes Gewissen machen muss, bestellten wir Müsli, Milchkaffee, Minestrone und Bruschetta. Alle Preise waren günstiger als Simbabwe.

Touristische Schönheit wirft Johannesburg nicht gerade ab. Aber Südafrikas Wirtschaftshauptstadt besitzt viel urbanen Charme. Sie gäbe eine gute Romankulisse ab.

Johannesburg enthielt uns seine legendären Messerstecher vor – ich vermutete sie nach der Warnung eines Nürnberger Kollegen hinter jeder Ecke – und zeigte sich stattdessen international und vielversprechend. Das mochte an der Familie mit Dackel gelegen haben, die uns beherbergte und herumfuhr, welch ein Glücksfall. Das Auto ist die Zweitwohnung des Johannesburgers. Aus Sicherheitsgründen verlässt er es selten. Aber auch deshalb, weil es als Spätfolge der Apartheid kein vitales Stadtzentrum mehr gibt. In dem zersiedelten Acht-Millionen-Ballungsraum trifft man seine Freunde oftmals erst nach 20 Kilometern Anfahrt. Die Kulissen vor den Autofenstern erinnerten an San Francisco. Schnieke, baumbestandene Wohnstraßen auf Hügeln (sie sind der Abfall der Goldgräber, die eine menschenleere Ebene ab 1886 zur Millionenstadt machten), durchsetzt von Kreativlokalen und Shopping Malls, in denen man bei „Kentucky Fried Chicken“ oder in der Spareribs-Kette einkehrt. Der Herbst hielt Einzug. Die Platanenalleen produzierten braune Haufen, das Mittagslicht war trübe. Die Gegenden, in denen man grundlos angeschossen werden kann, umfuhren wir.

Das Johannesburger Apartheid-Museum arbeitet die skandalöse Historie der Rassentrennung sehr gut auf, hier mit Beispielgeschichten aus Einwandererfamilien.

Alles ist hier voller Nelson Mandela. Ob im Glasperlenbild ...

... oder im Einkaufszentrum, das sich für den "Freedom Day" schmückt.

Sonst gibt es in Einkaufszentren ja nur Konsum-Ikonen zu sehen.
Die Gastfamilie mit dem Dackel nun konnte nicht so recht fassen, dass man sich freiwillig in Simbabwe aufhalten mag. Auch ihre Cousins und Cousinen schüttelten den Kopf. Sie sind Weiße oder „Coloureds“ genannte Mischlinge. Keiner hat das Nachbarland, das Südafrika mit Immigranten überschwemmt, je betreten. Dann erzählten sie in ihrem charmant verfärbten Britisch-Englisch von den Sorgen Südafrikas. Dort haben sich zwar Frieden und Freiheit verbreitet, doch die soziale Ungleichheit stinkt zum Himmel. Eine richtige Demokratie sei Südafrika nicht, beschwerte sich ein angehender Rechtsanwalt, eher eine Einparteien-Monarchie. Der solide Mittelstand, dem diese Leute angehören, ächzt unter astronomisch hohen Abgaben, und ein Hochschulabsolvent muss mit Einstiegsgehältern von nur 500 Euro monatlich rechnen. Es gab selbstgebackene Törtchen. Der Swimmingpool war schon winterfest abgedeckt.

Isabel (5. v. r.) und Hanna (r.) im Gespräch mit den Johannesburger Gastgebern.
Dass auch in diesem Land etwas schiefläuft, sieht selbst der oberflächlichste Besucher schon am Straßenrand. Jedes Gebäude, ob wichtig oder nicht, ist mit Mauern und Zäunen bewehrt, und obendrauf sitzt noch ein Elektrozaun. Das Ensemble sieht nicht nach Schutz, sondern nach Bedrohung aus. An Laternenmasten werben Zettel für Abtreibung, sicher und schmerzfrei, und eine Zeitungsschlagzeile erklärt: „Warum unsere Kinder süchtig nach Pornos sind“. An jeder roten Ampel verrenken junge schwarze Männer ihre Gesichter und Hände zu Bettelgesten der Demut, und die Weißen in den Autos winken ab. Als wir am Frühstückstisch saßen, rumpelte es draußen am Eisentor, man hörte Rufe. „Ach das”, sagte unser Gastgeber, „da darf man nicht aufmachen. Die kommen jeden Tag. Die wollen Geld und Jobs.”
Rund drei Millionen Simbabwer sollen auf der Suche nach einem besseren Leben nach Südafrika ausgewandert sein. Auf der Rückfahrt begegneten uns ein paar von ihnen im Bus. Südafrika feierte seinen Jahrestag der freien Wahlen von 1994, und die Gastarbeiter hatten in ihren Plastiktütenfabriken ein paar Tage frei. Sie fuhren nach Hause zur Beerdigung der Mutter oder um Geld zu bringen, um ihre kleinen Kinder bei den Omas zu besuchen. Daheim erzählen sie, wie kalt und gefährlich es sich im Süden lebe. Ich fragte einen jungen Mann, wo er sich wohler fühle. Er sagte: in Südafrika, seit es Simbabwe so schlecht geht. „Aber auch in Simbabwe. Es ist das Land, aus dem ich stamme. Da habe ich doch keine Wahl, es gut zu finden.“

