Okt

19

2012

Makumbi im Herzen

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Abschied, Afrika, Freiwilligenarbeit, Kulturaustausch | 3 Kommentare

Die Menschen aus Makumbi haben Spuren bei mir und meinen Lesern hinterlassen. In Verbundenheit gehen wir jetzt, nach Artikel Nummer 70, unserer Wege außerhalb des Blogs.

Auf meinem NZ-Schreibtisch erinnert mich Sarah aus dem Makumbi Children's Home künftig daran, dass das Leben ein Balanceakt ist, den man mit einem Lächeln besser meistert.


„Manchmal möchte man glauben, der Kontinent führe ein Doppelleben, ein verdammtes, über das wir Korrespondenten berichten, und ein gesegnetes, das wir beschweigen. Aber Afrika ist immer beides, es schleudert uns wie auf einer Achterbahn der Gefühle zwischen den Extremen hin und her, und manchmal sind diese Extreme nur ein paar Minuten oder Kilometer voneinander entfernt.
[...]
Andauernd sind wir diesem Pendelschlag der Empfindungen ausgesetzt. Abscheulich und traumschön. Gewalttätig und friedfertig. Bösartig und gutmütig. Lebensprall und selbstzerstörerisch. Geheimnisvoll und banal. Offenherzig und heimtückisch. Man wird einwenden, dass uns derartige Gegensätze auf jedem Kontinent begegnen. Aber auf keinem sind sie so scharf ausgeprägt wie in Afrika. Nirgendwo werden die Wunden so tief geschlagen, nirgendwo verheilen sie so schnell, lehrt der Volksmund. Die Kraft des Vergebens und der Mut zur Versöhnung - das sind vielleicht die wichtigsten Lektionen, die wir von Afrika lernen können.“

Aus: Bartholomäus Grill: Ach, Afrika. Siedler Verlag 2012.

Dieses Blog heißt „Grüße aus Makumbi“. Es heißt nicht „Grüße aus einer Etagenwohnung in Nürnberg-Nord, wo vor den Fenstern der Herbsthimmel Lust auf das Zugvogelverhalten der Störche weckt“. Alles Gute hat ein Ende, und so hole ich hiermit zum Schlusskapitel aus. Das ist wahrlich schwer zu schreiben; seit Wochen drücke ich mich davor.

Aber es ist der richtige Zeitpunkt. Mein Aufbruch in die andere Welt, die mich so viel gelehrt hat, hat sich gejährt. Am 19. Oktober 2011 kam ich stark verschwitzt und leicht verzweifelt in Simbabwe an. Ein Jahr später arbeite ich wieder in der Lokalredaktion der Nürnberger Zeitung. Schweiß und Tränen sind getrocknet, die Themen sind jetzt andere, sie haben auch ihre Existenzberechtigung.
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Das Blog verschwindet nicht aus dem Netz. Die entsprechenden Seiten http://blog.nz-online.de/makumbi bleiben erhalten. Auch wer „Grüße aus Makumbi“ googelt, kann weiterhin alles nachlesen.

Was die „Jesuit Volunteers“ – darunter unsere zwei österreichischen Nachfolgerinnen in Makumbi – laufend aktuell erleben, steht im Freiwilligenblog der Jesuitenmission.

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Und doch werde ich keinen Deckel auf meine Simbabwe-Kiste legen können. Mein Freiwilligenjahrgang hat sich zu einem Rückkehrerseminar getroffen, und da war es das große Thema: dass da bei jedem Teilnehmer etwas losgegangen ist, was nicht mehr zu stoppen ist. Eine neue Anteilnahme am Weltgeschehen. Eine Sorge, was man als Einzelner für eine gerechtere Welt tun kann – und muss.

Der Freiwilligenjahrgang hat in Nürnberg mit einem internationalen Büfett Abschied gefeiert: Abschied von Simbabwe, Indien, Haiti, Peru, Argentinien und Tansania. Beim Rückkehrerseminar bündelten wir unsere Erfahrungen auf Plakatwänden.

Auch das Drama namens Simbabwe wird weitergehen. Das „unglaublichste Lehrstück über den selbst verschuldeten Ruin eines afrikanischen Staates“, wie der Afrika-Korrespondent Bartholomäus Grill es nennt. Es wird bald ausnahmsweise auch auf der Nordhalbkugel in den Nachrichten aufscheinen, wenn die nächsten Wahlen Unruhe stiften oder wenn der Big Man, Afrikas Hitler, der das Land im Cäsaren-Wahnsinn mit eisernem Griff würgt, doch noch eines Tages von der Weltbühne tritt. Denkt dann mit mir gemeinsam manchmal an Makumbi.

Ich freue mich nachhaltig, dass ihr, die Leser, an dieses unbequeme Ziel mitgereist seid. In vielen Situationen musste ich abgemildert formulieren und mir Bewertungen verkneifen, da ich kein Risiko eingehen wollte. Ausländische Journalisten sind in Simbabwe eine Hauptzielgruppe für Gefängnisaufenthalte, das durfte ich nie vergessen. Ich bedanke mich für das Interesse und die Treue, für die Besuche, für das Mitfiebern, für rund 280 inspirierende Kommentare zu genau 70 Artikeln – und nicht zuletzt für die großzügigen Spenden. Diese sind trotz aller Widersprüche ein Segen in einem Land, in dem derzeit drei Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben müssen. Die mit Abstand meisten Leser hatte übrigens der Blogbeitrag „Armut heißt…“ im Dezember.

Ihr wart mir ein ständiger Ansporn.
Auf Shona heißt es: Bleiben Sie gut zurück! Sarai zvakanaka!

Jetzt bloß nicht zu viel Rührung. Ich habe da noch einen fotografischen Nachtisch aufgehoben. Zum Mitraten!

Wer hat’s erraten?

1. Bild eins zeigt eine simbabwische Salatgurke – bewaffnet.
2. Das bizarre Erdtürmchen wuchs einmal über Nacht aus einer feinen
Ritze im Wohnzimmerboden. Es war die Grundsteinlegung für einen Termitenbau.
3. Für manche der Beweis, dass es doch Aliens gibt. Für alle anderen ein plattgefahrenes Chamäleon.
4. Die abgasfreie Feuerstelle der Zukunft. Ein Sonnenkollektor bündelt so viel Hitze, dass man in dem Topf in der Mitte Essen kochen kann. Gesehen in dem Wurstmacher-Kloster in Bulawayo.
5. Bei dem grünen Tier, in Lebensgröße etwa acht Zentimeter lang, handelt es sich um das Männchen einer Gottesanbeterin. Das Ehepaar wohnte vor dem Computerraum der Mission.
6. Kein normales Landschaftsfoto, sondern die Hommage an eine Legende. Auf dem Schild, das auf dem Aussichtsgipfel der Domboshava Caves zwischen Harare und Makumbi steht, klebt ein rot-weißer Aufkleber. 1. FCN steht darauf. Matthias und Elsi, meine Besucher aus der Heimat, haben hier im Juni – wie an weiteren prominenten Orten im südlichen Afrika – ein patriotisches Andenken an den Nürnberger Fußballclub hinterlassen. Die Grundschule von Makumbi spielt seither auch mit FCN-Bällen. Es lebe die Völkerverständigung. Welch schönes Schlusswort.