Der achtjährige Tinotenda und sein Vater im Internat der Gehörlosenschule von Harare.
Was macht eigentlich der gehörlose kleine Junge?, fragen mich meine Leser. Im Moment macht er Ferien zu Hause. Das heißt vor allem: Kühe hüten, durchs hohe Gras streifen, mit seinen Cousins und Cousinen spielen. Tinotenda bleibt hoffentlich kein Kuhjunge. Er hat in Harare das erste Trimester an der „Emerald Hill School for the Deaf” abgeschlossen, und nicht nur ich bin froh darüber.
Sein Vater, Herr Mutizwa, scheint ganz beseelt zu sein, jedenfalls für seine Verhältnisse. Dem scheuen Mann, der klein wie ein Kind auf der Stuhlkante Platz nimmt und im Gespräch meist schräg zu Boden blickt, sind Gefühle schlecht anzusehen. Doch manchmal lächelt er jetzt, und wenn er sich zum Schluss bedankt, merkt man Erleichterung. Er hat Vertrauen gefasst. Er gestattet der Schule, seinen Jungen bei Bedarf ärztlich zu behandeln. Obwohl seine Religion das eigentlich verbietet. Wegen unterlassener medizinischer Hilfe sind sowohl Tinos Mutter als auch zahlreiche Kinder in der unübersichtlichen Großfamilie gestorben.

Tinotenda mit seinem besten T-Shirt in den Ferien.
Als wir Tinotenda einmal an einem Freitag im Februar fürs Wochenende abholten, erschien er mir im Internat gut eingewöhnt. Er teilt das Zimmer mit sieben anderen Schülern. Schon am zweiten Tag habe er nicht mehr geweint, sagte seine Hausmutter. Ihren Anweisungen in Gebärdensprache folgte er aufmerksam. Die anderen Jungs hatten schnell einen Handzeichen-Namen für Tino erfunden: eine Hand am Mund, am Mittel- und Ringfinger lutschend. Das ist Tinos Tick, an dem ihn jeder erkennt. Er komme gut mit im Unterricht und prügle sich auch gern, meldet die Schule. Insofern ist er ein recht normaler simbabwischer Junge. Nur dass er nicht erzählen kann, wie seine Freunde heißen, was er lernt und was es im Wohnheim zu essen gibt. Immerhin kann er schon etwas verständlicher die Namen seiner Verwandten rufen.
Herr Mutizwa erfüllt bislang meine Bitte, sich nicht alles bezahlen zu lassen. Er hat seinen Sohn selbstständig zum Ferienbeginn abgeholt und verkauft zurzeit auf Harares größtem Markt ordentlich Tomaten aus seinen Feldern. 100 Dollar davon hat er für die Gehörlosenschule beiseitegelegt – eine stolze Leistung. Tinos Nachbar und ehemaliger Vorschullehrer M. wird das Geld als Reserve für ihn verwalten, damit es nicht in irgendwelche Ritzen verschwindet. Ohne dessen Vermittlung und Übersetzung wäre das ganze Unterfangen nie zustande gekommen. Weil aber auch der Lehrer M. in chronischen Geldnöten steckt, muss ich hoffen, dass er das Vertrauen nicht ausnutzt.
Die Schulgebühren für das restliche Schuljahr 2012 will die Makumbi-Mission aus Spendengeldern übernehmen. Von meinem Depot gibt es vorerst wieder Kleidungsstücke zu bezahlen. Tino braucht Pullover für den Winter, und „Emerald Hill” führt neue Uniformen ein. Die äußere Erscheinung spielt in der simbabwischen Pädagogik oft eine größere Rolle als der Inhalt, aber das ist ein anderes Thema.
Vor ein paar Tagen haben der Lehrer M. und ich Tinos Vater noch einmal dargelegt, dass diese teure Schule nicht etwa zu gut für ihn sei, sondern dass er vielmehr weiter Geld sparen müsse, um das Projekt nachhaltig zu machen. Und dass er außerdem gut daran täte, zum Sprechstundentag im Juni zu erscheinen. Davor wollte er sich nämlich drücken – keine Zeit, kein Geld. Er muss immer noch lernen, Vater zu sein. Ich kann ihm nur das Busfahrgeld dazu geben.

Hier in den Bergen von Makumbi wohnt Tino mit seinem Vater, seinen Großeltern, Tanten und Cousins. In dem Haushalt fehlt es an vielem, nur nicht an Kindern.

Die Liebe zu Schuluniformen in Simbabwe stammt von den einstigen Kolonialherren, genauso wie die „Teatime“ oder die Sitte, Herrschaften mit „Sir“ und „Madam“ anzureden.

Es kommt nicht darauf an, ob du schwarz oder weiß bist, sang einst Michael Jackson. Welch naives Wunschdenken! Zwar hat man mich wegen meiner Hautfarbe nur in Ausnahmefällen provoziert. Ebenso kommt es ab und zu zur unpassenden Vergötterung, weil ich ein Wörtchen Shona geredet habe oder weil ich so aussehe wie eine potente Arbeitgeberin. Ob ich sie denn nicht in meiner Firma oder wenigstens als Hausmädchen einstellen könnte, hat mich einmal eine Supermarktmitarbeiterin gefragt. Doch häufiger bekomme ich, etwa in Fragen der Politik oder der Pädagogik, eine Entschlossenheit zu spüren, die klarstellen soll: Afrika kommt ohne weiße Ratschläge sehr gut allein zurecht. Wenn der Westler dann trotzdem gern Geld gibt – okay, bitteschön. Ein trotziges, zu begrüßendes Selbstbewusstsein.
Die verantwortliche Nonne im Kinderheim von Makumbi hat mir neulich untersagt, ein kleines Mädchen auf meinen Rücken klettern zu lassen. „Trag’ sie nicht rum! In unserer Kultur“, zischte sie, „wollen wir das nicht.“ Verwöhnte Kinder würden später in der Schule nur Probleme machen. Ihre Botschaft lautete eigentlich: Halt’ Abstand! Die Schwester behandelt Hanna und mich sehr distanziert. Arbeit gibt sie uns nie. Den afrikanischen Ehrenamtlichen schon. Ich darf das nicht persönlich nehmen, und mit Schuhcreme kann ich mich halt nicht einfach einschmieren.

In der veralteten Grundschulbibliothek von Makumbi herrscht immer noch rhodesischer Sommer: eine der vielen Hinterlassenschaften aus der Zeit der englischen Allmachtsfantasien, die einst ein Unternehmer namens Cecil Rhodes um 1890 am Sambesi verbreitete.

Eine Kiste der Pandora war die Kolonisation Afrikas. Dieser historische Schrankkoffer, der einmal - wohl mit einer Nonne - ins ehemalige Südrhodesien und heutige Simbabwe reiste, steht in einer Mission im Osten des Landes herum.
Genauso sprachlos lässt mich die Frage zurück, die mir ein fremder Simbabwer völlig unvermittelt in einem Souvenirladen stellte: „Warum eigentlich betrachtet ihr Weißen uns Schwarze als Tiere?“ In der Tat ziehen sich nicht wenige der im Land verbliebenenen weißen Simbabwer – in der Regel mit britischen oder südafrikanischen Wurzeln – in dem historisch belasteten Miteinander auf rassistische Standpunkte zurück. Ihren Alltag gestalten sie so, dass sie mit denen da möglichst wenig in Berührung kommen.
Afrika ist für sie am schönsten in der Einkaufslandschaft im Norden Harares. Das „Sam Levy’s Village“ ist ein Konsumdorf, das genauso auch in Unterfranken oder Australien stehen könnte. Ich darf mich darin nicht zu lange aufhalten, sonst macht es mich traurig. Angejahrte Siedlersöhne in Shorts, von südlicher Sonne mit Knitterhaut bestraft, trinken hier „Latte“, essen Salat mit Hähnchenbrust und haben Mühe, ihre operierten Hüften wieder vom Sitz zu erheben. Sie kaufen Swimmingpool-Pumpen, Kinderwägen, Anglerbedarf, Hundefutter, Antipasti und ein Haarspray für 15 Dollar ein. Im Supermarkt grillt ein besonders dickes Exemplar Würste. Auch Windsor-Silberkännchen sind im Angebot, Mülltonnen und, noch skurriler angesichts des dahinsiechenden Gesundheitswesens, Doktorspielkoffer für Kinder. So wie hier darf sich Afrika aus Sicht der alten Kolonisten gern benehmen: Die Ureinwohner haben sich entweder in eine gestylte Elite verwandelt, die sich schon mit dem Baby auf Englisch unterhält – oder sie sind Parkplatzwächter, Klofrauen und Gärtner.