Okt

14

2012

Vorerst letzte Spendenquittung

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Entwicklungshilfe, Geld, Spenden | 2 Kommentare

Der kleine Effort aus dem Kinderheim freut sich sichtlich über die Playmobil-Rationen für die Wohngruppen. Renate aus Nürnberg hat diese nette Materialspende zusammengetragen.

Isabel, ich bin mir sicher, du kannst mir helfen! So schreibt mir dieser Tage ein Lehrer aus der Makumbi-Mission. Er braucht Geld für den Zahnarzt. Es seien 500 US-Dollar, nur 75 habe er lockermachen können. So ist das immer, angesichts der Mondpreise in Simbabwe. Der Gewitzte versucht also, alle verfügbaren Quellen anzuzapfen.

Ich werde, nein, ich kann dem Lehrer nicht die Zähne bezahlen. Sein Gebiss, das mir im Übrigen vor wenigen Monaten noch recht intakt erschien, ist kein gemeinnütziger Zweck, das muss er einsehen. Enttäuscht hat es mich schon, wie wenig Gemeinschaftsgeist in seiner Anfrage steckt. Aber in seiner Erinnerung bin ich Dagobert Ducks Frau. Ich habe das schon einmal beschrieben, wie der weiße Mensch automatisch in die Rolle des Kassiers rutscht. Die Ackerfurchen sind durch die Kolonialherrschaft, in jüngerer Zeit durch die Entwicklungshilfe tief eingefahren. Und die Gier scheint proportional zur Armut zu wachsen. Es hat mich manchmal regelrecht gequält, zerrissen zu sein zwischen Strenge (Wenn ich jetzt Geld raushole, kommen morgen zehn andere) und Freigebigkeit (In Deutschland haben sie fleißig gesammelt).

Denn prinzipiell ist ja etwas Wunderbares passiert. Meine Freunde, Verwandten, Kollegen und Leser haben für Makumbi in die Taschen gegriffen: beherzt, großzügig, in beeindruckender Menge. Auf dem Höhepunkt haben meine Spenden und Zuschüsse die Marke von 10.000 Euro geknackt. Dafür möchte ich an dieser Stelle ein großes Dankeschön aussprechen.

Was bisher geschah: Neben kleineren Ausgaben für Heimkinder, für die Einschulung des gehörlosen Tinotenda und für Schul-Zeichenutensilien habe ich die mit Abstand größte Summe für die Sanierung der Grundschulbibliothek ausgegeben. Das war eine gewagte, aber auch unausweichliche Entscheidung. Müßig, nach den Ursachen für die katastrophale Vernachlässigung zu fahnden. Ich beschloss, den Blick nach vorn zu richten. Kinder brauchen eher Raum für Bücher als keinen Raum für Bücher.
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Wer sich für ein weiteres Makumbi-Resümee interessiert, findet hier meinen Beitrag im Magazin des Vereins Cartell Rupert Mayer (im Heft ab Seite 22).


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Meine Genossin Hanna und ich verbrachten nervenzehrende zwei Wochen damit, Schutt und Schrott aus dieser Papierhölle zu räumen. Es ging etwas besser mit Staubschutzmasken. Psychologisch half es uns, auf das Rattenloch im Boden einen Eimer zu stellen. Wir lernten, beim Verbrennen des nahezu vollständig zerstörten Buch- und Zeitschriftenbestands rechtzeitig vor der großen Pause das Feuer zu ersticken. Es passierte uns nämlich nur ein Mal, dass die 800 Schüler staunend die Müllgrube umzingelten und anfingen, das scheinbar kostbare Papier wieder aus den Flammen zu ziehen. Die nur halb zerstörten Publikationen hatten wir schon vorher an die Kinder und Lehrer verteilt.

Dass ich mit der Staubschutzmaske auf dem Kopf wie ein Clown aussehe, mildert hoffentlich die historisch verfängliche Bildaussage, dass ich als Deutsche hemmungslos Bücher und Tonbänder verbrenne.

Die Schule ließ den Raum termitensicher ausbauen, weißeln und mit Stromanschlüssen versehen. Vor meiner Abreise gaben wir noch die Möblierung durch einen Schreiner in Auftrag. Vom Ergebnis habe ich noch nichts gehört. Ich bemühe mich gerade um Fotos. Für die Sanierung wendeten Hanna und ich umgerechnet jeweils rund 1200 Euro auf. Die Möblierung schlug in meinem Spendentopf mit etwa 3800 Euro zu Buche.

Mein Blog wird nun früher zu Ende gehen – Schlussbeitrag nicht verpassen! -, als ich die Verwendung der verbliebenen Gelder in die Wege leiten kann. Das soll bis zum Jahresende aber noch geschehen. Die Spender, deren Anschrift ich kenne, bekommen Post von mir.

Mein Spendenkonto bleibt weiter bestehen. In Absprache mit Pater Heribert Müller weise ich den Geldern weiterhin Verwendungszwecke zu. Auf seine Aufsicht vor Ort ist Verlass. Die möglichst lange Förderung von Tinotenda, der im Januar sein zweites Schuljahr im Gehörlosen-Internat beginnen kann, ist dabei mein fester Plan – mit eurer Hilfe.

Empfänger: Jesuitenmission Nürnberg
Kontonummer: 5 115 582
Ligabank Nürnberg
BLZ: 750 903 00
Verwendungszweck: X38125 Lauer, Isabel

Was für ein Vorher-Nachher-Effekt: Die Bibliothek der Grundschule von Makumbi war böse verlottert. Nach der Renovierung herrscht Raum für neue, termitensichere Regale.

Sep

13

2012

Kirchenkritik muss sein

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Afrika, Freiwilligenarbeit, Kirche, Missionare | 4 Kommentare

Bald nach meiner Rückkehr lud mich das Bamberger Bistum zu einer Gesprächsrunde der "Missionare auf Heimaturlaub" mit Erzbischof Ludwig Schick (r.) ein. Für katholische Selbstkritik war leider keine Gelegenheit. Foto: Erzbistum Bamberg

Wir erinnern uns: Meine Aufgabenfindung als Volunteer gestaltete sich zunächst schwierig. Zu den vielen unerwarteten Dingen, die ich dann doch in Makumbi gelernt habe, zählte auch das Whiskeytrinken. Außerdem die Kunst, große Insekten ohne Zögern mit dem Pfannenwender zu erschlagen, und wie man ein Visum für die USA online beantragt. Es empfiehlt sich übrigens, dies alles gleichzeitig zu tun, dann ist es weniger schlimm. Und sonst?