In Afrika gibt es Hütten - im Einkaufsdorf "Sam Levy's Village" im Norden Harares sind sie aus buntem Kunststoff fürs Kinderzimmer. Hier mischt sich die weiße Minderheit unter vermögende Schwarze und erledigt ihr Business zwischen Rosen und Rasen. In die Innenstadt wagen sich die Weißen dagegen nur vor, wenn sie müssen.

Die Zanu-PF-Partei wiederum gibt mittlerweile offiziell antiweiße Rassismus-Parolen aus, obwohl sie sich 1980 noch für Verbrüderung ausgesprochen hatte. Erst Ende März hat es ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter zum Zeitungsaufmacher gebracht, nachdem er – bereits mit der Beißlust der kommenden Wahlen – öffentlich gefordert hatte: „Nieder mit allen Weißen! Ich würde sie aus der politischen Landschaft binnen einer Woche eliminieren.” Er hielt die Rede ausgerechnet auf einem Friedhof, während neben ihm ein weißer Priester jemanden beerdigte. Der Anteil der Weißen an der Bevölkerung liegt heute vielleicht noch bei 0,5 Prozent, es sind wenige Zehntausend. Aus Politik und Unternehmensführung sind sie verdrängt. Aber die Paranoia, die herrscht noch auf beiden Seiten.

Der Lieblingsspieler heißt Hitler. Ob dieser Passant in Harare weiß, wer genau das war? Rassismus gibt es in Simbabwe auch 32 Jahre nach der Unabhängigkeit - sowohl gegen Schwarze als auch gegen Weiße.
Der Staat hat 32. Geburtstag, in Harare gibt es Freibier, Fußball und Parteislogans. Am 18. April hat die Republik Simbabwe ihre Unabhängigkeit vom britischen Weltreich gefeiert. Eine lang ersehnte, blutig erkämpfte Errungenschaft war das 1980, viel später als fast überall sonst in Afrika. Während ich darüber nachdenke, warum sich ein kleines verregnetes Land in Westeuropa überhaupt so lange anmaßen konnte, Völker aller Kontinente zu Untertanen zu degradieren, erzählt uns Polly, wie das damals ablief. „Nenn’ mich Boss“, sagten weiße Großmäuler gern, wenn ihnen ein Schwarzer begegnete, „dann kriegst du’n Bonbon.“ Oder sie bespuckten einen gleich.

Ein Kaufhaus in Harare hat sein Schaufenster zum "Independence Day" geschmückt. Leider sieht es nach Freiheit hinter Gittern aus.
Polly, eine stolze schwarze 66-jährige Simbabwerin, denkt nicht schwarz-weiß. Zwei ihrer Kinder leben in Deutschland. Von ihren Besuchen in Europa weiß die Mutter um die Unterschiede in Lebensstandard und Kultur, ohne darin Trennmauern zu sehen. Mit heiterem Erstaunen erinnert sie sich, wie sie einst ein Mann in England nach langem Herumdrucksen fragte: „Sagen Sie mal, stimmt es, dass Sie in Afrika auf Bäumen leben?“ Polly kann auch über die verkniffenen Mundwinkel deutscher Straßenbahnfahrgäste lachen, und immer wieder amüsiert sie sich über den Fahrradfahrer, der in einer Fußgängerzone am Bodensee wegen Falschparkens von der Polizei belangt wurde. Aber ganz ernst wird sie, wenn sie an die Apartheid im alten Rhodesien zurückdenkt, das hier Südafrika in nichts nachstand. Sie hat noch die Schlangen vor den afrikanischen Läden vor Augen. Man musste sehr lange anstehen für schlechte Lebensmittel. Auf der anderen Straßenseite lag der Laden für Weiße. Er quoll über vor Vorräten. Polly und ihr Mann hatten auch weiße Freunde. Zusammen gingen sie in Kapstadt einmal in ein Restaurant. Pikiert erhoben sich Gäste von ihren Stühlen. Das Lokal war Weißen vorbehalten. Die Schwarzen hatten gefälligst in ihren Reservaten zu bleiben. Schulen für schwarze Mädchen gab es nicht.
Die Kolonialgeschichte hat bis heute Gräben gezogen zwischen zwei Teilen der Menschheit, die sich durch etwas im Grunde absolut Oberflächliches unterscheiden: die Hautfarbe. Auch ich spüre die unsichtbare Linie regelmäßig. Zum Beispiel wenn ein Busfahrer mich nicht nur ein Mal mit „Murungu“ anruft, dem Wort für den Engländer, sondern es an jeden seiner Sätze anhängt. Oder wenn ich in den Hügeln von Makumbi ein Landschaftsfoto mache und mir junge Typen aus einem Auto hinterherschreien: „Hey, was fotografierst du hier rum? Ihr wollt mit unserer Armut nur Geschäfte machen!“ Sie sind getrieben von Parteipropaganda, die den weißen Imperialisten zum Sündenbock für alle Probleme des Landes macht. Auch wenn man gleichzeitig den chinesischen Drachen hofiert und sich von ihm die ganze Wirtschaft diktieren lässt. Einmal machte es einem jungen Mann sichtlich Spaß, sich in der Schlange vor einer Gepäckaufbewahrung vor mich hineinzuzwängen und mich schräg anzureden: „Du da! Du stehst jetzt hinter mir! Na los, gib’ mir deine Cola!“ Als sei das die späte Antwort auf Pollys Geschichte vom Schlangestehen.