Meine selbst gewählte Hausaufgabe, mich mit der katholischen Kirche auseinanderzusetzen, erwies sich als die härteste. Gelöst habe ich sie noch nicht. Das liegt eigentlich nicht am Schreckenswort „Mission“. Die weißen Feldzüge zur „Rettung der armen Negerseelen“ sind als geschichtliche Bewegung wenn nicht gutzuheißen, so doch zu begründen. Diese „Mission“ ist Vergangenheit, die Gegenwart schwarz. Die letzten verbliebenen Jesuitenmissionare aus Europa übergeben jetzt ihre Arbeit aus Altersgründen in afrikanische Hände.

Die Kirche der Makumbi-Mission ist eine unverzichtbare Anlaufstelle für die Region geworden.

Ich konnte mich in Simbabwe überzeugen, dass die katholische Kirche heute verlässliche, unverzichtbare Sozialarbeit leistet. Sie trägt unverhältnismäßig viele Schulen, Krankenhäuser und Hilfsprojekte in dem maroden Staat, der das Gemeinwohl mit Füßen tritt. In der Makumbi-Mission sieht man das schon auf einem 50 Meter kurzen Spaziergang. Direkt neben den adretten Backsteingebäuden liegt ein Krankenhaus, das in Kürze auseinanderfallen wird. Die Backsteinhäuser sind jesuitisch, das heillose Krankenhaus staatlich. Die Mission stützt eine ganze Region.

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Was ich dem Bischof sonst erzählt habe, ist hier nachzulesen.

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Zehn Prozent der Simbabwer sind Katholiken – von einer Machtposition kann bei diesen Größenverhältnissen ohnehin nicht die Rede sein. Es sind andere Glaubensgemeinschaften aus der evangelikalen Bewegung, die lautstark um Mitglieder buhlen. Und die Jesuitenmission Deutschland, die uns Freiwillige entsendet, ist ein modernes Hilfswerk, nichts anderes. Das Waisendorf von Makumbi bestünde sonst nicht.

Was mich vielmehr zurückstieß, sind die Abgründe zwischen der Selbstdarstellung der katholischen Kirche und der Realität ihres Personals. Damit sich der Papst über den wachsenden Priesterzulauf auf dem afrikanischen Kontinent freuen kann, wird mit aller Kraft verschwiegen, dass hier besonders häufig der Zölibat gebrochen wird. Auch der Jesuitenorden leidet unter einer hohen Verfehlungs- und Austrittsquote. Ich habe Fälle solcher jungen Männer kennengelernt und kann sie, bei aller Dreistigkeit, sogar verstehen. Der Klerus bietet in einem Entwicklungsland unvergleichliche Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. In diesem Stand gibt es auch mehr Autos, mehr Handys und mehr Kuchen. Da beginnt man zu tricksen, um ein unheiliges Leben als heilig erscheinen zu lassen. Das Armutsgelübde ist schnell mal vergessen. „Ich bin frei, solange ich Gott nicht beleidige“, so windelweich versuchte mir einmal ein junger Jesuit seinen Hang zur Libertinage zu rechtfertigen.

Nicht anfreunden konnte ich mich dagegen mit den konservativen bis fundamentalistischen Einstellungen etlicher Priester und Nonnen. Manch einen beschäftigte es stärker, dass ich eine tägliche Frühmesse schwänzte, als dass draußen auf dem Kirchplatz ein Vater mit einem behinderten Kind nach Hilfe fragte. Andere beten auf jeder Autofahrt Rosenkränze, beantworten Fragen der Jugendlichen jedoch mit Schlägen. Von der unentschlossenen Aids-Präventionspolitik mal abgesehen. So stelle ich mir die doppelmoralischen Zeiten meiner Urgroßeltern vor.

Aber ich stamme auch aus einer zutiefst kirchenkritischen Gesellschaft. Meinen eigenen Glauben muss ich davon trennen. Ich fasse es zusammen mit einem Absatz aus einem Artikel, in dem ich in einem katholischen Magazin auf meinen Aufenthalt zurückblicke:

„Die freie Zeit füllte sich wie von selbst. Zum Beispiel mit dem Besuch von Gottesdiensten, die im Missionsalltag eine Selbstverständlichkeit sind. Für mich wurden sie auch zur Geduldsprobe, und nicht nur, weil ich das Shona nicht verstand. So beeindruckt ich mich vom Gotteslob der himmlisch singenden Gemeinde sah, so enttäuscht fühlte ich mich von vielen unglaubwürdigen Kirchenvertretern. Sei es, weil manchem Geistlichen Dogmen mehr bedeuteten als Sozialarbeit, sei es, weil andere, anscheinend ungeniert, das Zölibat missachteten. Vor einer Verklärung der Weltkirche, wie sie bei deutschen Bischöfen oft zu hören ist, hüte ich mich seither.“

Szenen aus Gottesdiensten in Makumbi. Die Kirche zeigt sich feierlich, jung, hingebungsvoll. Und für meinen Geschmack oft auch scheinheilig.

Aug

30

2012

Und? Wie war’s da unten?

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Abschied, Freiwilligenarbeit | Kommentar hinterlassen

Isabel, umzingelt. Auf dem Berg habe ich mich von diesen Grundschülerinnen verabschiedet. Sie machten mein Dreivierteljahr zum Beispiel zu einem lustigen.

Fast wie daheim? Ich habe bei Besuchen in Familien viel gelernt, über eine fremde Kultur und auch, dass anstrengende Situationen wieder vorübergehen. Nur mein Gesicht glaubt hier noch nicht richtig daran.

Voneinander lernen. Und im Einzelfall war ich sogar richtig nützlich.

Der Hunger wächst wieder in Simbabwe, und Robert Mugabe, der alte Teufel, denkt nur an sich. Das heißt, an die Partei. Jetzt beschlagnahmt er in seinem Enteignungswahn ein großes Wildtierreservat im Südosten, um es seinen Genossen als Jagdrevier zu überlassen. Und seine Wiederwahl, so säbelrasselt er im Moment, will er notfalls auch ohne neue Verfassung erreichen. Im zähen Entwurfsprozess fordert die Opposition nämlich zu viel Recht ein. Der 88-jährige Präsident harrt aus, obwohl er doch gemäß jüngstem Flurfunk bei Konferenzen und Staatsgipfeln ständig einnickt.

Auch ich bleibe heute mal ganz beim Ego. Was hat mir nun dieses besondere Jahr gebracht?, wollen meine Daheimgebliebenen wissen. In ihren Befragungsmethoden unterscheiden sie sich. Es gibt die Überhaupt-nichts-Erfrager genauso wie die Erstaunliche-Details-Erfrager. Letztere möchten gern erfahren, was genau man zum Frühstück aß, ob der Stausee ganzjährig über Wasserzulauf verfügt oder wie viele Maiskörner es im ganzen Land zusammengenommen gibt. Nur das mit dem Frühstück kann ich zweifelsfrei beantworten.