"1980 haben wir es geschafft - lasst es uns noch einmal schaffen!" Präsident Robert Mugabe ruft sich auf diesem Plakat im Busbahnhof sicherheitshalber in Erinnerung.

Afrika vor und nach der Entkolonialisierung - was hat sich verändert? Der böse Cartoon ist dem Band „Alle in einem Boot - Karikaturen zu Afrika und Europa“ entnommen, den das Erzbistum Bamberg 2011 im Rahmen einer Ausstellung herausgebracht hat.

Ein Grundschüler der Makumbi Primary School zeichnet in meinen Kreativstunden einen Schmetterling nach der "Kleinen Raupe Nimmersatt". Aus Materialmangel entfällt der Kunstunterricht sonst meist.
Ich will kein Messie sein, aber manchmal verliere ich diesen Kampf. Meine Bürokollegen zu Hause wissen Bescheid. Auch in Simbabwe habe ich es nun in meinem Zimmer schon wieder zur Haufen- und Nesterbildung gebracht. Darin wohnen Überraschungsei-Figuren in WGs mit Playmobil-Männchen. Glitzersticker wollen sich mit Zeichenblöcken vereinigen, und eine Großarmee von Buntstiften steht jeden Morgen zum Spitzappell bereit. Woher das alles? Aufmerksame Freunde und Verwandte haben mir Pakete mit Geschenken für die Leute in Makumbi geschickt. Auch ein paar nette Firmen und Läden haben ihnen Sachspenden mitgegeben. Von meinem Spendenkonto habe ich dann noch einige Bastelutensilien für meine Kunststunden angeschafft, und meine Besucher haben prall gefüllte Rucksäcke mitgebracht. Seither bemühe ich mich stetig, die Dinge an den passenden Empfänger zu vermitteln. An manchen Tagen fehlt mir dazu der Elan, da jede Verteilung Handgemenge auslösen kann. Kurz vor meiner Abreise wird es Wachsmalkreiden, Zahnpasta und Notizbücher regnen. Die bisherigen Erfolge zeige ich heute in Bildern. Vielen Dank allen Engagierten!
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Die Klasse 2B zeigt ihren Schmetterlingsschwarm.
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Würfel und Schachteln bauen – mit einem Satz Bastelscheren geht das jetzt endlich.
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Die Kindergartenkinder lieben Ausmalen.
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Zum Glück gibt es Malbücher.
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Hosengummi bringt den Kindergarten in Bewegung.
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Die Teenies aus dem Kinderheim finden die gestiftete Wolle aus Mannheim cool und knüpfen begeistert Freundschaftsbändchen.
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Auch die Springseile und Plastikflieger aus dem Nürnberger Flughafen kommen im Kinderheim gut an.
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Bruder Benedict, Jesuit und Krankenpfleger, freut sich über die Sachspenden aus dem Nürnberger Klinikum für seine Schüler-Krankenstation: Kittel, Stethoskope, Thermometer, Leuchten und jede Menge Zungenspatel.
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Von meinem Spendenkonto bezahlt: Wasserfarben, mit denen Schüler Spritzbilder mit Glasmurmeln gestalten können.
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Schellen aus Nürnberg kommen in Hannas Musikstunden zum Einsatz.
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Und nicht zuletzt gefallen Luftballons immer. Ob vom Oberbürgermeister der Stadt Völklingen oder von der Bausparkasse.
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Matchbox-Autos werden jetzt dem Makumbi-TÜV unterzogen.
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Regelmäßig treffe ich die drei Brüder J., J. und J. Neuerdings mit Norisringrennen-Mützen.

Ein Junge aus der Makumbi-Mission trägt das Holzkreuz beim Karfreitags-Kreuzweg.

In gleißender Herbstsonne ziehen die Kreuzwegsteilnehmer über die Landstraße.
Das beste Thema für eine Osterpredigt in Simbabwe wäre das Land selbst. Mit Passion, mit Hetzjagd und mit Warten auf die Auferstehung kennt sich die Nation aus. Dabei dämmert ihr, dass sie leider die Messias-Rolle falsch besetzt hat. Präsident Mugabe hat im Hinblick auf seine Krankheit kürzlich anlässlich seines 88. Geburtstag bekannt: „Ich bin mehrere Male gestorben – in dieser Hinsicht habe ich Jesus Christus geschlagen. Christus ist nur einmal gestorben und einmal auferstanden.“ Ob er seine Wiederwahl 2012 oder 2013 durchsetzen will, ist immer noch ungewiss.
Aber bevor ein Kirchenmann politisch deutlich wird, muss er sich überlegen, ob er so enden will wie N., der ehemalige Erzbischof von Bulawayo. Er war bekannt dafür, dass er Mugabe den Tod wünschte und gegen Menschenrechtsverletzungen predigte. Bis der Geheimdienst 2007 eine Spionin auf ihn ansetzte, um ihn durch einen Sexskandal zu demontieren. Vielleicht heuerte diese Sekretärin, die ein Verhältnis mit N. anfing, auch nachträglich in der „Central Intelligence Organisation“ an. Jedenfalls wurde das Schlafzimmer des Bischofs verwanzt, die Kamerabilder wurden öffentlich. Die Frau verschwand von der Bildfläche. Neben N. nahm ich zufällig einmal Abendessen und Frühstück im Wurstmacher-Kloster ein. Er wirkte gelassen und erzählte mir, dass er bereits im Nürnberger Rathaus empfangen wurde.

Schulmädchen bei der Palmsonntagsprozession.

Mädchen mit ihren Kreuzen aus Palmwedeln am Palmsonntag.
Also lieber etwas mehr singen als reden in der Messe. Ostern in der Makumbi-Mission – das sind ernstzunehmende Tage, an denen man sich für eines Zeit bewahrt: den Kirchgang. Der kann sich locker auf acht Stunden ausdehnen. Dazu scheint die Sonne gleißend in Gelbgold und macht lange Schatten, die Luft ist klar und kühl. Der Herbst scheint begonnen zu haben, nachts wird es jetzt kalt, man legt eine Zusatzdecke auf und friert in den vertrauten Flipflops. Die Minibusse verlangen Feiertags-Aufschlag. Die Schüler genießen den Auftakt der Ferien zu Hause. In den Klassenzimmern kampieren stattdessen Besuchergruppen aus den Nachbargemeinden, und im Jesuitenhaus gehen Nonnen und Gottesdiensthelfer ein und aus. Die Priester wehen bei den Mahlzeiten nur noch kurz herein. Ihnen fehlt sichtlich Schlaf. Ostern ist wichtiger als Weihnachten.

Gemeindemitglieder beten am Karfreitag das Kruzifix vor dem Altar der Missions-Kirche an.

Das Osterfeuer macht auch in Simbabwe den Auftakt zur Osternacht.

In der Osternacht wird gesungen ohne Ende.
Die Gottesdienste im Pfarreigebiet von Makumbi – das rund 30 Orte umfasst – finden nun in einem undurchschaubaren Rhythmus statt. Die Programme fließen ineinander, die Osternächte am Samstagabend entwickeln sich bis zum Sonnenaufgang fort. Und mir persönlich wird das alles auf Shona recht langatmig, weil ich mir aus mwari (Gott), rudo (Liebe) und chiedza (Licht) noch keine Predigt zusammenreimen kann. An Ostern wolle er nicht auf die Uhr schauen, sagt unser junger Priester. Er verausgabt sich in der Nacht der Nächte dann völlig: 17 Stunden, drei Messen, in einer davon muss er 260 Kinder taufen. Die simbabwischen Katholiken, die sich in einer Flut von Frei- und Pfingstkirchen behaupten wollen, zeigen sich heute einfach nur selbstbewusst.
Meine Besucher aus Nürnberg und ich können als Anlieger des Kirchplatzes nach Gehör gehen. Feierliche, wehmütige Lieder sagen die Gründonnerstagsmesse mit Fußwaschung an – ein Segen diesmal, dass der Strom ausfällt, denn der Kerzenschein hebt die Stimmung. Das Johlen am Nachmittag des Karfreitags schallt vom Passionsspiel herüber. Nur ein Murmeln bleibt übrig während der archaischen Anbetungspassagen auf Knien. In der Osternacht schließlich singt und tanzt die Gemeinde überdreht und ausgelassen. Zu meinen Füßen schlafen in Decken gewickelte Kinder. Ich fühle mich sprachlos und fremd und doch als Teil des Ganzen.
Wie schon an Weihnachten kann ich nichts von kulinarischen Erhellungen berichten. Höchstens, dass wir gerade eine Menge hartgekochter Eier in unserer Freiwilligenwohnung lagern. Die haben aber eine ganz profane Bewandtnis: Picknickfutter für den Osterausflug zu einem Berg mit Höhlenmalerei. In der Landschaft werden wir viele in Weiß gehüllte Menschen beim lauten Gebet antreffen. Sie gehören den freien Religionsgruppen aus der apostolischen Ecke des Christentums an. Auch sie feiern Ostern, bloß ohne Kirche.