Die große Bilanz, die ich hier und im nächsten Beitrag ausbreiten werde, lautet in Kurzform: Ich blicke erfüllt auf eine bereichernde Entdeckungsreise zurück. Mir wurde vieles geschenkt, das man nicht kaufen kann: Gastfreundschaft, Wissen, Gefühl, Vertrauen, Selbsterkenntnis. Leben. Jedem, der aus erster Hand mehr über die Welt erfahren will, kann ich die Unternehmung Freiwilligendienst empfehlen.

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Mehr Bilanz: Der folgende Radiobeitrag für Bayern 2 über mein Dasein als berufstätige Freiwillige entstand im März direkt in Makumbi. Linus Lüring, Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk, machte mit seiner Freundin auf einer großen Südafrika-Reise auch in Simbabwe Station. Ungewollt begegnete das Paar dem Präsidenten Mugabe persönlich. Er hatte einen Auftritt auf ihrem Campingplatz. Aber das ist eine andere Geschichte.
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Meine anfänglichen Zweifel, ob mein Tun denn von irgendeiner Nachhaltigkeit sein würde, sind nahezu ausgeräumt. Ich glaube, dass ich einzelnen Menschen ein guter Begleiter sein konnte. Am Unsinn der Systeme konnte ich nichts ändern, aber zur Völkerverständigung trug ich ein wenig bei. Ich wiederum werde mich ein Leben lang nostalgisch an die Zeit erinnern. Sie wird in meinen kommenden Lebenswegen ihre Spuren hinterlassen. Vielleicht muss ich zu grünen Banken wechseln, weniger Klamotten einkaufen? Sicher werde ich wieder nach Afrika reisen. Man wird sehen.

Etwas differenzierter habe ich das alles formuliert in einem Text, der in Kürze im „Weltweit“-Magazin der Jesuitenmission erscheinen wird. Hier schon mal auf dem Bildschirm:

Kurz nach meiner Heimkehr kann ich es kaum glauben: dass die Sonne, die sich da hinter deutschen Wolken abmüht, wirklich dieselbe sein soll wie am gleißend hellen Himmel über den Bergen von Makumbi. Simbabwe liegt fast in derselben Zeitzone wie Deutschland, aber in einer gegensätzlichen Gefühlswelt.

Was ist passiert in diesen acht Monaten jenseits aller Gewohnheiten? Obwohl mir mancher Bekannte schon anerkennend auf die Schulter klopfen möchte – ein Hilfseinsatz, wie wir ihn in unseren Zerrbildern aus Afrika vor Augen haben, war das nicht. Eher ein Herzensbildungsprogramm. Niemand hat in Makumbi auf mich gewartet. Ich musste mich erst ins Blickfeld der Menschen vorarbeiten, die mit festen Aufgaben in der Missionsstation leben. Das fiel streckenweise leicht, weil die Kinder freundlich sind und die Mangos süß. Aus Begegnungen wurden Bindungen. An anderer Stelle blieb meine Integration eine Illusion. Ich prallte auf Steinzeitpädagogik und auf Tatenlosigkeit, auf Gier und auf Rassismus. Übrigens auf negativen wie auf positiven. Manchmal umschwärmte man mich nur deshalb, weil ich weiß und womöglich steinreich bin.

Wenn ich mir ein Verdienst zuschreiben will, dann mein Streben danach, in diesem vom Kolonialismus geschundenen Land mit Bescheidenheit und Solidarität zu Gast zu sein. Das tut zu Zeiten der antiwestlichen Hetze des Despoten Mugabe auch not. Es hat funktioniert, wie die ehrliche Trauer von Schülern und Lehrern über meinen Abschied gezeigt hat. Ja, ich glaube, dass meine Anwesenheit Einzelnen eine Hilfe war.

Wer in seiner Lebensmitte zum Freiwilligendienst aufbricht, muss nicht mehr primär herausfinden, wer er ist. Aber er sollte sich von sich selbst überraschen lassen wollen. Ich bin zum Beispiel in meine Jugendzeit zurückgereist. Nicht nur, weil ich mir plötzlich als Kindergarten-Witzemacher, Kleine-Jungs-Tröster, Mädchencliquen-Ehrenmitglied und Häschenzeichner gefiel. Ich genoss Freiheitsgefühle und große Emotionen, ich überwand Schüchternheit und schöpfte neues Selbstvertrauen. Und ich entdeckte den pubertären Trotz wieder. Im Herzen der Kirche zu wohnen, neben ihren Wohltaten auch ihre Erstarrung und Doppelzüngigkeit zu erfahren, hat meinem Glauben ein mittelschweres Erdbeben versetzt.

Die Ausweglosigkeit der Armut und die Tragödie des Staates Simbabwe hinterlassen viele offene Fragen in mir. Meine Leute zu Hause befürchten, ich könnte nun alles an Deutschland trivial finden. Das wird nicht passieren. Hier liegt meine Heimat. Mein Leben in Makumbi, das war etwas Richtiges zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Landschaft bei Makumbi. Ja, es war auch ein glänzendes Jahr.
Foto: Roland Fengler

Aug

15

2012

Afrikanischer Kater

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Abschied, Afrika, Kulturaustausch | 2 Kommentare

Überall ist Afrika, bin ich schon verrückt? Da trinkt man mal was, und dann formiert sich ein Fleck auf dem Wachstuch wie von Zauberhand zu den Umrissen des Kontinents, inklusive Madagaskar. Dabei war das Rote nicht mal Wein, nur Saft bei Frankfurter Freunden in der Küche.

Zeit, dass hier einmal ein Bulletin der Befindlichkeit erscheint. Wie geht es der Patientin sieben Wochen nach dem Katapult Richtung Heimat? Ich kann keine Sensation berichten, da es wenig abenteuerlich ist, wenn die Krankenkasse mir meinen Erwerbslosensatz bis zu meinem Arbeitsbeginn im Oktober berechnet. Weder bin ich über Nacht weißhaarig geworden noch musste ich die Tisch- und Straßenverkehrsregeln von Neuem lernen. Ich habe keine Amöben mit heimgebracht wie einst mein Kollege, nur eine kleine Holzgiraffe, der unterwegs ein Ohr abgefallen ist. Man kann es sich ja immer nur schwer vorstellen, aber in Afrika habe ich ein normales Bett in einem viereckigen Zimmer in einem gemauerten Haus besessen. Mugabe scheint meine Abreise auch gut verkraftet zu haben.