Mein Kollege Roland Fengler ist gerade zu Besuch und macht seine Fotos nun gewohnt souverän in Simbabwe. Über die Kreuzweg-Prozession in Makumbi kann er natürlich mehr staunen als über den Nürnberger Faschingszug.


Fürs Familienalbum: Osterferien mit Kathrin (l.) und Anette (r.) in Harare.

Der Oster-Vollmond in Makumbi.
Mit Fotobeiträgen von Roland Fengler.

Frauen jäten das Unkraut im Erdnussfeld mit der Hand. Landwirtschaftliche Maschinen dagegen sind in Simbabwe kaum mehr im Einsatz.
„Die leben noch in der Steinzeit.“ Brian, der das sagt, ist ein korpulenter weißer Mann. Er stammt aus Südafrika und wuchs in Simbabwe auf. Von Schwarzen hält er: nichts. Wir trafen ihn im Dezember. Er hilft in einer Hotelanlage mit und nahm uns, da er schon lange keinen Touristen mehr gesehen hatte, auf einen Spaziergang mit seinen überfütterten Hunden mit. Sein Ausspruch war genauso böse gemeint, wie er klang. Ja, es gibt noch Rassismus. Auf beiden Seiten.
Brian hat allerdings auch miterlebt, wie das Farmland seiner Familie nach der Enteignung verfiel. Damit war auch sein Job weg. Als ungelernter Hilfsarbeiter hatte er keine Chance auf einen Neuanfang. Wir saßen auf einer Felsspitze mit Panoramablick über eine weite, stille Baumlandschaft. Da unten, das alles war einmal Weideland, sagte er. Bitter klang es, als er von Rhodesiens alter Wirtschaftskraft schwärmte. Der Simbabwe-Dollar sei einmal stärker als das britische Pfund gewesen.

Sojabohnenfeld bei Chinhoyi. Obwohl der Boden mit Fruchtbarkeit gesegnet ist, gibt es kaum noch intensive Landwirtschaft in Simbabwe. Dabei ist der Sektor politisch streng reglementiert.
Auf der Anreise tags zuvor waren wir 300 Kilometer weit schnurgerade durchs Land gefahren. Zahllose Lastwagen mit Importwaren kamen uns aus Südafrika entgegen. Eine einzige Farm war groß genug, dass wir sie unterwegs bewusst wahrnahmen. Der Rest: grün, fruchtbar – und verwildert. Bis weit in die 1990er Jahre hinein exportierte Simbabwe mit stolzen Wachstumsraten Lebensmittel und Pflanzen ins ganze südliche Afrika. Von Erdbeeren über Kaffee und
Zucker bis Weizen, von Tabak über Baumwolle bis zu Fleisch. Rund 4500 von 20000 Bauern waren damals weiße Siedler und ihre Nachfahren. Die Weißen besaßen auch fast 20 Jahre nach der Unabhängigkeit das fruchtbarste und am besten bestellte Land.