Alles in Ordnung also. Oder? Wenn die Sommersonne untergegangen ist, dann werden meine Augen manchmal feucht. Wenn der Straßenlärm und die großstädtische Menschenmenge, an die ich mich noch nicht wieder ganz gewöhnt habe, verebbt sind. Wenn die Sängerinnen aus Nigeria und aus Südafrika auf den CDs singen, wenn die Grillen aus Makumbi aber nicht mehr zirpen. Wenn ich in einer E-Mail lese, dass ein Mädchen aus dem Kinderheim durch die Krankheit aller Krankheiten gestorben ist. Dann fühle ich mich verkatert, wie nach einem sehr langen Ausgang, und traurig, weil die beiden Hälften der Welt so weit auseinander liegen. Das wollte ich der Vollständigkeit halber erwähnen.

Deutschland ist schön in diesem Sommer, ich widerspreche nicht. Szenen aus der Oberpfalz und vom Bodensee.

Schluss mit der Weinerlichkeit. Deutschland ist schön. Das haben Hanna und ich durch die Augen eines Mannes aus Makumbi gesehen. Ronnie, Pater Heriberts Bürokraft, besuchte uns in seinem Urlaub. Der Buchhalter hatte das Nordland, aus dem so viele Gäste in Makumbi stammen, schon lange einmal sehen wollen und sein Geld dafür gespart. Zusammen mit Makumbi-Freunden in Hessen und anderen ehemaligen Jesuiten-Freiwilligen stellte sich für Ronnie ein ehrgeiziges Besichtigungsprogramm in Süddeutschland auf, das auch den Verzehr von Kaiserschmarrn, Maultaschen und Leberkäs beinhaltete. Die Leute, die Ronnie kennenlernte, saßen meistens draußen beim Feiern und Trinken zu Blasmusik. Unmöglich kann sich das Klischee, die Deutschen seien ein ernsthaftes Volk der Pflicht, im Sommer herausgebildet haben. Der erste Satz, den der Gast lernte, lautete: „Ich bin satt.“

Da staunt der Simbabwer: Ronnie vor den Mülltrennungs-Eimern im Münchner Stadion, im Hofbräuhaus, im Biergarten, im FC-Bayern-Fanshop, am Afrika-Stand eines Festivals und auf dem Viktualienmarkt, wo eine Mango vier Euro kostet.

Es war Ronnies Pokerface nicht leicht zu entnehmen, ob er unsere Kulturmerkmale für erstrebenswert oder völlig bekloppt hielt. Offene Begeisterung äußerte er nur über das Brot und die Münchner Allianz-Arena. Gequält durch unser schlechtes Wohlstandsgewissen, fragten Hanna und ich nach. Die Antwort klang aufrichtig. Deutschland erscheine ihm als ein perfekt funktionierendes Land mit friedlichen Menschen, sagte unser Besucher, frustriert vom politischen Terror zu Hause. Wir sollten dankbar sein für unser Nahverkehrssystem, die Autobahnen und vor allem die beruflichen Chancen, derer die Simbabwer komplett beraubt sind. Andererseits erschrecke es ihn, wie viel Geld man für alles ausgeben müsse. Ohne Geld, erkannte er, ist man ausgeschlossen.

„Und trotzdem frage ich euch“, sagte er zum Schluss, „seid ihr Deutschen glücklicher?“

Ich weiß nicht, ob Ronnie nach seiner Heimreise nach Simbabwe Katergefühle verspürte. Ich vermute es aber mit ziemlicher Sicherheit.

Und noch ein Stück Afrika in Franken: Hanna und ich haben der simbabwisch-deutschen Galerie “Into Africa” bei Georgensgmünd einen Besuch abgestattet und getestet, was von unserem Shona übrig ist. Hier arbeiten die Bildhauer Perlagia (l.) und Sam (r.) zurzeit wieder an ihren Skulpturen. Zuletzt trafen wir Perlagia in Harare.

Aug

6

2012

Foto mich! (II)

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Fotos, Landschaft, Simbabwe | 1 Kommentar

Wo auch immer man hinläuft - Zeit für Smalltalk muss sein. Die weiß Gewandeten gehören einer ursprünglichen simbabwischen Religionsgemeinschaft an, einer sogenannten apostolischen Kirche. Deren Mitglieder glauben an Propheten und Heiler aus ihren eigenen Reihen, integrieren aber auch christliche Elemente. Ihre Zeremonien finden in der freien Natur statt.

Man soll es nicht glauben, aber ich habe längst nicht alles fotografiert, was ich fotografieren wollte. In der Missionsstation läuft ein schönes Ausbildungsprojekt für Behinderte, die nähen oder schustern lernen. Die Teilnehmer forderten die üblichen Porträts von mir ein, vor Palmen und Blumen wollten sie posieren, und dabei vergaß ich, wie viel natürlicher sie an ihren Singer-Nähmaschinen ausgesehen hätten. Schlimmer aber waren die Holz-Phantome. So nannte ich irgendwann die Menschen, die nahezu freihändig große, selbstgesammelte Bündel aus Feuerholz auf dem Kopf nach Hause transportieren. Ein großartiges Motiv, es erzählt viel über die Lebensumstände in einem Land. Doch es begegnete mir immer zu spät. Die Holz-Gespenster versteckten sich hinter Lastwagen und in Gebüschen. Falls das nicht ging, schlugen sie Haken, um mir zu entkommen. Das Gleiche passierte mit den Autoreifenverkäufern am Straßenrand, die gern in ihren Autoreifen ein Nickerchen halten. Näherte ich mich ihnen in einem Fahrzeug, gab dieses plötzlich besonders stark Gas. Auf diese Weise entstanden wirklich viele Gras-Studien.

Heute nun der zweite Teil meiner Bilder-Auslese nach dem Memory-Prinzip. Zum Vergrößern einzeln anklickbar.

Aug

1

2012

Was die Geheimkamera hergab

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Fotos, Harare | 2 Kommentare

Die Einfahrt und die Straße zum State House, dem Amtssitz des Präsidenten Robert Mugabe. Sagen Sie jetzt bloß nicht, das seien aber schlechte Bilder.


Spion ist in Simbabwe ein beliebter Beruf. Allerdings weniger unter auswärtigen Gästen als unter Einheimischen. Man kann nie wissen, welcher Schulfreund in Diensten der Central Intelligence Organisation steht. Auch einen ehemaligen Jesuiten kann die Karrierechance ereilen, und er lässt sich vielleicht anwerben und achtet künftig darauf, ob seine Gesprächspartner lauthals lachen, wenn wieder jemand behauptet, der Präsident sitze in seinem Konvoi nicht in der Limousine, sondern liege längst im Schlussfahrzeug, dem Krankenwagen.

Im Hinblick auf diese nette Nachbarschaft reagiert man im öffentlichen Leben hin und wieder so allergisch auf Fotografen, wie ich es beschrieben habe. In meinem ersten Blogbeitrag über die Hauptstadt Harare faselte ich deshalb von der Notwendigkeit einer James-Bond-Kugelschreiberkamera. Noch belustigt von meiner Science-Fiction-Idee, stand mir vor Staunen der Mund offen, als mein Vater – technisch offensichtlich weniger rückständig als ich – mir meinen Wunsch erfüllte. Er fand das Wundergerät auf einer Reise nach Dubai und schickte es nach Makumbi. Zum Hohn entdeckte ich es vor ein paar Tagen auch im Katalog eines Nürnberger Elektronik-Fachmarkts, allerdings viel teurer.

Das Spielzeug funktioniert tadellos. Seine Ausbeute, ich gebe es unumwunden bekannt, ist indes bescheiden. Aus Lieschen Müller wird so schnell keine Agentin. Ich müsste wohl noch mehrere Jahre üben, bis die Perspektive stimmt und der Finger das richtige Knöpfchen drückt. Oder ist das etwa eine aussagekräftige Straßenszene?

Und das?

Nun, es wurde besser mit der Zeit.

In einer Apotheke: Gratis-Frauenkondome.

Am Busbahnhof: fliegende Händler.

Manchmal kann man den Menschen auch deshalb nicht sehen, weil er zwei riesige Säcke mit Plastikflaschen schleppt.

Hier sieht man wiederum, warum der US-Dollar keine gesunde Währung für Simbabwe ist.

Ich bin bei den wenigen Schnappschüssen wohlgemerkt kein Risiko eingegangen. Doch abgesehen davon, dass man Mitmenschen nicht einfach einen schwarz-goldenen Kugelschreiber vor die Nase halten kann, ohne dass diese sich stark wundern oder gar hineinbeißen, ist die Bedienung trickreich. Während sich die Kamera in der Straße schnell abschaltet, so dass man vergebens auslöst, schießt sie umso lieber Darkroom-Fotos aus dem Inneren der Handtasche.

Einmal aber kam der große Moment für den Stift. Ich saß im Sammeltaxi zufällig an der Heckscheibe, als sich der Präsidentenkonvoi ankündigte. Das würde die Feuerprobe! Fieberhaft drückte ich den Auslöser ein paar Mal, als die schwarze Sause kam. Und alles, was der Kugelschreiber später hergab, waren diese beiden Motive:

Ich denke, die Autos fuhren mit Lichtgeschwindigkeit. Mugabe weiß sehr gut, wo er abgebildet werden möchte und wo nicht. Solange gilt für mich: Die Kandidatin ist für Spionage untauglich.

Jul

22

2012

Foto mich! (I)

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Fotos, Landschaft, Simbabwe | 5 Kommentare

Ist das noch romantisch oder schon kitschig? Die Kirche von Makumbi im Abendrot.

Also doch: Ich bin ein Messie. Einer dieser wahnsinnigen Sammler, die zum Beispiel unpassend viele Haustiere um sich scharen, was man dann „Animal Hoarding“ nennt. Mein Problem heißt „Picture Hoarding“. Ich schwimme in Fotos. Die machen soweit zum Glück keinen Dreck, doch sie sind eitel und wollen alle angesehen werden. In meinen Computerverzeichnissen aus Simbabwe befinden sich jetzt etwas über 11 000 Fotos. Ich bin dem Rat meines treuesten Kommentators Charlie gefolgt und habe meine kleine Digitalkamera als Tagebuch benutzt, anstatt schriftlicher Aufzeichnungen. Je mehr Leute mich dabei sahen, desto mehr wollten sich fotografieren lassen. „Take me a picture“, „Photo me“, baten sie in krummem Englisch. „Isa, foto mich!“ Bei Gelegenheit schenkte ich ihnen Abzüge von ihren Babys, Arbeitsplätzen und coolen Posen. Dazu kamen die fotografischen Erträge von Hanna und ihrer Familie, von Freunden und Kollegen, die mich besucht haben. Nun kann ich Diavorträge bis zum Untergang der Welt veranstalten. Die nächsten Blog-Einträge zeigen eine Auslese der besten, noch unveröffentlichten Fotos. Heute: Motive in Pärchen, ein bisschen wie bei „Memory”. Alle sind natürlich vergrößerbar.

Jul

15

2012

Und jetzt die Nachrichten

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Kommunikation, Medien, Simbabwe | Kommentar hinterlassen

Mugabe ist noch nicht von der Geschichte überrollt, auch wenn diese Schlagzeile samt Fliege danach aussieht.

Er ist nur gegen die ganze Welt.

Zur Sicherheit bekräftigt es die Zeitungsschürze doch noch einmal. „Mugabe nicht tot!“

Wie lässt sich Kontakt nach Afrika halten? Diese Frage treibt mich um, und die Antwort meines Handyanbieters ist unzureichend. „Die von Ihnen gewählte Ländervorwahl ist aus dem O2-Netz nicht erreichbar“, tadelt mich die Abwimmelbeauftragte in einer Durchsage. Manchmal versuche ich es heimlich zur Nachtzeit, in der Hoffnung auf ihre Erschöpfung. Aber sie ist immer dran. Sie klingt indigniert. Simbabwe! Man ruft auch nicht einfach die Marsmenschen an! Wo kämen wir da hin?

Ja, wo kämen wir da hin. In ein Land, das für die europäische Nachrichtenlage so interessant ist wie ein umgefallener Sack Mais in Timbuktu, welches ja wiederum auch in Afrika liegt. (Ich musste selbst nachsehen: Es liegt in Mali, also in der Mitte.) „Simbabwe?“, entrüstete sich die Mitarbeiterin in der Postagentur vor meiner Freundin, die ein Paket aufgeben wollte. „Das ist in Afrika“, sagte die Freundin. Die Postfrau blätterte entsetzt auf dem Bildschirm herum. „Sie müssen mir schon sagen, wo genau! Ist das in Kongo, in Südafrika – ja wo soll ich’s denn hinschicken?“

Dabei gibt es in Simbabwe vor allem eines: Nachrichten von Brisanz. Wer sich über die Themenarmut meines Berufsstands in Deutschland aufregt und Journalisten für überflüssig wie Fußwarzen hält, der kann sich hier zumeist ergötzen an ganz großem Drama. Voraussetzung für die Zuschauerrolle ist ein Internetzugang. Die Seite „The Zimbabwe Situation“ entkräftet die staatliche Medienzensur, indem sie täglich eine kostenlose Presseschau anbietet. Nationale und internationale politisch relevante Artikel und Blogs über Simbabwe sind hier versammelt – vor allem die kritischen. Das kleinteilige Surfen und Querlesen ist mühsam, oft genug rätselhaft, doch bildend.