Der Traktor wurde durch den Ochsenkarren ersetzt.
In später Rache am Kolonialismus, aber vor allem, um politisch seine Haut zu retten, setzte Präsident Robert Mugabe um das Jahr 2000 eine Landreform zu Gunsten der Schwarzen durch. In Wirklichkeit wurde daraus eine Umverteilung in die Hände seiner Genossen, begleitet von Gewalt, Rechtsbrüchen und Plünderungen. Haus und Hof der weißen Landwirte wurden beschlagnahmt. Schätzungsweise die Hälfte von ihnen blieb trotzdem in Simbabwe und etablierte sich neu. 300 arbeiten heute noch im Agrarsektor. Die Parteigenossen aber sind nur Wochenendgärtner. Ohne Produktionsmittel, ohne Unternehmergeist und Wissen verwandelten sie die Landwirtschaft, das Rückgrat dieser Volkswirtschaft, in eine gigantische Brache. Wenn ein Staatsmann, Polizeichef oder Armeefunktionär seinen Posten räumen muss, wird manchmal die Anzahl seiner Farmen und Autos bekannt, die er dann abzugeben hat. Oft ist sie zweistellig. Mugabe selbst soll mehr als 30 Ländereien halten.
Nun könnte man diese Unterbewirtschaftung zweckoptimistisch als Genügsamkeit interpretieren – wer sagt schon, dass Schweinemastbetriebe und Monokulturen der Schöpfung gut tun. Die Rechnung geht nur leider nicht auf. Die Ernte macht die Simbabwer schon lange nicht mehr satt. 1,8 Millionen Tonnen Mais verzehren sie jährlich, doch nur 700000 Tonnen produzieren sie wohl in dieser Saison. Der Rest kommt aus Nachbarländern und von Hilfsorganisationen. Jedes Jahr schrumpft die Bilanz auf einen neuen historischen Tiefststand, während der Bierkonsum weiter steigt. Hier in Makumbi werden die Einwohner in diesen Wochen regelmäßig frustriert, wenn die hungrige Pavianhorde durch ihre Felder fegt. Ist es doch sowieso schon fraglich, ob ihnen die Kolben, die da im Moment an den Stengeln trocknen, bis zum Jahresende reichen.

Die Landbevölkerung hält sich Ziegen zur Selbstversorgung.
Die Bloggerin
Cathy Buckle, die ihr Heimatland Simbabwe seit 13 Jahren in wöchentlichen Wutbriefen durch die Krise begleitet, hat das Versorgungsdrama neulich aufgegriffen. Sie hat Kekspackungen in ihrem Supermarkt gezählt und festgestellt: Von 32 gängigen Marken stammten 25 aus Südafrika, drei aus Griechenland und vier aus Simbabwe. Nur zwei von acht Marmeladen und eine von zehn Nudelpackungen waren simbabwisch. Einheimische Milch und Sahne gab es überhaupt nicht, ebenso keinen Kaffee. Die zwei von 15 Frühstücksflocken-Produkten, die aus Simbabwe stammten, waren teurer als die Importe. Eine „nationale Schande” sitze da in den Regalen, stellt Buckle fest.

„Exporte sind Güter, die wir an andere Länder verkaufen", lernen simbabwische Schüler unverdrossen. Die Wahrheit müsste lauten: „Exporte sind das, was unser Land einmal zum Blühen gebracht hat und womit uns heute Südafrika aus der Patsche hilft".
Gerade ist wieder Nicole, eine weiße Ex-Farmerin, in der Mission zu Gast. Manchmal erzählt sie von der traumatischen Erinnerung, als 2002 die Landvollstrecker mit Maschinenpistolen kamen und ihnen 24 Stunden Zeit zur Räumung gaben. Die Farm ihres Mannes erbrachte ein Viertel der landesweiten Weizenernte. Die Familie war aus Mauritius nach Afrika übergesiedelt. Manche Verwandte kehrten Simbabwe nach der Landreform den Rücken, andere konnten zeitweise Güter zurückleasen. Nicole blieb, investierte in Immobilien und kann sich heute einen Kleinwagen und eine hübsche Seniorenresidenz leisten. Ehrenamtlich betreut sie Behinderte, die in Makumbi und Harare bei der Existenzgründung als Schneider unterstützt werden.
Die sanftmütige Frau scheint das Land von seinem Leader getrennt sehen zu können. Sie betrachtet die Schikane aus der Distanz – im Vordergrund liebt sie Simbabwe, das zu ihrer Heimat wurde. Dieses Gefühl teilt sie mit Brian. Doch Nicole würde nie mit „Steinzeit”-Beleidigungen poltern. Auf ihrem alten Grund und Boden steht heute nur hohes Gras. „Der Mann, der unser Land stahl, produziert nichts. Aber ich konnte sehen, dass unser Haus inzwischen eine Schule ist, das freut mich richtig.”
Sie hat Lebensmittel mitgebracht. Weintrauben und Cracker aus Südafrika. Und Bohnenkaffee – aus Simbabwe. Freudestrahlend erzählt Nicole von der anderen Farmerin aus Mauritius, die ihn inzwischen wieder erfolgreich anbaut. Man findet die Marke nur in wenigen Supermärkten, teuer ist sie auch. Aber dieser Kaffee schmeckt so gut, dass Nicole sich gleich drei Löffel in die Tasse schaufelt. Er schmeckt wohl nach Heimat.

Bescheidene Ernte: Vor so manchem Hauseingang wird die Tomaten- oder Bananen-Ausbeute aus dem Garten in der Hoffnung auf einen Dollar angeboten.