Aus den Schlagzeilen der vergangenen Monate

  • Die ungewöhnlich umfassende Stromknappheit im März hat einen Grund: den "Zesagate-Skandal". Zahllose Politiker und Amtsträger haben ihre Rechnungen über Jahre hinweg nicht beglichen. Der Staats-Energiekonzern Zesa hat Außenstände in Millionenhöhe. Das Präsidenten-Ehepaar Mugabe schuldet der Firma beispielsweise 345 000 Dollar. Strom-Importe aus Mosambik können nicht mehr bezahlt werden. Die zwei veralteten simbabwischen Kraftwerke produzieren heute weniger Strom als vor 30 Jahren.
  • Mugabe stirbt! Im April schreibt eine Online-Zeitung den Präsidenten wieder einmal aufs Totenbett. Der Journalist wird angeblich sofort gefeuert. Seitdem gibt die First Lady besonders häufig Kommentare zur guten Gesundheit ihres Gatten zu Protokoll. Der 88-Jährige sei „fit and strong“ und „very energetic“. Mugabe soll an Prostatakrebs leiden und sich einmal monatlich in Singapur ärztlich behandeln lassen.
  • In Harare fliegt im März auf, dass Ladungen frisch gespendeter Unicef-Schulbücher auf der Straße illegal weiterverkauft werden.
  • Der Mais ist wieder zu knapp. Offiziell gibt es keinen Hunger in Simbabwe, doch im Juli wird mit einem Defizit von einer Million Tonnen des Grundnahrungsmittels gerechnet. Die aktuellen Importe aus dem Nachbarland Sambia bringen Peinlichkeit mit sich. Als Produzenten werden weiße Farmer bekannt, die in Simbabwe enteignet worden waren und nun in Sambia anbauen. Ihre Namen auf den Maissäcken werden jetzt überklebt, oder die Säcke werden verbrannt.
  • Innenpolitisch wird wenig regiert, aber viel gepokert, da 2013 die Präsidentschaftswahl stattfinden soll. Die „Regierung der nationalen Einheit“ - die Zwangskoalition aus Präsident Mugabes Zanu-PF-Partei und aus dem Movement for Democratic Change des Premierministers Tsvangirai - wird wechselseitig als gescheitert erklärt. Die Vizepräsidentin und der Verteidigungsminister, beide Zanu PF, werden als mögliche Nachfolger im Präsidentenamt gehandelt. Gleichzeitig werden das ganze Jahr lang pro forma die Todesumstände des Ehemannes der Vizepräsidentin untersucht. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass der regierungskritische Ex-General 2011 durch einen Brandanschlag beseitigt wurde. Die Fronten in der Partei, in der Armee und im Geheimdienst sind in undurchschaubarer Unruhe. Der Entwurf für eine neue Verfassung, die Voraussetzung für die Wahl ist, steht jetzt kurz vor der Vollendung. Eine berüchtigte Zanu-PF-Jugendgang ist bereits bei ersten Einschüchterungsaktionen beobachtet worden. Der Terror anlässlich der letzten Wahl 2008 hinterließ ein Trauma in der Bevölkerung.
  • Die nationale Fluggesellschaft Air Zimbabwe hat im März auf unbefristete Dauer ihren Flugbetrieb eingestellt. Grund sind überalterte Flugzeuge, ausgelaufene Lizenzen und Zahlungsunfähigkeit gegenüber den Angestellten.
  • Russland will Simbabwe ausgediente Militärhubschrauber liefern und bekommt dafür Rechte am simbabwischen Platin-Vorkommen. Beim Diamantenabbau ist bereits China der maßgebliche Investitionspartner. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds könnte Simbabwe auch dann seine Schulden nicht tilgen, wenn es seine sämtlichen Bodenschätze ans Ausland verkaufen würde.
  • Die geplante Erweiterung des „Indigenisierungsgesetzes“ bringt laufend Debatten. Der zuständige Minister will das Gesetz, das in simbabwischen Minen und Betrieben eine Eigentumsmehrheit von 51 Prozent für schwarze Simbabwer vorschreibt, soll unter anderem auf Banken, Hotels und Schulen ausgedehnt werden – aus Sicht der Kritiker nicht praktikabel und zutiefst rassistisches Kalkül.
  • Ein britischer BBC-Moderator für klassische Musik ist in Simbabwe im Mai verhaftet worden. Er war bei einer Benefizveranstaltung zu Gast, hatte sich aber keine staatliche Arbeitserlaubnis geholt. Ungenehmigte journalistische Arbeit ist strafbar. Der junge Mann brach sich unglücklicherweise in der Polizeizelle den Arm. Er kam jedoch schnell frei und reiste aus.
  • Mit Makumbi hat das alles freilich wenig zu tun. Kaum ein Einwohner kann das Internet nutzen, und wenn, sucht er darin Facebook und nicht die Politik. Wenigstens sind simbabwische Handys toleranter als deutsche. Fast jeden Tag klingelt zurzeit irgendeiner meiner Bekannten oder Schüler bei mir durch. Ich nehme längst nicht immer ab, weil es mich beunruhigt, wie die Leute ihre Dollars verbrennen. Und wenn wir doch zusammenkommen, ergibt sich nicht viel mehr als Geräusch im Äther. „HALLO? HALLO? ES – GEHT – MIR – GUT! WAS? GUT! krchhhhhkkkkkrrrr ICH – VERMISSE – DICH! knack“ Vom Festnetztelefon aus kann ich nicht zurückrufen, da die Telekom jetzt erst einmal herausgefunden haben will, dass es unter meiner Anschrift noch nie ein Telefon gegeben hat. Wer nach Simbabwe geht, ist eben aus der Welt.

    Mann von Elefanten zu Tode getrampelt: Wenn das Staatsorgan „Sunday Mail“ nicht gerade gegen Amerika und Europa hetzt, konzentriert es sich auf harmlose afrikanische Meldungen wie diese.

    Jul

    7

    2012

    Home Sweet Home

    Veröffentlicht von isa in der Kategorie Kinder | 1 Kommentar

    Die Kinder aus dem Waisenhaus von Makumbi lassen sich ihre traurigen Geschichten auf den ersten Blick nicht anmerken.



    Bei „Norma“ gibt es gerade Blumenaufkleber, mit denen man seine Mülltonnen dekorieren kann. In einem Werbeprospekt werden Auto-Aussteigehilfen für gebrechliche Hunde angeboten. Ich kann im Moment meinen Herd noch nicht so gut bedienen, er ist neu und hat einen Touch-Screen. Die berühmte Frage „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“ habe ich mir auch schon gestellt, bevor ich nach Afrika aufgebrochen war. Jetzt aber schweifen meine Gedanken zurück zu einem Ort, an dem man die dekadenten Launen anderer Erdteile einfach vergisst.

    Warum habe ich es so lange hinausgeschoben, etwas über das Waisendorf von Makumbi zu schreiben? Ich war gern dort. Nicht allzu oft, aber dann war es jedes Mal herzerfrischend. Wir haben „Uno“ und „Mikado“ gespielt. Ich habe meinen Fotoapparat für die dreiundvierzigste Porträt-Session zur Verfügung gestellt und zu schlechten Musikvideos mitgetanzt. Ich habe mich zum Affen gemacht, weil ich mich beim Erlernen von Ballfang-Wegrenn-Spielen grundsätzlich dumm anstelle. Ich habe mich Hunderte Male herbeirufen und bespringen lassen. An jedem Dienstagnachmittag ging ich zum Gottesdienst in einem der Wohnhäuser. Das fühlte sich eher nach Familientreffen als nach Messe an. Das Heim ist der lebendigste Teil der Missionsstation.

    Und doch ist das Makumbi Children’s Home auch der Ort, der mir bei jedem Besuch ein kleines schlechtes Gewissen machte. Weil man hier nie genug geben kann. Weil schon die Zweijährigen einander schlagen, weil manch kleiner Junge heult wie ein Hund, wenn man sich nach dem Spiel verabschiedet. Weil es hier viel zu alte Daumenlutscher und Bettnässer gibt. Und weil die Teenies verschlossen bleiben und oft zu Schulversagern werden, aus Orientierungslosigkeit und Angst vor der Welt draußen, in der es keine Jobs gibt. Und ich? Ich sage „Strengt euch an“ und gehe einfach wieder. Aber ich bin auch kein Psychologe. Den gibt es hier leider nicht.

    Im Makumbi Children’s Home bestätigt sich der Verdacht, dass der Mensch das unzuverlässigste Lebewesen der Schöpfung ist. 90 Kinder und Jugendliche mit fatalen Familiengeschichten – die Masse dieser Schicksale lässt keinen Gast kalt. Der allergrößte Teil der Bewohner kommt ins Heim, weil er als Säugling oder Kleinkind ausgesetzt wird, obwohl die Eltern am Leben sind. Die HIV-Krankheit der Mutter mag ein Grund sein. Aber oft genug ist die Tragik banaler. Vater und Mutter sind zu jung und zu arm. Die Frau verkauft ihren Körper. Der Mann betrügt drei Frauen gleichzeitig. Die Babys werden im Krankenhaus zurückgelassen, der Polizei vor die Tür gelegt oder in einer öffentlichen Toilette deponiert. „Oh, my baby girl, my lady“ – die simbabwische Popmusik könnte die Frauen nicht süßer besingen. Doch die simbabwische Gesellschaft leidet, das berichten alle Leute dort, an kranken Beziehungen, trotz der Übermacht ihrer Traditionen und der christlichen Prägung.

    „Es ist nicht normal, sein Baby auf der Straße oder in der Toilette auszusetzen“, sagt Mai Goteka, die älteste der Hausmütter im Heim. „Wir haben keine Antwort auf das Warum. Es ist jedes Mal schmerzhaft, das zu sehen.“ Mai Goteka arbeitet seit 1974 im Children’s Home. Ein harter 24-Stunden-Job, sie bezeichnet ihn als Berufung durch Gott. Sozialpädagogisch braucht man über das kindliche Befinden mit ihr nicht zu reflektieren. „Alle Kinder sind gleich. Wir müssen sie so behandeln, dass sie sich wie Menschen benehmen und einen guten Weg finden. Sie sind wie unsere eigenen Kinder.“

    Die Hausmutter Mai Goteka mit ihrem Ziehsohn Michael. Mai Gotekas eigene Kinder leben nicht mehr. Sie träumt davon, im Ruhestand ihre jüngste Ziehtochter zu sich nach Hause zu nehmen.


    Füttern, aufräumen, erziehen, trösten, ernten - die Hausmütter leisten einen fordernden 24-Stunden-Job.

    Deutsche Kinder sähen im Makumbi Children’s Home eine spartanische Unterbringung mit rationierter Verpflegung – simbabwische dagegen finden hier Schutz und Komfort, den es in den Hütten in der Gegend nicht gibt: Betten, DVD-Player, Elektroherde, ein paar Plüschtiere. Sie nennen ihre Hausmutter „Mama“ und die Zimmergenossen “Geschwister”. Manche wohnen in den Ferien bei Patenfamilien.

    Die Nonne, die das Heim leitet, ist als streng bekannt. „Liebe, Gebet, Bildung“, nach diesen Prinzipien will sie die Kinder auf „die brutale Welt vor ihnen“ vorbereiten. Schon im Grundschulalter kochen, putzen und waschen die Mädchen und Jungen. „Die Mädchen müssen die Pflichten einer afrikanischen Hausfrau kennen, und die Jungen müssen wissen, was eine Frau zu tun hat.“ Die Schwester sagt, von den Teenagern im Heim nähmen viele sich selbst und ihr Leben nicht ernst, seien aggressiv oder unzugänglich. „Aber ich verstehe das. Was sie in den ersten fünf Lebensjahren erlebt haben, haftet im Unterbewusstsein.“

    Von klein auf sind die Kinder fürs Kochen, Waschen und Gärtnern mitverantwortlich. Die Häuser sind einfach, aber materiell geht es den Kindern viel besser als vielen Altersgenossen in der Umgebung.



    Ich habe nicht viel über den Werdegang der früheren Heimkinder erfahren. Ein Junge wurde Priester, ein anderer arbeitet in einem teuren Hotel in Victoria Falls. Ich kenne zwei Mädchen, die Friseur- und Kosmetiklehrgänge belegen. Viele andere sollen ohne stabile Beziehungen leben. „Sehr wenige kommen später nochmal zurück ins Heim“, sagt Mai Goteka.

    Anfang des Jahres war so ein Glücksfall, ein paar Ehemalige waren zu Besuch. „Gott hat uns als Kinder hierhergebracht“, erzählte einer von ihnen den Jugendlichen. „Wir sollten stolz auf unsere Identität sein!“

    Das Makumbi Children’s Home wurde 1935 eröffnet. Es beherbergt rund 90 Voll- und Sozialwaisen vom Babyalter bis zur Volljährigkeit. Sie wohnen in acht Wohngruppen und in einem ausgelagerten Haus für ältere Jungen. Zum Heim gehört auch ein Kindergarten. Zwölf Hausmütter leben und arbeiten im Drei-Wochen-Turnus in den Häusern. Jedes Haus betreibt eine kleine Hühnerzucht als Einnahmequelle und versorgt sich mit Obst, Gemüse und Mais aus eigenem Anbau. Der Etat des Kinderheims ist spendenfinanziert. Die Versorgung eines Heimkinds – mit Kleidung, Essen, Schulbildung, Unterkunft und Betreuung – kostet etwa drei Dollar am Tag.

    Isabel spielt mit Heimkindern "Uno".

    Wenn die Kinder einander selbst fotografieren, kommen solche Motive heraus.

    Mit Fotos von Roland Fengler.

    Copyright © 2009-2012 Nürnberger Zeitung · Grüße aus Makumbi

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